Produktionsstätte von Fresenius

Die Aktie fiel am Mittwoch zeitweise um zwölf Prozent.

(Foto: Fresenius)

Analyse Warum die Kurse ungewöhnlich heftig auf Gewinnwarnungen reagieren

Fresenius ist das jüngste Beispiel dafür, wie stark die Kurse von Dax-Konzernen nach Gewinnwarnungen momentan fallen. Was die Ursachen dafür sind.
Update: 18.10.2018 - 09:47 Uhr 2 Kommentare

DüsseldorfDer Kursverlust, der am Mittwoch auf eine Gewinnwarnung des Gesundheitsdienstleisters Fresenius folgte, war ungewöhnlich stark. Die ansonsten eher gering schwankende Fresenius-Aktie fiel in der Spitze um gut zwölf Prozent. Mehr noch: Die ebenfalls im Dax notierende Tochter Fresenius Medical Care (FMC), die noch etwas stärker von der Prognosekürzung betroffen sein könnte, brach um bis zu 20 Prozent ein.

Das ist außergewöhnlich. Fresenius und FMC sind beileibe keine Schwergewichte im Dax, doch ihr extremer Kursverlust bescherte dem Gesamt-Dax ein Minus von gut 60 Punkten. Fresenius und FMC sind kein Einzelfall. Schon vor einigen Wochen verlor Continental nach seiner zweiten Gewinnwarnung in diesem Jahr gut 15 Prozent an Wert.

Dabei fiel auch beim Automobilzulieferer die Warnung gemessen am Kurseinbruch in homöopathischen Dosen aus. Ebenso wenig wie Continental prognostiziert auch Fresenius keine tiefroten Zahlen, sondern nur einen etwas geringeren Gewinnanstieg.

Und die Börsen liefern ein weiteres, tagesaktuelles Beispiel: Heidelberg Cement. Das Unternehmen gab am Donnerstagmorgen eine vorsichtig formulierte Gewinnwarnung aufgrund von Wetterbedingungen und hohen Energiekosten aus. Die Aktie reagierte mit einem Einbruch um bist zu annähernd sieben Prozent. Auch Heidelberg ist Dax-Mitglied mit geringer Gewichtung im Index.

Auch der Leuchtmittelproduzent Osram, eine ehemalige Siemens-Sparte, verlor bei seiner Gewinnwarnung mit gut 20 Prozent ungewöhnlich viel. Der Internethändler Zalando büßte 17 Prozent ein, das Logistikunternehmen Hapag Lloyd 22 Prozent. Vergleichsweise glimpflich kam der Versicherer Talanx in dieser Woche davon. Die Aktie fiel „nur“ um neun Prozent. Doch schon das ist ungewöhnlich viel.

Zwei Ursachen lassen sich ausmachen: Die Kursausschläge häufen und verstärken sich in dem Maße, in dem die Gesamtmärkte nervöser werden. Nach dem ruhigen Börsenjahr 2017 mit extrem geringen Kursschwankungen und dem verheißungsvollen Start in diesem Jahr, als der Dax im Januar bis auf 13.500 Punkte stieg, nahm im Spätwinter die Nervosität deutlich zu.

Ihr folgte eine immer größere Schwankungsbreite der Kursausschläge. Vorläufiger Höhepunkt ist der Oktober: Der Dax fiel erstmals seit zwei Jahren nachhaltig unter die Marke von 11.800 Punkten.

Die Marke ist deshalb so bedeutend, weil sie bei allen vorangegangenen Rückschlägen, von denen es in diesem Jahr schon ein Dutzend gab, einen guten Halt geboten hatte. Jetzt aber eben nicht mehr. Umso größer ist bei Investoren nun die Verunsicherung. Davon betroffen sind zuallererst die Aktien von Unternehmen, die ausgerechnet in solch einer Phase ihre Aktionäre darüber informieren, dass die Geschäfte nicht ganz so gut laufen wie bislang prognostiziert.

Dabei sind es gar nicht so sehr die Aktienverkäufe, die die Kurse fallen lassen, sondern vielmehr die mangelnde Kaufbereitschaft. Die Umsätze zeigen nämlich, dass den Verkäufen im durchaus üblichen Rahmen ungewöhnlich wenig Käufer gegenüberstehen, die inmitten der verunsicherten Börsen bereit sind, auf ermäßigtem Kursniveau mutig zuzugreifen. Dieser Effekt lässt die Kurse ungewöhnlich stark fallen.

Ein zweiter Trend lässt sich ausmachen: Betroffen von den heftigen Kursabschlägen sind hoch bewertete Aktien oder Aktien in „sensiblen“ Branchen. Mit letzterem Begriff ist die Verkaufswelle bei Continental gemeint. Investoren spekulieren bei der deutschen Autobranche seit Langem darauf, dass die Umsätze und Gewinne angesichts des Dieselskandals und vor allem des von US-Präsident Donald Trump ausgelösten weltweiten Handelskonflikts sinken werden.

