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Wohnungsnot WG-Zimmer verzweifelt gesucht

Das Leben in Wohngemeinschaften wird von Semester zu Semester teurer. In den Metropolen steigen die WG-Mieten schneller als die für Familienwohnungen.
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Zu Beginn des Wintersemesters suchen viele Zehntausend Studenten Plätze in Wohngemeinschaften. Quelle: dpa
WG-Zimmergesuche am Schwarzen Brett

Zu Beginn des Wintersemesters suchen viele Zehntausend Studenten Plätze in Wohngemeinschaften.

(Foto: dpa)

DüsseldorfAcht Jahre ist es her, seit Ronald Zeh (Namen geändert) mehrere Wochen lang von August bis Ende Oktober in den einschlägigen Immobilienportalen nach einem Wohngemeinschaftszimmer in Würzburg suchte. Angebote über 300 Euro waren Familie Zeh zu teuer und wurden ignoriert. Das verkürzte die Anrufliste zwecks Terminabsprache erheblich.

Am Wochenende ging es dann aus dem Rheinland nach Würzburg zu den Casting-Shows der Wohngemeinschaften. Der junge Student erlebte Absage über Absage, weil die WGs sich ihren neuen Mitbewohner unter Dutzenden von Bewerbern aussuchen konnten. Und in manche wollte Ronald nach einem ersten Blick in Küche und Bad auch gar nicht einziehen.

Wenn Ronald Zeh heute alle Angebote in Würzburg über 300 Euro aussortieren würde, könnte er kaum noch zu Besichtigungsterminen fahren. Teilt man das aktuelle Zimmer-Angebot in vier Preiskategorien auf, kosten zurzeit drei Viertel der Zimmer mehr als 330 Euro im Monat. Die mittlere WG-Zimmermiete beträgt 380 Euro, ergab die jüngste Auswertung des Wohnungsmarktanalysehauses Empirica.

Die WG-Mieten klettern weiter in die Höhe. Daran wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern. Denn die Wohnungsmärkte deutscher Universitätsstädte sind durchweg „angespannt“. Das bedeutet: Die Städte können versuchen, den Aufwärtstrend mithilfe der Mietpreisbremse zu begrenzen. Doch das ist bislang überwiegend misslungen.

Es fehlen Wohnungen, in Metropolen mehrere Zehntausend, so dass Normalverdiener große Mühe haben, eine für sie bezahlbare Bleibe zu finden. Das gilt umso mehr für Menschen mit geringem Einkommen ­– und dazu zählt auch die Mehrheit der Studierenden. Was knapp ist, wird teurer.

Zu Beginn des Wintersemesters wird die Wohnungsknappheit in den Universitätsstädten besonders spürbar. Denn acht von zehn Studienanfängern schreiben sich zum Wintersemester erstmals für einen Studiengang ein. In diesem Herbst sind es wieder rund 440.000 Erstsemester, schätzt das Deutsche Studentenwerk (DSW).

Von diesen Erstsemestern werden wiederum 80 Prozent ein neues Dach über dem Kopf suchen, denn nur jeder Fünfte bleibt bei den Eltern wohnen. Weil weniger Studierende die Uni verlassen als dort neu anfangen, steigt ihre Zahl seit Jahren.

In Zahlen: Im Wintersemester 2007/2008 waren 1,9 Millionen Menschen an Hoch- und Fachhochschulen eingeschrieben, zehn Jahre später eine Million mehr. Dies verschärft die Situation auf dem Mietmarkt von Halbjahr zu Halbjahr.

Prognosen haben sich überholt

Glaubt man den Prognosen der Kultusministerkonferenz zur Entwicklung der Studierendenzahlen, wird sich der studentische Wohnungsmarkt bald entspannen. Das Gremium sagt vorher, dass die Zahl der Erstsemester nach diesem Jahr abnehmen wird.

Doch diese Prognosen stammen aus dem Jahr 2014 – und wurden längst von der Realität überholt. 2017/18 zählte das Statistische Bundesamt 12.000 mehr Studienanfänger als die erwartete halbe Million – und damit erneut mehr als im Jahr zuvor.

Weil nämlich drei Viertel aller Studenten nach dem Bachelor- einen Master-Abschluss anstreben, nimmt die Studiendauer nicht wie von der Kultusministerkonferenz erwartet ab. Folglich wird auch die Gesamtzahl der Studenten vorläufig weiter ansteigen – und mit ihr die Wohnungsnot insbesondere in den Metropolen.

