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Architektur 100 Jahre Bauhaus – Wie die Schule zur Stilikone wurde

Das Bauhaus gilt als Geburtsstätte der modernen Architektur. Bis heute berufen sich viele auf diese Tradition. Selten zu Recht.
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Kunst und Handwerk sollten zu einer Einheit verschmelzen. Quelle: BLOOMBERG NEWS
Bauhaus in Dessau

Kunst und Handwerk sollten zu einer Einheit verschmelzen.

(Foto: BLOOMBERG NEWS)

Dessau Ein „Bauhaus“ für jedermann ist heutzutage für 237.000 Euro zu bekommen. So viel kostet ein weißes „Kubushaus“, das ein Fertighaushersteller Käufern aufs Grundstück stellt. Fragt sich nur: Was hat das mit der Dessauer Architektur- und Kunstschule Bauhaus zu tun?

100 Jahre nach ihrer Gründung hat sich der Name als globale Marke etabliert, die meist synonym für modernen Stil verwendet, gern aber auch für Marketingzwecke missbraucht wird. Zeit, sich mit dem Vermächtnis einer der einflussreichsten Architekturschulen der Moderne zu beschäftigen.

Wer an Bauhaus denkt, der landet rasch bei klaren Linien, Flachdächern, aufgebrochenen Fassaden mit langen Fensterzeilen, dem Wassily-Stuhl, der Wagenfeld-Lampe und natürlich dem Leitsatz „Form follows Function“. Die Form folgt der Funktion – dieses Bauhaus-Motto ist längst zum geflügelten Wort avanciert.

Nur stammt es gar nicht von den Vertretern des Bauhauses. Geprägt hat diesen Leitsatz der Amerikaner Louis Sullivan bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Auch Sullivan war ein Verfechter klarer Linien. Mit dem Bauhaus hat er aber nichts zu tun.
Die Schule wurde erst mehr als zwei Jahrzehnte später, 1919, in Weimar gegründet. Walter Gropius, der erste Direktor, wollte Kunst und Handwerk wieder zu einer Einheit verschmelzen.

„Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!“, schrieb er in seinem Manifest. Zum Lehrprogramm gehörte die Baukunst genauso wie Malerei, Tischlerei oder Weberei – und alle verstanden sich als formale Avantgarde, die radikal mit dem ornamentalen Jugendstil brachen. „Weniger ist mehr“, brachte der dritte Bauhaus-Direktor Mies van der Rohe die Grundidee auf den Punkt.

Eine einfache Bauhaus-Formel gibt es trotzdem nicht. Sogar die Farbe Weiß ist bei genauerem Hinsehen keineswegs das alleinige Stilmerkmal. In Wahrheit gehören genauso Grau, Rot, Gelb, Blau und Schwarz zur Farbpalette der Bauhäusler. Deren Haltung zur Architektur klingt durchweg selbstbewusst – wenn nicht anmaßend. Der neue Bau werde einst gen Himmel steigen „als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens“, schrieb Gropius in seinem Gründungsmanifest.

Oskar Schlemmer schuf das Wandgemälde. Quelle: imago/Loop Images
Bauhaus Weimar

Oskar Schlemmer schuf das Wandgemälde.

(Foto: imago/Loop Images)

Er wolle neues Wohnen für den neuen Menschen schaffen. Gebäude sollten sich dem Menschen anpassen, Wohnen bezahlbar sein. Nirgends wurde dies deutlicher als unter dem zweiten Direktor des Bauhauses, Hannes Meyer: „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ hieß der Leitsatz. „Die Bauhaus-Designer und -Architekten haben Imperative darüber verbreitet, wie man leben soll, wie man eingerichtet sein soll“, erklärt der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt.

Eine Haltung, die nicht jedem gefiel: So kürzte der damalige nationalkonservative Weimarer Stadtrat der Schule 1925 das Budget und vertrieb sie aus der Stadt. Das Bauhaus zog nach Dessau um. In den sieben Jahren, die die Schule hier verbrachte, prägte sie die Stadt wie keine andere. Dessau wurde zum Experimentierfeld. Bis heute steht dort mit dem Bauhaus-Gebäude eine Architekturikone, die nach den Plänen von Walter Gropius verwirklicht wurde.

