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Verbraucherpreise Inflationsrate in der Türkei sinkt auf Elf-Monats-Tief

Die türkischen Märkte drehen ins Plus: die Börse klettert über 100.000 Punkte, die Lira steigt, die Inflation sinkt. Doch schon bald drohen neue Risiken.
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Im Juni lag die Inflationsrate in der Türkei bei 15,7 Prozent. Quelle: dpa
Kopie einer Lira-Note

Im Juni lag die Inflationsrate in der Türkei bei 15,7 Prozent.

(Foto: dpa)

Istanbul Positive Nachrichten ist man von den türkischen Finanzmärkten kaum noch gewohnt, umso mehr überraschen die jüngsten Daten, die aus dem Land kommen. Die jährliche Inflationsrate ist in der Türkei im Juni auf 15,72 Prozent gesunken, wie das türkische Statistikamt Tüik am Mittwoch bekanntgab.

Das ist der niedrigste Wert seit elf Monaten. Von der Nachrichten-Agentur Bloomberg befragte Ökonomen hatten mit einem Anstieg von 16,1 Prozent gerechnet.

Im Mai hatte die Inflationsrate noch bei 18,7 Prozent gelegen. Der deutliche Rückgang ist zum einen auf den moderaten Anstieg bei den Lebensmittelpreise zurückzuführen, die um 19,2 Prozent stiegen. Im Mai waren es noch 28,4 Prozent gewesen. Zum anderen war der Vergleichswert aus dem Juni des vergangenen Jahres hoch.

Im Vergleich zum Vormonat stiegen die Preise nur noch um 0,05 Prozent an. Seit Jahresbeginn legten die Preise bislang fünf Prozent zu.

Auch der wichtigste türkische Börsenindex ISE100 kletterte am Dienstag zum ersten Mal seit den Kommunalwahlen Ende März sowie der Wahlwiederholung in Istanbul am 23. Juni wieder über die Marke von 100.000 Punkten. Selbst die zuletzt gebeutelte Lira gewann an Wert und ist fast so stark wie vor den Kommunalwahlen. Am Dienstag gab die Istanbuler Industrie- und Handelskammer bekannt, dass der Einkaufsmanagerindex des Landes (PMI-Index) auf ein Elf-Monats-Hoch geklettert sei.

Die türkische Wirtschaft, die sich zuletzt noch in einer Rezession befand, scheint damit wieder ins Plus zu drehen. Doch das ist nicht das Ende der Krise: Für den aktuellen Aufschwung gibt es zwar gute Gründe, aber auch mehrere Anlässe, dass es schnell damit vorbei sein könnte.

Haushaltsdefizit der Türkei dürfte steigen

Experten von Goldman Sachs erklären die Erholung der türkischen Wirtschaft vor allem mit einem kreditfinanzierten Wachstumsprogramm der Regierung. Ankara hatte zuletzt zum Beispiel mehrere Steuererleichterungen eingeführt und erlässt Unternehmern einen Teil der Sozialversicherungsbeiträge für neu eingestellte Mitarbeiter.

Das kostet viel Geld: Das Haushaltsdefizit der Türkei wird Goldman Sachs zufolge Ende des Jahres 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen. Deutschland hatte zuletzt einen Überschuss erwirtschaftet, in der EU gilt offiziell eine Drei-Prozent-Defizitgrenze.

Die Goldman-Experten schätzen den Finanzierungsbedarf der türkischen Regierung in diesem Jahr auf 295 Milliarden Lira. Das sind rund 52 Milliarden US-Dollar und damit fast 17 Milliarden Dollar mehr als im Regierungsprogramm für dieses Jahr angegeben.

„Die Regierung scheint es nicht eilig zu haben, die Steuergeschenke aus dem Wahlkampf zurückzuziehen“, sagte Jason Tuvey, leitender Ökonom für Schwellenländer bei Capital Economics in London. Tuvey sieht darin ein bekanntes Muster der türkischen Regierung. „Es gibt zwar Gründe für Anreize, die die schwache Wirtschaft stützen könnten, aber das wird weitere Bedenken hinsichtlich der finanzpolitischen Glaubwürdigkeit aufkommen lassen.“

Die türkische Zentralbank schlägt einen ähnlichen Weg ein: Bei der jüngsten Sitzung der Geldwächter Anfang Juni blieb der Leitzins zwar unangetastet bei 24 Prozent. Der Wert ist so hoch, um die grassierende Inflation von zuletzt knapp 19 Prozent zu bekämpfen. Das könnte sich jetzt ändern: „Die milden Inflationsdaten dürften die Zentralbanker eher dazu ermutigen, die Leitzinsen zu senken“, meinen die Analysten der türkischen Halkbank.

Doch die Notenbanker hatten ohnehin zuletzt angedeutet an, dass die Inflationsbekämpfung nicht mehr ihr größtes Ziel sei. Eine Sonderfazilität erlaubte es Banken bereits, für 23 Prozent Geld von der Zentralbank zu leihen. Bis Anfang 2020 rechnen Ökonomen damit, dass die türkische Zentralbank den Leitzins auf 20 oder gar 19 Prozent senken könnte, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Bei all dem Optimismus bleibt aber ein hohes Risiko: Sollten die Türken wie angekündigt Mitte Juli russische Waffensysteme erhalten, drohen Sanktionen. Die könnten die türkische Wirtschaft erneut durcheinanderwirbeln.

Unternehmensschulden als Risiko

Die US-Regierung hatte am Mittwoch Angaben des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan widersprochen, geplante US-Sanktionen wegen des Kaufs eines russischen Raketensystems seien aufgehoben. Vertreter der Regierung in Washington sagten der Nachrichtenagentur Reuters, es sei nach wie vor geplant, der Türkei keine F-35 Kampfjets zu liefern, falls sie russische S-400 Boden-Luft-Raketen beziehen sollten.

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge soll die Türkei bereits damit angefangen haben, Ersatzteile für türkische Waffen zu horten, sofern diese aus US-amerikanischer Produktion stammen. Damit würde das Militär bereits antizipieren, dass die Sanktionen vor allem den türkischen Rüstungssektor treffen würden.

Ein weiteres Risiko sind die hohen Schulden türkischer Unternehmen. Sie sitzen auf einem Berg von rund 200 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden. Die Yildiz Holding, zu der der Gebäckkonzern Ülker gehört, musste bereits vergangenes Jahr bei den Banken um eine Umschuldung ihrer Milliardenkredite in US-Währung bitten. Am Dienstag wurde bekannt, dass Ülker selbst nun mit dem Mutterkonzern Yildiz über eine Kapitalerhöhung diskutiert.

Wenn die Unternehmen ihr Schuldenproblem nicht in den Griff bekommen, droht ein Investitionsstau, den auch die Zentralbank nicht einfach so abschalten kann. Dann wird aus dem kleinen Aufschwung ein „Double Dip“: eine kurze Phase, auf die ein erneuter Abschwung folgt.

Mehr: Die Leitzinsen in der Türkei zählen zu den höchsten der Welt. Der Blick auf die türkischen Unternehmen zeigt: Die Politik ergibt keinen Sinn mehr, kommentiert Handelsblatt-Korrespondent Ozan Demircan.

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