Da hilft es den Betroffenen auch nicht, dass sie sich zu mehreren eine Wohnung teilen. Immerhin 30 Prozent der Studierenden leben in einer WG. Denn ausgerechnet für WG-Zimmer steigen die Mieten schneller als die durchschnittlichen Wohnungsmieten, hat Reiner Braun, Empirica-Vorstand und Verfasser der WG-Mieten-Studie, nachgerechnet.

Zwei Beispiele: In Hamburg sind die WG-Mieten seit dem Sommersemester 2012 um 24 Prozent nach oben geklettert. Die Durchschnittsmieten für alle Wohnungen gingen seitdem nur um zehn Prozent hoch. In Berlin lautet das Verhältnis 39 Prozent Plus bei der WG-Miete zu 28 Prozent bei der Durchschnittsmiete.

Der Anstieg der Durchschnittsmieten scheint gegenüber den in den vergangenen Wochen von vielen professionellen Marktbeobachtern publizierten Mieterhöhungen gering. Das liegt daran, dass in der Regel die wesentlich höheren Steigerungsraten der Angebotsmieten veröffentlicht werden. Das sind Mieten, die bei Mieterwechseln gefordert werden. Traditionell nutzen Vermieter die Wiedervermietung zu Mieterhöhung.

WG-Vermieter haben dazu häufiger Gelegenheit als Vermieter von Familienwohnungen. Denn in WGs wechselt der Hauptmieter auch als in Familienwohnungen.

Experte Braun vermutet jedoch als wesentlichen Grund für die überdurchschnittlichen Mietsteigerungen für WG-Zimmer, dass die typische WG-Wohnung in zentralen Stadtlagen vermietet wird, also dort, wo die Mieten stärker steigen als im Schnitt der Kommunen.

Private Investoren schaffen keine Abhilfe

Die mittlere Monatsmiete für ein WG-Zimmer in München beträgt 600 Euro. Das bedeutet, dass ein Student mit einem durchschnittlichen verfügbaren Einkommen von 918 Euro im Monat zwei Drittel seines Einkommens für Wohnraum aufwenden muss. Für die günstigsten 25 Prozent der Zimmer werden Empirica zufolge in der bayerischen Landeshauptstadt 500 Euro verlangt. Doch ein Viertel der deutschen Studenten hat laut DSW weniger als 700 Euro im Monat zum Ausgeben.

Günstiger wohnt es sich in einem der 1.700 Studentenwohnheime des DSW. Das DSW verlangt im Schnitt 241 Euro Monatsmiete. Dafür reicht die Wohnungspauschale beim Bafög, der staatlichen Einkommensunterstützung für Studenten, noch aus. Die beträgt 250 Euro im Monat. Doch bis einer der bundesweit 193.000 Wohnheimplätze frei wird, ist vielerorts das erste Semester vorüber. WG-Bewohner kommen mit der Bafög-Pausschale nur noch in Halle und Chemnitz hin.

Inzwischen vergeht kaum eine Woche, in der nicht große private Entwickler und Betreiber von Studentenwohnungen wie etwa International Campus oder die MPC-Tochter Staytoo Neubauprojekte vorstellen. Sie bieten gut geschnittene sogenannte Mikroapartments einschließlich Kabelfernsehen, Internet, Telefon und Strom in Häusern mit Sportstudios und Gemeinschaftsräumen zu Quadratmetermieten, die vielfach über 20 Euro liegen.

Kein Wunder, dass Stefan Grob, Stellvertreter des Generalsekretärs des Deutschen Studentenwerks sagt: „Die privaten Investoren werden die Probleme auf dem Wohnungsmarkt nicht lösen.“

Das leuchtet ein, denn die Mieten sind nur von wenigen bezahlbar. Darauf wies bereits im Frühjahr Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts IW Köln, hin: „Die Mieten sind häufig zu hoch für junge Menschen, die sich mit Studentenjobs oder dem Geld der Eltern finanzieren.“

DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde fordert darum mehr Geld vom Staat für Studentenwohnheime und untermauert dies mit Zahlen: Die Zahl der staatlich geförderten Studienplätze sei in den vergangenen zehn Jahren um 45 Prozent gestiegen, die Zahl der staatlich geförderten Wohnheimplätze aber nur um acht Prozent.

Er erinnert zudem daran: „Jeder neugeschaffene oder sanierte Wohnheimplatz entlastet die überhitzten städtischen Wohnungsmärkte.“ Wann werden sich die Wohnungsmärkte abkühlen? Analyst Braun hat ein klares Szenario vor Augen, dessen Eintritt man sich nicht wünschen mag: „Dazu brauchen wir eine Rezession.“

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