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Aktie unter der Lupe Anleger reagieren erfreut auf den Umbruch bei Gazprom

Die Aktionäre spekulieren auf einen Wechsel an der Gazprom-Spitze. Auch eine neue Dividendenpolitik stärkt den Kurs. Doch die Unsicherheit bleibt.
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Der größte russische Konzern ermöglicht seinen Anlegern eine höhere Dividende. Quelle: dpa
Gazprom

Der größte russische Konzern ermöglicht seinen Anlegern eine höhere Dividende.

(Foto: dpa)

MoskauMit riesigen Kurssprüngen ist das Erdgasförderunternehmen Gazprom in dieser Woche zum größten Konzern Russlands aufgestiegen. Die Aktionäre freuen sich dabei nicht nur über eine verbesserte Dividende, sondern spekulieren auch auf den Abgang von Konzernchef Alexej Miller.

Das letzte Mal war der Konzern im April 2016 das Schwergewicht unter Russlands Großkonzernen. Dann wurde er bei der Marktkapitalisierung erst von dem Mineralölunternehmen Rosneft überholt, dann von der Sberbank und für einige Zeit sogar von Lukoil und dem Energieunternehmen Novatek.

Die Investoren zweifelten nicht am Potenzial, wohl aber an der Konzernpolitik. Die niedrigen Dividenden zusammen mit unvorhersagbaren Investitionen, einer hohen Steuerbelastung und politischen Risiken zählt Dmitri Marintschenko von der Ratingagentur Fitch als Belastungsfaktoren für den Aktienkurs auf.

Gerade die politisch motivierten Megaprojekte drückten auf Gewinne und die Stimmung am Markt. Die knapp 4000 Kilometer lange Pipeline „Kraft Sibiriens“ beispielsweise kostet zusammen mit der Erschließung der dazugehörigen Lagerstätten Tschajanda und Kowykta geschätzt 55 bis 70 Milliarden Dollar.

Um die Bedingungen für die Gaslieferungen nach China, für die die Leitung gebaut wurde, macht Gazprom bis heute ein Geheimnis. Aus Verhandlungskreisen sickerte nur durch, dass die Chinesen den Preis stark drückten. Als der Sberbank-Analyst Alexander Fak die Rentabilität des Projekts ebenso wie die der Pipeline Turkstream offen anzweifelte und Gewinne lediglich bei den beauftragten Bauunternehmen Putin-naher Oligarchen verortete, wurde er im vergangenen Jahr auf Druck von Gazprom gefeuert.

In Zukunft mehr Dividende

Das Vertrauen in die kaufmännische Kompetenz der Konzernführung ist dadurch in der Branche nicht gestiegen. Doch nun deuten sich Veränderungen beim schwerfälligen Giganten an: Anfang des Jahres mussten zwei langjährige Topmanager, darunter der für den Export zuständige Alexander Medwedew, gehen.

Ende Mai erklärte Alexander Iwannikow, Direktor der Finanzabteilung von Gazprom, dass der Konzern bis Jahresende eine neue Dividendenpolitik ausarbeiten werde. Seinen Angaben nach will Gazprom in den nächsten zwei bis drei Jahren seinen Aktionären 50 Prozent des Gewinns ausschütten.

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Iwannikow warnte zwar, dass der Konzern seine ungeschriebene Regel, die Dividenden niemals unter Vorjahresniveau zu senken, womöglich nicht beibehalten werde und es eine „Reihe objektiver Gründe gibt, die dazu führen könnten, dass unser Finanzergebnis in diesem Jahr unter dem Niveau von 2018 bleibt“. Trotzdem hat die Nachricht einer generell höheren Ausschüttung von Gewinnen einen rasanten Kursanstieg an der Moskauer Börse ausgelöst.

Allerdings war dies nicht der einzige Grund, warum der Aktienkurs am Montag im Tagesverlauf teilweise um 15 Prozent zulegte, ehe er dann am Ende mit einem Plus von 9,5 Prozent aus dem Handel ging. Spekulationen um eine Ablösung von Gazprom-Chef Alexej Miller hatten ebenfalls zu der Entwicklung beigetragen. „Gerüchte um einen möglichen Rücktritt des Vorstandschefs dürften tatsächlich der Katalysator für den Anstieg gewesen sein“, meint Nikita Rjabinin, Direktor der Consultingagentur KRK Group. Seiner Ansicht nach wurden mehrere Banken auf dem falschen Fuß erwischt und mussten Short-Positionen schließen. Ex-Gazprom-Vize Medwedew widersprach indes der These, dass der Hauptgrund für den Kursanstieg die Spekulationen um den Rücktritt Millers waren. „Wir waren nur tierisch unterbewertet. Das ist der wichtigste Faktor“, sagte er.

Das Ende der Miller-Zeit

Alexej Miller, ein enger Vertrauter von Präsident Wladimir Putin, ist seit 2001 im Amt und gilt bei vielen als verantwortlich für die unterdurchschnittliche Performance des Konzerns in den letzten Jahren. „Gazprom investiert irrsinnige Summen in nutzlose Projekte“, kommentierte der Energieexperte Michail Krutichin daher die Reaktion auf das Rücktrittsgerücht. In als Kreml-nah geltenden Blogs wurde bereits Alexander Djukow, der bisherige Chef der Tochter Gazpromneft, als Nachfolger gehandelt.

Auf der Vorstandssitzung am Dienstag war ein möglicher Rücktritt kein Thema, auch wenn er Insidern zufolge nicht endgültig vom Tisch ist. Dafür bestätigte Miller das Ziel, künftig 50 Prozent der Gewinne auszuschütten. Das reichte, um die Aktie auch im Wochenverlauf auf dem neuen Niveau zu stabilisieren.

Neun der von Bloomberg befragten zwölf Analysten raten zum Kauf der Aktie. Andrej Polischtschuk von der Raiffeisenbank bestätigte gegenüber dem Handelsblatt seine Kaufempfehlung. „Unser Kursziel liegt bei 255 Rubel“, sagte er. Am Donnerstag wurden die Papiere in Moskau für 232 Rubel gehandelt.

Laut Polischtschuk nimmt Gazprom derzeit aktiv strukturelle Veränderungen im Management vor. „Dies lässt die Minderheitsaktionäre darauf hoffen, dass künftig Gazprom stärker die Kosten kontrolliert und bei Projekten auf Rentabilität achtet“, sagte Polischtschuk. Der Cashflow werde sich dadurch pro Jahr um mindestens drei Milliarden Dollar erhöhen, schätzt er.

Es bleiben aber Unsicherheitsfaktoren: Zwar soll zum Jahresende die „Kraft Sibiriens“ in Betrieb gehen und damit erste Einnahmen generieren. Der Druck auf das Pipelineprojekt Nord Stream 2 ist aber vonseiten der USA unvermindert hoch, auch wenn die Bundesregierung ihrerseits exterritoriale Sanktionen gegen das Projekt verurteilte.

Dazu kommt der anhaltende Streit mit der Ukraine, um Gaslieferungen und -transit, wo sich Gazprom Milliardenforderungen ausgesetzt sieht. Doch die Risiken sind nach Ansicht von Branchenexperten weitgehend eingepreist.

Mehr: Bis 2023 will die Europäische Union die Importe von US-Flüssiggas verdoppeln. Doch Russland und Saudi-Arabien könnten den Plan durchkreuzen.

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