Baufinanzierung Tausende Häuslebauer haben sich verzockt

Viele Immobilienbesitzer setzten beim Kredit in den vergangenen Jahren mit Forward-Darlehen auf steigende Zinsen – und zahlen jetzt tausende Euro zuviel. Lohnt es sich jetzt, die niedrigen Zinsen langfristig zu sichern?
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Kosten fürs Haus: Viele Kreditnehmer setzten bei ihrer Baufinanzierung auf steigende Zinsen - und verloren die Wette. Quelle: gms

Kosten fürs Haus: Viele Kreditnehmer setzten bei ihrer Baufinanzierung auf steigende Zinsen - und verloren die Wette.

(Foto: gms)

Tausende Immobilienbesitzer haben sich in den vergangenen Jahren verspekuliert. Aus teilweise begründeter Angst vor steigenden Zinsen schlossen sie Forward-Darlehen ab. Mit diesen Krediten lassen sich die Zinsen für ein Anschlussdarlehen bis zu fünf Jahre vor Ablauf der Zinsbindungsfrist reservieren.

Das Problem: Die Zinsen für Baufinanzierung sanken. Kunden, die Forward-Darlehen abgeschlossen haben, müssen daher für Zinsen und Aufschlag deutlich mehr zahlen, als Kreditnehmer, die abgewartet haben und aktuell ein neues Darlehen abschließen.

Wie hoch die Mehrkosten tatsächlich sind, zeigt eine Analyse der FMH-Finanzberatung. Für ein Darlehen in Höhe von 100.000 Euro zahlen Kunden, die Forward-Darlehen in den vergangenen drei Jahren abgeschlossen haben, im Mittel zwischen 4.490 Euro und 19.663 Euro mehr. „Den höchsten Verlust machten Kreditnehmer, die ein Darlehen im Jahr 2009 vereinbart haben“, sagt Max Herbst, Inhaber der FMH-Finanzberatung.

Besonders teuer war ein Abschluss im Juni 2009. Im Schnitt verlangten Banken und Vermittler damals für ein Forward-Darlehen, das aktuell fällig würde, einen Zins von 5,14 Prozent. Heute gäbe es ein vergleichbares Darlehen zu einem Satz von 3,16 Prozent. Im Schnitt betragen die Mehrkosten 19.663 Euro. Selbst wenn der Kunde beim damals günstigsten regionalen Angebot der Sparda-Bank West zu 4,41 Prozent abgeschlossen hätte, müsste er noch 16.487 Euro mehr zahlen als zu den aktuellen Konditionen.

Der Zinsverfall kam nicht nur für private Immobilienbesitzer überraschend. Auch viele Finanz-Profis lagen in den vergangenen Jahren mit ihren Prognosen falsch. Im Zuge der Staatsschuldenkrise in Europa fielen die Zinsen für zehnjährige deutsche Staatsanleihen - eine wichtige Vorgabe für die Kalkulation der Baufinanzierungszinsen - seit dem Frühjahr 2011 von rund 3,5 Prozent auf aktuell gut zwei Prozent. Deutsche Anleihen sind in Krisenzeiten als vermeintlich sicherer Hafen bei Geldanlegern gefragt.

Kaum ein Volkswirt hatte aber mit einem derart starken Zinsverfall gerechnet. Kurz vor Jahreswechsel prognostizierte etwa Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, bei zehnjährigen Bundesanleihen für 2011 laut Nachrichten-Agenturen mit einen Zinsanstieg auf 3,9 bis 4,2 Prozent.

Der Ökonom stand mit seiner Einschätzung nicht alleine: Mitte März 2011 rechnete laut einer Umfrage noch jeder zweite Ökonom mit einem steigenden Zinsniveau. „Wir haben den Tiefpunkt bei den Bauzinsen sicherlich gesehen“, erklärte beispielsweise Heinrich Bayer, Chefvolkswirt der Deutschen Postbank vor elf Monaten. „Der aktuelle Aufwärtstrend wird sich noch etwas fortsetzen, wir rechnen aber mit einem eher verhaltenen Anstieg“.

Kunden müssen Darlehen abnehmen
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36 Kommentare zu "Baufinanzierung: Tausende Häuslebauer haben sich verzockt"

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  • Stimmt! Niemand kann in die Zukunft sehen, Auch die Prognosen cleverer Banker treffen oft nicht zu. Insofern ist ein Forward-Darlehen unterhalb eines Zinssatzes von 6 % grundsätzlich zu erwägen. Ich würde aber eine Risikostreuung mit Teildarlehen über unterschiedliche Laufzeiten bevorzugen. Zur Erinnerung: 1981 waren Zinssätze von 12,5 bis 14,5 % normal.

