Mietmarkt München Suche Zimmer, nehme alles

Wohnen im Plattenbau, Hausen ohne Heizung, mit drei stinkenden Katzen oder nur gegen handwerklichen Zusatzdienst: Wer in München ein Zimmer sucht, muss Abstriche machen – oder ganz verzichten. Am Ende hilft nur eines.
  • Timo Steppat
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In München ist der Wohnungsmarkt so angespannt wie in kaum einer anderen deutschen Stadt. Wer hier auf Zimmersuche ist, muss kämpfen. Quelle: dpa

In München ist der Wohnungsmarkt so angespannt wie in kaum einer anderen deutschen Stadt. Wer hier auf Zimmersuche ist, muss kämpfen.

(Foto: dpa)

MünchenAlle haben sich gut vorbereitet. Aus den Taschen ragen Bewerbungsmappen hervor, in denen sich jeder einzelne im besten Licht präsentiert. Ein paar Blätter mit Passfoto versehen sind das meist, zusammengeheftet mit einer Tackernadel oder in einem Ordner gebündelt, bereit zum Abwerfen. Nein, keiner hier wartet auf ein Bewerbungsgespräch, es geht nicht um den neuen gut bezahlten Job. Sie alle wollen diese Wohnung.

Rund 30 Leute drängen sich an einem Samstagmorgen auf 28 Quadratmetern, manche stehen noch im Hausflur und versuchen über die Köpfe der anderen hinweg einen Blick zu erhaschen. Wo ist der Makler? Am Äußeren lässt sich das nicht erkennen, keiner sticht besonders hervor. Anzugträger mittleren Alters haben sich versammelt, eine alleinerziehende Mutter, Studenten, Arbeitslose und frisch Geschiedene. Sie bilden für den Zeitraum von wenigen Wochen, manchmal auch Monaten, eine Art Schicksalsgemeinschaft und sind einander zugleich die ärgsten Gegner. Willkommen in der Stadt der Wohnungssuchenden, willkommen in München!

Mir wird schnell klar, dass ich auch diesmal Pech haben werde. Ich dränge mich aber trotzdem in die Wohnung und versuche dem Makler noch eine Frage zu stellen. Eigentlich interessiert mich nicht, ob es sich um Nachtspeicher- oder Gasetagenheizung handelt. Ich würde die Wohnung wahrscheinlich auch nehmen, wenn sie bloß einen Kohleofen hätte. Aber das Fragen, so mein Kalkül, soll mich von den 29 anderen Bewerbern abheben, es soll Interesse signalisieren. „Joa, wissen'S, des woas i o ned“, sagt der Immobilienmann. Und ist der Mietpreis inklusive Heizkosten, will ein anderer wissen. „Muss i moa schaun.“

Es spielt auch keine Rolle, ob er über Quadratmeterzahl, Bodenbelag oder Verglasung Bescheid weiß – in weniger als einer halben Stunde wird er den idealen Mieter gefunden haben und ihm für die Vermittlung zwei Kaltmieten plus Mehrwertsteuer berechnen. In diesem Fall sind das 1118 Euro.

Mir steht ein Bewerbungsmarathon bevor: In vier Tagen muss ich eine Unterkunft in München finden. Klappt das nicht, bin ich in drei Wochen, wenn ich hierherziehe, obdachlos. Freunde und Bekannte haben mir mitleidsvoll auf die Schulter geklopft und viel Glück gewünscht. Selbst wer nie in der bayerischen Landeshauptstadt war, kennt den Mythos von skrupellosen Maklern, horrenden Mieten und einem hart umkämpften Wohnmarkt. München ist schon lange die Stadt mit den höchsten Mieten bundesweit, doch ähnlich wie in Frankfurt, Köln oder Hamburg hat sich der Trend in den zurückliegenden Jahren noch deutlich verstärkt.

