Verbraucherpreise: US-Inflationsrate fällt erneut deutlich
Rückläufige Inflationsraten.
Foto: Corbis Historical/Getty ImagesNew York, Düsseldorf. Die Inflationsrate in den USA kommt dem Zielniveau der Notenbank Federal Reserve (Fed) immer näher. Der Anstieg der Verbraucherpreise in der weltgrößten Volkswirtschaft hat sich im Juni im Vergleich zum Vorjahr erneut überraschend stark abgeschwächt auf 3,0 Prozent. Das gab das Arbeitsministerium am Mittwochnachmittag bekannt. Allerdings geht die Sorge um, dass die Inflation schon bald wieder steigen könnte.
Doch so gering wie im Juni war die Rate zuletzt vor mehr als zwei Jahren. Volkswirte hatten im Vorfeld lediglich mit einer Teuerung von 3,1 Prozent gerechnet. „Wir machen Fortschritte bei der Inflation, gleichzeitig schlägt sich die Wirtschaft noch ganz gut“, sagte Stephanie Link, Investmentstrategin bei Hightower Investments, im US-Börsensender CNBC. Noch vor zwölf Monaten hatte die Inflationsrate bei 9,1 Prozent ihren Höhepunkt erreicht.
Der rückläufige Trend in den vergangenen Monaten hat die Stimmung an der Wall Street und unter Ökonomen deutlich gehoben. „Das ist der ersehnte Befreiungsschlag“, sagte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. Viele Investoren waren bisher davon ausgegangen, dass die US-Notenbank Fed mit ihrer Zinspolitik eine Rezession auslösen würde und die Leitzinsen schon im Herbst wieder senken müsste.
Dieses Szenario gilt nun nicht mehr als wahrscheinlich. Phil Camporeale von JP Morgan Asset Management ist „hochgradig überzeugt“, dass die USA eine weiche Landung erleben. „Das bedeutet, dass die Wirtschaft weiter wachsen kann und sich der Arbeitsmarkt nur leicht abschwächt“, sagte er auf Bloomberg TV. Seinen Berechnungen zufolge ist die Wahrscheinlichkeit einer Rezession von 40 Prozent im März auf 25 Prozent gesunken.
Dennoch rechnen Beobachter damit, dass die Fed die Zinsen in der kommenden Sitzung am 26. Juli erneut anheben wird. Erst Anfang der Woche hatten sich die regionalen Notenbankchefinnen aus San Francisco und Cleveland, Mary Daly und Loretta Mester, für weitere Zinsschritte ausgesprochen.
„Wir werden wahrscheinlich noch ein paar weitere Zinserhöhungen im Laufe dieses Jahres brauchen“, um die avisierte Inflationsrate von zwei Prozent zu erreichen, betonte Daly. Auch Fed-Chef Jerome Powell hatte zuletzt eine Zinserhöhung im Juli signalisiert.
Die Fed hat seit März 2022 zehn Mal die Zinsen angehoben, um die Inflation zu bekämpfen. Fed-Chef Powell fährt damit den aggressivsten Kurs seit den 1980er-Jahren. Bei ihrer jüngsten Sitzung im Juni hatten die Währungshüter den Leitzins jedoch konstant gelassen, in der Spanne zwischen 5,0 und 5,25 Prozent.
Wohnen bleibt Preistreiber Nummer eins
Die Notenbanker stehen damit wieder einmal vor einer schwierigen Entscheidung. Weitere Zinserhöhungen könnten die Wirtschaft schwächen und die Rezession auslösen, mit der viele Beobachter schon lange rechnen. Andererseits wollen sie den Kampf gegen die hohen Preise nicht zu früh beenden. „Die Inflation war in der Vergangenheit immer wieder hartnäckiger, als wir dachten“, gab Mester von der Fed aus Cleveland zu bedenken.
