Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Baubranche in der Krise In Indien zeichnet sich eine milliardenschwere Immobilienkrise ab

In Indien stehen Hunderttausende Wohnungskäufer vor unfertigen Rohbauten. Immobilienentwicklern geht das Geld aus. Nun will die Regierung helfen.
Kommentieren
Die indischen Projektentwickler haben den Wohnungsbedarf überschätzt. Bei einigen Neubauprojekten in der Stadt nahe Neu-Delhi gibt es Finanzierungsprobleme. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Apartments in Noida

Die indischen Projektentwickler haben den Wohnungsbedarf überschätzt. Bei einigen Neubauprojekten in der Stadt nahe Neu-Delhi gibt es Finanzierungsprobleme.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Bangkok Parshuram Ojha glaubte, den perfekten Ort für seinen Ruhestand gefunden zu haben. Die Wohnanlage in einer Satellitenstadt der indischen Metropole Delhi lockte mit dem Versprechen auf einen Lebensabend voller Annehmlichkeiten: Ein Swimmingpool, eine Yoga-Halle und ein Tennisplatz waren geplant. Und zwischen den Hochhäusern des Wohnkomplexes hatten die Immobilienentwickler noch ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal eingeplant: eine Neun-Loch-Golfanlage.

Im März 2014 unterschrieb Ojha, der seine Karriere als Angehöriger der indischen Luftstreitkräfte verbrachte, den Kaufvertrag für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in dem Immobilienprojekt. Nur wenige Monate später stellte der Bauherr die Arbeiten an dem Projekt ein. Der Immobilienentwickler Amrapali meldete Zahlungsschwierigkeiten aufgrund der Abkühlung am Immobilienmarkt.

Lesen Sie auch:

Es kam zu einem Insolvenzverfahren. Das Unternehmen verlor seine Zulassung. Wohnungen, auf die Käufer wie Ojha seit Jahren warten, sind nach wie vor unvollendet. Ojha ist inzwischen 61 Jahre alt. Für den Wohnungskauf hatte er einen Großteil seiner Altersvorsorge investiert und auch einen Kredit aufgenommen. „Ich ärgere mich hauptsächlich über mich selbst“, sagt er.

Rund um Indiens Metropolen befinden sich Hunderttausende Menschen in einer ähnlichen Situation. Sie träumten von einem neuen Zuhause für ihre Familien. Nun müssen sie den Totalverlust ihres Kapitals befürchten.

In Asiens drittgrößter Volkswirtschaft zeichnet sich eine milliardenschwere Immobilienkrise ab. Den Subkontinent plagen massive konjunkturelle Probleme. Am Immobilienmarkt herrscht Überangebot. Die Baubranche leidet unter Liquiditätsengpässen, die an die Folgen des Zusammenbruchs der Investmentbank Lehman Brothers erinnern. Mit einem Milliardenpaket will die Regierung von Premierminister Narendra Modi nun gegensteuern. Doch Experten zweifeln, dass das reicht.

Die Herausforderung ist gewaltig: 575.000 Wohneinheiten können derzeit laut Daten des Marktforschers Anarock wegen zum Teil erheblicher Verzögerungen nicht wie geplant an ihre Käufer übergeben werden. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl der neuen Wohneinheiten, die in den vergangenen drei Jahren auf den Markt kamen, beträgt 460.000. Zu den verzögerten Projekten zählen auch rund 175.000 Wohnungen, an deren Baustellen es zu einem kompletten Stillstand gekommen ist. Der Gesamtwert der Bauvorhaben, bei denen es Probleme gibt, beträgt umgerechnet fast 60 Milliarden Euro.

Grafik

Indiens Finanzministerin Nirmala Sitharaman sieht Handlungsbedarf. Anfang November verkündete sie Pläne für einen Fonds mit einem Volumen von umgerechnet mehr als 3,1 Milliarden Euro, um die ausgebremsten Bauprojekte wieder anzuschieben. Unternehmen können die Gelder beantragen. Etwas mehr als ein Drittel des Geldes kommt direkt aus dem Haushalt der Zentralregierung. Den Rest sollen die Staatsbank SBI und ein staatliches Versicherungsunternehmen beisteuern. In einem halben Jahr soll der Fonds startbereit sein und dann Finanzierungen für Projekte bereitstellen, denen mitten im Bau das Geld ausgegangen ist.

