Landschaftsarchitekt Dr. Andreas Kipar auf Zeche Zollverein

Ob Mailand oder Essen – der im Ruhrgebiet aufgewachsene Architekt findet in jeder Stadt genügend Platz für die Natur.

(Foto: Dominik Asbach für Handelsblatt)

Interview mit Andreas Kipar „Wir brauchen Natur in unseren Städten" – Landschaftsarchitekt fordert Umdenken in der Städteplanung

Landschaftsarchitekt Andreas Kipar erklärt, wo Städteplaner umdenken sollten, warum Moskau ein Vorbild ist und wie oft er sein Auto noch benutzt.
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Andreas Kipar schwärmt von der Zeche Zollverein. Nicht nur die Industriekultur hat es dem gebürtigen Gelsenkirchener angetan. Die Zeche ist für den Landschaftsarchitekten ein gelungenes Beispiel dafür, wie Städte mit ihrem industriellen Erbe umgehen sollten. Ein Kulturort mit viel Natur, wo gern auch etwas Wildwuchs herrschen darf.

Der Mann, der mit seinem sogenannten Acht-Strahlen-Modell die Natur und Frischluft in die Mailänder Innenstadt holte, ist überzeugt: Städte müssen menschenfreundlicher werden – und das heißt grüner. Wo Worte zur Erklärung nicht ausreichen, greift Kipar zum Stift. Immer wieder hält er während des Interviews seine Vorstellung von der Gebäude-Mensch-Natur-Beziehung in Skizzen fest.

Herr Kipar, in unseren Städten wird eine regelrechte Olympiade ausgetragen – immer dichter, höher und teurer wird gebaut. Ist das noch gesund?
Es geht sehr vieles am Menschen vorbei, leider. Mit gewissen Grundsätzen müssen wir aber leben. Dazu gehört auch, dass Boden teuer ist und deshalb in die Höhe gebaut wird. Wir müssen nachverdichten. Aber fast jeder verbindet damit Enge, bekommt gleich Halsschmerzen und Atemprobleme. Dabei ist eine dichte Stadt erst einmal nichts Schlechtes. Sie muss nur gleichzeitig kompakt sein.

Wie meinen Sie das?
Es gibt viele Städte, die noch viel dichter sind als Frankfurt, München oder Berlin. Kein Mensch aber würde sagen, dass Rom eine schlechte Stadt ist, nur weil sie dicht ist.

In anderen Worten: Wir jammern zu viel in Deutschland?
In Mailand leben 8000 Menschen pro Quadratkilometer. In München, der am dichtesten besiedelten Stadt Deutschlands sind es 4400, also nur knapp die Hälfte. Natürlich erfordern kompakte Städte ganz andere Organisationsformen des öffentlichen Raumes, eine ganz andere Mobilität. Genau deshalb müssen wir umdenken: Nicht das Gebäude, sondern die Landschaft muss im Zentrum der Planung stehen.

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Wenn nun aber mehr Natur in die Stadt einzieht, bleibt weniger Platz zum Bauen. Die Städte werden also noch teurer.
Das kann man so pauschal nicht sagen. Fest steht: Wir brauchen die Natur in unseren Städten. Denn die Folgekosten einer fehlenden Natur in den Städten werden weitaus höher sein als die Baukosten. Denken wir nur an den Klimawandel.

Wir brauchen Schattenflächen, grüne Lungen und Regengärten, in denen Wasser von starken Regenfällen abfließt und die uns vor Überflutungen bewahren. Das Klima stellt die Stadtplanung vor neue Herausforderungen.

In Frankfurt wird wegen eines neuen Stadtteils darüber gestritten, ob die Frischluftzufuhr gekappt wird.
Wir sollten viel öfter über diese natürlichen Begebenheiten der Städte nachdenken. Natürlich spielt es eine Rolle, über welche Kaltluftschneisen der Wind in die Städte bläst. Wenn ich mir das durch eine Hochhauskulisse verbaue und die Luft in den Stadtkernen steht, ist das ein Problem.

Wenn ich Windkanäle schaffe, in denen sich kein Mensch mehr aufhalten kann, ist das aber ebenfalls ein Problem. Das sind entscheidende Themen der Zukunft.

