Ein Jahr nach dem Londoner Hochhausbrand Wohnungen hinter brandgefährlichen Fassaden sind praktisch unverkäuflich

Der Brand der Grenfell-Tower prägt den Immobilienmarkt: 300 Hochhäuser in Großbritannien haben entflammbare Fassaden – und finden keine Käufer.
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Wohnungen verlieren bis zu 90 Prozent ihres Wertes. Quelle: Handelsblatt
Wohnhochhaus New Capital Quay in London

Wohnungen verlieren bis zu 90 Prozent ihres Wertes.

(Foto: Handelsblatt)

LondonDer Blick geht weit über die Themse, am anderen Ufer ragen die Banken-Türme des Londoner Finanzviertels Canary Wharf in die Höhe. Die Aussicht aus dem North Admiral Tower im Stadtteil Greenwich ist spektakulär. Hinter der silbrig glänzenden Alu-Fassade des 13-stöckigen Apartment-Turms verbirgt sich jedoch gefährliches Material: Es ist entflammbar, ähnlich wie jenes, was vor einem Jahr zum Inferno im Grenfell Tower geführt hat.

Seit dies bekannt ist, sind die Immobilienpreise in der Luxusanlage New Capital Quay in den Keller gefallen. Als Cecile Langevin vor einigen Monaten ihre Dreizimmerwohnung verkaufen wollte, weil sie ein zweites Kind erwartete, wurde ihr mitgeteilt, dass ihr Apartment nur noch 50.000 Pfund wert sei. Bezahlt hatte sie für die Eigentumswohnung beim Erstbezug vor vier Jahren noch 475.000 Pfund. 

„Es ist ein Skandal“, sagt John Smith, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will. Der 36-jährige Investmentbanker wohnt ebenfalls in der Anlage, einer von 2000 Eigentümern und Mietern. Smith hat für seine Duplex-Wohnung einst mehr als eine Million Pfund bezahlt. Was seine Wohnung heute wert ist, weiß er nicht. Er müsste wohl einen erheblichen Verlust hinnehmen, schätzt er. „Zum Glück muss ich gerade nicht umziehen. Ich kann mit dem Verkauf warten, bis das Problem gelöst ist.“ 

Hausverwalter versuchen die Kosten auf die Eigentümer abzuwälzen

Ein Jahr nach dem Grenfell-Inferno gibt es in ganz Großbritannien noch immer rund 300 Hochhäuser, deren Fassaden mit brennbarem Material verkleidet sind. Darunter sind 130 mit Eigentumswohnungen, die zum Teil erhebliche Wertverluste erlitten haben. In vielen Fällen ist ungeklärt, wer für die Fassadenrenovierung aufkommt.

Bauherren und Hausverwaltungen sperren sich und versuchen, die Kosten auf die Wohnungseigentümer abzuwälzen. Versicherer fühlen sich nicht zuständig. Solange der Streit anhält, greifen einige Firmen nun zu einer Zwischenlösung: Feuer-Aufseher patrouillieren rund um die Uhr, um im Brandfall Alarm zu schlagen – auch im New Capital Quay. 

„Es ist ein komisches Gefühl, wenn du weißt, dass deine Fassade Feuer fangen kann“, sagt eine junge Mutter, die gerade mit dem Kinderwagen vom Spielplatz kommt. Immerhin wohne sie nur im dritten Stock und wäre bei einem Brand schnell auf der Straße. „In den höheren Stockwerken ist es etwas anderes“, bemerkt sie. 

Die Ruine des Wohnhochhauses soll abgerissen werden. Quelle: Reuters
Grenfell Tower nach der Brandkatastrophe

Die Ruine des Wohnhochhauses soll abgerissen werden.

(Foto: Reuters)

Was passieren kann, wenn eine Fassade in Flammen aufgeht, erfuhren die Briten vor einem Jahr auf bitterste Weise. 71 Menschen starben im Grenfell Tower im Stadtteil Kensington, eine weitere Person erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Kurz vor dem ersten Jahrestag des Infernos am 14. Juni ist das ausgebrannte Gerippe des Turms wieder auf den Titelseiten. Und es wird deutlich, dass viele Dinge noch nicht angegangen wurden. 

