Blick auf den Süden Manhattans

Wohnen an der Wall Street wird attraktiver. Vor allem junge Menschen zieht es an.

(Foto: Photo by Nuno Silval on Unsplash)

Wall Street Der Financial District in New York erlebt eine beeindruckende Renaissance

Lange galt Lower Manhattan als reines Geschäftsviertel. Nun zieht es aber immer mehr junge Menschen dorthin. Das Viertel blüht zu neuem Leben auf.
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New YorkHochhaus an Hochhaus. Beton auf Beton. Grau, die über alles herrschende Farbe. Wall-Street-Bulle, die Börse, 9/11-Memorial. Touristenmassen schieben sich durch das weltbekannte Finanzviertel New Yorks. Beschäftigte Hedgefonds-Manager eilen von Termin zu Termin. Hier wird das große Geld gemacht. Hektik – die Sprache des Erfolgs.

Zumindest tagsüber. Lange Zeit verstummte das Viertel, wenn um vier Uhr nachmittags die Schlussglocke im Börsensaal läutete und abends der letzte Banker zurück ins schicke Loft außerhalb des Bezirks oder ins Häuschen im Grünen fuhr. Die Straßen waren leer, vereinzelt sah man Überbleibsel der „After-Work-Drinks“. Doch das ändert sich zurzeit. Nach und nach wird das Viertel an der südlichen Spitze Manhattans attraktiver.

Vor allem jüngere New Yorker suchen sich dort Wohnungen. Kurze Wege zur Arbeit, gute Verkehrsanbindungen. Der Financial District erlebt seine Renaissance. Viele Jahre ließen die New Yorker den Südzipfel von Manhattan links liegen. Der Bezirk musste schwere Zeiten durchleben. 1993 ereignete sich am World Trade Center der erste islamistische Terroranschlag auf amerikanischem Boden. Durch ein Bombenattentat wurden sechs Menschen getötet, mehr als 1000 wurden verletzt.

Acht Jahre später flogen Terroristen zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme: 3000 Menschen starben; 6000 wurden verletzt. Die damalige Regierung unter US-Präsident George W. Bush investierte insgesamt 21 Milliarden Dollar in den Wiederaufbau. Um Anwohner nach Lower Manhattan zu locken, floss ein Teil des Geldes in Zuschüsse für Wohnraum.

2012 folgte der nächste Schock. Diesmal durch Naturgewalten verursacht. Hurrikan Sandy verwüstete nach jahrelangen Aufbaumaßnahmen die Südspitze Manhattans. Meterhohe Wellen überfluteten die Straßen. Doch erneut war der amerikanische Wille stärker – aufgeben gilt nicht. Sechs Jahre später ist von der Verwüstung nichts mehr zu sehen.

„Niemand hätte erwartet, was wir hier heute sehen“, ist sich Jessica Lappin, Präsidentin von Alliance for Downtown New York, sicher. „Die Menschen hätten nach 9/11 und Sandy aufgeben können, und niemand hätte es ihnen übel genommen. Stattdessen gab es eine Hartnäckigkeit und Hingabe, die inspirierend ist.“

Nach Angaben des Verbandes leben mittlerweile rund 61.000 Menschen in Lower Manhattan – dreimal so viele wie 2001. Das Durchschnittsalter der Anwohner liegt bei 32 Jahren. Fast zwei Drittel sind zwischen 18 und 44 Jahre alt. Rund 3800 Dollar kostet durchschnittlich eine Wohnung zur Miete; 1,1 Millionen Dollar muss im Schnitt für eine Eigentumswohnung auf den Tisch gelegt werden. Wahnsinnsmieten und Preise im Vergleich mit den Wohnkosten in deutschen Metropolen.

Doch die Gegend hat auch etwas zu bieten. Gerade der anliegende Battery Park, von dessen Fähranleger die Schiffe zur Freiheitsstatue abgehen, machen die Umgebung attraktiv. „Es ist sehr wahrscheinlich, in dieser Gegend eine Wohnung mit Wasserblick zu finden. Das ist für einige wünschenswerter als die Aussicht auf die Skyline, die sie in Uptown bekommen könnten“, erklärt Stuart Siegel, Geschäftsführer der Immobilienvermittlung Engel & Völkers New York City.

Einer der Zugezogenen ist Cameron Koo. Der 21-Jährige lebt seit zwei Jahren in New York. Vor drei Monaten zog er ins Bankenviertel. Direkt am East River, unweit des hippen „Pier 17“, einem umgebauten Hafen mit Restaurants, Kultur- und Freizeitangeboten. Die Miete von 5400 Dollar im Monat teilt er sich mit zwei Mitbewohnern.

Er liebt es dort; ist begeistert vom Viertel. Dass manche sagen, die Gegend sei nachts nicht sonderlich belebt, stört ihn nicht. Durch die vielen U-Bahn-Linien, kann er andere Stadtviertel optimal erreichen. „Ich bin eine Haltestelle von Brooklyn entfernt; zwei vom Union Square“, erklärt er. Auch sein Weg zur Arbeit in Greenwich Village ist günstig angebunden. Mit vier unterschiedlichen Subway-Linien kommt er dorthin.

„Wenn eine mal nicht fährt, kann ich innerhalb von Sekunden in eine andere springen.“ Generell nimmt er aber lieber das Fahrrad. Damit braucht er von Tür zu Tür nur eine Viertelstunde.