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40 Kommentare zu "Mietmarkt München: Suche Zimmer, nehme alles"

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  • :: Kommt nach Hamburg, liebe Mieter da ist es auch schön! Und der Wohnungsmarkt ist nicht soooo überzogen asozial wie in anderen Städten. Hier braucht niemand eine 'Bewerbungsmappe' (Kopfschütteln) oder muss auf dem Seil tanzen können, um eine Unterkunft zu bekommen. Tagesaktuell haben wir hier laut is24.de und Immonet.de ca. 1.100 freie Wohnungen im Angebot. Gut, man muss Kompromisse machen können was den Stadtteil betrifft und ein Grundrecht auf wohnen auf der Schanze oder St.Pauli können wir hier noch nicht bieten, aber es gibt genügend Alternativen.

  • Der Nutzwert dieses Kommentars: er steht sehr exemplarisch für die sehr weit verbreitete bayerische Arroganz gegenüber Menschen jenseits des Weißwurst-Äquators!

  • Mhh, 7€/m2 für einen Neubau, das wäre schön. Am Münchener West-Stadtrand zahlt man mindestens 13€/m2 im Neubau. Der Altbau ist unwesentlich günstiger, Neuvermietung ab 12€, ein Preis der inzwischen auch im Umland mit S-Bahn-Anschluss verlangt wird.....Macht einfach keinen Spaß und ist für Familien und Menschen mit "einfachen" Jobs unbezahlbar.

  • Mietwohnungsbau - Wer investiert verliert

    Für den Neubau eines Mietwohnhauses mit 400 m2 Wohnfläche und vorteilhaften Gesamtbaukosten (1600 € p. m2) und günstigen Finanzierungsbedingungen (Tilgungsdauer 40 Jahre, Festzinssatz über die gesamte Laufzeit mit 2 Prozent, kein Disagio, keine Nebenkosten) ergibt sich eine monatliche Kapitaldienstrate von ca. 1940 Euro. Das sind 4,85 Euro je Quadratmeter und Monat. Im Allgemeinen sind so günstige Konditionen nicht verfügbar. Neben dem Kapitaldienst sind Kosten zu planen für Werterhaltung, Mietausfall, Verbrauchskosten des Mieters, für deren Überwälzung der BGH auf Vermieter den Weg frei gemacht hat, Verwaltung, Vandalismus ...). Die Kaltmiete für einen Neubaus wird im günstigsten Falle nicht unter 7 Euro pro qm liegen. Zuzüglich günstiger Nebenkosten von 2,30 Euro kann die Miete für einen Neubau kaum unter 9,30 Euro pro qm kalkuliert werden. Der wohnungssuchende Bevölkerungsanteil mit hinreichendem Einkommen für solche Neubauten ist begrenzt. Folgerichtig ist das Fleddern der Eigentümer von Altbestandsgebäuden mittels des Mietrechts alternativlos, solange der Staat Steuergelder in aller Welt versenkt und für all jene verbrennt, die sich an der Erwirtschaftung von Sozialleistungen nicht beteiligen. Die Abkehr von allgemeinen Leistungsprinzip für Jeden schädigt immer mehr jene fleißigen Bürger, die sich noch dem Leistungsprinzip verpflichtet fühlen. Letztere bezahlen sowohl individuellen Müßiggang als auch den Erhalt unwirtschaftlicher Lohnarbeitsverhältnisse.

  • tja, das zeigt mal wieder, dass man mit "normalen" Gehältern sich in München kaum über´s Wasser halten kann, so blöd oder traurig das ist

  • Bin vor ca. 10 Jahren von München nach Augsburg gezogen.
    Habe mit der Bahn eine Direktverbindung nach München
    Hauptbahnhof. Die Zeit (45m) während der Zugfahrten
    vertreibe ich mir mit Lesen, bekomme auch immer einen
    Sitzplatz. Fahrtkosten werden durch die Pendlerpauschale
    kompensiert. Ich kann dem Leser nur empfehlen die
    Kommentare ins Umland zu ziehen zu beherzigen. Und falls
    es wirklich die Münchener Altstadt ist: Es gibt auch
    in Augsburg eine schöne Altstadt.

