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Verbraucherpreise „Ganze Palette potenzieller Inflationstreiber ist in voller Bewegung“: Höchster Preisanstieg seit zehn Jahren

Wichtigster Treiber für die Verbraucherpreise bleibt die Energie. Die längerfristige Dynamik hängt aber vor allem von der Lohnentwicklung ab.
31.05.2021 Update: 31.05.2021 - 18:49 Uhr 4 Kommentare
Der Ölpreis, aber auch Pauschalreisen und Dienstleistungen sind teurer geworden. Quelle: dpa (2), Getty Images
Preistreiber

Der Ölpreis, aber auch Pauschalreisen und Dienstleistungen sind teurer geworden.

(Foto: dpa (2), Getty Images)

Frankfurt Die deutsche Inflationsrate ist im Mai auf den höchsten Stand seit knapp zehn Jahren gestiegen. Laut Schätzung des Statistischen Bundesamts zogen die Verbraucherpreise um 2,5 Prozent an.

Sie liegen damit über dem Ziel von knapp unter zwei Prozent, das die Europäische Zentralbank (EZB) für den Euro-Raum anstrebt. Im April lag die Inflation bei 2,0 Prozent.

Wichtigster Preistreiber ist die Energie, die sich um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr verteuerte. „Darin spiegelt sich vor allem die Erholung der Preise für Öl und andere Rohstoffe, aber auch die anhaltende konjunkturelle Erholung wider“, sagt Fritzi Köhler-Geib, Chefökonomin der staatlichen Förderbank KfW. Zusätzlich verteuerten sich fossile Brennstoffe durch die neue CO2-Abgabe. Der Aufwärtstrend bei der Energie dürfte sich in den kommenden Monaten fortsetzen. Auch die Preise für Pauschalreisen sind laut Commerzbank spürbar gestiegen.

„Der Anstieg zeigt, dass die ganze Palette potenzieller Inflationstreiber aktuell in voller Bewegung ist“, sagt Carsten Brzeski, Ökonom der niederländischen Großbank ING. Probleme bei den Lieferketten, höhere Rohstoffpreise und Preiserhöhungen nach dem Lockdown hätten erste Spuren hinterlassen.

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    In der zweiten Jahreshälfte erwartet er wie die Bundesbank Inflationsraten von sogar drei bis vier Prozent. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass der Anstieg nur vorübergehend ist. Doch an den Märkten wächst die Besorgnis, dass die EZB wegen des Preisanstiegs geldpolitisch gegensteuert.

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    Christine Lagarde dürfte die Inflationszahlen für Deutschland am Montag aufmerksam verfolgt haben. In der kommenden Woche entscheidet die Europäische Zentralbank (EZB), ob sie Änderungen am Tempo ihrer Anleihekäufe vornimmt.

    Die EZB-Präsidentin hat bislang stets betont, dass sie die höhere Inflation in diesem Jahr für ein vorübergehendes Phänomen hält. Aus ihrer Sicht ist der Preisanstieg vor allem auf Sonderfaktoren durch die Pandemie zurückzuführen, wie sie sich nun auch in den Mai-Zahlen für Deutschland zeigten. Noch wichtiger für die Geldpolitik der EZB sind allerdings die europäischen Inflationszahlen, die an diesem Dienstag veröffentlicht werden.

    Die EZB-Präsidentin hat stets betont, dass sie die höhere Inflation in diesem Jahr für ein vorübergehendes Phänomen hält. Quelle: dpa
    Christine Lagarde

    Die EZB-Präsidentin hat stets betont, dass sie die höhere Inflation in diesem Jahr für ein vorübergehendes Phänomen hält.

    (Foto: dpa)

    Dass Deutschland mit seiner Teuerungsrate nun deutlich über dem Inflationsziel der EZB liegt, ist für die meisten Ökonomen noch nicht dramatisch. „Preisschwankungen, die als Gegenbewegung aus den besonders volatilen Zeiten des vergangenen Jahres rühren“, werden nach Meinung von KfW-Chefökonomin Köhler-Geib die Inflationsentwicklung auch im zweiten Halbjahr maßgeblich bestimmen.

    „Ich rechne ab den Sommermonaten mit zusätzlichem Preisdruck, der die Inflation in Deutschland während des gesamten zweiten Halbjahrs auf über drei Prozent treiben dürfte“, sagt Köhler-Geib. „Dieser Anstieg ist aber vor allem auf die im Vorjahresvergleich jetzt wieder ursprünglichen Mehrwertsteuersätze zurückzuführen.“

    Die Chefökonomin rechnet damit, dass „die Preise bereits zu Beginn des Jahres 2022 wieder deutlich schwächer ansteigen“. Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte bereits erklärt, dass in Deutschland vorübergehend eine höhere Inflation zu erwarten sei.