Gute U-Bahn-Verbindungen

Natalie Touzet, Vizepräsidentin des New Yorker Büros des Immobiliendienstleisters JLL, sieht genau darin den Vorteil der Gegend und einen der Gründe, weshalb nun viele Unternehmen ihren Sitz nach Lower Manhattan verlagern: „Der Financial District ist durch die öffentlichen Verkehrsmittel gut angebunden – die neue Fulton-Station, die Fähren nach New Jersey, die Schnellzüge zur Grand Central Station oder die New York Pennsylvania Station.“

Zudem müsse man bedenken, dass viele Menschen in Brooklyn leben. Dadurch kämen sie schnell zur Arbeit; schneller als diejenigen, die nach Midtown müssen. Ohnehin habe die Gegend viel zu bieten, betont Cameron Koo. So hörte er, dass Amazon und die Supermarktkette Whole Foods einen vollautomatischen Einkaufsladen auf der Wall Street eröffnen wollen. „Das ist super spannend“, sagt er begeistert.

Auch Jessica Lappin sieht den Grund der steigenden Attraktivität des Viertels in den entstehenden umliegenden Restaurants, Bars und Einkaufsmöglichkeiten – zurzeit sind es fast 1200. Die Präsidentin von der Downtown-Allianz erkennt viel Potenzial in der Gegend: „Lower Manhattan ist magisch. Wir haben gepflasterte Straßen und historische Wahrzeichen. Es ist alt und neu zugleich und repräsentiert gleichermaßen unsere Vergangenheit wie Zukunft“, sagt Lappin.

Gerade junge Menschen wie den gebürtigen Hongkonger Koo zieht es nach Downtown. Das Viertel sei eine junge, pulsierende Nachbarschaft, betont Lappin. „Wir haben mittlerweile mehr junge Berufstätige als das East Village oder Downtown Brooklyn und sind damit gleichauf mit dem angesagten Williamsburg.“ New York wächst. Seit 2010 ist die Bevölkerung um mehr als fünf Prozent auf rund 8,6 Millionen Einwohner gewachsen.

Und die müssen irgendwo wohnen. Bebaubare Grundstücke sind knapp und schmal. Es muss in die Höhe gebaut werden. Sogenannte „Slender“-Hochhäuser sprießen zurzeit aus dem Boden der Stadt. Auch an der 125 Greenwich Street, keine 500 Meter vom Wall-Street-Bullen entfernt, entsteht so ein schlanker Gigant – 88 Stockwerke auf 278 Metern. Der platzsparende Baustil zieht Menschen und Firmen gleichermaßen an.

Inzwischen haben mehrere große Unternehmen den Weg nach Downtown gefunden. So sitzen das Werbeimperium GroupM und die Strategieberatung McKinsey im vor Kurzen eröffneten 3 World Trade Center. Der Musikstreaming-Dienst Spotify verlegte sogar das New Yorker Hauptgeschäft vom Stadtteil Chelsea nach Lower Manhattan und zahlt dafür eine der höchsten Mieten in diesem Distrikt.

Doch hohe Büromieten sind dort eher die Ausnahme und wohl auch auf das Prestige des Gebäudes auf dem Gelände des alten World Trade Centers zurückzuführen. Denn im Schnitt sind Büros in Lower Manhattan im Vergleich zu anderen Stadtteilen günstig. So liegen die Jahresmieten laut JLL im Financial District bei rund 54 Dollar pro Quadratfuß. Elf Quadratfuß sind rund ein Quadratmeter. In Chelsea und den angesagten Gegenden in Midtown sind sie mit rund 80 Dollar pro Quadratfuß deutlich teurer.

Ein weiteres Argument für die Gegend ist der Zustand der Bauten. „Die Gebäude in Downtown sind generell neuer, sprich kürzlich erbaut“, erklärt Natalie Touzet. Zudem böten sie einige Annehmlichkeiten. So haben die Gebäude oftmals eigene Konferenzzentren, auf welche die Unternehmen zurückgreifen können.

Mehr Hotelbetten

Den Zuzug der Unternehmen nimmt auch Jessica Lappin von der Alliance for Downtown wahr: „Mehr Kreativ-, Tech- und Modeunternehmen ziehen gerade hierher als jemals zuvor.“ Diese würden wiederum das Gesicht des Viertels prägen und die Bars, Restaurants und Geschäfte beeinflussen, die dort öffnen.

Auch der Tourismus boomt. Vergangenes Jahr besuchten knapp 13,6 Millionen Menschen Lower Manhattan. Das macht auch das Hotelgeschäft attraktiv. Anfang des Jahres gab es 7000 Zimmer auf 32 Hotels verteilt. Und weitere Schlafmöglichkeiten sollen folgen. Zurzeit sind 14 Hotels im Bau beziehungsweise in Planung. Bis zum Jahr 2020 sollen dadurch insgesamt rund 9000 Hotelzimmer in Lower Manhattan verfügbar sein. Der Aufschwung ist nicht mehr aufzuhalten.

Verlässt man die Wall Street und den Trubel der Menschenmassen, erlischt das Grau. Spielplätze, Graffiti und kleine Parkanlagen tupfen Farbe in den Beton-Dschungel. Hier spürt man den Wandel unmittelbar, kann den Alltag der Anwohner sehen. Das Finanzviertel Manhattans hat seine Wiedergeburt hinter sich. Jetzt muss es gedeihen.

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