In Dessau konnten sich die Meister aber nicht nur verwirklichen, sie mussten sich auch der Realität stellen. „Walter Gropius wollte der Henry Ford des Wohnungsbaus werden“, sagt Architekturhistoriker Voigt. Mit dem Vorhaben, Wohnungsbauten in Massenfertigung herzustellen, ist die Schule krachend gescheitert. In Dessau-Törten wurden 341 Reihenhäuser nach Gropius’ Vorstellungen errichtet. Während der Bauzeit stiegen die Kosten.

Bald offenbarten sich Baumängel: Die Fassaden waren zu dünn, die Stahlfenster mussten durch Holzfenster ersetzt werden. Die Siedlung gibt es zwar heute noch. Doch kaum eine Handvoll der Häuser entspricht noch den ursprünglichen Vorstellungen. Im Laufe der Jahre wurden die meisten Immobilien umgebaut. Auch wegen solcher offensichtlicher Schwächen urteilte der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer einmal: „Das Bauhaus war ein Paradies der Mittelmäßigkeit.“

Das Konzept, Wohnungsbau zum Serienprodukt zu entwickeln, gipfelte später in seiner krassesten Form, den Plattenbauten. Richard Paulick, Planer der DDR-Plattenbausiedlung Halle-Neustadt, hatte eng mit den Bauhaus-Meistern Walter Gropius, Georg Muche und Marcel Breuer zusammengearbeitet.

Wer Zeugen der Bauhaus-Architektur sucht, der findet sie fast überall auf der Welt – und doch fast nirgends. Was wie Bauhaus aussieht, entpuppt sich nicht selten als Neue Sachlichkeit, Funktionalismus oder Internationaler Stil, die alle eine ähnliche Formensprache prägt.

Unscharfe Definition

Kaum ein Ort verdeutlicht dieses Missverständnis besser als die „Weiße Stadt“ in Tel Aviv, die angeblich über den größten Bestand an Bauhaus-Gebäuden verfügt. „Viele der 4.000 weißen Häuser mit Flachdach mögen auf den ersten Blick aussehen wie Bauhaus-Architektur. Mit Arieh Sharon hat dort auch ein Bauhaus-Schüler ein spannendes genossenschaftliches Wohnprojekt umgesetzt.

„Das Gros der Gebäude hat mit Bauhaus aber wenig zu tun“, sagt Architekturhistoriker Voigt. Schon die Tatsache, dass in Tel Aviv spekulativer Hausbau betrieben wurde, sei für die Schule, die bezahlbares Wohnen im Sinn hatte, untypisch. Da sich in Tel Aviv in der Tat einige Bauhaus-Schüler verwirklichten, seien Einflüsse auf die Weiße Stadt zwar nicht abzusprechen. Die Werbung als größtes bestehendes Bauhaus-Erbe hält Voigt aber für Etikettenschwindel.

Dass es häufig zu Missverständnissen darüber kommt, was denn echtes Bauhaus sei und was nicht, erklärt die Bauhaus-Stiftung in Dessau mit einem möglichen Ur-Denkfehler: „Den einen Bauhaus-Stil gibt es nicht“, sagt Claudia Perren, Direktorin der Bauhaus-Stiftung in Dessau. Dort wird vor allem die Bedeutung des Bauhauses als Kristallisationspunkt für die gesamte Architektur der Moderne betont.

Die Schule saugte die zahlreichen Strömungen, die es in der europäischen und globalen Architektur der damaligen Zeit gab, auf, konzentrierte sie und gab sie an die Studierenden weiter. „De Stijl“ in den Niederlanden oder die stadtplanerische Reformbewegung „Neues Frankfurt“ sind dafür typische Beispiele.

Streng genommen verdiene ein Gebäude also nur den Namen Bauhaus, wenn es von einem der Meister oder Schüler des Bauhauses stammt. Von ihnen allerdings gab es nur wenige Hundert. Nachdem die Nationalsozialisten die Wahlen in Dessau gewonnen hatten, schlossen sie 1932 die Schule. Mies van der Rohe führte das Bauhaus noch knapp anderthalb Jahre in Berlin weiter, bevor es endgültig schließen musste.

