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Stadtentwicklung Die Retortenstadt Xiong‘an ist das große Versuchslabor für Präsident Xi

Die chinesische Retortenstadt Xiong‘an soll Ökologie, Ökonomie, Technologie und Urbanität vereinen. Sie soll ein Symbol für die Zukunft Chinas werden.
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Es ist eines der wenigen bereits fertiggestellten Gebäude in der neuen Millionen-Stadt Chinas. Quelle: Visual China Group/Getty Images
Bürgerzentrum in Xiong‘an

Es ist eines der wenigen bereits fertiggestellten Gebäude in der neuen Millionen-Stadt Chinas.

(Foto: Visual China Group/Getty Images)

Peking Am 1. April 2017 verkündeten die Hauptnachrichten im chinesischen Staatsfernsehen, Staatspräsident Xi Jinping habe in drei Kreisen der nordostchinesischen Provinz Hebei eine Fläche von 2.000 Quadratkilometer für die neue Megastadt „Xiong‘an“ ausersehen. Die Errichtung sei „von vitaler Bedeutung für das nächste Jahrtausend“. Ein Größenvergleich: Deutschlands drei größten Städte, Berlin, Hamburg und München, haben zusammengenommen 100 Quadratkilometer weniger Boden als Xiong‘an.

Xiong ist das chinesische Wort für Held oder mutig, An bedeutet Frieden. Der Frieden vor Ort wurde sofort nach Bekanntwerden des Vorhabens gestört. Makler und Immobilienentwickler versuchten in den betroffenen Kreisen Anxin, Rongcheng und Xiongxian, Land zusammenzukaufen.

Über Nacht verdrei- und vervierfachten sich die Landpreise in der Region. Doch die Regierung unterband schon einen Tag später die Spekulation. Der Verkauf von Immobilien in Xiong‘an wurde verboten. Wer im Umland Wohnungen erwerben möchte, muss strenge Auflagen erfüllen.

In Xiong’an entsteht Xis Vision des neuen China im Kleinen in einer Stadt, in der neue Technologien die Wirtschaft und das Leben prägen. Entwickelt sich Xiong’an wird es ein Symbol für die Zukunft Chinas.
Doch seit Xi das Projekt im Fernsehen angekündigt hat, hört man nicht mehr viel davon.

Bekannt ist, dass im Jahr 2035 fünf Millionen Einwohner in Xiong’an leben sollen. Andere Informationen beschränken sich auf Schlagworte wie grün, nachhaltig, digital, lebenswert und innovativ. Zu den wenigen öffentlichen Details zählt, dass geplant ist, die Häuser ausschließlich mit Erdwärme zu beheizen.

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Eher vage ist der Hinweis, es dürften dort neue Formen ausländischer Direktinvestitionen geprobt werden. Den Anspruch, digital und innovativ zu sein, würde erfüllen, wenn sich wie geplant Hochtechnologiefirmen dort ansiedeln. Statt einer klassischen Stadtmitte sollen fünf verschiedene Cluster ein gemeinsames Zentrum bilden.

Die Präferenzen des Präsidenten

Die Entscheidungsträger betonen, Xiong‘an soll für die Mittelschicht erschwinglich sein. Denn in Peking, das binnen 30 Minuten per Schnellzug von Xiong‘an erreichbar sein wird, können sich die meisten Angestellten und jungen Leute keine eigene Wohnung leisten. Dort liegt das monatliche Durchschnittsgehalt bei rund 1.100 Euro, aber der Durchschnittspreis pro Quadratmeter für eine neue Wohnung beträgt etwa 5.700 Euro.

Die ersten Investoren haben sich auch schon gemeldet, allen voran marschieren dabei die Technologie-Giganten. Baidu will dort Apollo, sein Programm für autonomes Fahren, einbringen. Alibaba stellt die Cloud, mit der das Energie-, Transport- und Wassernetz verwaltet wird. Tencent möchte Zentren für Blockchain und künstliche Intelligenz nach Xiong’an verlagern. Eine Studie von Morgan Stanley besagt, Xiong‘an könne bis zu 380 Milliarden Dollar Investitionen anziehen.