Premierministerin Theresa May sagte diese Woche, die Regierung habe vor, entflammbare Fassadenverkleidung zu verbieten. Doch entschieden wurde noch nichts, die öffentliche Anhörungsfrist läuft noch bis Juli. Die offizielle Grenfell-Untersuchungskommission hatte in ihrem Abschlussbericht vergangene Woche gewarnt, ein Verbot von Fassadenteilen reiche nicht aus. Das tiefere Problem sei die Einstellung vieler Baufirmen. Zu häufig gehe es nur darum, „die Dinge schnell und billig zu bauen“, heißt es in dem Bericht.

Auch die Regierung selbst wird darin scharf kritisiert. Bauvorschriften seien vage und würden nicht ausreichend kontrolliert. Die Zahl der Strafen sei im vergangenen Jahrzehnt um 75 Prozent zurückgegangen – ein Zeichen für laxe Überwachung. 

Der Staat muss zahlen

Selbst wenn entflammbare Fassadenverkleidung künftig verboten werden sollte, bleibt die Frage, wer für die Entfernung der bereits verbauten Teile aufkommt. Im Fall von Sozialwohnungen wie dem Grenfell Tower ist jetzt klar: Die Regierung wird die geschätzten Kosten von 400 Millionen Pfund übernehmen, um den Kommunen zu helfen. Das Geld kommt aus dem regulären Budget für Wohnungsbau. Das bedeutet, dass entsprechend weniger Sozialwohnungen gebaut werden können.

Bei privaten Eigentumswohnungen könnte sich der Streit noch Jahre hinziehen. Manche Besitzer haben Glück. So hat der Bauherr des Citiscape-Komplexes im Südlondoner Stadtteil Croydon entschieden, für die Renovierung der Fassade aufzukommen. Der Immobilienkonzern Barratt Homes hatte den Turm mit 95 Wohnungen im Jahr 2002 gebaut. Nachdem ein Gericht geurteilt hatte, dass die einzelnen Wohnungseigentümer die Kosten von zwei Millionen Pfund unter sich aufteilen müssen, erklärte sich Barratt bereit einzuspringen. Man habe sich dazu entschieden, weil viele Eigentümer noch die damaligen Barratt-Kunden seien, teilte die Firma mit. „Obwohl wir das Gebäude weder besitzen noch irgendeine Haftung für die Fassadenverkleidung haben, setzen wir unsere Kunden an vorderste Stelle. Am wichtigsten ist es jetzt, dass die Eigentümer und Bewohner wieder ruhig schlafen können.“

Andere Bauherren sind nicht so großzügig. Im New Capital Quay ist keine Einigung in Sicht. Die Kosten für die Renovierung der brennbaren Fassade werden auf bis zu 40 Millionen Pfund geschätzt, und niemand will dafür aufkommen. Die Immobilienfirma Galliard Homes, die die elf Wohnblöcke gebaut hat und bis heute verwaltet, streitet mit der Versicherung, wer für die Schadenregulierung zuständig ist.

„Die Immobilienfirma ist ein absolutes Desaster“, sagt Wohnungseigentümer Smith. „Sie haben so viel gebaut, dass sie sich übernommen haben.“ Er vermutet, dass die Firma Bankrott erklären wird, um der Millionenzahlung zu entgehen. Galliard Homes wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Am Ende könnte auch hier der Staat einspringen. „Es wird der Regierung wohl nichts anderes übrig bleiben“, sagt Smith. Sie habe die Bauvorschriften erlassen und trage eine Mitverantwortung.

Im Fall von Langevin haben die Behörden bereits reagiert. Sie hatte für die Anzahlung der Wohnung einen zinsfreien staatlichen Förderkredit in Höhe von 95.000 Pfund aufgenommen. Angesichts des Wertverlusts ihrer Wohnung haben die Behörden ihr nun 85.000 Pfund davon erlassen, sie muss nur 10.000 Pfund zurückzahlen. Es ist nur ein kleiner Trost, denn den Bankkredit nimmt ihr niemand ab.

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