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Wohnungssuche in Europa Der Wohnungsmarkt in Brüssel ist kompliziert

In Brüssel gibt es mehr Wohnungen als Interessenten. Trotzdem sind die Mieten hoch – und aus den Verträgen kommt man nicht so einfach raus.
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In Brüssel sind besonders kleine Wohnungen gefragt. Das liegt auch an vielen Wochenendpendlern der EU-Verwaltungen. Quelle: Photo by Alex Vasey on Unsplash
Brüssel von oben

In Brüssel sind besonders kleine Wohnungen gefragt. Das liegt auch an vielen Wochenendpendlern der EU-Verwaltungen.

(Foto: Photo by Alex Vasey on Unsplash)

BrüsselSeit fast einem Jahr wohne ich nun in Brüssel. Es ist also ungefähr ein Jahr her, dass ich panisch dachte: Oh Mist, jetzt muss ich da irgendwie eine Wohnung finden. Ich bin nämlich von meinen ‧zahlreichen Wohnungssuchen in Deutschland ziemlich traumatisiert: Insgesamt viermal war ich in Hamburg auf der Suche, zweimal in Lüneburg und einmal in Düsseldorf.

Ich habe schon Wochen meines Lebens damit zugebracht, frustriert durch die raren und dazu furchtbaren Immobilienangebote zu scrollen. Ich kenne Besichtigungstermine im dritten Stock, bei denen die Interessenten bis hinaus auf den Bürgersteig Schlange standen.

Ich kenne den Anblick von Maklern, denen so viele Einzugswillige einen Selbstauskunftsbogen in die Hand gedrückt hatten, dass sie unter dem Gewicht des Papiers nahezu zusammenbrachen. Ich habe die Bekanntschaft mit dreisten Vermietern gemacht, die für eine Ein-Zimmer-Wohnung in der Kleinstadt Lüneburg, wo der letzte Bus am Wochenende um 19 Uhr fährt, Quadratmeterpreise wie in München verlangten – und leider gibt es immer jemanden, der so verzweifelt und so dringend eine Wohnung braucht, dass er das zahlt.

Bei jeder meiner Suchen habe ich mir geschworen, dass ich wirklich nie, nie wieder in meinem Leben umziehen werde. Doch ich weiß: Ich werde es mit meinen 29 Jahren noch sehr, sehr oft tun. Wie schon gesagt: Ich bin ziemlich traumatisiert.

In Brüssel war dann überraschenderweise alles ganz einfach. Im Grunde genommen war die Wohnungssuche dort so, wie sie sein sollte: Über die Website immoweb.be (quasi das belgische Immobilienscout) reagierte ich auf ein paar Angebote – und die Makler und Vermieter überschlugen sich, mir die Wohnungen zu zeigen.

In Deutschland gibt es in der Regel einen festen Termin, den der Makler vorgibt: Dienstag, 17 Uhr beispielsweise. Kann man da nicht, hat man Pech gehabt. In Brüssel konnte ich sagen: Ich bin am Freitag in der Stadt und hätte Zeit von 13 bis 15 Uhr. Geht es da? Ja, es geht.

Ich bekam eine Privatführung, und man konnte sogar verhandeln – in den deutschen Städten, in denen ich bisher gesucht habe, absolut unmöglich. Könnte der Vermieter bei der Miete ein bisschen runtergehen? Die Küche umbauen? Zusätzlich eine Spülmaschine oder einen Backofen zur Verfügung stellen?

Abgesehen von einer Ausnahme standen alle Wohnungen, die ich mir ansah, bereits leer. Es waren die letzten Maitage, mieten wollte ich erst ab Juli. Das war kein Problem. In Deutschland hätte ich sie ab sofort mieten müssen – denn es gibt immer noch jemand anderen, der sie will. In Brüssel ist das wohl nicht der Fall: Es gibt viel Leerstand und eine hohe Fluktuation.

Ich weiß noch: Als in meinem Düsseldorfer Haus eine der Wohnungen im Erdgeschoss leer stand und man das von der Straße aus sehen konnte, klingelten immer wieder Passanten an allen Wohnungen, um die Telefonnummer des Vermieters zu erfragen.

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In Brüssel sieht man dagegen in nahezu jeder Straße leere Wohnungen und immer wieder Schilder mit der Aufschrift „zu vermieten/zu verkaufen“. Manchmal hängen sie dort sehr lange. Ich hätte jede der besichtigten neun Wohnungen haben können. An einer, die in der Nähe meiner jetzigen liegt, lief ich anschließend häufiger vorbei: Sie stand noch monatelang leer.

Der Deutschen-Bonus hilft

Anders als in Deutschland haben auch meine genauen Arbeits- und Vermögensverhältnisse niemanden interessiert. Ich wurde lediglich gefragt, ob ich einen Job habe. Ein „Ja“ reichte. Und niemand wollte wissen, wie viel ich damit verdiene. Vielleicht lag das ja auch am Deutschen-Bonus. Ich habe gehört, dass die Belgier gerne an Deutsche vermieten, weil diese – ganz nach dem gängigen Klischee – als zuverlässig, sauber und solvent gelten.