Der Grund: Wenn BMW und Daimler ihre im amerikanischen Spartanburg und Tuscaloosa produzierten Limousinen nach China exportieren, leiden die deutschen Premiumhersteller unter den amerikanischen Zöllen und chinesischen Gegenzöllen besonders stark. Übrigens sehr viel stärker als General Motors und Ford, weil die Amerikaner mangels Nachfrage weniger Autos nach China ausführen.

Wenn nun Continental als wichtiger Autozulieferer eine Gewinnwarnung veröffentlicht, dann scheinen die Spekulationen der skeptischen Investoren aufzugehen. Das verstärkt die Negativspirale.

Schließlich leiden höher bewertete Aktien besonders. Das ist abzulesen an den Fällen Zalando, Fresenius und FMC. Die Gesundheitsaktie und der Dialysespezialist sind an der Börse recht teuer. Anleger bezahlen die beiden Unternehmen und heruntergerechnet ihre Aktien fast mit dem 20-fachen Jahres-Nettogewinn. Zumindest vor dem Kurssturz.

Das ist viel, zumal der Gesamt-Dax sehr viel preiswerter ist. Alle 30 Dax-Unternehmen und ihre Aktien kosten im Schnitt nur den 12,4-fachen Gewinn. Teurere Aktien aber sind risikoreicher. Vor allem dann, wenn die hoch gesteckten Erwartungen nicht aufgehen, wie die Gewinnwarnungen belegen.

Tröstlich für Anleger bleibt aber ein wichtiger Punkt: Die Gewinnwarnungen einzelner Unternehmen lassen zwar die jeweiligen Aktien einbrechen. Doch der Gesamtmarkt leidet wenig. Die Ausschläge bleiben also begrenzt. Das war nicht immer so.

Als sich vor knapp zwei Jahrzehnten bei einzelnen Technologiefirmen die Erwartungen nicht erfüllten, brachen erst die Kurse aller Technologie-Aktien ein und schließlich die des gesamten Marktes. Die Technologieblase platzte. Der Dax verlor damals zwischen März 2000 und März 2003 drei Viertel seines Wertes.

Davon ist die Börse heute noch weit entfernt. Binnen eines Jahres verlor der Dax neun Prozent.

Startseite

Mehr zu: Analyse - Warum die Kurse ungewöhnlich heftig auf Gewinnwarnungen reagieren

2 Kommentare zu "Analyse: Warum die Kurse ungewöhnlich heftig auf Gewinnwarnungen reagieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Lieber Herr Carlo Fittner,
    Toll, wie Sie das wichtige problematische Thema Leerverkäufe beschrieben haben.
    Ergänzen möchte ich:
    Die Bundesregierung führt die Abgeltungssteuer ein, damit WENIGER spekuliert wird.
    Die Folge: Deutsche wie auch internationale Investoren kaufen lieber Immobilien, da die Gewinne dann nach 10 Jahren steuerfrei sind.
    Es gibt also immer weniger richtige Investoren, die Aktien kaufen und sehr lange halten.
    Damit sind massive Kursschwankungen vorprogrammiert.
    Der Autor übersieht also nicht nur das Thema Leerverkäufe, sondern auch die Investorenbasis aufgrund der steuerlichen Thematik.
    Charttechnik und hohe Bewertungen sind zumindest für den internationalen Markt keine hinreichende Begründung für hohe Schwankungen.

  • Der Autor übersieht ein zentrales Problem der hohen Kursausschläge: Leerverkäufe. Insbesondere am deutschen Aktienmarkt finden offensive Investoren (eher Spekulanten) ein geradezu ideales Spielfeld vor. Über Leerverkäufe/short-Positionen werden die Kurse der betroffenen Aktien deutlich stärker belastet, als wenn nur echte Investoren ihre Positionen kürzen oder ganz verkaufen würden. So trifft ein künstlich überblähtes Verkaufsvolumen auf einen zwar liquiden aber doch begrenzt aufnahmefähigen Markt, trifft ein "Über"-Angebot auf "normale Nachfrage". Dabei ermöglichen genau diejenigen Investoren diese Leerverkäufe, die dann unter den erheblichen Kursschwankungen am meisten leiden. Um Zusatzrendite in Portfolien zu erwirtschaften, "verleihen" diese Portfolio-Manager Teile ihrer Bestände, übersehen dabei aber, dass sie sich selbst dadurch schaden. Denn Leer-Verkäufer bedienen sich wiederum der Wertpapierleihe, um Aktien zu verkaufen, die sie gar nicht halten. So ermöglichen Investoren den Spekulanten, einen überproportionalen Kursrückgang zu erzeugen und daran zu verdienen. Hässlicher Nebeneffekt für den Investor: seine Performance leidet darunter erheblich, der Schaden wird durch die übersichtliche Leiheprämie nicht annähernd ausgeglichen. Aufgrund seiner hohen Liquidität und zuverlässigen valutagerechten Abwicklung eignet sich gerade der deutsche Aktienmarkt besonders für diese "Spielchen" und ist insbesondere bei anglo-amerikanischen Hedgefonds außerordentlich beliebt. Wenn man die hohe Volatilität eindämmen möchte, wäre die erste Maßnahme, an der Wertpapierleihe nicht mehr teilzunehmen oder diese ganz abzuschaffen.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%