Über eine Milliarde Schulden Eine weitere große Wohnungsbaugesellschaft Russlands ist pleite

Tausende Wohnungskäufer stehen mit leeren Händen da: Die Urban Group, eine der größten Developer im Moskauer Gebiet, geht bankrott.
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Die Stadt ist längst über ihre Grenzen hinausgewachsen. Quelle: IMAGO
Eine Siedlung in einem Vorort Moskaus

Die Stadt ist längst über ihre Grenzen hinausgewachsen.

(Foto: IMAGO)

MoskauLange schon ist Moskau über seine Grenzen hinausgewachsen. Zwar gilt der Autobahnring MKAD als Demarkierungslinie. Doch wer dort seine Bahnen zieht, kann oft keinen Unterschied zwischen Hauptstadt und Umland ausmachen.

Hochhausschluchten zieren den MKAD zu beiden Seiten. Satellitenstädte wie Chimki, Krasnogorsk oder Odinzowo haben alle selbst Großstadtstatus und sind längst mit der russischen Hauptstadt verwachsen. In der Agglomeration leben rund 18 Millionen Menschen. Und der Bevölkerungsdruck wächst weiter. Bis 2025 sollen es angeblich 21 Millionen Menschen werden.

Ein Paradies für Bauunternehmen – so scheint es. Doch in der Branche herrscht Trübsal. Wirtschaftskrise und Rubel-Absturz haben in den vergangenen Jahren die Kaufkraft der Russen gesenkt. Der Quadratmeterpreis in Moskau liegt laut der Immobilienseite IRN bei knapp 2.300 Euro – ein Rückgang von 40 Prozent gegenüber 2014. Zahlreiche Baukonzerne sind daher in die Schieflage geraten. Die größte Pleite ereilte 2016 die Gruppe SU-155, die 30.000 betrogene Wohnungskäufer zurückließ.

Nun hat es die Urban Group erwischt. Das Ausmaß des Problems könnte ähnlich groß sein. Die Urban Group ist vor allem im Umland Moskaus aktiv. Dort hat der vor 15 Jahren gegründete Developer zahlreiche Wohnkomplexe gebaut. Die Urban Group „hat schöne, wirklich gute Projekte gebaut, aber dann Wachstumsprobleme bekommen und wohl etwas den Realitätssinn verloren“, urteilt Alexander Chrustaljow, Generaldirektor von „NDW Nedwischimost“, einem Branchenkonkurrenten.

Wohnprojekte eingefroren

Der Preis ist hoch. Fünf Tochterunternehmen des Konzerns wurden inzwischen bankrott erklärt. Eine Reihe von Wohnkomplexen ist in der Bauphase eingefroren worden. „Ich bin bereit, das Unternehmen für den symbolischen Preis von einem Rubel zu übergeben, wenn es anschließend keine Nachforderungen gibt“, sagte Urban-Group-Besitzer Alexander Dolgin.

Doch Nachforderungen werden kommen: Schon jetzt haben mehrere Banken, darunter die Sberbank, Forderungen an den Bauunternehmer. Am Markt gibt es Gerüchte, dass die relativ kleine Moskauer Industriebank (MIB) bis zu 20 Millionen Euro abschreiben muss, was sie selbst in Bedrängnis bringen würde. Ein Sprecher der Bank beeilte sich zu versichern, dass die MIB weiter zahlungsfähig sei.

Noch schlimmer jedoch hat es Wohnungskäufer getroffen: 3,5 Millionen Quadratmeter Wohnraum wurden nicht fertiggestellt. Dabei ist ein Großteil davon schon an die zukünftigen Besitzer verkauft. Anteilige Baufinanzierung heißt das Schema, bei dem private Wohnungskäufer künftige Immobilien schon während der Bau- oder manchmal sogar Projektierungsphase erwerben.

Vorteil ist der relativ geringe Kaufpreis. Nachteil, dass solche Käufer oft Luftschlösser erwerben. Bei Urban Group stehen nun wohl 14.000 Käufer ohne Geld und Haus da. Die staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti bezifferte den Schuldenstand gegenüber den Wohnungskäufern auf 1,1 Milliarden Euro. Proteste sind fast garantiert.

Eben wegen solcher Probleme hat die russische Regierung die anteilige Baufinanzierung abgeschafft. Seit dem 1. Juli wurden die Zulassungsbedingungen für russische Bauunternehmen massiv verschärft, in einem Jahr dürfen sie dann nur noch mit Projektfinanzierung Neubauten planen. Doch die Neuregelung hat auch eine Kehrseite: Den Developern fehlt die Finanzierung, Banken geben nur zögernd Kredite.

Damit drohen weitere Pleiten auf dem Markt. Dies zeigt sich an der Tendenz der Wohnraumübergabe: Im zweiten Quartal 2018 ist die Errichtung von Neubauten in Moskau auf 311.000 Quadratmeter zurückgegangen. Gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 37 Prozent. Selbst im Krisenjahr 2016 waren es 19 Prozent mehr. Mit dem Abgang der Urban Group verstärkt sich der Trend in der Hauptstadtregion noch weiter. Zumal die Frage akut bleibt, welcher Konzern als Nächster aufgeben muss.

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