Währungskrise in der Türkei Die 5 Optionen der türkischen Notenbank gegen den Lira-Verfall

Der türkische Finanzminister Berat Albayrak hat einen Aktionsplan gegen den Verfall der Lira angekündigt. Doch es kommt vor allem auf die Notenbank an.
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„Europäische Banken haben 150 Milliarden Euro in der Türkei eingelagert “

Athen/FrankfurtDer türkische Finanzminister Berat Albayrak versuchte am Montag, die Märkte zu beruhigen: Berichte, wonach die Regierung plane, Deviseneinlagen einzufrieren oder zwangsweise in türkische Lira zu konvertieren, seien „Lügen“, twitterte der Erdogan-Schwiegersohn und kündigte rechtliche Schritte gegen jene an, die solche Spekulationen verbreiten.

„Einlagen werden nicht beschlagnahmt, Devisen werden nicht in Lira konvertiert“, versicherte Albayrak auf Twitter. Aus Sorge um ihre Deviseneinlagen waren am Freitag viele Türken zu den Banken geströmt, um Dollar und Euro abzuheben. Einige Bankfilialen mussten passen, weil ihnen die Devisen ausgingen.

„Unsere Institutionen werden alle notwendigen Schritte unternehmen, um die Märkte zu entspannen“, kündigte Albayrak an. Der Finanzminister sprach von einem „Aktionsplan“, erläuterte aber nicht, was er beinhalten soll. Wie schon am Freitag, als Albayrak vor Wirtschaftsvertretern die Grundlinien einer neuen Wirtschaftspolitik erläutern wollte, bleib der Minister im Allgemeinen.

Jetzt richten sich die Blicke auf die Zentralbank in Ankara. Bisher waren die Währungshüter auf Tauchstation. In einer am Montagmorgen veröffentlichten Erklärung der Notenbank heißt es, man werde „die Marktentwicklungen eng beobachten und alle notwendigen Maßnahmen treffen, die Finanzstabilität zu sichern“. Das alleine wird aber kaum ausreichen, um die Lage zu beruhigen.

Die Frage ist: Was kann die Notenbank noch tun, um den Verfall der Lira zu stoppen? Grundsätzlich hat sie durchaus mächtige Instrumente. Diese haben jedoch zum Teil dramatische Nebenwirkungen für die Wirtschaft. Sie könnten dazu führen, dass die türkische Wirtschaft in eine Rezession rutscht.

Die Frage ist deshalb auch, ob Staatspräsident Erdogan es zulassen würde, dass die Währungshüter weitreichende Entscheidungen treffen, wie etwa eine starke Zinserhöhung. Zuletzt hat sich Erdogan immer stärker in die Politik der Notenbank eingemischt. Nach seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl in diesem Jahr wurde sein Einfluss auf die Notenbank durch Gesetzesänderungen gestärkt.

Dies macht es für die Notenbank noch schwerer, entschlossen zu handeln, grundsätzlich aber hat sie vor allem fünf Optionen:

1. Verbale Intervention

Die einfachste Möglichkeit ist, dass Notenbankchef Murat Cetinkaya oder Finanzminister Berat Albyrak durch eine öffentliche Erklärung die Märkte beruhigen. Wie mächtig Worte von Notenbankern sein können, hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, in der Euro-Krise bewiesen. Mit den drei Worten „Whatever it takes“, hat er damals für eine Wende gesorgt.

Das Problem der türkischen Notenbank ist allerdings, dass ihre Glaubwürdigkeit sehr gering ist. Viele Investoren zweifeln daran, dass sie noch in der Lage ist, eine unabhängige Geldpolitik zu machen. Alleine mit Worten dürften die Märkte sich daher wohl nicht zufriedengeben. Finanzminister und Notenbankchef könnten aber deutlich erklären, dass die Notenbank unabhängig bleiben soll. Dann müssten sie aber ihren Worten auch Taten folgen lassen.

2. Zinserhöhung

Ein wichtiger Schritt, um Unabhängigkeit zu demonstrieren, wäre eine kräftige Zinserhöhung. Bislang hat Präsident Erdogan sich vehement dagegen ausgesprochen, der hohe Zinsen für „Vater und Mutter allen Übels“ hält. Er setzt auf billige Kredite, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Bereits bei ihrem letzten geldpolitischen Treffen Ende Juli hatten die Währungshüter die Zinsen unverändert gelassen – auf Druck Erdogans, wie Finanzmarktexperten glauben. Entgegen der gängigen ökonomischen Theorie sagte der türkische Präsident kürzlich: „Je niedriger der Zins ist, desto niedriger wird die Inflation ausfallen.“

Die meisten Ökonomen sind hingegen überzeugt, dass höhere Zinsen die Inflation drücken und auch den Wechselkurs stützen könnten. Denn je höher die Zinsen in der Türkei, desto attraktiver wird es für ausländische Investoren, dort Geld anzulegen. Aktuell liegt der Leitzins in der Türkei bei 17,75 Prozent – gleichzeitig aber beträgt die Inflationsrate etwa 16 Prozent.

Damit bleibt Anlegern nach Abzug der Preissteigerung nicht sehr viel übrig. Einige Ökonomen gehen davon aus, dass die Türkei die Zinsen um fünf bis zehn Prozent anheben müsste, um den Markt wirklich zu beeindrucken.