    Der Konsum wird nachgeholt

    Bert Rürup, Chef des Handelsblatt Research Institute (HRI), macht außerdem auf Nachholeffekte beim Konsum aufmerksam. „Als Folge des Lockdowns und der damit verbundenen Konsumeinschränkungen liegt die aktuelle Sparquote in Deutschland bei etwa 25 Prozent und damit deutlich über den traditionellen elf Prozent der normalen Zeiten.“

    Für das zweite Halbjahr erwartet er daher „ein starkes Anziehen des Konsums, was viele Anbieter zu offenen oder versteckten Preiserhöhungen anreizen dürfte“. Rürup ist aber überzeugt: „Diese Preiserhöhungen werden nach Lage der Dinge genauso wenig zu einer dauerhaften Beschleunigung der Inflation führen wie die Rückkehr zum Regelsteuersatz bei der Mehrwertsteuer zu Beginn des Jahres oder das massive Anziehen der Rohölpreise.“

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    In Deutschland ist im Mai nach Schätzungen der Commerzbank auch die Kerninflation, aus der die besonders schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel herausgenommen werden, von 1,2 auf 1,7 Prozent gestiegen. Ein beträchtlicher Teil des Anstiegs liegt demnach an spürbar gestiegenen Preisen für Freizeitaktivitäten wie Pauschalreisen. „Mit der Lockerung des Lockdowns könnten die Preise hier weiter steigen“, erwartet Jörg Krämer, Chefökonom der Commerzbank.

    Laut den Daten des Statistischen Bundesamts verteuerten sich Dienstleistungen um 2,2 Prozent, Nahrungsmittel um 1,5 Prozent und Mieten um 1,3 Prozent. Die Notenbanken peilen die Kernrate zwar nicht als Ziel an. Aber Bewegungen in dem Bereich machen sehr gut den Trend für das gesamte Preisniveau deutlich.

    Einiges spricht dafür, dass sich die Inflation in Deutschland in der kommenden Zeit über dem Durchschnitt der Euro-Zone bewegen wird. „Insbesondere dann, wenn die deutsche Wirtschaft sich schneller als der Durchschnitt im Euro-Raum von der Coronakrise erholt“, sagt der Wirtschaftsweise Volker Wieland.

    Die Pandemie hat Länder wie Spanien oder Italien besonders hart getroffen. Unter anderem, weil dort Dienstleistungen wie Restaurants, Hotels und Tourismus eine besonders wichtige Rolle spielen, die vom Lockdown sehr hart getroffen wurden. Dagegen ist die deutsche Industrie vergleichsweise gut durch die Krise gekommen.

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    Wieland räumt ebenfalls ein, dass temporäre Faktoren beim aktuellen Preisschub eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig warnt er jedoch: „Grundsätzlich sollte man Inflationsrisiken nicht mit dem Verweis auf temporäre Effekte verniedlichen, denn wir haben eine äußerst expansive Geldpolitik.“ Diese führe zu Inflation, wenn nicht gegenläufige Effekte überwögen.

    In der Vergangenheit sei eine Reihe struktureller Effekte angeführt worden. Zum Beispiel die Globalisierung, die die Löhne niedrig hält, die Digitalisierung, durch die Preise besser vergleichbar werden, und die hohe Ersparnisbildung weltweit. Wieland argumentiert, dass diese Effekte im Zuge der Pandemie teilweise weggefallen seien. Er warnt: „Wenn das passiert und die Geldpolitik trotzdem weiter so expansiv bleibt, dann führen temporäre Preissteigerungen und akkommodierende Geldpolitik zusammen zu dauerhaft höheren Inflationsraten.“

    Die Diskussion über die Inflation wird maßgeblich durch die Entwicklung in den USA getrieben, wo die Preissteigerung zurzeit bei gut vier Prozent liegt. Prominente Ökonomen wie Larry Summers, Olivier Blanchard und Mohamed El-Erian warnen davor, die Gefahr zu unterschätzen, dass die Inflationserwartungen ihren Halt verlieren könnten.

    Blanchard kritisiert in dem Zusammenhang vor allem die hohen Ausgaben der Regierung unter US-Präsident Joe Biden, die seiner Meinung nach zu einer Überhitzung der Konjunktur führen könnten. Mit Blick auf Europa konstatiert er dagegen, dass hier die Finanzpolitik eher zu wenig tue, um die Unterauslastung der Wirtschaft zu beheben.

    Die Kritik von El-Erian richtet sich dagegen an die US-Notenbank (Fed). Seiner Meinung nach hat sie sich zu sehr darauf festgelegt, zeitweise eine höhere Inflation als zwei Prozent zuzulassen – das ist ähnlich wie in Europa ihr Ziel. Sollten ihr die Preise und vor allem die Inflationserwartungen außer Kontrolle geraten, wäre sie gezwungen, deutlich gegenzusteuern – und das könnte die Konjunktur dann schlagartig abwürgen.