So steigt die Sorge, dass einige Preise in den kommenden Monaten wieder ansteigen könnten. Analysten rechnen etwa damit, dass die Energiepreise in den kommenden Monaten wieder zulegen. Gleiches gilt für den Häusermarkt. Obwohl die Zinsen für eine Hypothek mit 30-jähriger Laufzeit – der Standard in den USA – auf gut sieben Prozent gestiegen sind, gaben die Häuserpreise nur leicht nach und nehmen nun wieder Fahrt auf. „Die Menschen haben sich an die hohen Zinsen gewöhnt“, sagte der CEO des Immobilienmaklers Compass, Dominic Blakemore.
Die Kosten fürs Wohnen waren auch im Juni wesentlicher Preistreiber. Sie machten mehr als 70 Prozent der Teuerung aus. Gleichzeitig schwächten sich etwa die Kosten für Gebrauchtwagen deutlich ab. Die Preise für Restaurantbesuche stiegen im Vergleich zum Vormonat nur leicht an.
USA: Kerninflation fällt unter Fünf-Prozent-Marke
Auch ist die Kerninflation den dritten Monat in Folge rückläufig. Die Rate sank auf 4,8 Prozent, sie liegt damit erstmals seit Ende 2021 wieder unter fünf Prozent. Die Kerninflation ist um schwankungsanfällige Güter wie Energie und Lebensmittel bereinigt und daher ein viel beachteter Indikator für den Preistrend in der mittleren Frist.
Die Daten schüren die Hoffnung, dass dem Zinsschritt im Juli kein weiterer bei der übernächsten Sitzung im September folgt. Powell hatte in den vergangenen Wochen immer wieder betont, dass sich die Zinserhöhungen nur mit deutlicher Verzögerung auf die Wirtschaft auswirken – ein weiterer Grund für die Notenbanker, nun langsamer vorzugehen.
Die Inflationsdaten vom Mittwoch würden durchaus die Frage aufwerfen, ob der Zinsschritt im Juli die letzte Zinserhöhung sein werde, sagte Bill Dudley, der ehemalige Chef der regionalen Notenbank in New York. Dafür müssten sich jedoch die Löhne weiter abkühlen.
Allerdings machen sich die hohen Preise längst bei den US-Verbrauchern bemerkbar. „Die Ausfallraten bei Kreditkartenschulden und Autokrediten steigen“, gibt Torsten Slok, Chefökonom des Private-Equity-Investors Apollo, zu bedenken. Der Themenpark Disney Land in Florida sei derzeit ungewöhnlich leer, berichtete das „Wall Street Journal“ diese Woche und verwies auf die deutlich gestiegenen Preise. Auch nutzen immer mehr Amerikaner für ihre Supermarkteinkäufe Ratenzahlungen von Klarna und anderen Anbietern, damit sie die Kosten nicht auf einmal schultern müssen. Für Diane Swonk, Chefökonomin von KPMG, ist das „ein Anzeichen von Stress bei den Verbrauchern, auch wenn die Inflation insgesamt zurückgeht“.
An den Märkten wurden die neuen Daten mit Freude aufgenommen. Der marktbreite Aktienindex S&P 500 sowie der Dow Jones und der Nasdaq notierten im frühen Handel deutlich im Plus. Der S&P und der Nasdaq lagen auf Kurs, den besten Tag in diesem Monat zu verbuchen. Auch der Dax baute seine Tagesgewinne weiter aus.
Die Anleiherenditen notierten nach Publikation der neuen Daten weiter mit Tagesverlusten. Die Rendite für zweijährige Bonds – diese reagieren vergleichsweise stark auf Anpassungen des erwarteten Zinsniveaus – lag am Nachmittag bei 4,740 Prozent. Sie hat sich in den vergangenen Tagen wieder leicht von der Fünf-Prozent-Marke entfernt, die sie vergangenen Woche überschritten hatte.
Auch der Dollar zeigte Schwäche. Der Dollar-Index, der den Wert der Weltleitwährung mit anderen zentralen Währungen vergleicht, ist auf den tiefsten Stand seit zwei Monaten gefallen. Die Aussicht auf ein Ende des Zinserhöhungszyklus lastet auf der Devise.