  • Der Titel des Beitrags ist irreführend. Das Forward-Darlehen ist kein Zocker-Tool, sondern ein defensives Instrument, mit dem das Risiko eines unvorhersehbaren Zinsanstiegs ausgeschaltet wird. Die Entrüstung darüber, dass vereinbarte Zinsen nun deutlich über aktuellen Sätzen liegen, ist etwa ähnlich täppisch wie die Empörung eines Versicherungsnehmers, der seine bezahlten Prämien als hinausgeworfenes Geld betrachtet, weil der Schadensfall während der Vertragslaufzeit nicht eingetreten ist.

  • Der Effekt ist das Ergebnis einer unverantwortlichen Politik - und der Zeitpunkt, am dem die Staatsanleihen-Blase platzt und die Zinsen schnell ansteigen werden, kommt immer näher. Nicht nur Häusle-Beleiher haben in den letzten Jahren daneben gelegen - sondern eigentlich jeder vorsichtig denkende Anleger. Zur Zeit haben wir in fast allen Bereichen Deflation - obwohl ohne Ende Geld gedruckt wird. Man sollte aber überlegen, wohin dann das Geld fliesst - oder was die Güter sind, die dem gegenüberstehen. Und dann stellt sich schnell raus, das eine bestimmte Art Güter/Dienstleistungen massiv zugenommen hat: die Staatsquote, also erzwungene Dienstleistungen, deren Konsum man sich nicht verweigern kann. Also wie in GR: mehr Bürokratie, neue Ämter, mehr Regelung - das alles wird bezahlt und da geht das neu geschaffene Geld hin bis alles platzt wie jetzt in GR und Italien.

  • Das Thema Hauszinssteuer/Lastenausgleich ist auch deshalb sehr beschönigt dargestellt, weil eine sehr hohe Inflation in der Regel mit extremer Sachwertdeflation einhergeht. Wenn der Großteil der Einwohner das gesamte Einkommen für Güter des täglichen Bedarfs aufwenden müssen, ist kein Geld mehr für "sachwerte" übrig. Die Preise für Sachwerte fallen ins Bodenlose. In Berlin konnte man/frau 1923/24 für wenige Goldmünzen ein vollvermietetes Mehrfamilienhaus kaufen. Und wer das nicht glauben möchte, kann am Beispiel neuerer Geschichte in Argentinen 1998-2002 genau dieses Phänomen beobachten.

  • Das ganze hat mit Verbraucherschutz nichts zu tun. Wenn der Verbraucher eine Wette auf steigende Zinsen abschliesst, ist dieser Verbraucher selbst Schuld. Die Kosten kann er sich vorher ausrechnen (Excel)oder ausrechnen lassen. Und wenn er dazu nicht in der Lage ist: einfach dieses "Geschäft" lassen.

  • Ach ja, der Herr Herbst. Der weiß auch hinterher immer, was alle falsch gemacht haben

  • Zunächst einmal ein dickes Lob an den Autor Max Herbst. Gäbe es solche soliden Experten nicht, würde im Verbraucherschutz und in der Anlegersaufkärung eine spürbare Lücke sein.

    Ja, das stimmt, der der variable oder kurzlaufende Konditionen vereinbart hat, hatte in den letzten Jahren eine gute Stange Geld gespart.Auch wenn die Baugeldpropheten immer signalisiert haben: Schliesst jetzt langfristig ab.

    Jetzt gilt für Clevere, variabel bis der Bundfuture-Trend klar nach unten geht.

  • Recht so! Bei meiner ersten Eigentumswohnung mußte ich 9% Hypothekenzinsen zahlen. Aufgeregt habe ich mich darüber gar nicht: ich wußte, was ich tat. Wer bei 3,5% abschloss, der kann doch froh sein!

  • Von Wulff lernen heißt sparen lernen.Statt Forward besser variabel zu 2 % und weniger finanzieren mit der Möglichkeit, wenn die Neider aufmerksam werden, die Liborkondition jederzeit in eine Festhypothek wandeln zu können.

  • Gut gerechnet hast wirklich Ahnung !!

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