    Ein wichtiger Aspekt sind die sogenannten Zweitrundeneffekte steigender Preise auf die Löhne. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sagt: „Im Euro-Raum hat sich der Anstieg der Arbeitskosten bis zuletzt verlangsamt. In den USA ist das weniger klar.“

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    Auch die Lohnabschlüsse in der deutschen Metallindustrie fielen vergleichsweise gering aus. Krämer verweist außerdem darauf, dass die Inflation in den USA schon bisher viel stärker gestiegen sei als im Euro-Raum. Im April legten dort die Verbraucherpreise um 4,2 Prozent zu – im Euro-Raum lag die Inflation im gleichen Monat bei 1,6 Prozent. Zudem habe sich in den USA auch der Anstieg der Arbeitskosten anders als im Euro-Raum beschleunigt: „Die Inflationsrisiken sind in den USA höher.“

    Die Investoren sorgen sich

    An den Finanzmärkten wird das Thema Inflation schon länger diskutiert. Anleger fürchten dabei weniger die höheren Verbraucherpreise als die Reaktion der Notenbanken darauf. Fed, EZB und andere Notenbanken haben seit der großen Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 die Wirtschaft mit billigem Geld versorgt, damit aber auch die Vermögenspreise nach oben getrieben.

    Durch die Corona-Pandemie hat sich das noch einmal beschleunigt: Die Staaten verschuldeten sich, um die Bürger und die Wirtschaft zu unterstützen. Die Notenbanken kauften massiv Anleihen auf, um trotz der hohen Regierungsdefizite einen deutlichen Anstieg der Zinsen zu verhindern.

    Die EZB legte zu dem Zweck ein eigenes Notfallprogramm auf, das unter dem Kürzel Pepp bekannt ist. Schon seit Ausbruch der Pandemie vor über einem Jahr wird daher auch intensiv darüber diskutiert, wie die Notenbanken diese Unterstützung zurückfahren können, ohne die Märkte durch einen raschen Anstieg der Renditen zu destabilisieren.

    Mehr: Inflationsraten bis drei Prozent – Ökonomen erwarten temporären Preisschub in diesem Jahr

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    4 Kommentare zu "Verbraucherpreise: „Ganze Palette potenzieller Inflationstreiber ist in voller Bewegung“: Höchster Preisanstieg seit zehn Jahren"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Herr Berchtold, mit Polemik und ohne Argumente brauchen Sie hier keine Kommentare schreiben. Das verschwendet Ihre und meine Zeit.

      Und ja die Rohstoffpreise fallen bei steigendem USD und EUR. USD und EUR steigen bei steigenden Zinsen und beim Stopp der Anleihekäufe und Finanzierung aus der Druckerpresse.

    • Wenn die EZB die Zinsen erhöht, fallen dann etwa die Rohölpreise? Wenn die EZB die Zinsen erhöht, wachsen dann die Bäume im Wald schneller? Wenn Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, entsteht dann durch Beten etwa Gips, den man für die Trockenbau-Platten benötigt? Wenn die EZB die Zinsen erhöht, fallen dann als Manna für die Handwerker etwa Schrauben vom Himmel, als wunderbare zinsgöttliche Schraubenvermehrung? Und sie gingen hin, die ZIns-Erhöhungs-Gläubigen und verkündeten in aller Welt, wie segensreich höhere Zinsen sind. Vor kurzem war Pfingsten, der heilige Zinsgeist erleuchtete die Zins-Erhöhungs-Gläubigen. Die drohende Höllenstrafe ist die Zinseszinsformel mit dem Weinen und dem Wehklagen in alle Ewigkeit.

    • Wo ist hier eigentlich mal der kritische Geist und ein Aufschrei?
      Die Geldpolitik führt zu massiven Inflation. Und nein es ist nicht nur die Lohnentwicklung die zu Inflation führt (wie man aktuell ja auch sieht).
      Es ist "Monetary Debasement" aus dem Englischen mit Geldabwertung zu übersetzen.
      Die massive Ausweitung der Geldmenge, die komplette Finanzierung Italiens aus der Druckerpresse führt zur weiteren Entwertung des Euro. Das gleiche gilt natürlich auch für die BRD.

      Und nein, es sind nicht ausschließlich die Basiseffekte aus dem letzten Jahr, die hier reinschlagen.
      Schaut man sich die Vormonatsvergleiche mal genauer an:
      Januar im Vergleich zu Dezember: +0,8%
      Februar zu Januar: +0,7%
      März zu Februar: +0,5%
      April zu März: +0,7%
      Mai zu April: +0,5%
      Juni zu Mai (Prognose): +0,7%

      Dabei hat die Wirtschaft und das Leben in der BRD noch nicht mal ganz geöffnet.
      Unter der Annahme eines weiteren +0,7% Anstiegs bis Ende des Jahres liegen wir über 8% Inflation.
      Liebes Handelsblatt, als Abonnent erwarte ich mir hier eine deutlich kritischere Betrachtung der Geldpolitik. Es geht nicht an, dass hier alles aus der Brille von "Investoren" schön geredet wird, was die Zentralbanken mit der Geldpolitik treiben.

      Mit Bitte um Kenntnisnahme und Stellungnahme verbleibe ich mit den besten Grüßen,
      Sebastian Haberland

    • Welch eine Erkenntnis, dass hauptsächlich Lohnentwicklungen, die höher ausfallen als der Produktivitätsfortschritt, zu Inflation führen.

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