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Börsengänge Deutschland holt bei Einhörnern auf

Ausländische Wagniskapitalfirmen sorgen für immer mehr Milliarden-Bewertungen in Deutschland. Jetzt drängen gleich mehrere Technologieunternehmen an die Börse.
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Viele deutsche Start-ups arbeiten an einem Börsengang. Quelle: Reuters
Deutsche Börse in Frankfurt

Viele deutsche Start-ups arbeiten an einem Börsengang.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Es war nicht ganz das Ergebnis, das sich der Star der deutschen Biotech-Szene, das Mainzer Unternehmen Biontech, bei seinem Debüt an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq vorgestellt hatte. 150 Millionen Dollar konnte die Firma in den USA einsammeln. Firmenchef und -gründer Ugur Sahin musste deutliche Abstriche beim Ausgabepreis zugestehen, um Erfolg zu haben.

Mit 15 Dollar landete er ein Viertel unter den maximalen Preisvorstellungen. Trotz dieser Enttäuschung, die vor allem am unsicheren IPO-Umfeld nach dem gescheiterten Börsengang von Wework lag, ist Biontech damit nun auch von den Märkten offiziell als Einhorn geadelt worden.

Damit sind Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar gemeint. Das auf personalisierte Immuntherapien vor allem gegen Krebs spezialisierte Unternehmen kommt auf einen aktuellen Wert von 3,4 Milliarden Dollar.

Biontech ist nur das bislang letzte Beispiel in einer immer größer werdenden Zahl von Start-ups aus Deutschland mit solch hohen Bewertungen, die den Schritt an die Börse wagen. Erst Ende September gelang Teamviewer der bislang größte Börsengang des Jahres in Deutschland. Der aus Göppingen stammende Softwarekonzern wird mittlerweile sogar mit mehr als fünf Milliarden Euro bewertet.

Mit Flix Mobility, Auto1 und Getyourguide stehen mehrere Unternehmen bereit, die bei einem IPO ebenfalls viel Geld einsammeln dürften. Insgesamt sind in den vergangenen Jahren immer mehr Einhörner in Deutschland herangewachsen. Nach Berechnungen des Beraters GP Bullhound sind es insgesamt elf junge, heimische Unternehmen, die in diese Kategorie fallen.

Das Mainzer Unternehmen ist über drei Milliarden Euro wert. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Biontech-Chef Ugur Sahin

Das Mainzer Unternehmen ist über drei Milliarden Euro wert.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Grund für den Boom in Deutschland ist auch das zunehmende Interesse von Risikokapitalinvestoren an deutschen Firmen. In Deutschland floss nach Berechnungen des Beraters KPMG im dritten Quartal mit 2,29 Milliarden Dollar in rund 90 Deals so viel Geld wie nie zuvor in einem Quartal. Der Großanteil ging mit 564 Millionen Dollar an Flix Mobility, gefolgt von Finanzdienstleister N26 (470 Millionen Dollar). Die beiden Firmen gehören damit zu den „Top Ten“ der Investments global in Wagniskapital.

Weltweit waren es in den ersten neun Monaten dieses Jahres laut KPMG knapp 178 Milliarden Dollar. Das ist so viel wie im gesamten Jahr 2017. Den Grund für den Aufschwung in Deutschland sieht Tim Dümichen, Partner bei KPMG, in den wirtschaftlichen Herausforderungen in Branchen wie Autozulieferern und Banken. „Sicherlich ist diese Entwicklung auch ein maßgeblicher Grund für die namhaften Investments in Start-ups aus diesen Bereichen. Ich denke, dass wir in Zukunft noch einige interessante Entwicklungen zu erwarten haben“, sagt er.

Der Aufschwung bei Wagniskapital in Deutschland ist besonders beachtenswert, da deutsche Investoren im internationalen Vergleich eher Mangelware sind. Das gilt insbesondere, wenn größere Summen investiert werden müssen.

Die Deutschlandchefin von JP Morgan, Dorothee Blessing, klagt deshalb: „Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es in Deutschland zu wenig Wagniskapital. Das muss sich ändern.“ Sie fordert, jungen Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen und einen Weg aufzuzeigen, wie sie mit ihren erfolgversprechenden Zukunftstechnologien an die Börse gehen können. Sie sieht sonst das Risiko, „dass Innovationen, Talente und Arbeitsplätze abwandern“.

Mehr größere Deals

Inzwischen geht ohnehin die Schere zwischen sehr großen und kleinen Deals auseinander. „Ausländische Investoren konzentrieren sich auf ausgereifte Geschäftsmodelle und sind bereit und in der Lage, hohe Summen zu investieren“, beobachtet Peter Lennartz, Partner bei der Beratung EY. Entsprechend steige die Anzahl der Einhörner und Start-ups, die als potenzielle Einhörner gelten, was die Attraktivität des Standorts Deutschland für internationale Investoren weiter steigere.