Auch mit den Maklerkosten hatte ich nichts zu tun, die zahlt in Belgien generell der Vermieter. Abgesehen davon geht es allerdings eher mieterunfreundlich zu. Es ist zwar leicht, eine Wohnung zu bekommen – aber schwierig, sie wieder loszuwerden. Es gibt nur Verträge mit einer Mietdauer von zwei, drei oder sieben Jahren.

Will man früher raus, muss man Strafe zahlen – und die ist gestaffelt: Je früher man raus will, desto teurer wird es. Würde ich meinen zweijährigen Mietvertrag vorzeitig kündigen, müsste ich drei Monatsmieten Strafe zahlen. Wohnt man dagegen schon viele Jahre in seiner Wohnung, kann man mit einer Monatsmiete davonkommen.

Zusätzlich gibt es eine dreimonatige Kündigungsfrist. Da die Nachmieter in Brüssel allerdings nicht Schlange stehen – Kehrseite des entspannten Marktes –, wird man die Wohnung nicht unbedingt vor Ende der Kündigungsfrist los.

Auch für alle Schönheitsreparaturen muss der Bewohner selbst aufkommen. Dann gibt es noch verpflichtende Versicherungen, die der Mieter abschließen muss. Und zuletzt ist da noch die Sache mit der Kaution. Sie liegt wie in Deutschland beim Dreifachen der Nettokaltmiete.

Nur: In Belgien ist es wohl gang und gäbe, sie niemals zurückzubekommen, es sei denn, man schaltet einen Anwalt ein. Vermieter betrachten die Kaution gerne als Ausgleichszahlung für normale Abnutzungen. All diese Zusatzkosten machen das Wohnen in Brüssel teuer. Obwohl es offensichtlich mehr Angebot als Nachfrage gibt, sind die Preise dennoch hoch. Das gilt besonders für Ein-Personen-Haushalte.

Meine Brüsseler Wohnung, eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung, entspricht in Größe, Lage und Ausstattung ungefähr meiner Düsseldorfer Wohnung – kostet mich kalt aber 250 Euro mehr. Dabei habe ich schon ein vergleichsweise günstiges Objekt erwischt. Dafür wackelt das ganze Haus jedes Mal, wenn ein Bus vorbeifährt. Die meisten Wohnungen ähnlicher Größe und Umgebung kosten 800 Euro aufwärts. Für eine Ein-Zimmer-Wohnung werden mindestens 600 Euro kalt fällig.

Typisch Brüssel

Pärchen dagegen haben es in Brüssel gut: Sie schwärmen von bezahlbaren riesigen Altbauwohnungen. Denn während eine 50-Quadratmeter-Wohnung rund 800 Euro kostet, kann man 100-Quadratmeter-Wohnungen für 1 000 bis 1200 Euro bekommen.

Das ist das Los in jeder Großstadt: Die Nachfrage nach kleineren Wohnungen ist höher als die nach größeren. In Brüssel mit seinem hohen Anteil sogenannter Expats – von ausländischen Firmen oder Behörden entsandten Arbeitnehmern – und den vielen Wochenendpendlern aus den EU-Verwaltungen ist das vermutlich noch extremer.

Ich wohne im Stadtteil Etterbeek. Er grenzt an das EU-Viertel und ist deswegen für mich sehr praktisch: Ich habe einen 20-minütigen Fußweg ins Brüsseler Handelsblatt-Büro, das ebenfalls dort liegt. Außerdem brauche ich 20 Minuten zu Fuß zum EU-Rat und zur Kommission. Zum Parlament sind es 25 Minuten. Ich könnte auch Bus und Straßenbahn nehmen.

Ein 20-minütiger Fußweg bringt mich auch in den beliebten Nachbarstadtteil Ixelles, wo gefühlt fast alle jungen Leute wohnen, die ich in Brüssel kenne. Dort gibt es gute Restaurants und interessante Bars, kleine individuelle Läden und Märkte.

Alles wirkt sehr französisch und ist doch international. Ixelles ist nicht umsonst einer der beliebtesten Stadtteile in Brüssel und soll besonders bei frankophilen US-Amerikanern ein begehrter Wohnort sein. Ansonsten ist Etterbeek typisch Brüssel: Auf den Straßen und im Supermarkt höre ich neben Französisch immer wieder Italienisch, Spanisch, Deutsch und allerlei osteuropäische Sprachen, die ich nicht einordnen kann.

Der belgische Charme

In meinem Haus wohnen eine Venezolanerin und ein französischsprachiger Belgier. Mein Vermieter ist ebenfalls frankofon, verheiratet mit einer Britin. Schräg gegenüber wohnen Inder, die häufiger Partys veranstalten – und deren Musik dann zwischen den Häusern schallt.

Wie überall in Brüssel verlaufen die Straßen meines Viertels kreuz und quer, auf und ab, ein Zickzack aus verschiedenen Häusern, was den belgischen Städten ihren typischen Charme gibt: als hätte einfach jeder eine Baulücke zugewiesen bekommen und dort ein Haus gebaut, wie es ihm gefiel – in Höhe, Fassade, Dachform, Baustil. Jedes Haus ein Unikat, zeugen sie in ihrer Gesamtheit von der Schönheit der Vielfalt. Genau diese Vielfalt macht Brüssel aus – sie ist es, die ich an der Stadt so mag.

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