Verbraucherpreise Zehn Prozent Rabatt gegen die Inflation – So will die Türkei den Preisverfall stoppen

Im Kampf gegen die Inflation sucht die türkische Regierung den Schulterschluss mit den Unternehmen. Dabei übersieht sie aber das größte Problem.
Update: 09.10.2018 - 16:08 Uhr 1 Kommentar
Türkei kündigt wegen Inflation Preissenkungen von zehn Prozent an Quelle: Reuters
Berat Albayrak

Der Finanzminister der Türkei und Schwiegersohn von Erdogan stellte Maßnahmen vor, um die hohe Inflation des Landes zu bekämpfen.

(Foto: Reuters)

IstanbulIm Kampf gegen die Inflation sucht die Türkei eine ungewöhnliche Lösung: Die türkische Regierung hat sich mit etlichen Unternehmen im Land auf einen Rabatt von zehn Prozent auf ihre Produkte geeinigt. „Der Kampf gegen Inflation ist kein Kampf, den nur der Staat und die Behörden führen können“, argumentierte Finanzminister Berat Albayrak am Dienstag vor Journalisten.

Betroffen sind demnach alle Produkte, die zur Berechnung der Inflation herangezogen werden, etwa Lebensmittel, aber auch U-Bahn-Tickets und Benzinpreise. Auch Banken wollen sich an dem Rabatt beteiligen.

„Das ist eine Freiwilligenkampagne“, sagte Albayrak. Geschäfte, die sich beteiligten, sollten das Logo der Aktion in ihren Schaufenstern anbringen. Tausende Firmen hätten schon zugesichert, dass sie mitmachen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seinem am Dienstag veröffentlichten Weltwirtschaftsbericht gewarnt, dass die Türkei „ein umfassendes Paket“ von Strategien brauche, um ihre Probleme zu bewältigen. Ob die neuen türkischen Maßnahmen im Sinne des IWF sind, darf bezweifelt werden.

Denn Albayrak ging bei seinem Auftritt in Ankara – angekündigt als Vorstellung eines Maßnahmenpakets zur Senkung der Inflation – wie auch bei anderen bisher verabschiedeten Maßnahmenpaketen über Andeutungen nicht hinaus.

Albayrak kündigte an, die staatlich koordinierten Preise für Elektrizität und Gas bis zum Jahresende nicht erhöhen zu wollen, „solange es keine globalen Veränderungen gibt“. Zudem stellte er eine neue Website mit dem Titel „Kampf gegen die Inflation.org“ vor. Außerdem wolle die Regierung Unternehmen dabei unterstützen, Entlassungen zu vermeiden. Was das genau bedeutet, ist bislang unklar.

So haben sich die Energiepreise in den vergangenen Monaten schon mehrmals um gleich neun Prozent erhöht, zuletzt im September. Preissteigerungen gab es auch in anderen Sektoren, vor allem bei Lebensmitteln.

Wie die Zeitung „Hürriyet“ jüngst berichtete, sind die Kosten für Tomaten im September zum Beispiel um 35,3 Prozent gestiegen. Aufgrund der steigenden Futterpreise für Hühner seien auch die Eierpreise angestiegen. Für den Sesamkringel Simit – eine Art „Nationalgebäck“ – müssen die Menschen seit Kurzem 1,75 Lira hinlegen. Vorher hatte er noch 1,50 Lira gekostet.

Inflation ist auf dem höchsten Stand seit 2002

Die türkische Währung hat allein seit Jahresbeginn fast 40 Prozent an Wert zum US-Dollar verloren. Damit verteuerten sich alle Produkte, die die Türkei in der US-Währung importieren muss, um diesen Faktor. Gleichzeitig stieg die Inflation für Endprodukte auf 24,5 Prozent pro Jahr an – ein Rekordwert, seit die Partei AKP von Staatschef Erdogan im Jahr 2002 die Regierungsgeschäfte übernommen hat. Die Produzentenpreise haben sich im September sogar um mehr als 46 Prozent verteuert – ein düsterer Indikator für die nächsten Monate.

Es gibt gleich mehrere Gründe für den besonders starken Anstieg der Inflation in der Türkei. Da ist zum einen der Wechselkurs. Mehrere Schwellenländer leiden unter der restriktiven Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump und den Entscheidungen der US-amerikanischen Zentralbank Fed, die Dollar-Leitzinsen zu erhöhen. Beides stärkt den Dollar und schwächt im Gegenzug kleinere Währungen wie die Lira.

Hinzu kommt der Anstieg des Ölpreises. Die Türkei muss nahezu ihren gesamten Ölbedarf importieren – das ist teuer. Treibstoff, Flugtickets, Taxifahrten, Produkte aus dem Chemiebereich: Alles wurde teurer, ohne dass Unternehmen, Haushalte oder die Regierung viel dagegen unternehmen konnten.

Was nicht heißt, dass die Führung in Ankara an der Entwicklung schuldlos ist – im Gegenteil, denn das größte Problem übersieht sie: Die Lira verliert auch deshalb an Wert, weil Investoren das Vertrauen in das Land verloren haben. Sie verweisen darauf, dass Staatschef Erdogan sich zu sehr in die Belange der Wirtschaftspolitik und vor allem die Zuständigkeiten der Türkischen Zentralbank TCMB einmische.

Normalerweise arbeitet eine Zentralbank unabhängig von der Politik, um beispielsweise stabile Preise zu garantieren oder das Wirtschaftswachstum zu unterstützen. Doch Erdogan kündigte im Mai an, stärken Einfluss auf die Geldhüter nehmen zu wollen – mit der Begründung, dass er als Präsident ja auch für deren Fehler geradestehen müsse.

Nicht zuletzt stimulierte die Regierung nach einer anderthalb Jahre langen Serie von Terroranschlägen im Land die Wirtschaft, unter anderem mit einem 60 Milliarden Dollar schweren Kreditfonds. Das half zwar der Wirtschaft, die allein im Jahr 2017 um 7,4 Prozent wuchs. Gleichzeitig pumpte die Regierung mit dieser Maßnahme unglaublich viel Kreditgeld in den Wirtschaftskreislauf. Und wenn die Geldmenge zunimmt, sinkt in der Regel der Wert des Geldes. Umgekehrt ausgedrückt: Die Preise steigen.

Der Wechselkurs der türkischen Lira zum US-Dollar gab in den Morgenstunden zunächst um 0,5 Prozent auf bis zu 6,16 Lira pro Dollar nach – vermutlich, weil einzelne Anleger auf schlechte Nachrichten des Finanzministers wetten wollten. Nach der Verkündung des Anti-Inflations-Programms erreichte die Lira jedoch wieder den Schlusskurs vom vergangenen Tag, der bei 6,12 Lira pro Dollar lag.

Insgesamt hielten sich die Schwankungen jedoch in Grenzen, verglichen mit Tagen im Sommer, an denen die türkische Währung zu Dollar oder Euro an einem einzigen Tag bis zu 15 Prozent an Wert verloren hatte.

Mit Material von Reuters.

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