Ein großer Erfolg war beispielsweise der Börsengang von Teamviewer für den Finanzinvestor Permira. Der Vorstand mit CEO Oliver Steil des erfolgreichsten deutschen Softwareunternehmens hatte im September offenbar vor allem die angelsächsischen Anleger von der Qualität überzeugen können.

Als 380 Mitarbeiter von Teamviewer in T-Shirts des Unternehmens den ersten Kurs der Aktie von 26,25 Euro auf dem Parkett der Frankfurter Börse Ende September mit Applaus quittierten, löste die Firma den Lkw-Hersteller Traton von Volkswagen als größtes IPO des Jahres ab. Allein die Aktien aus dem Börsengang waren 2,21 Milliarden Euro wert. Permira konnte sein Einstiegskapital von 870 Millionen Euro von vor fünf Jahren damit versechsfachen.

Während Teamviewer aus Göppingen stammt, konzentriert sich die Start-up-Szene hierzulande inzwischen auf Berlin. Die Hauptstadt entwickele sich schnell zum Gegenspieler von San Francisco und London, urteilt Lenka Rabatinova vom Finanzdatendienstleister Preqin.

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Die Gründe hierfür: „Die verstärkte Digitalisierung hat kreative Menschen hervorgebraucht, die Innovationen vorantreiben, neue Trends setzen, Unternehmen gründen und eine digitale Wirtschaft aufbauen“, urteilt die Expertin. Es wird Geld und Talent angezogen.

Um welche Summen es geht, machen Berechnungen von EY deutlich. Im ersten Halbjahr flossen bei 131 Finanzierungsrunden insgesamt 2,1 Milliarden Euro in die Hauptstadt. Berlin steht für mehr als zwei Drittel des im ersten Halbjahr in Deutschland in Start-ups investierten Kapitals.

Dazu zählen die Online-Reiseplattform Getyourguide und auch das Fintech N26. Der Erfolg der Einhörner sieht allerdings gemischt aus. Das gilt gerade dann, wenn sie aus dem E-Commerce-Bereich stammen. Für Jahre nach dem Börsengang des Online-Modehändlers Zalando in Frankfurt, der aus dem Imperium des Internetinvestors Rocket Internet stammt, hat sich für Anleger das Investment in die Aktie gelohnt.

Anders sieht es für Rocket Internet selbst aus. Im Vergleich zum Ausgabekurs hat sich der Kurs der Aktie etwa halbiert. Das Unternehmen kommt inzwischen nicht einmal mehr auf einen Wert von vier Milliarden Euro.

Aussichtsreiche Börsenkandidaten

Trotz der teils schwachen Kursentwicklung (siehe auch nebenan), erwarten Beobachter bei mehreren Einhörnern aus Deutschland einen Börsengang. Als besonders aussichtsreiches Unternehmen zählt dabei Auto1. Der Autogroßhändler aus Berlin ging bereits 2012 an den Start.

Zunächst war das Start-up eine Händlerbörse für Gebrauchtwagen und unter dem Namen PKW1.net unterwegs. Anfang vergangenen Jahres stieg der Tech-Konzern Softbank mit 460 Millionen Euro ein. Informationen aus Finanzkreisen zufolge beträgt der Anteil der Japaner am Unternehmen damit 20 Prozent. Der Wert des Internethändlers liegt auf der Basis des Deals Schätzungen aus Finanzkreisen zufolge bei knapp drei Milliarden Euro.

Ein weiterer Börsenkandidat ist Flix Mobility, wozu Flixbus gehört. Allein im Juli dieses Jahres hatte sich der Vermittler von Busreisen in der Finanzierungsrunde F noch einmal 472 Millionen Euro an frischem Kapital bei Investoren wie Holtzbrinck-Ventures und der Europäischen Investmentbank eingeholt, die schon lange dabei sind.

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Es kamen zudem Neuinvestoren wie VC Permira und Silicon Valley VC hinzu. Im August wurde die Finanzierungsrunde noch einmal aufgestockt, um die Expansion in neue Länder und in den Mitfahrdienst Flixcar zu finanzieren. Die Bewertung liegt auf Basis der Finanzierungsrunden nach der Einschätzung von Bankern bei rund 2,5 Milliarden Euro.

Die Bewertung von einer Milliarde Euro überschritt die Berliner Reiseplattform Getyourguide mit der Finanzierungsrunde Serie E. und befindet sich damit jetzt in der Riege der Einhörner, von denen ein Börsengang im nächsten Jahr für möglich gehalten wird. Rund 433 Millionen Euro hatte das Buchungsportal im Mai dieses Jahres bekommen.

Angeführt wurde die Finanzierungsrunde von der Softbank. Ebenfalls beteiligt waren große Namen wie der Staatsfonds Temasek aus Singapur, Lakestar von Gründer Klaus Hommels, der europäische VC Korelya und Heart‧core Capital aus Berlin. Bei der 2009 gegründeten Getyourguide können Reisende Tickets für Touristenattraktionen wie Museen und Stadtführungen online buchen. Mit neuem Kapital will die Plattform ihr Angebot ausweiten, den Buchungsprozess verbessern und weitere Vermarktungskanäle erschließen.

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