Trendviertel 2018 Bergbau und Stahl machen Platz – Ruhrgebietsmetropole Essen wird immer beliebter

Der Bergbau ist Geschichte in Essen. Die ehemaligen Montanflächen können jetzt für den Neubau dringend benötigter Wohnungen genutzt werden.
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Nach längerer Zeit rückläufiger Einwohnerzahlen wächst die Stadt seit 2012 wieder. Quelle: Malte Jaeger/laif
Blick auf Essens Innenstadt

Nach längerer Zeit rückläufiger Einwohnerzahlen wächst die Stadt seit 2012 wieder.

(Foto: Malte Jaeger/laif)

EssenAuf Reinhard Wiesemanns Visitenkarte steht „Erfinder“. Wer glaubt, einen Techniker und Tüftler vor sich zu haben, irrt. Das Schrauben an Computern und Entwickeln von Software hat er aufgegeben. Seit ein paar Jahren erfindet der heute 56-Jährige Projekte, die das Leben in Essen verändern.

Wichtig sind ihm Toleranz und Respekt, worauf er mit verschiedenen Aktionen in der Stadt abzielt, deren 590.000 Einwohner 175 Nationen angehören. Die südlichen Stadtteile, in denen es den Menschen gut geht, interessieren ihn nicht. Seine Projekte entstehen im Nordviertel, das manche Essener wegen des hohen Anteils von Migranten auch als Problemviertel wahrnehmen.

„Die Innenstädte sind voll von Konsummöglichkeiten, bieten aber keine Chancen, etwas zu tun“, sagt Wiesemann. In Essen änderte er das mit dem „Unperfekthaus“. In dem ehemaligen Franziskanerkloster, einem verwinkelten, verbauten Kasten kann sich jeder einmieten, Hauptsache er tut etwas: sein Hobby ausleben, ein Start-up gründen, sich als Künstler verwirklichen – für 15 Euro Monatsmiete inklusive Erfrischungsgetränke, Tee und Kaffee. Besucher zahlen 7,90 Euro und können zu moderaten Preisen essen und trinken.

In einem Altbau in der Fußgängerzone hat Wiesemann auch sein Mehrgenerationenhaus realisiert, in dem er selbst wohnt. Aber auch das „Generationen-Kult-Haus“ ist eher untypisch. „In Mehrgenerationenhäusern leben überwiegend alte Leute“, beobachtet Wiesemann. Es sei schwierig, junge Menschen für solche Häuser zu begeistern, weil sie für alte Menschen gebaut würden.

Sein kurz Geku-Haus genanntes Objekt kombiniert WG-Zimmer, Wohnungen, riesige Gemeinschaftsflächen zum Kochen, Ausruhen, Party feiern, gerne auch auf der Dachterrasse, eine Sauna, einen Übungsraum für Musiker – und Coworking-Flächen. Wegen der großen Nebenflächen zahlen die Bewohner aller Altersklassen die weit überdurchschnittliche Monatsmiete von 15 Euro pro Quadratmeter.

Wohnungspreise stiegen 2017 um fast sechs Prozent

Im Szeneviertel Rüttenscheid wäre sogar eine Neubauwohnung nicht teurer – wenn es sie gäbe. Gebaut werden dort Eigentumswohnungen wie etwa das „Quartier BelleRü“, das Entwickler Interboden zu Quadratmeterpreisen um 4 .400 Euro sechs Monate vor Fertigstellung zu 85 Prozent verkauft hat. „Die Käufer schätzen den Flair der Rüttenscheider Straße, die kurzen Wege und die Nähe zum Grugapark“, sagt Georg Meintrup, Chef der Immobilientochter der Sparkasse Essen über den Stadtteil.

Allerdings fehlen Neubauwohnungen in der ganzen Stadt. Experte Meintrup stellt fest: „2017 traf eine sehr hohe Nachfrage auf ein leider zu geringes Angebot.“ Über den gesamten Eigentumswohnungsmarkt, Alt- wie Neubau, rechnete vdp Research im Schnitt eine Preissteigerungsrate von 5,7 Prozent aus. Gemessen an den Steigerungsraten in anderen Städten erscheint das moderat.

Doch Essen ist eine Stadt, die nach jahrelangem Bevölkerungsschwund erst seit 2012 wieder Zuzug verzeichnet, sodass Wohnraum knapper und teurer wird. Essen sei die Stadt mit den am schnellsten steigenden Wohnungsmieten und -preisen im Ruhrgebiet, sagt Essens Stadtplaner Hans-Jürgen Best.

Es spricht viel dafür, dass es noch teurer wird. Denn Essen und Dortmund sind die einzigen Ruhrgebietsstädte, in die Menschen aus Nachbarkommunen zuwandern. Dass die Zuwanderung im vergangenen Jahr auf 2.500 Personen zurückging, ändert daran nichts. „Der Druck auf dem Wohnungsmarkt hat nachgelassen“, bestätigt Best. Doch es werde zu wenig gebaut. Es fehlt vor allem preisgünstiger Wohnraum.

Stadtteil 51 kommt

Aber Essen kann gegensteuern: Denn gemessen an seiner Einwohnerzahl hat die Stadt so viele Konversionsflächen wie keine andere der 15 Trendviertelstädte. Auf einem früheren Krupp-Gelände etwa baut die Thelen-Gruppe „Essen 51“, so genannt, weil die aus 50 Dörfern zusammengewachsene Stadt damit ihren 51. Stadtteil bekommt.

Nachdem Flussregenpfeifer und Kreuzkröten umgesiedelt sind, wühlen nun Bagger das Gelände auf. Mit 52 Hektar ist das Grundstück nordwestlich der Innenstadt fast so groß wie der Grugapark im Süden der Stadt. Wenn der Baugrund von Schutt und anderen Altlasten befreit ist, beginnt der sich über mehrere Jahre hinziehende Bau von Büros und 1500 Wohnungen.

Die in absehbarer Zeit zur Wohnbebauung zur Verfügung stehenden ehemaligen Industrie- und Kleingewerbeflächen schätzt Best auf 30 bis 40 Hektar. Je Hektar könnten etwa 80 bis 120 Wohnungen entstehen. Somit würde nur etwa halb so dicht gebaut wie in Düsseldorf.

Und damit ist das Flächenreservoir der Stadt noch nicht ausgeschöpft. Auf einem 1700 Hektar großen früheren Bergbaugelände zwischen Essen und Bottrop soll ein neues urbanes Zentrum entstehen, genannt „Freiheit Emscher“. Das Gelände ist siebenmal so groß wie der Baldeneysee, das Wassersportrevier der Stadt. Platz genug wäre also für eine neue Wohnidee des Essener „Erfinders“ Wiesemann.

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