Aber woher nehmen wir den Platz für neue Strategien?
Der Platz ist da, wir müssen ihn nur besser nutzen. Der öffentliche Raum müsste am Anfang der Überlegungen stehen. Das ist der entscheidende Punkt, um aus dem Dilemma herauszukommen, damit unsere Städte nicht mehr so zusammengewürfelt werden. Wir müssen über Bezirksgrenzen hinweg denken und Bezugsräume schaffen. Erst danach kommt das Gebäude. Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt stehen.

Steht er beim Wohnen nicht immer im Mittelpunkt?
Seit vor 100 Jahren der Bauhaus-Stil umgesetzt wurde, hat sich das Dogma „Form follows Function“ in den Städten verselbstständigt. Wir tanzen um das goldene Kalb der Rationalisierung. Aber am Ende kostet es zu viel, weil die Folgekosten aus dem Ruder laufen. Heute brauchen wir eine Gegentendenz. Wir wollen neue Emotion, neue Spiritualität in die Stadt bringen.

Und wer bezahlt das?
Das bezahlt die Gesellschaft. Aber wenn wir es nicht machen, bezahlt es auch die Gesellschaft, und zwar doppelt und dreifach. Wir müssen umdenken, hin zu einer grünen Strategie. Das Konzept der grünen Infrastruktur, das 2013 von der Europäischen Kommission eingeführt wurde, hilft uns dabei.

Was heißt das denn, „grün“?
Es geht in erster Linie um ein strategisch geplantes Netzwerk natürlicher Flächen. Wir müssen unsere Städte resilienter gestalten. Wir brauchen zum Beispiel viel mehr Bäume. Die Traditionsbäume der Urbanisierung, die Kastanien und Linden, sterben. Die Platanen sterben. Sie alle leiden unter Hitzestress.

Die Folgekosten einer fehlenden Natur in den Städten werden weitaus höher sein als die Baukosten. Andreas Kipar

Wir brauchen nicht mehr 100 Bäume einer Art in Reih und Glied, sondern lieber 50 verschiedene Arten. Wenn eine Art vertrocknet, ist das kein Problem, denn die nächste besteht ja noch. Im kommenden Jahr kann es dann umgekehrt aussehen.

Trotzdem werden wir nicht unendlich mehr Platz schaffen können.
Die Wohnung steht für Intimität, sie wird künftig wieder kleiner werden. Wir müssen uns fragen: Was ist uns der öffentliche Raum wert? Denn er wird mehr und mehr zum Lebensraum. Dass es sich lohnt, ihn mehr wertzuschätzen, sehen wir heute schon in mediterranen Städten wie Mailand, wo das sehr gut funktioniert.

Dort haben Sie auch Ihr Acht-Strahlen-Modell umgesetzt. Was können wir davon lernen?
Vorhandene, sehr dichte Städte können wir natürlich nicht komplett neu bauen. Aber da, wo es freie Flächen gibt, können wir eine Art grünen Bypass um das organische Zentrum herumentwickeln.

Wie soll das funktionieren?
Gebäude werden vermutlich höher, und um sie herum wird mehr Freiraum entstehen. Wir müssen öffentlichen Raum mehrdimensional denken. Er besteht nicht nur – auf der Erdgeschossebene – aus Parks um die Häuser herum. Darunter haben wir U-Bahn-Ebenen und darüber wird es in den Häusern öffentlichen Raum geben.

Schauen Sie sich die neuen Architekturen in Singapur an, da gibt es in Hochhäusern zwei oder drei Etagen, die nicht zugebaut werden. Die sind mit Grün durchzogen, und Brücken verbinden die Gebäude.

Grüne Stadtplanung in der Millionenstadt Moskau. Quelle: LAND
Grünes Moskau

Grüne Stadtplanung in der Millionenstadt Moskau.

(Foto: LAND)

Ein grünes Hochhaus allein ist doch mehr Greenwashing als Klimarettung.
Ich erkenne darin eher einen Paradigmenwechsel, der sich allmählich abzeichnet. Jede Epoche braucht seine Ikonen. Der „Bosco Verticale“ in Mailand ist so eine, ein Versuch Natur und Kultur zusammenzubringen.
Aber dieses begrünte Hochhaus in Mailand wird die CO2-Bilanz der Stadt nicht retten.