Luxus statt Low Cost

Ihre große Wirkung entfalteten die Meister des Bauhauses nicht zuletzt im Exil. Mies van der Rohe, Walter Gropius und László Moholy-Nagy emigrierten in die USA. Letzterer gründete in Chicago das „New Bauhaus“. „Die Moderne wurde führend in den USA der 1950er- und 1960er-Jahre weiterentwickelt. Amerika stand nach dem Zweiten Weltkrieg schlicht für die Leitkultur. So wurden die Moderne und mit ihr auch die Ideen des Bauhauses in die Welt getragen“, erklärt Voigt.

„Weniger ist mehr.“ Quelle: ullstein bild - Timpe
Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe

„Weniger ist mehr.“

(Foto: ullstein bild - Timpe)

Auch der Architekturhistoriker kritisiert einen allzu unscharfen Umgang mit dem Bauhaus-Vermächtnis. Als Beispiel führt er das Seagram Building von Mies van der Rohe in New York an: Das bronzefarbene, 157 Meter hohe Gebäude mit seiner auffällig großen Raster-Glasfassade gilt bis heute als Ikone moderner Architektur. Es entstand jedoch im Kontext des Internationalen Stils. Nur weil van der Rohe Bauhaus-Direktor gewesen ist, seien nicht gleich alle seiner Werke dem Bauhaus zuzuordnen.

„Die Chicago-Phase von Mies hat viel zu tun mit beinahe klassizistischer Schönheit und Proportion, Akzent auf Material, auf zelebriertem Detail, Raster und Serialität. Edle Bauten für die Reichen. Alles nicht Bauhaus“, erklärt Voigt. Ohne Zweifel aber hat das Bauhaus die Architektur in die Neuzeit geführt. Dass die Schule trotz ihrer kurzen Existenz unter all den verschiedenen Strömungen noch heute hervorsticht, schreiben viele ihrem ersten Direktor Walter Gropius zu.

Der soll zwar ein miserabler Zeichner gewesen sein – für einen Architekten seiner Zeit eine reichlich ungünstige Voraussetzung –, aber ein umso besserer Kommunikator, ja Propagandist. Der Name Bauhaus strahlt heute deutlich stärker als etwa Neues Frankfurt oder De Stijl. „Im Bauhaus steckt für mich eine der wichtigsten Lichtgestalten der Architektur“, würdigt Kai-Uwe Bergmann, Partner des Architekturbüros Bjarke Ingels, das Vermächtnis.

Seit 1996 als Unesco-Welterbe geadelt. Quelle: imago/Rainer Weisflog
„Meisterhaus“ in Dessau

Seit 1996 als Unesco-Welterbe geadelt.

(Foto: imago/Rainer Weisflog)

Anders als die Stile vor ihm habe es die verschiedenen Künste und Gewerke zusammengebracht, von der Innen- und Außenarchitektur bis zur Einrichtung und dem Landschaftsbau. „Unsere heutige Architektur besitzt zwar eine andere Formsprache. Die holistische Idee aber prägt uns noch immer“, sagt Bergmann.

Vermutlich weil nicht immer ganz klar ist, wo Bauhaus anfängt und wo es aufhört – und weil es seine Meister versäumten, den Begriff frühzeitig schützen zu lassen –, wird sein Name heute so oft für Marketingzwecke missbraucht. Die Direktorin der Dessauer Bauhaus-Stiftung nimmt es sportlich. Dies zeige letztlich, „über welche Attraktivität die Bauhaus-Gestaltungsideen und Designansätze nach wie vor verfügen“, sagt sie.

Seinem größten Ideal, Volksbedarf statt Luxusbedarf zu schaffen, wurde das Bauhaus bis heute allerdings nicht gerecht. Wer einen Nachbau der Wagenfeld-Lampe kaufen möchte, der muss dafür mehr als 400 Euro berappen, ganz zu schweigen von Originalen aus der Bauhaus-Zeit. Plagiate gibt es wesentlich günstiger – und passen schon deshalb gut ins Fertighaus im „Bauhaus-Stil“.

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