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Volkswirtschaft Steigende Lebenserwartung sorgt auch künftig für niedrigen Realzins

Weil wir im Durchschnitt älter werden, müssen wir mehr sparen und bekommen immer weniger Zinsen. Das bringt auch die Geldpolitik in Bedrängnis.
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Auch in Zukunft wird der Realzins laut Experten niedrig bleiben. Quelle: SUPERBILD
Realzins im Dauer-Tief

Auch in Zukunft wird der Realzins laut Experten niedrig bleiben.

(Foto: SUPERBILD)

FrankfurtDie Sparer hoffen darauf, dass es eines Tages doch wieder höhere Zinsen gibt. Das Potenzial dafür ist allerdings überschaubar, wie eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) bestätigt, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. „Die Analyse zeigt, dass das zurzeit niedrige Zinsniveau nicht allein durch die unterstützende Geldpolitik der Notenbanken verursacht ist, sondern auf einem langfristigen Abwärtstrend beruht“, heißt es.

Die Experten nehmen vor allem die Realzinsen in den Blick, also die nominalen Sätze für zehnjährige Papiere abzüglich der Inflationsrate. Dabei gehen sie allenfalls von einer vorübergehenden Erholung aus, sobald die Notenbanken ihre Geldpolitik normalisieren. „Auf lange Sicht werden die realen Zinssätze, vor allem bedingt durch demographische Faktoren, sinken“, heißt es, mit dem Zusatz, dies sei eine dauerhafte Erscheinung.

In der Vergangenheit haben die Zinssätze stark geschwankt und lagen als mittlerer Wert der Industrieländer in 1975 wegen der hohen Inflation bei minus 7,5 Prozent. 1992 steigerte sich der Wert auf plus acht Prozent. Danach begann der nächste Abstieg. Zurzeit liegen die Realzinsen in Deutschland deutlich im Minus. Die Inflation liegt bei etwa zwei Prozent, und selbst die Sätze zehnjähriger Staatsanleihen sind seit längerem meist unter einem halben Prozent, zurzeit sogar bei nur 0,25 Prozent.

In einigen anderen Euroländern, vor allem Italien, sind die Zinsen deutlich höher. Grund dafür ist das hohe Risiko, dass dort unter anderem durch die hohe Staatsverschuldung besteht und sich in höheren Zinsen widerspiegelt. In den USA gibt es seit einiger Zeit wenigstens im langfristigen Bereich wieder positive Realzinsen.

Das IW prognostiziert immerhin einen Anstieg der deutschen Realzinsen auf 1,3 Prozent bis 2025 – im Wesentlichen weil bis dahin „Verzerrungen“ durch die weiche Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) behoben sein sollten. Danach werde der langfristige Trend aber zu einem Rückgang auf 0,5 Prozent bis 2035 und auf null Prozent bis 2050 führen.

Natürlich weiß niemand wirklich, was bis 2050 passiert. Aber die ökonometrischen Modellrechnungen machen die langfristige Tendenz deutlich. Japan erreicht laut Modell 2035 zwei Prozent, rutscht aber bis 2050 wieder auf 1,5 Prozent ab. Die Vorhersage für die USA kommt auf 0,7 Prozent für 2025, danach fällt der Wert auf minus 1,9 Prozent im Jahr 2050. Am stärksten rutschen die Realzinsen langfristig in Dänemark und Luxemburg ab – auf deutlich unter minus vier Prozent.

Der Befund des IW ist vor allem für Anleger und Kreditnehmer interessant. Zugleich bestätigt er aber eine These, mit der Notenbanker häufig ihre niedrigen Zinsen rechtfertigen: Sie gehen davon aus, dass sie weniger die Zinsen festsetzen als viel mehr dem Trend der realen Zinsen folgen. Diese Argumentation ist umstritten.

Claudio Borio von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich glaubt sogar, dass Notenbanken letztlich gar nicht die Inflation beeinflussen - was ihre Aufgabe ist –, sondern nur den Realzins. Aber das ist eine Einzelmeinung.

Die These des IW passt auch zur Auffassung von Ökonomen wie Larry Summers, die Welt müsse auf lange Sicht mit niedrigen Zinsen als „New Normal“ leben. Das IW sieht voraus, dass Notenbanken künftig häufiger auf ungewöhnliche Mittel wie Anleihekäufe zurückgreifen müssen, weil sie mit den Zinsen nicht mehr viel ausrichten können. Es heißt dort: „Die heutige Geldpolitik ist also keine Ausnahme sondern eher ein Vorbote der künftigen.“

Die Studie nennt verschiedene Theorien, die die weltweit niedrigen Realzinsen erklären sollen: ein Überfluss an Sparanlagen, die Knappheit von sicheren Wertpapieren, die Bevölkerungsentwicklung, die wachsende Bedeutung immaterieller Investitionen, die niedrige Produktivität. Doch in vielen Punkten bestätigt die ökonometrische Analyse die jeweiligen Theorien nicht oder ergibt sogar das Gegenteil der erwarteten Resultate.

Das gilt auch für den in der Politik häufig diskutierten Zusammenhang von Defiziten im öffentlichen Haushalt und privaten Investitionen: Entgegen der Theorie „verdrängen“ diese Defizite keine Investitionen, sondern scheinen sie sogar zu fördern. Die Autoren führen das unter anderem darauf zurück, dass öffentliche Investitionen in die Infrastruktur häufig private Investitionen erst möglich machen.

Sehr viele andere mögliche Zusammenhänge kann das IW statistisch nicht belegen. Dagegen finden die Analysten aber einen deutlichen Bezug zwischen Lebenserwartung und Realzinsen. Jedes zusätzliche Jahr an Lebenserwartung drückt nach ihrer Berechnung die Realzinsen um rund einen Prozentpunkt.

Selbst den Experten des IW erscheint diese Zahl als „sehr hoch“. Aber sie verweisen darauf, dass sich zwischen 1990 und 2016 die Lebenserwartung weltweit um 5,7 Jahre verlängert habe. Zugleich seien die Realzinsen um 4,1 Prozent gesunken.

Natürlich werden statistische Zusammenhänge zwischen einzelnen Größen immer durch zahlreiche andere Entwicklungen überlagert und sind daher mit viel Unsicherheit behaftet. Tendenziell scheint die steigende Lebenserwartung am deutlichsten zum langfristigen Zinsrückgang beizutragen, da die Menschen mehr fürs Alter zurücklegen und so ein Überangebot an Geld bereitstellen. Schlecht für die Sparer: Sie müssen immer länger mit ihrem Geld auskommen, gleichzeitig vermehrt es sich immer langsamer.

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