Doch seit der Verkündung der Vision ist fast nichts geschehen, sieht man davon ab, dass auf der 530 Quadratkilometer großen, zur Entwicklung freigegebenen Fläche, neun Millionen Bäume neu gepflanzt wurden. Jeder Baum wurde mit einem eigenen Barcode versehen. Denn in einer vernetzten Stadt sollen die Einwohner ja jederzeit per Smartphone abrufen können, wie der Baum vor ihnen heißt und ob er gesund ist.

Unklar ist, warum sich Xi ausgerechnet für die drei Kreise in der Provinz Hebei entschieden hat. Für den Standort spricht, dass er ein Dreieck mit den jeweils 100 Kilometer entfernten Metropolen Peking und Tanjin bildet. Der neue Wirtschaftsraum soll die von Smog und Verkehrproblemen geplagte Hauptstadt Peking entlasten. Schon seit Jahren will die Zentralregierung Tianjin und die Provinz Hebei in die Metropolregion „Jing-Jin-Ji“ umwandeln, in der irgendwann dann 130 Millionen Menschen leben sollen.

Peking soll künftig das Zentrum für Politik, Kultur, internationale Kommunikation sowie Forschung und Entwicklung sein. Weniger wichtige Aufgaben wie die Stadtregierung Pekings sollen ins östliche Tongzhou ausgelagert werden; Xiong’an hingegen ist als Standort für Hochtechnologie vorgesehen.

Große Herausforderungen

Doch die Herausforderungen sind groß. Sollten sie nicht gelöst werden, sagt Yin Zhi, der im Planungsteam arbeitet, dann wäre Xiong‘an so, als baute man „eine Villa auf einem Müllhaufen“. Mehr als 100.000 Einwohner müssen erst einmal umgesiedelt werden. Noch ist fraglich, ob Xiong’ans Himmel wirklich so blau sein wird wie suggeriert. Gleich nebenan bläst die Schwerindustrie von Baoding Schadstoffe in die Luft, sodass die Stadt zu den Orten mit der schlechtesten Luft weltweit zählt.

Außerdem gilt der pittoreske Baiyang See mit seinen Lotusblüten unter Experten als ein Risikofaktor. Vor rund tausend Jahren ließ der Staat das Gebiet absichtlich überschwemmen, um eine natürliche Wasserbarriere gegen nördliche Angreifer zu schaffen, die „nicht tief genug für Boote und nicht seicht genug für Fußgänger“ war.

Malaria breitete sich aus, Ackerböden wurden zerstört, und die Armut in der Region wuchs. Künftig soll der derzeit 78 Quadratkilometer große See auf 360 Quadratkilometer anwachsen. Dafür müssen jedes Jahr 200 Millionen Kubikmeter Wasser vom Gelben Fluss eingeleitet werden.

Es hat den Anschein, als wolle Xi sich mit Xiong‘an ein Denkmal setzen, wie es seine Vorgänger anderenorts taten. So erkor der politische Reformer Deng Xiaoping das verschlafene Fischerdorf Shenzhen gegenüber von Hongkong vor vierzig Jahren zum Labor für marktwirtschaftliche Reformen. Inzwischen gilt Shenzhen als führender Industrie- und Technologiestandort Chinas, der der ehemaligen britischen Kolonie in Sachen Innovation und Dynamik längst den Rang abgelaufen hat.

Zehn Jahre später ließ Staatspräsident Jiang Zemin auf einem Sumpfgebiet auf der Ostseite des Huangpu-Flusses gegenüber der Altstadt von Schanghai eine Sonderwirtschaftszone entstehen. Inzwischen ist das mit Wolkenkratzern überzogene Pudong zum wichtigsten Finanzzentrum Chinas aufgestiegen. Belege dafür, dass Chinas Führer es bisher verstanden, ihre Visionen wahr werden zu lassen.

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