Aktie unter der Lupe Netflix gehört zu den Gewinnern des Börsenjahres

Wird sich der Kursanstieg des Streamingdienstes Netflix fortsetzen? Manche Analysten räumen der Aktie weiteres Potenzial ein – aus mehreren Gründen.
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Der Streamingdienst plant den Start zahlreicher neuer Eigenproduktionen. Quelle: Bloomberg
Netflix

Der Streamingdienst plant den Start zahlreicher neuer Eigenproduktionen.

(Foto: Bloomberg)

San FranciscoEs ist September, und Netflix schaltet noch einmal den Nachbrenner ein: Der weltweite Marktführer in Videostreaming wird sagenhafte 52 Netflix-exklusive Eigenproduktionen bis Monatsende neu starten und daneben noch zahlreiche zugekaufte Inhalte auf die Bildschirme werfen.

Der Zweck ist klar: CEO Reed Hastings will den Konkurrenten aus dem TV-Geschäft noch einmal klarmachen, wer im Streamingbusiness das Sagen hat, und Neulingen wie Facebook zeigen, mit wem man sich da anlegt. Das soziale Netzwerk hat gerade den Videokanal „Watch“ gestartet und hofft, damit Googles Youtube und auch Netflix Marktanteile abnehmen zu können.

Das Feuerwerk an neuen Exklusivproduktionen soll die Zahl der Neukunden auf dem hohen Niveau halten, an das sich die Anleger und Analysten gewöhnt haben und das der einzige Grund ist, warum der Firma eine extrem hohe Bewertung zugebilligt wird. Gut 90 Prozent hat die Aktie in diesem Jahr schon zugelegt, in dem der S&P-500-Index mit einem Plus von unter zehn Prozent nur müde vor sich hin dümpelt und auch die Nasdaq auf hohem Niveau schwächelt.

Doch bei der jüngsten Vorlage der Quartalszahlen hatten die Zuwachsraten enttäuscht. Statt erwarteter 6,2 Millionen Neukunden war es eine Million weniger. Der Aktienkurs brach stark ein, und das darf nicht noch einmal passieren. Die September-Filmoffensive soll nun zeigen: Netflix hat investiert und will liefern. Voraussichtlich um den 15. Oktober kommen die nächsten Quartalszahlen.

Was nicht nur die Wall Street, sondern auch Hollywood elektrisiert hatte, war ein Vertrag von angeblich 300 Millionen Dollar über fünf Jahre mit der Hollywood-Legende Ryan Murphy, Produzent so erfolgreicher Serien wie „American Horror Story“ oder „Glee“. Nachdem er für den Kabelsender „Fox“ Hits am laufenden Band geliefert hat, hofft Netflix nun auf weitere Großtaten.

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„Angefeuert vom Erfolg seiner Originalserien ist Netflix mittlerweile das Studio für Serienproduktionen geworden“, zitiert Marketwatch.com-Analyst Rich Greenfield von BTI. Greenfield sieht nicht weniger als eine tektonische Machtverschiebung zwischen Technologie und Media.

„Tech wird schneller zu Media als Media zu Tech“, twittert er und übernimmt damit eine Redewendung von Netflix-Gründer und CEO Hastings. Der hatte in einem Analystengespräch auf die Frage, ob er sich vor HBO fürchte, geantwortet: „Wir werden schneller HBO als HBO Netflix“. HBO ist der erfolgreichste TV-Kabel-Sender der USA mit Produktionen wie dem Welterfolg „Breaking Bad“.

Netflix hat bereits in der Vergangenheit erfolgreich TV-Professionals angelockt. 2017 kamen Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“) und Betsy Beers vom Sender ABC, Verträge wurden ebenfalls mit dem früheren „Late Night“-Talker David Letterman sowie den Kabarettisten Chris Rock, David Chapelle, Amy Schumer und Jenji Kohan („Orange ist the New Black“) abgeschlossen.

Mindestens acht Milliarden Dollar für Eigenproduktionen

Die Pläne für selbst erstellte Inhalte sind hoch gesteckt bei Netflix. Acht Milliarden Dollar oder mehr sind dafür in diesem Jahr vorgesehen, zwei Milliarden mehr als 2017. Das wäre mehr als bei den Konkurrenten Hulu und Amazon zusammen. Alleine diese schiere Summe lockt Talente aus Hollywood an, die Geld für ihre kreativen oder wilden Ideen suchen und nicht mehr wissen, ob sie es im Studiobetrieb der Megafirmen wie Disney oder Fox noch finden.