3. Reservegrenzen senken

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Reservegrenzen der türkischen Banken zu senken. Die türkischen Banken müssen einen Teil ihrer Einlagen in Lira und ausländischen Währungen als Reserve halten. Diese Reservegrenzen kann die türkische Notenbank lockern. An diesem Montag hat sie das auch getan.

Dadurch würden dem Markt rund zehn Milliarden Lira, sechs Milliarden Dollar sowie Goldguthaben von drei Milliarden Dollar zugeführt, teilte die türkische Notenbank mit.
Ökonomen sehen den Schritt allerdings zum Teil kritisch, weil dadurch die Wahrnehmung verstärkt worden sei, dass die türkische Notenbank nicht unabhängig ist.

4. Stützungskäufe

Ein weiteres klassisches Instrument der Notenbanken in einer Währungskrise ist eine Intervention am Devisenmarkt durch Stützungskäufe. Die Notenbank würde ihre Devisenreserven wie US-Dollar antasten und damit Lira kaufen. Theoretisch steigt damit die Nachfrage nach Lira und der Kurs müsste aufwerten.

In der Praxis allerdings haben solche Stützungskäufe nur ganz selten funktioniert. Selbst in Ländern, die viel höhere Währungsreserven hatten als die Türkei, wie etwa Russland, sind solche Interventionen schief gegangen. Die Türkei aber verfügt nur über vergleichsweise geringe Währungsreserven in Höhe von etwa 21 Milliarden US-Dollar.

Die Gefahr ist daher sehr groß, dass ein solcher Versuch scheitert. Wahrscheinlich würde er die Probleme sogar verschärfen, denn wenn die Währungsreserven schmelzen wie Schnee in der Sahara, könnte das die Panik der Investoren sogar noch verschärfen.

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5. Kapitalverkehrskontrollen

Scheitern alle Versuche, den Lira-Verfall zu stoppen, blieben als weiteres Mittel noch Kapitalverkehrskontrollen. Das würde Beschränkungen für den Kapitalverkehr bedeuten, etwa dadurch, dass Abhebungen bei Banken und Überweisungen ins Ausland limitiert würden. Vor allem der Internationale Währungsfonds (IWF) hat lange vehement gegen derartige Restriktionen argumentiert. Sie gelten als Hindernis für den freien Handel. Durch den elektronischen Handel und Zahlungsverkehr ist es zudem deutlich schwerer geworden, solche Maßnahmen überhaupt durchzusetzen.

Dass Länder wie jetzt die Türkei Kapitalverkehrskontrollen verhindern wollen, liegt auch daran, dass sie Gift für das Vertrauen von Investoren sind. Denn wenn Unternehmen oder Anleger nicht frei auf ihre Vermögenswerte zugreifen können, hält sie das tendenziell von weiteren Investitionen im Land ab. Der IWF hat dennoch seine vehemente Ablehnung von Kapitalverkehrskontrollen inzwischen revidiert und hält Eingriffe unter bestimmten Umständen für angebracht, wenn die Entwicklung des Wechselkurses nichts mehr mit der fundamentalen Lage des Landes zu tun hat.

Zuletzt hat etwa Griechenland in der Staatsschuldenkrise 2015 Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras musste damals auf massiven Druck der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank die Beschränkungen einführen, um die Kapitalflucht zu bremsen. Die Banken blieben drei Wochen geschlossen, Auslandsüberweisungen wurden zunächst ganz verboten, Barabhebungen an den Geldautomaten anfangs auf 60 Euro am Tag begrenzt, und der Einsatz von Kreditkarten im Ausland wurde strikt limitiert.

Nach einem ähnlichen Muster könnte es in der Türkei ablaufen. Es wäre auch vorstellbar, dass Regierung und Notenbank den Zugriff auf Fremdwährungseinlagen beschränken oder Auszahlungen zwangsweise in Landeswährung konvertiert werden, um die Devisenreserven zu schützen.

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2 Kommentare zu "Währungskrise in der Türkei: Die 5 Optionen der türkischen Notenbank gegen den Lira-Verfall"

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  • Interessanter Kommentar; aber für mich hat Herr Erdogan bereits jetzt nach wenigen Monaten nach seiner Wahl abgewirtschaftet. Die Tendenzen sind bereits seit längerer Zeit zu beobachten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass vorhandene Devisen-Reserven noch "gehoben" werden. Vieler seiner Wähler in der Türkei auf dem "platten" Land sind nicht betroffen, da sie eh nicht über erwähnenswerte Mittel verfügen und sich weitestgehend selbst versorgen. Erdogans Wähler z.B. in Deutschland sind auch nicht direkt betroffen. Es besteht nur die Möglichkeit, dass Herr Erdogan sich aus der Politik der Zentralbank heraushält und diese ihre Arbeit machen lässt, um den bereits angerichteten Schaden noch weiter eskalieren zu lassen

  • Weshalb setzt man sich nicht an einen runden Tisch (EU, EZB, Türkische Nationalbank) und löst das Problem diplomatisch? Gemeinsam kann Europa Hr. Trump durchaus den Wind aus den Segeln nehmen! Win Win mit Wahrung des Gesichts, das wäre mal eine Aufgabe für alle Volksvertreter.

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