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Studie zur Bauwirtschaft Der digitale Wandel der Immobilienbranche stockt

Am deutschen Immobilienmarkt werden Rekordumsätze gefeiert. Doch digitale Zukunftstechnologien nutzt die Branche noch viel zu selten.
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Das vernetzte Heim beginnt beim Bau. Quelle: dpa
Bauwirtschaft im Wandel

Das vernetzte Heim beginnt beim Bau.

(Foto: dpa)

MünchenNur wenige Immobilien sind digital vernetzt. Doch es tut sich etwas in der Branche. Smart Home und Smart Office finden sich nicht mehr nur im Vokabular, sondern zunehmend auch in Form von Sensoren und Messgeräten an und im Beton wieder. Modernsten Technologien wie Künstlicher Intelligenz werden enorme Potenziale eingeräumt.

Die Digitalisierung der Gebäude wird allmählich greifbar. Moderne Büros bieten Mitarbeitern Zugriff auf ihre Daten von allen Arbeitsplätzen. Konferenzräume digital zu buchen, ist in viele Unternehmen heute längst die Regel, nicht mehr die Ausnahme. Doch der Schein der schönen neuen, digitalen Immobilienwelt trügt: Eine Studie des Branchenverbandes Zentraler Immobilienausschuss (ZIA) gemeinsam mit der Wirtschaftsberatung EY, die dem Handelsblatt vorab vorliegt, kommt zu dem Schluss: Im Bürobereich digitalisieren die Anbieter am Nutzer vorbei. Und der digitale Wandel stockt - trotz Rekordumsätzen.
Während neun von zehn Büroanbietern die Entwicklung des Smart Office, also etwa die Echtzeit-Steuerung von Belüftung, Licht oder Heizung, für wichtig hält, sieht das nur knapp ein Drittel der Nutzer so. Ganz oben auf der Liste der bereits verbauten oder demnächst geplanten Anwendungen stehen bei den Immobilienanbietern Ladestationen für die E-Mobilität. Zwei Drittel der Nutzer der Büros halten das aber für wenig oder gar nicht wichtig.

Mehr als die Hälfte der Anbieter schätzt die Nachfrage nach einer Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit für den Mieter für wichtig ein, was auch Chatbots als Ansprechpartner einbezieht. Fast 70 Prozent der Nutzer lehnen Chatbots jedoch ab.

Auch moderne Bürokonzepte wie Großraumbüros mit Telefonkabinen liegen zwar im Trend, fallen bei den Nutzern aber überwiegend durch: Mehr als die Hälfte misst ihnen nur wenig oder gar keine Bedeutung zu. Immobilienanbieter müssten daher, so das Fazit der Studie, deutlich stärker auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer hören. Es sei eine „deutliche Diskrepanz“ zwischen Angebots- und Nachfragerseite festzustellen. Gefragt sei nach wie vor in erster Linie eine gute Internetanbindung.

Für die Studie haben ZIA und EY 300 Mitarbeiter von privatwirtschaftlichen und öffentlichen Immobilienunternehmen befragt. Außerdem wurden 3.000 Büronutzer nach ihrer Sicht auf moderne Büroarbeitsplätze befragt.

„Die gute Marktlage ist ein Hemmnis“

Dass der Wandel nicht von heute auf morgen vollzogen wird, mussten auch schon Anbieter von Anwendungen des vernetzten Wohnens lernen. Seit Jahren kursiert das Schlagwort „Smart Home“ in der Branche. Doch auch im Wohnbereich macht sich die Digitalisierung nur allmählich breit. Laut einer Studie der Wirtschaftsberatung Deloitte verwenden gerade einmal 16 Prozent der Deutschen eine Smart-Home-Lösung. Darunter fällt die Heizungssteuerung per App genauso wie das Licht per Sprachsteuerung an- und abschalten. Die Verbreitung von Smart-Home-Komponenten sei zwar stark gestiegen, heißt es in dem Deloitte-Report, aber: „Von einem gesamtgesellschaftlichen Boom kann noch keine Rede sein.“

Thomas Krimayr, Geschäftsführer des Fraunhofer-Allianz Instituts für Bauphysik, fällt ein hartes Urteil für den Gebäudebestand: Die Digitalisierung der deutschen Immobilien stecke noch in den Kinderschuhen. Was die Vernetzung der Bausubstanz angehe, stehe Deutschland im internationalen Vergleich im hinteren Mittelfeld.

Es sei aber noch nicht zu spät, den Anschluss zu finden. Bestandsgebäude ließen sich dank moderner und immer günstigeren Messinstrumenten digital erfassen und nachrüsten. Doch selbst bei vielen neuen Projekte, die entstehen, würden heute kaum digitale Grundlagen wie Sensoren verbaut. „Die gute Marktlage ist ein Hemmnis“, erklärt Kirmayr. „Die Baubranche realisiert erst langsam, dass die Digitalisierung keinen Bogen um sie macht.“

Sowohl der Einbau digitaler Sensoren als auch die Digitalisierung der Bauprozesse werde von vielen Akteuren vertagt. Dabei verspreche moderne Technik einen großen Mehrwert, ist Kirmayr überzeugt. So könnten Sensoren die Wartung erleichtern. Rohre könnten drohende Lecks melden, Lampen nahende Ausfälle. Reparaturen könnten so besser getaktet werden – das spart Ärger und Kosten.

Zur schleichenden Digitalisierung des Gebäudebestandes passt, dass auch der Wandel in den Unternehmen nur langsam vorangeht. Die Studie von ZIA und EY registriert zwar, dass die Branche zunehmend digitaler denkt. Doch schon die Selbsteinschätzung offenbart das große Nachholpotenzial der sonst so selbstbewussten Branche: Nicht einmal jedes zehnte Unternehmen zählt sich zur digitalen Exzellenz, ein Drittel in der digitalen Etablierungsphase. Knapp die Hälfte sieht sich noch in der Entwicklungsphase, 14 Prozent gar ganz am Anfang, in der Orientierungsphase.

Zwar erkennen mittlerweile fast alle Studienteilnehmer in der Digitalisierung eine Chance auf verbesserte Geschäftsprozesse und damit letztlich auch Kosteneinsparung. Nur spiegelt sich das in den Investitionsausgaben der Unternehmen bislang kaum wieder: Vier von fünf Unternehmen investieren weniger als fünf Prozent ihres Jahresumsatzes in die Digitalisierung – trotz brummender Geschäfte. Martin Rodeck, Innovationsbeauftragter des ZIA, zieht ein nüchternes Fazit: „Wir stehen erst am Anfang des Wandels.“

Man könnte dies als Alarmsignal interpretieren, wenn man Wilhelm Bauer lauscht. Der Leiter des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation sieht Deutschland im Allgemeinen und die Immobilienbranche im Speziellen in einer sehr guten Lage – für die digitale Zukunft aber schlecht aufgestellt. „Wer heute sagt, er investiere zu 95 Prozent in Disruption, ist ziemlich mutig. Wer aber nur fünf Prozent investiert, der ist mindestens genauso mutig.“ Wer heute nicht mithalten will, droht künftig abgehängt zu werden.

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