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Vollgeldsystem Die Schweizer stimmen über eine Finanz-Revolution ab

Am Sonntag entscheiden die Eidgenossen darüber, ob Guthaben auf Bankkonten als Notenbankgeld gelten soll. Kritiker warnen vor den Folgen.
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Das Geld auf Bankkonten könnte bald als Notenbankgeld gelten. Experten sehen dabei aber Schwierigkeiten. Quelle: Bloomberg
Eine Schweizer-Franken-Münze

Das Geld auf Bankkonten könnte bald als Notenbankgeld gelten. Experten sehen dabei aber Schwierigkeiten.

(Foto: Bloomberg)

ZürichUm die Züricher von ihrer Idee zu überzeugen, setzen Simon Sennrich und seine Mitstreiter auf tierische Unterstützung: Die Vollgeld-Initiative kampierte am Mittwoch mit einem sechs Meter hohen aufblasbaren Sparschwein auf der Züricher Rathausbrücke. Die Aufschrift: „Nur echte Franken für mein Konto“. Die Vollgeld-Fans sprechen Passanten an, um sie für ihr Vorhaben zu begeistern. „Wir wollen möglichst viele Leute an die Urne bewegen“, sagt Sennrich. Die Resonanz für das Vollgeld sei durchaus positiv.

Am Sonntag stimmen die Eidgenossen darüber ab, ob die Geldschöpfung in Zukunft nur noch durch Notenbanken erfolgen darf. Die Initiative würde das Finanzsystem grundlegend umkrempeln. Während die Vollgeld-Befürworter ein sichereres Bankensystem versprechen, warnen Kritiker vor unabsehbaren Folgen. Umfragen zufolge dürfte das Vorhaben aller Wahrscheinlichkeit nach abgelehnt werden, aber auch damit wäre die Vollgeld-Idee nicht vom Tisch.

Bei der Initiative geht es ans Eingemachte: Woher stammt das Geld auf unseren Konten? Was nach einer trivialen Frage klingt, beschäftigt Generationen von Ökonomen. Rund 90 Prozent der so genannten breiten Geldmenge existieren nur elektronisch als so genanntes Buchgeld auf Bankkonten – also unsichtbares Geld, das nur in den Büchern der Geldinstitute existiert.

Streng genommen handelt es sich lediglich um eine Forderung des Kontoinhabers an die Bank auf Bargeld. Nur diese Münzen und Scheine werden von der Notenbank als Geld ausgeben. Wer also an den Bankautomaten geht, muss darauf vertrauen, dass sein Institut ihm für das Buchgeld „echtes“ Bargeld auszahlt.

Die Initiative will, dass dieses Buchgeld in Vollgeld umgewandelt wird: Es soll gesetzliches Zahlungsmittel werden und allein dem Kontoinhaber gehören. Allein die schweizerische Notenbank soll neues Geld schöpfen. Sie beziehen sich auf die schweizerische Verfassung, in der steht, dass das Geld- und Währungswesen „Sache des Bundes“ ist.

Damit ist Vollgeld auch die Antwort auf die Finanzkrise, in der Institute wie die schweizerische UBS oder die Commerzbank vom Steuerzahler gerettet werden mussten. Vollgeld soll das Finanzsystem stabiler machen: Geht eine Bank pleite, dann würden Kundengelder auf Girokonten nicht mehr zur Insolvenzmasse zählen.

„Vollgeld macht elektronisches Geld auch bei Finanzkrisen so sicher wie Bargeld im Tresor“, lautet das Versprechen der Initianten. Auch ließe sich so ein exorbitantes Wachstum der Geldmenge verhindern, was die Bildung von Spekulationsblasen erschweren soll. Weil die Schöpfung elektronischen Geldes kaum Aufwand mit sich bringt, sollen dem Staat milliardenschwere Geldschöpfungsgewinnen zufließen.

Ist das zu schön, um wahr zu sein? Ulrich Stolzenburg vom Kieler Institut für Weltwirtschaft nennt den Wechsel zum Vollgeld eine spannende Alternative. „Die hervorstechenden Vorteile liegen bei einer höheren Finanzstabilität und höheren Geldschöpfungsgewinnen für den Staat“, schreibt Stolzenburg. „Gleichwohl erscheint das Vollgeldkonzept viel zu optimistisch im Hinblick auf die kurzfristigen Aus- und Nebenwirkungen“.

Vollgeldgegner warnen vor den Folgen der Umstellung. Vollgeld sei „riskant, teuer, schädlich“, wirbt das Komitee „Vollgeld Nein“ mit einer Helvetia, die sich an den Kopf fasst. Finanzdienstleistungen würden verteuert, wenn Banken mit dem Geld auf Zahlungskonten nicht mehr arbeiten dürften. Auch die Schweizer Regierung lehnt die Initiative ab. Die Chefs der großen Banken vermeiden zwar, allzu öffentlich Stellung zu beziehen. Die schweizerische Bankiersvereinigung spricht aber von einem „beispiellosen Hochrisikoexperiment“.

Selbst die Schweizerische Nationalbank (SNB), deren Stellung durch die Initiative aufgewertet würde, macht sich gegen das Vorhaben stark. „Vollgeld wäre wie Sand im Getriebe des Kreditwesens“, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan. Es würde den Konsum, die Investitionen und damit den Wohlstand in der Schweiz mindern. Auch werde die Umsetzung der Geldpolitik durch die SNB beschränkt. Diesen Vorwurf weisen die Vollgeld-Anhänger zurück: Die Nationalbank behalte ihre Instrumente.

Damit die Initiative angenommen wird, müsste die Mehrheit der Bürger und die Mehrheit der Kantone zustimmen. Doch danach sieht es bislang nicht aus: Zwar findet die Mehrheit der Schweizer, dass die Schaffung von Geld eine Staatsaufgabe sei. Dennoch lehnen 54 Prozent der Schweizer die Initiative ab. Das geht aus der jüngsten Umfrage des Schweizerischen Rundfunks hervor. Nur 34 Prozent der Befragten wollen mit Ja stimmen.

Laut der Ratingagentur S&P seien die Folgen eines „Ja“ für die schweizerischen Banken nur schwer abzuschätzen. Denn der Politik blieben zwei Jahre Zeit, um die Initiative umzusetzen. Die Analysten vermuten, dass die Politik „vorsichtig vorgehen“ dürfte, um die Auswirkungen auf das schweizerische Finanzsystem zu minimieren.

Egal, wie die Abstimmung am Sonntag ausgeht: Ein Ziel hat die Initiative schon erreicht. „Es beginnt, in den Köpfen zu rattern“, sagt Simon Sennrich. Das Nachdenken über das Geldsystem habe gerade erst begonnen. „Und das nicht nur in der Schweiz.“

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1 Kommentar zu "Vollgeldsystem: Die Schweizer stimmen über eine Finanz-Revolution ab"

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  • Ein großes BRAVO an die Schweizer !
    Irgendwann muß mit dem "FIAT Money" Schluß sein. Mangels entsprechender Aufklärung können die meisten Bürger wenig mit einem für sie doch so essentiellem Problem, wenig anfangen.