Entgegen früheren Planungen sollen dabei ausdrücklich auch Bauvorhaben unterstützt werden, die von den Banken längst abgeschrieben wurden oder die sich in einem Insolvenzverfahren befinden. 1600 Immobilienprojekte, die Wohnungen im unteren und mittleren Preissegment bieten, könnten nach Angaben der Ministerin davon profitieren. „Das wird den finanziellen Stress einer großen Zahl an Wohnungskäufern lindern, die ihr hart verdientes Geld investiert haben“, versprach die Regierung.

Finanziers Schattenbanken

Seit Jahren belastet der schwere Zugang zu Finanzquellen die indische Immobilienwirtschaft. Nach der Weltwirtschaftskrise von 2008 wurden Indiens Banken, die seit Langem unter großen Mengen an faulen Krediten in ihren Büchern leiden, mit der Vergabe neuer Darlehen vorsichtig. Sogenannte Schattenbanken, Finanziers jenseits der klassischen Kreditinstitute, brachten sich als Alternative ins Spiel und wurden für viele Immobilienentwickler zu den wichtigsten Geldgebern.

Vor einem Jahr aber endete die Symbiose abrupt, als IL&FS, eine der größten Schattenbanken in Indien, unter einer Schuldenlast von fast 13 Milliarden Dollar zusammenbrach. Ähnlich wie nach dem Kollaps von Lehman Brothers im Jahr 2008 folgte eine Vertrauenskrise. Die Liquidität bei den übrigen Schattenbanken trocknete aus, und die Darlehensgeschäfte mit den Immobilienentwicklern brachen ein. Laut dem Beratungsunternehmen JLL hat sich die Kreditvergabe innerhalb eines Jahres auf zuletzt 4,5 Milliarden Dollar nahezu halbiert.

Die Folge der finanziellen Turbulenzen bekommt die Immobilienwirtschaft im ganzen Land zu spüren. Die Zahl der Projektentwickler, die sich im Insolvenzverfahren befinden, hat sich seit vergangenem Jahr auf über 420 verdoppelt.

Betroffen sind auch Prestigeprojekte. Das Hochhaus Palais Royale in Mumbai sollte mit rund 300 Meter Höhe Indiens größter Wolkenkratzer werden. Obwohl die Bauarbeiten bereits vor einem Jahrzehnt begannen, gibt es von dem Gebäude der Superlative noch immer nicht mehr als einen Rohbau, der im Stadtteil Worli über einer der teuersten Wohngegenden der Metropole thront.

Der Bau des Prestigeprojekts in Mumbai stockt. Quelle: Bloomberg
Palais Royale

Der Bau des Prestigeprojekts in Mumbai stockt.

(Foto: Bloomberg)

Manche Käufer der rund 160 Apartments zahlten mehr als sechs Millionen Euro für die luxuriösen Wohnungen, in denen wohlhabende Unternehmer, Banker und Bollywood-Schauspieler ein neues Zuhause wähnten. Auf ihren einmaligen Ausblick auf die Schrägseilbrücke über Mumbais Bucht von Mahim müssen sie aber nach wie vor verzichten.

Nach juristischen Streitigkeiten und Finanzproblemen schlitterte der Entwickler des Projekts, Shree Ram Urban Infrastructure, in die Insolvenz. Die Schattenbank Indiabulls Housing Finance (IHFL) blieb auf Forderungen von 125 Millionen Euro sitzen. Ein erster Versuch, den Rohbau, der zunehmend einem Geisterturm gleicht, zu versteigern, schlug im Mai fehl. Zwei Monate später fand sich dann doch ein Käufer, der umgerechnet knapp 90 Millionen Euro zahlte.

Für die Schattenbank ist das aber nur eine kleine Erleichterung: IHFL leidet an Refinanzierungsproblemen. Die Ratingagentur Moody‘s senkte zuletzt ihre Bewertung und hat für das Unternehmen einen negativen Ausblick. Der Aktienkurs von IHFL ist seit Jahresbeginn um 75 Prozent eingebrochen.

