Aktienmarkt Börsenexperten warnen - aber die Insider kaufen

Obwohl Börsianer angesichts Griechenlandkrise und Inflation vor einem Crash warnen, greifen Vorstände von Dax-Unternehmen bei eigenen Aktien kräftig zu. Woher nehmen die Insider ihren Optimismus?
  • Christian Schnell
Auch René Obermann kaufte in den letzten Wochen eigene Aktien. Der Vorstand der Telekom investierte über 1,2 Mio. in das eigene Unternehmen. Quelle: dapd

Auch René Obermann kaufte in den letzten Wochen eigene Aktien. Der Vorstand der Telekom investierte über 1,2 Mio. in das eigene Unternehmen.

(Foto: dapd)

FrankfurtDas Votum ist eindeutig: Fünf von acht Vorständen der Deutschen Telekom haben in den vergangenen beiden Wochen Aktien ihres Unternehmens gekauft, darunter Vorstandschef René Obermann. Vier von sechs SAP-Vorständen haben ebenfalls investiert, auch hier war die Konzernspitze mit Jim Hageman Snabe dabei. Sie haben das getan, was in den Woche davor die Chefs von Heidelberg Cement, K+S und der Deutschen Post getan haben: Sie kaufen Aktien, weil sie glauben, dass ihr Unternehmen an der Börse mehr wert sein müsste, als dies der aktuelle Kurs zeigt. Und weil sie wissen, dass die Auftragsbücher bestens gefüllt sind.

Seit fünf Jahren berichtet das Handelsblatt mittlerweile alle zwei Wochen über die Kauf- und Verkaufsorders von Vorständen und Aufsichtsräten. Das Forschungsinstitut für Asset Management an der Uni Aachen (Fifam) wertet diese gemeinsam mit Commerzbank Wealth Management aus und leitet daraus Schlussfolgerungen für Privatanleger ab. Die wesentlichen Fragen dabei: Was bedeutet das für die einzelne Aktie, die ge- oder verkauft wurde? Und was bedeutet die Gesamtzahl der Orders für den weiteren Verlauf des Dax?

Rechtzeitig zum fünften Geburtstag sind die Topmanager jetzt wieder so optimistisch wie seit dem vergangenen Herbst nicht mehr. Sie kaufen, obwohl die breite Masse an Fondsmanagern, Bankstrategen und Vermögensverwaltern dieser Tage wegen der vielen ungelösten Probleme in der Welt zur Vorsicht rät.

Topmanager versus Börsenexperten

"Topmanager zeigen häufig ein konträres Anlageverhalten gegenüber den Aussagen der Finanzexperten", sagt Fifam-Experte Simon Bölinger. Der Grund: Sie haben bessere Informationen über künftige Umsätze und Erträge als andere Anleger.

Das würden die Unternehmen natürlich nie so kommunizieren. Zu groß wäre der Verdacht, hier könne jemand dem Aktienmarkt wichtige Informationen zum eigenen Vorteil vorenthalten. Wenn Unternehmen tatsächlich einmal eine Begründung für den Kauf eines ihrer Chefs angeben, dann liest sich das wie vor einiger Zeit beim IT-Haus IDS Scheer: "Professor Scheer möchte mit dem Aktienkauf nach innen und außen ein Zeichen setzen und sein Vertrauen in die operative Leistung des Unternehmens ausdrücken".

Top-Käufe und -Verkäufe der letzten Wochen

Dass es sich für Privatanleger durchaus rentieren kann, sich an den Orders der Chefs zu orientieren, beweist die Auswertung der Fifam: Die durchschnittliche Überrendite gegenüber dem Dax, die jemand erzielt, der den Käufen von Vorständen und Aufsichtsräten gefolgt ist, beträgt nach einem Jahr 8,5 Prozent. Das zeigt die Auswertung der 8133 Käufe in den vergangenen fünf Jahren. Die Strategie funktioniert auch umgekehrt: Wer mit den Chefs verkauft, hat so nach einem Jahr im Schnitt eine Unterrendite zum Dax von 2,2 Prozent vermieden. 2534 Verkäufe in fünf Jahren belegen dies.

Spekulieren wie die Chefs

Dieb Topmanager müssen die Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht melden. Eine Website mit etwas sperrigem Namen gibt Auskunft darüber (http://ww2.bafin.de/database/DealingsInfo/). Aufbereitet werden diese Daten von der Fifam zum Insider-Barometer, das das Handelsblatt alle zwei Wochen exklusiv veröffentlicht. Rückschlüsse für die Entwicklung einzelner Aktien als auch für den gesamten Markt lassen sich daraus ziehen.