So ist es kein reiner Übermut, der Netflix dazu bringt, einen Vertrag über 300 Millionen Dollar, einer der teuersten TV-Deals der Geschichte, abzuschließen. Es gilt, ein gigantisches Loch zu füllen, das Disney 2019 im Netflix-Angebot reißen wird, wenn der aktuelle Vertrag auslaufen wird und der Maus-Konzern seine beeindruckende Masse an weltbekannten Filmen und Shows dazu nutzen wird, eine eigene Streaming-Konkurrenz aufzubauen. Der Rückzug der alten Hollywood-Garde war immer das Horrorszenario, das Netflix drohte. So kann Disney Blockbuster wie Star Wars, Pixar-Filme oder Marvel-Movies ins Rennen werfen.

Früher wappneten sich die großen Medienkonzerne gegen ein Ausbluten, indem sie gleich ganze Studios kauften. Netflix kann aber in Sachen Finanzkraft in diesem Gigantenrennen gar nicht mithalten. Die Lösung also: Der Streamingdienst kauft keine Studios, sondern der Konkurrenz die kreativen Kräfte weg.

Ob das reicht, um den Höhenflug der Aktie fortzusetzen? Die Analysten sind gespalten über die Zukunft von Netflix. Doch die Mehrheit sieht weiter Potenzial. So empfehlen von 44 Analysten, die im Nachrichtendienst Bloomberg die Aktie regelmäßig covern, 27 das Papier zum Kauf – und nur vier raten dazu, es abzustoßen.

Zu den größten Bullen gehört dabei RBC Capital Markets, die gerade aktuell ihr Preisziel von 360 auf 440 Dollar angehoben haben. RBC stützt sich dabei auch auf eigene Umfragen unter US-amerikanischen und britischen Nutzern, die hohe Nutzungs- und Zufriedenheitswerte zeigten und nur eine sehr geringe Neigung, ihren Netflix-Account wieder zu kündigen.

„Wir glauben, dass Netflix einen Grad an nachhaltiger Größe, Wachstum und Profitabilität erreicht hat, der im aktuellen Kurs nicht widergespiegelt wird“, so Analyst Mark Mahaney. Große Stücke hält er auf den jungen indischen Markt, wo er enormes Potenzial sieht. Indien könne die Basis für die Millionen an Neukunden werden, die auch über 2018 hinaus jährlich benötigt werden. Erste Eigenproduktionen für den indischen Markt seien schon gut angenommen worden, so die RBC-Analyse.

Kritische Stimmen: „Qualität statt Quantität“

Aber da sind auch Stimmen wie die von Buckingham Research Group, die ihr „Underperform“-Rating noch einmal bekräftigten und ein Kursziel von 305 Dollar vorgeben, weit unter dem aktuellen Kurs um 367 Dollar. Das imposante Line-up an Neuproduktionen wird mit dem Label „Quantität statt Qualität“ gebrandmarkt.

In der Tat bewertet eine aktuelle Analyse von „Streaming Observer“ auf Basis der Film-Bewertungsportale „Rotten Tomatoes“ und „Metacritics“ das Netflix-Portfolio des laufenden Jahres kritisch. Amazon und Hulu hätten beide mit geringerem finanziellen Aufwand mehr Qualität produziert.

Noch ist die Masse der Analysten davon unbeeindruckt. Doch die Experten werden das Unternehmen daran messen, ob es im vierten Quartal eine Trendwende beim Wachstum der Zahl der Neukunden belegen kann. Ist das nicht der Fall, dann werden zahlreiche Analysten ihre Bewertungen sicher noch einmal fundamental überarbeiten.

Um erfahrene Netflix-Kunden bei der Stange zu halten, gibt es im November jedoch ein weiteres Highlight. Dann kommt die neue Staffel der um den tief gefallenen Ex-Star Kevin Spacey bereinigten Serie „House of Cards“ auf die Bildschirme. Die exklusiv von Netflix in Auftrag gegebene Serie hatte einst maßgeblich zum Durchbruch des Streamingdienstes beigetragen – nun soll die letzte Staffel erneut dem Sender einen wichtigen Dienst erweisen.

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