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Zinsentscheid „Mehr Schaden als Nutzen“ – Deutsche Banken kritisieren Draghi

Auf breiter Front beschweren sich Banken über das Maßnahmenpaket der EZB. Ein Ökonom hat allerdings einen anderen Hauptverlierer ausgemacht.
Update: 13.09.2019 - 09:10 Uhr 2 Kommentare

Mit diesen Instrumenten bestimmt die EZB die Geldpolitik in Europa

Düsseldorf Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat die deutschen Banken mit seinem jüngsten Maßnahmenpaket enttäuscht. „Die EZB erinnert an einen Autofahrer, der falsch in eine Sackgasse abgebogen ist und dennoch weiter Gas gibt“, erklärte Hans-Walter Peters, Präsident des Privatbankenverbands BdB. „Die EZB hätte schon längst umdrehen müssen, um endlich wieder auf ein normales Zinsniveau zusteuern zu können.“

Die EZB hebt die Strafzinsen für Banken an und nimmt ihre umstrittenen Anleihekäufe wieder auf. Der sogenannte Einlagensatz ist auf minus 0,5 Prozent von minus 0,4 Prozent gesenkt worden, teilten die Euro-Wächter am Donnerstag in Frankfurt mit. Sie kündigten zudem an, die im Dezember 2018 beendeten Anleihekäufe erneut aufzunehmen. Die EZB will ab dem 1. November monatlich Papiere für 20 Milliarden Euro erwerben.

„Es ist ein Irrglaube, in der derzeitig hochgradig labilen weltwirtschaftlichen Lage Nachfrage und Investitionen mit noch tieferen Minuszinsen und noch üppigerer Liquidität anheizen zu wollen“, sagte Peters dazu. Es steige die Wahrscheinlichkeit ähnlicher Zinssenkungen in anderen Wirtschaftsräumen, und das könnte eine Abwertungsspirale in Gang setzen. Überfällig sei es jedoch gewesen, dass die EZB „nun endlich für ihren negativen Einlagensatz einen Staffelzins einführt“.

Auch Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, fand deutliche Worte: „Die noch expansivere Geldpolitik bringt mehr Schaden als Nutzen. Die negativen Auswirkungen dieser Politik überwiegen mittlerweile, gleichzeitig haben sich die positiven Effekte abgenutzt.“ Die beschlossenen Maßnahmen würden nicht dazu beitragen, die realwirtschaftliche Entwicklung oder die Preise anzuschieben. Für die Kreditinstitute rechnet er mit weiter steigenden Belastungen.

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes rechnet mit weiter steigenden Belastungen für die Banken. Quelle: dpa
Helmut Schleweis

Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes rechnet mit weiter steigenden Belastungen für die Banken.

(Foto: dpa)

Früheren Angaben des BdB zufolge koste eine Senkung des Einlagensatzes von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent die deutschen Banken rund 500 Millionen Euro mehr im Jahr, sofern es keine Ausnahmeregelung gebe. Zuletzt hätten die Kosten infolge des Minuszinses bei jährlich 2,3 Milliarden Euro gelegen.

Bundesbank-Bankenaufseher Joachim Wuermeling zeigt sich alarmiert über die anhaltenden Ultratiefzinsen im Euro-Raum. Traditionell hätten Kreditinstitute in Deutschland den größten Anteil ihres Ertrages aus dem Zinsgeschäft gezogen, sagte der Bundesbank-Vorstand dem Magazin „Focus“ laut Vorabbericht. „Dieses Modell wirft bei immer niedriger werdenden Zinssätzen kaum noch etwas ab – weil die Margen immer kleiner werden. Die Bankenaufsicht ist alarmiert.“ Wuermeling ist bei der Bundesbank für die Aufsicht über die Banken zuständig.

Laut Wuermeling verdienten Deutschlands Kreditinstitute 1990 mit 100 Euro verliehenem Sparguthaben noch 1,72 Euro. Heute seien es weniger als ein Euro. Die Geldhäuser müssten handeln, wenn sie keine Verluste machen und überleben wollten. „Banken könnten Minuszinsen bald an noch mehr Kunden weitergeben“.

Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) wirf der EZB vor, eine Geldpolitik mit der Brechstange zu betreiben, wo Geduld gefragt sei. „Weitere Zinsabsenkungen und erneute Anleihekäufe bringen der Wirtschaft keine fühlbaren Impulse mehr, sie verstärkten aber die schädlichen Nebenwirkungen der extremen Geldpolitik“, sagte Kolak. Die EZB bewege sich mit der Wiederaufnahme der Staatsanleihekäufe am Rande dessen, was ihr erlaubt sei.

Warnung vor Blasenbildung

Laut Iris Bethge-Krauß, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands, konterkariert die EZB ihr eigenes Ziel stabiler Märkte. „Je niedriger die Zinsen im Negativbereich, desto höher das Risiko der Blasenbildung“, sagte sie. „Banken werden geschwächt, weil sie kaum noch Erträge erwirtschaften, um Arbeitsplätze zu sichern und Investitionen in digitale Infrastruktur tätigen zu können.“

Einige deutsche Banken verlangen bereits von ihren privaten Kunden einen Strafzins auf Guthaben, in den meisten Fällen für Summen ab 100.000 Euro. Allerdings haben die Institute bislang Abstand davon genommen, die Gebühren einer breiteren Kundengruppe in Rechnung zu stellen.