Bei den Einzeltiteln kommt es häufig vor, dass die Unternehmensinsider kaufen (oder verkaufen), obwohl Analysten das genaue Gegenteil empfehlen. Dieser sogenannte Contrarian-Effect des Insider-Barometers ist für Privatanleger insofern interessant, weil sie so eine der Marktmeinung gegenläufige Einschätzung erhalten - und zwar von Personen, die einen viel tieferen Einblick in die Perspektiven eines Unternehmens haben als "normale" Investoren.

Deutlich komplizierter ist die Aussage für den gesamten Markt. Hier zeigt das Insider-Barometer an, ob große Indizes wie der Dax künftig nach oben, seitwärts oder nach unten tendieren. Die Forscher werten dabei immer die Orders der vergangenen drei Monate aus. Bei Barometerständen über 110 Punkten beispielsweise können Investoren in der Regel Zusatzrenditen erwirtschaften, wenn sie am deutschen Aktienmarkt einsteigen. Im umgekehrten Fall empfiehlt sich bei einem Barometerstand von unter 90 Punkten nicht der Einstieg in Aktien. Im Bereich zwischen 90 und 110 Zählern entwickeln sich die Aktienmärkte in der Regel wie alle anderen Anlageklassen.

Im Moment liegt das Insider-Barometer bei 115 Punkten, also im Kaufbereich - so viel wie seit Herbst vergangenen Jahres nicht mehr. Damals haben sich die Topmanager plötzlich zurückgehalten, nachdem sie noch im Sommer massiv Aktien gekauft hatten. Die anschließende Börsenentwicklung zeigte warum: Dax & Co. legten zu. Viele Anleger fassten wieder Mut und stiegen ein - allerdings erst zu vergleichsweise hohen Kursen.

Verkäufe beschleunigen Kursrutsch

Mit Verkäufen tun sich Unternehmen allerdings ungleich schwerer als mit Käufen, kommt doch unweigerlich der Verdacht auf, ein Chef wisse mehr über drohendes Übel und trennt sich deswegen von seinen Papieren, ehe der große Kursrutsch einsetzt. "Verkauf wegen Hauskauf", hieß es deshalb einst bei Phoenix Solar, als der einstige Technikvorstand Manfred Bächler verkauft hatte.

Völlig die Ausnahme sind hingegen Begründungen wie diese: "Der gesamte Erlös des Aktienverkaufs fließt in die gemeinnützige Tier-hilft-Mensch-Stiftung Bernd Hildebrandt." So hatte man beim Technologiekonzern einen Verkauf im Wert von 1,7 Millionen Euro begründet.
Im Moment müssen jedoch kaum Verkäufe erklärt werden, die Unternehmenschefs setzen mit ihren Käufen wieder einmal einen deutlichen Kontrapunkt zur allgemeinen Marktmeinung.

Die lautet in etwa so: "Zwar stützen die guten Fundamentaldaten auf Unternehmensebene und die attraktiven Bewertungen die Aktienmärkte, jedoch drohen je nach Nachrichtenlage weitere Kursrückgänge." Das sagt Daniel Schär von der Berliner Weberbank. Die Botschaft für Anleger ist eindeutig: Vorerst abwarten und erst dann wieder einsteigen, wenn das derzeitige Gemisch aus Staatsverschuldung, Inflationsängsten und geopolitischen Risiken etwas überschaubarer ist.

Vorstände und Aufsichtsräte haben für solche Dinge gewöhnlich nichts übrig. Beinahe schon einseitig blicken sie auf ihr Unternehmen. Das hilft besonders in extremen Umbruchphasen wie im Frühjahr 2009. Damals lag die Börse völlig am Boden, lediglich die Chefs kauften Aktien wie noch nie zuvor.

Jetzt haben die Vorstände von Telekom und SAP gekauft. Erstere glauben wohl, dass die Aktie das Niveau um zehn Euro verlässt, auf dem sie seit zwei Jahren verharrt. Bei der SAP-Aktie ist die Lage anders: Sie war kürzlich so viel wert wie seit fünf Jahren nicht mehr. Trotzdem sehen die Chefs weitere Chancen.

Startseite
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%