Proptechs Immobilien-Start-ups sind auf dem Weg von der Nische ins Rampenlicht

Immer mehr europäische Start-ups versuchen, die Immobilienbranche zu erobern. Doch im Vergleich zur US-Konkurrenz fehlt es ihnen an Kapital.
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Neue, grenzüberschreitende Geschäftsmodelle durch Start-ups. Quelle: imago stock&people
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Neue, grenzüberschreitende Geschäftsmodelle durch Start-ups.

(Foto: imago stock&people)

BerlinDie Dating-App Tinder und der Immobilienmarkt haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Hier die Partnerwahl per Wisch auf dem Smartphone, da eine milliardenschwere Branche aus Glas, Stahl und Beton.

Dominik Schaetz will aber genau das verbinden: Mit seiner Firma Global Recom will er das Tinder für die Immobilienwelt schaffen. Sein Geschäftsmodell ist eine Plattform, die Suchende und Anbieter verbindet. Statt ein Gesuch auf einem öffentlichen Immobilienportal zu schalten, verspricht er eine „Off-Market-Plattform“.

Heißt: Wer was konkret sucht, wer was konkret anbietet, wird nicht öffentlich gezeigt. Die Suchparameter und Objektdaten werden auf der Plattform hinterlegt. Ein Algorithmus verkuppelt die beiden dann. „Asset Matching“ nennt Schaetz die digitale Partnerwahl am Immobilienmarkt, mit der er auch schon Kunden wie BNP Paribas Real Estate für sich gewinnen konnte.

Sein Jungunternehmen ist kein Einzelfall: Immer mehr Start-ups drängen in den Immobilienbereich – mit schicken Apps zur Heizkostenverwaltung, Technologien zum schlüssellosen Wohnungszugang oder der virtuellen Hausbegehung. Von den etablierten Spielern zunächst verschmäht, nähern sich beide Seiten nun an. Auch, weil für die jungen Wilden der Druck zunimmt.

Sie müssen durchstarten, um international mithalten zu können. Denn sie haben weitaus weniger Kapital zur Verfügung als die globale Konkurrenz.

Besonders die großen US-Player sind hiesigen Start-ups weit enteilt – allen voran WeWork. Allein der japanische Investor Softbank hat in das Unternehmen mehr als vier Milliarden Dollar investiert. Dann wären da noch die großen chinesischen Plattformen wie Lianjia, ein Maklerportal, das sich zuletzt eine Finanzierung in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar sicherte. Europäische Start-ups tauchen in den Rankings, die das Portal CB Insights mittels Nachrichten- und Datenauswertungen erstellt, nur selten auf.

Mit 23,5 Millionen Euro gelang dem auf die Digitalisierung des Heizvorgangs spezialisierten Start-up Thermondo 2016 hierzulande die bislang größte bekannte Finanzierung.

In Deutschland nimmt zwar die Zahl der Finanzierungsrunden genauso wie das Investitionsvolumen schnell zu. Insgesamt belief sich das Volumen bekannter Finanzierungen über einer Million Euro 2017 auf 150 Millionen Euro, hat der Frankfurter Accelerator Blackprintpartners ermittelt. Im weltweiten Vergleich ist dies aber immer noch wenig: CB Insights zählte global 347 Deals – und ein Volumen von 12,6 Milliarden Dollar.

Deutschland scheint abgehängt. Doch verloren ist noch nichts, glauben Finanzierungsexperten. Der reine Blick auf die Zahlen sei trügerisch, sagt James Dearsley. Der britische Experte arbeitet mit seiner Firma Unissu an einer Studie über Proptechs, wie die Immobilien-Start-ups im Branchenjargon genannt werden.

Ungefähr 6.000 Proptechs zählt er, knapp 300 in Deutschland. Die größten stammen aus den USA und China. Allerdings liefen viele Deals hinter verschlossenen Türen ab und würden nicht berücksichtigt.

Partner gesucht

Das Rennen um die Proptech-Vorherrschaft sei noch nicht gelaufen: „Die Geschäftsmodelle, die Start-ups im Immobilienbereich liefern, funktionieren grenzüberschreitend. Ein Gebäude in San Francisco hat ähnliche Probleme wie eines in Sidney. Die Lösung könnte genauso gut von einem französischen oder deutschen wie von einem englischen Start-up kommen“, sagt Dearsley am Rande der Future-Proptech-Konferenz in Berlin vor wenigen Wochen.

Dennoch räumt Dearsley ein, dass die europäischen Start-ups einen Nachteil gegenüber den US-Firmen hätten: Die finanzierenden Wagniskapitalgeber seien in den USA mit mehr Geld ausgestattet und wesentlich risikofreudiger als etwa die deutschen.

Es gebe aber noch eine zweite Möglichkeit zu wachsen, und zwar über strategische Partnerschaften. Diese sollten jedoch wohlüberlegt sein, sagt Dearsley. Wer mit einem großen Unternehmen zusammenarbeite, versperre sich dadurch oft die Chance, zugleich mit dem ebenfalls lukrativen Rivalen des Partners zusammenzuarbeiten.

Auf Einkaufstour

Auch die Größen der Branche sind längst hellhörig geworden: Die großen Immobilienunternehmen kaufen sich zunehmend in Proptechs ein. So hat sich im vergangenen Jahr die Fondsgesellschaft Union Investment Real Estate mit 13 Prozent an Architrave beteiligt, einem Proptech, das sich auf digitales Datenmanagement spezialisiert hat. Und die Wohnungsgesellschaft Deutsche Wohnen will seine 160.000 Wohnungen mit einem schlüssellosen Zugang versehen und hat sich dafür am Proptech Kiwi beteiligt.

In diesem Jahr folgte eine Beteiligung an VRNow, mittels deren sämtliche Grundrisse des Wohnungsbestands digitalisiert und mittels VR-Brille virtuell begangen werden können. BerlinHyp beteiligte sich vor wenigen Wochen an 21st Real Estate, einem Proptech, das den Immobilienkauf mittels Miet-, Preis-, sozioökonomischen und weitere Daten digitalisieren will.

Die Finanzstärke der Immobilienbranche schätzen auch Start-ups wie „Einhundert Energie“. Die Firma mietet Dachflächen an, um dort Solaranlagen aufzustellen. Den Strom will die Firma an die Mieter verkaufen. Wohnungsverwaltungen verspricht das Start-up Entlastung: Die Verbrauchsdaten werden in Echtzeit erfasst und würden den Aufwand bei Nebenkostenabrechnungen schmälern.

Obwohl die Firma sich im „CleanTech“-Bereich verortet, sucht Firmengründer Ernesto Garnier nach Partnern aus der Immobilienbranche. Auf der Handelsblatt-Tagung Immobilienwirtschaft in Berlin konnte sich die Branche für sein Geschäftsmodell erwärmen und kürte es zum Gewinner eines Gründer-Wettbewerbs.

Auch Schaetz von Global Recom sucht lieber einen Partner aus der Branche als einen Wagniskapitalfonds. „Wir brauchen vielmehr einen Sparringpartner als einen reinen Kapitalgeber“, sagt Schaetz. Dass die globale Konkurrenz nicht schläft und Plattformen schnell von Rivalen aus den USA überrollt werden können, dessen ist sich Schaetz bewusst. Er selbst will sein Geschäft ausweiten. Bislang ist er in Deutschland, Österreich und Spanien aktiv. Nun sollen weitere Länder in Westeuropa folgen.

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