IHFL ist nicht der einzige Immobilienfinanzierer mit Problemen. Einer der größten Marktteilnehmer, Dewan Housing Finance Corporation (DHFL), der 2010 die indische Baufinanzierungstochter der Postbank übernommen hatte, droht unter einem Schuldenberg von fast 14 Milliarden Dollar zusammenzubrechen. Nachdem das Unternehmen im Juni erste Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen konnte, verhandelte es zuletzt mit Geldgebern über Rettungsmaßnahmen – ohne Erfolg.

Vergangene Woche übernahm die Zentralbank die Kontrolle über DHFL und leitete ein Insolvenzverfahren ein. Banken, die DHFL Geld liehen, drohen milliardenschwere Abschreibungen. Sie sitzen bereits jetzt auf faulen Krediten von 130 Milliarden Dollar. Die Ratingagentur S&P warnte‧ vergangenen Monat, dass die Krise der Schattenbanken auf die Kreditinstitute überschwappen könnte.

Angesichts der Risiken sorgt das milliardenschwere Hilfspaket der Regierung für die Fertigstellung angeschlagener Immobilienprojekte in der Branche für vorsichtiges Aufatmen. Die Maßnahme hätte nicht zu einer besseren Zeit kommen können, kommentierte Anarock-Chef Anuj Puri.

„Endlich werden unzählige Wohnungskäufer ein Licht am Ende des Tunnels sehen.“ Andere Beobachter verweisen darauf, dass die Regierungsgelder nur einen Bruchteil des tatsächlichen Finanzbedarfs abdecken. Honeyy Katiyal, Gründer des Immobilienberaters Investors Clinic, sagte: „Der angekündigte Fonds ist nicht ausreichend, um die Herausforderungen zu bewältigen.“ Katiyal sieht den Hilfsfonds lediglich als ersten Schritt.

Sorgen bleiben

Auch Analysten halten ein schnelles Ende der indischen Immobilienkrise für fraglich, selbst wenn es der Regierung tatsächlich gelingen sollte, die gestoppten Projekte wieder in Gang zu bringen. „Wenn die Projekte auf den Markt kommen, wird sich das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage weiter verschärfen“, stellt das zur Fitch-Gruppe gehörende Unternehmen India Ratings and Research fest.

Die Immobilienentwickler haben den Markt in den vergangenen Jahren zu positiv eingeschätzt. Das Angebot übertrifft die Nachfrage. Laut dem Beratungsunternehmen Knight Frank fanden sich in der ersten Jahreshälfte für fast eine halbe Million Wohnungen in den großen Ballungsräumen keine Käufer. Laut einer Untersuchung des Immobilienportals PropTiger sanken die Verkaufszahlen im jüngsten Quartal um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Mit Blick auf Indiens Konjunktur scheint es kaum Gründe dafür zu geben, dass die Kauflaune bald wieder steigt: Die Wachstumsrate sank zuletzt auf fünf Prozent – den niedrigsten Wert seit sechs Jahren. Sie gilt damit als zu niedrig, um genug Jobs für die mehr als zwölf Millionen Inder zu schaffen, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt strömen. Analysten strichen ihre Prognosen für das restliche Finanzjahr zusammen. Die Weltbank spricht von einer schwerwiegenden konjunkturellen Abkühlung. Grund sei vor allem die schwache inländische Nachfrage.

Wohnungskäufer Parshuram Ojha, der sich in einer Satellitenstadt nahe Delhi ein neues Zuhause schaffen wollte, hat kaum noch Hoffnung auf Besserung. Die Projekte seines Immobilienentwicklers werden Medienberichten zufolge wahrscheinlich nicht die Voraussetzungen für Regierungshilfen erfüllen. Auf die Frage, ob er wohl in absehbarer Zeit in seine Wohnung ziehen könne, antwortet der 61-Jährige: „Das weiß nur Gott.“

Mehr: Bei einem Treffen mit dem indischen Präsidenten Modi sagte Kanzlerin Merkel, Deutschland wolle an großen Infrastrukturprojekten in Indien beteiligt sein.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Baubranche in der Krise - In Indien zeichnet sich eine milliardenschwere Immobilienkrise ab

0 Kommentare zu "Baubranche in der Krise: In Indien zeichnet sich eine milliardenschwere Immobilienkrise ab"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.