  • Lieber Autor, Danke für diesen Artikel. Ich dachte schon niemand interessiert sich mehr für dieses Thema. Leider ist es wiklich so, wie Sie beschrieben haben.

    Ich lebe seit 5 Jahren in München und bin froh, wenn es sich beruflich endlich ergibt, von hier wegzugehen. Selbst mit gutem Einkommen muss man in dieser unsozialen Stadt beim Wohnen nur faule Kompromisse machen. Seit 6 Monaten suchen wir eine bezahlbare, größere Wohnung. Es ist hoffungslos, es sei denn man hat richtig viel Geld oder ist bereit, in einem Loch zu wohnen, die in anderen Städten unvermietbar wären. Die meisten Vermieter und Makler sind raffgierig und unglaublich unverschämt. Eine Freundin muss mit einem Jahresgehalt von 40.000 € ein Zimmer untervermieten, damit sie sich die Wohnung leisten kann.

    Ins Umland ziehen ist Unsinn, ebenso überteuert plus Fahrkosten. Die Straßen sind immer verstopft, da braucht man gute Nerven oder muss richtig früh los. Die S-Bahn ist keine Alternative, da sie im Berufsverkehr eh überfüllt ist, immer(!) zu spät kommt oder ganz ausfällt, besonders im Winter. (Weichenstörung, Signalstörung, Zugablaufstörung, Notarzteinsatz etc., irgendwann kann man das nicht mehr hören)

    Sowieso ist der ÖPNV in München heillos überfüllt und überfordert, weil hier einfach zu viele Menschen in zu kurzer Zeit zugezogen sind.

    Liebe Leute, tut euch selber einen Gefallen und kommt nicht hierher. Das bissel Mehr an Gehalt geht sowieso für teure Mieten, teure Dienstleistungen und jede Menge eigene Nerven im Alltag drauf. Zudem ist die ach so schöne Stadt und das so tolle Umland immer mit Menschen überfüllt. Mal alleine die Natur genießen kann man hier vergessen.

  • Flexibilität sollte oben sein. Schließlich kriegen die Bosse genau dafür das Geld. Doch hartnäckig hält sich der Mythos, es sollte umgekehrt sein. Oben Starrsinn, unten Flexibilität. So quetscht Avanti Dilettanti saftlose Zitronen und unter seinen Füßen vermodert das Fundament.
    Die Städte sehen total vermüllt aus, die Kaufhäuser von Unfreundlichkeit elektrisiert, davor Bettelei und Dreck - denn am Service wird gespart. Der Service verzieht sich wegen der hohen Mieten und kündigt, wenn der Boss mit der Zitronenquetsche kommt. Die innere Immigration ist das größte Problem. Das kommt, weil Parlamente, Großstädte, Vorstandsebenen und Mainstreammedien geistige Provinzen sind. Und zwischen allen herrscht Krieg.
    30 km pendeln wegen eines Putzjobs kostet mehr Geld als er einbringt. Das sind ganz einfache Rechnungen.

    Die Stunde der Dilettanten

    http://www.thalia.de/shop/tha_homestartseite/mehrvonartikel/die_stunde_der_dilettanten/thomas_rietzschel/ISBN3-552-05554-1/ID30612614.html?fftrk=1%3Anull%3A10%3A10%3A1&jumpId=2484361

  • Mal ehrlich:

    Wirklich die reichsten der reichsten, die womöglich sehr zurückgezogen leben, leben nicht in München, sondern auf dem Land bzw. außerhalb von München ;).

  • Ich wohne selbst seit 10Jahren in Haidhausen/Weissenburger Platz...hässliche Nachkriegsbauten, schlechte Restaurants, ungepfleget Menschen und dafür montlich über 2000EUR Miete für ein paar Zimmer....woanders kann es nicht schlimmer sein! Das einzig gute an München ist der Flughafen, wenigstens kann man jedes Wochenende für 2 Tage in eine andere europäische Metropole billig und unkompliziert flüchten :-)

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