Natürlich tut es in der gefühlten Wahrnehmung gut, auf eine begrünte Fassade zu schauen, aber im Einzelnen wird das unsere Städte nicht retten. Dafür wurde der „Bosco Verticale“ auch nicht konzipiert. Er gibt eine Idee vor, ein morphologisches Sinnbild und zeigt noch einmal das enorme Bedürfnis an Natur in unseren Städten.

Wer unbedingt in die Natur will, sollte vielleicht besser aufs Land ziehen.
Rem Koolhaas hat zu Beginn des Jahres etwas Ähnliches gesagt, und zwar, dass die Zukunft auf dem Land liege, auch für Architekten. Natürlich könnten wieder mehr Menschen aufs Land ziehen. Das funktioniert aber nur, solange es auch eine Infrastruktur von Verkehr über Arzt bis zur Tanzschule gibt. Auf dem Land bauen wir das gerade aber ab. Ohne Kultur will dann auch keiner dort leben.

Wir werden also weiter im Zwiespalt leben, Bücher über das Gefühls‧leben der Bäume auf Bestsellerlisten katapultieren und doch dem Leben der Stadt frönen?
Die Natur in die Stadt zu holen ist doch keine Wunschvorstellung, das wird kommen! Da reicht auch schon das Hobbygärtnern oder der Baum vor dem Balkon. Es muss nicht immer die große weite Natur sein. Die grüne Infrastruktur, von der wir heute reden, hat eine Halbwertszeit von 100 Jahren. Wenn ich da an einige der neuen Kastenbauten in vielen unserer Städte denke, wäre ich mir noch nicht einmal sicher, ob die in 20 Jahren noch stehen.

Gibt es für Sie eine Stadt, die heute schon Ihren Idealen entspricht?

Die größte grüne Revolution, die ich in den vergangenen zehn Jahren erlebt habe, gibt es in Moskau.

Moskau, das moderne Sinnbild einer Autostadt?
Die Stadt hat sich in den vergangenen zehn Jahren von der eher autofreundlichen zur menschenfreundlichen Stadt gewandelt. Wer nach Moskau fährt, erkennt dies sofort: Hier tummeln sich Menschen auf den Plätzen, achtspurige Straßen wurden zu Boulevards, 120.000 Bäume wurden klimaresilient ausgewechselt, Bürgersteige verbreitert, mit dem Sarjadje-Park eine große neue Grünfläche vis-à-vis vom Roten Platz geschaffen. Das ist keine Makulatur.

Und das sagen Sie nicht nur, weil Sie dort selbst Ihre Vision im International Financial Center verwirklichen?
Dort kehren wir die Planung aber schon um: aus dem Financial Center wird das Pilotprojekt Moskau Smart City. Wir fangen erst mit der Landschaft an, der Wettbewerb zur Architektur der Gebäude läuft noch.

Wie wohnen Sie selbst, und wie groß ist Ihr eigener Garten?
Meine Familie und ich leben mitten in der Stadt. Ich bin zu Fuß in fünf Minuten im Büro. Wir haben keinen Garten, sondern eine etwas größere Terrasse, die mit über 100 Pflanzen bestückt ist. Dort erprobe ich diese Strukturvielfalt, von der ich rede, selbst. Meine Pflanzen stecken in abgeschnittenen Abfallrohren. Das sieht so aus wie eine Sammlung von Orgelpfeifen.

Haben Sie noch eigenes Auto?
Ja, aber es wird kaum noch benutzt. Wir fragen uns gerade, ob wir es überhaupt noch brauchen.

Wie oft brechen Sie in die Natur aus?
Eigentlich fühle ich mich immer in der Natur. Zu Hause auf der grünen Terrasse mit Blick in die bewegte Stadt. Im Büro, mittendrin im Innenhof und doch unter der weinbewachsenen Pergola. Ich bin sehr viel unterwegs und nehme mir meine Natur im täglichen Auslauf. Außerdem bin ich bekennender City-User. Ich liebe die Stadt und erlebe sie liebend gern beim Stadtwandern.

Einmal im Monat laufe ich mit Bekannten und Interessierten die Stadt auf ganz neuen Wegen ab. Ich entdecke jedes Mal etwas Neues.

Herr Kipar, vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Matthias Streit.

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