Ein möglicher Grund dafür: Etwas mehr als die Hälfte der Bundesbürger würde wahrscheinlich die Bank wechseln, sollte ihr eigenes Institut negative Zinsen auf Guthaben einführen. Das war das Ergebnis einer im vergangenen Monat veröffentlichten Studie der Management-Beratung Investors Marketing, für die mehr als 2.000 Privatkunden befragt wurden.

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Klaus Wiener, Chefökonom vom Versicherungsverband GDV, kritisiert: „Mit den heutigen geldpolitischen Entscheidungen nutzt die EZB erneut Instrumente, die Krisensituationen vorbehalten sein sollten. Eine Krise liegt aber weder wirtschaftlich noch politisch vor.“ Schleppende Konjunkturdaten allein reichten für derart gravierende Maßnahmen nicht aus.

Gleichzeitig würden die Nebenwirkungen dieser extremen Positionierung der Geldpolitik immer deutlicher zutage treten. „Und sie werden umso größer, je länger die EZB hieran festhält“, sagte Wiener. „Aus Sicht der Versicherungswirtschaft ist von besonderer Bedeutung, dass die Anreize für Sparer, für das Alter vorzusorgen, schwer beschädigt werden.“ Für die neue EZB-Chefin Lagarde werden die geldpolitischen Weichen damit auf Monate, wenn nicht Jahre gestellt.

Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW in Mannheim sieht ebenfalls eine schwere Hypothek für Lagarde: „Sie verfügt kaum mehr über Handlungsspielraum und ist mit der unter der Präsidentschaft von Mario Draghi entstandenen überzogenen Erwartungshaltung der Märkte an die Allmacht der EZB konfrontiert.“

Die EZB habe zwar handeln müssen, weil ihr Spitzenzpersonal in den vergangenen Monaten sehr hohe Erwartungen im Hinblick auf eine weitere geldpolitische Lockerung geweckt hatte. Das jetzt beschlossene Paket gehe jedoch weit über das Vertretbare hinaus. Es sei beklagenswert, dass sich die Kritiker weiterer Anleihekäufe im EZB-Rat nicht gegen die Fraktion um Präsident Draghi hätten durchsetzen können.

Fuest sieht Sparer als Hauptverlierer

Ifo-Präsident Clemens Fuest sieht dagegen die Sparer anstatt der Banken als Hauptverlierer der sinkenden Zinsen. Schließlich werde der negative Einlagenzins nur für einen Teil der Einlagen der Banken bei der EZB erhoben, um die negativen Auswirkungen auf die Profitabilität der Banken zu begrenzen. „Die EZB kombiniert eine Senkung der Einlagenzinsen für Banken mit der Wiederaufnahme der Anleihekäufe. Da die Anleihezinsen europaweit bereits sehr niedrig sind, muss man davon ausgehen, dass die Wirkungen der neuen Käufe eher gering sind“, sagte Fuest.

Angesichts der Verschlechterung der Konjunktur und der sinkenden Inflationserwartungen hält Fuest die Entscheidung der EZB für „sicherlich vertretbar“. Gleichzeitig werde deutlich, dass die Geldpolitik an Grenzen stoße und Wachstumsimpulse aus anderen Politikbereichen, vor allem wirtschaftspolitische Reformen und bessere Rahmenbedingungen für private und öffentliche Investitionen, kommen müssten.

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Auch Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomik und Konjunkturforschung verteidigt die Entscheidung der Währungshüter: „Angesichts der zuletzt beobachteten konjunkturellen Abkühlung, verbunden mit Inflationsraten weit unter dem Ziel der EZB von 2,0 Prozent, ist die heutige geldpolitische Entscheidung der EZB nachvollziehbar und richtig.“ Zwar sei Deutschland nur ein Teil der Euro-Zone, aber die gestiegenen Rezessionsrisiken in Deutschland könne die EZB nicht ignorieren.

Ein Abschiedsgeschenk an die Märkte sieht LBBW-Chefökonom Uwe Burkert: „Gut für die Banken ist, dass die Überschussreservehaltung entlastet wird. Allerdings schreibt die EZB mit den neuen Anleihekäufen, der längeren TLTRO-Laufzeit und der Forward Guidance die Marktzinsen für sehr lange auf den niedrigen Niveaus fest.“

Die Anleihekäufe könnten sogar noch aufgestockt werden, falls sich die 20 Milliarden Euro als zu gering herausstellen. „In der Summe sieht es ein wenig danach aus, als erwarte der EZB-Rat eine noch deutlichere Abschwächung der Konjunktur als bislang in den Projektionen vorgesehen“, sagte Burkert. „Man könnte auch sagen, er sieht eine Rezession über dem Euro-Raum heraufziehen. Alles Weitere überlässt Draghi aber dann Christine Lagarde.“

Mehr: Banken müssen künftig noch höhere Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Europäischen Zentralbank parken. Das Anleihekaufprogramm wird reaktiviert.

  • Bloomberg
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2 Kommentare zu "Zinsentscheid: „Mehr Schaden als Nutzen“ – Deutsche Banken kritisieren Draghi"

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  • Die weltweite Verschuldung hat sich seit der Finanzkrise verdoppelt, die Schulden werden niemals
    wieder zurückgezahlt. Ich glaube, wenn die Zinsen in einigen Jahren steigen werden wir eine Krise
    nicht geahnten Ausmaßes bekommen mit riesiger Pleitewelle.

  • Warum kann diesen Investmentbanker in der Rolle eines Währungshüters keiner stoppen? Ich vermisse klare Worte unserer Regierung!