Geldanlage Tausche Milliarden gegen höhere Kurse – Deutsche Unternehmen setzen zunehmend auf Aktienrückkäufe

Konzerne in Deutschland und Europa kündigen zunehmend Rückkäufe eigener Aktien im Milliardenwert an. Lohnt sich das für Anleger?
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Großunternehmen hierzulande erwerben für Milliardenbeträge eigene Aktien. Quelle: dpa
Dax

Großunternehmen hierzulande erwerben für Milliardenbeträge eigene Aktien.

(Foto: dpa)

FrankfurtMit einem gewissen Neid schauen die Aktionäre in Europa schon lange auf die USA. Die Wall Street schlägt sich seit drei Jahren besser als die europäischen Börsen. Das liegt aber nicht nur daran, dass die amerikanische Wirtschaft wieder stärker wächst als die in Europa. Die US-Unternehmen geben den eigenen Aktien gewaltige Kursspritzen, indem sie eigene Aktien zurückkaufen.

Der Rückkaufboom wird in den USA in diesem Jahr voraussichtlich eine Billion Dollar erreichen, schätzt die Nachrichtenagentur Bloomberg. Wenn Unternehmen eigene Aktien zurückkaufen, bedeutet dies, dass weniger Aktien im freien Handel sind. Das knappere Angebot treibt den Kurs. Gleichzeitig erhöht sich künftig der Gewinn je Aktie, wenn weniger Aktien auf dem Markt sind. Das lässt die Titel zumindest optisch attraktiver erscheinen.

Jetzt greifen auch Europas Unternehmen stärker zu dem, was Ökonomen wie Philipp Immenkötter vom Flossbach von Storch Research Institute, „eher ein Mittel letzter Wahl nennen“. In Deutschland dürften die Unternehmen nach Berechnungen des zum unabhängigen Vermögensverwalter Flossbach von Storch gehörenden Instituts in diesem Jahr mit ihren Rückkäufen das Vorjahresvolumen von 5,5 Milliarden Euro übertreffen. Damit würde ein neues Zehnjahres-Hoch erreicht.

In diesem Jahr haben Dax- und MDax-Konzerne schon Anteile über 4,8 Milliarden Euro zurückgekauft. Die größten Rückkäufe seit Anfang 2017 gab es bei Siemens. Der Mischkonzern kaufte Aktien über knapp 2,2 Milliarden Euro zurück. Bei der Allianz waren es fast 2,1 Milliarden, bei der Munich Re immerhin 1,1 Milliarden Euro.

Aktuell haben in Deutschland sieben Unternehmen Aktienrückkaufprogramme für insgesamt 12,7 Milliarden Euro ausstehen. Dazu gehören neben Siemens, Allianz und Munich Re auch der Kunststoffproduzent Covestro, die Deutsche Börse und der Start-up-Finanzierer Rocket Internet. Umgesetzt werden können die Programme bis Ende 2019.

Auch im übrigen Europa liegen Rückkäufe im Trend. Allen voran hat der britisch-niederländische Ölkonzern Shell zuletzt Aktienrückkäufe über 25 Milliarden Dollar angekündigt, beim britischen Spirituosenhersteller Diageo (Smirnoff, Johnny Walker) waren es zwei Milliarden Pfund, der Rohstoffhändler Glencore und der Bergbaukonzern Rio Tinto kündigten Rückkäufe über je eine Milliarde Dollar an.

„Wenn ein Unternehmen seine eigenen Aktien am Kapitalmarkt kauft, setzt es freie Mittel ein, um die Anzahl ausstehender Aktien zu reduzieren“, erklärt Immenkötter vom Flossbach von Storch Research Institute. Die Unternehmen erkaufen sich damit einen höheren Aktienkurs. „Problematisch daran ist, dass durch die Rückkäufe kein ökonomischer Mehrwert geschaffen wird“, betont Immenkötter.

Seine Kritik bedeutet: Unternehmen nutzen das Geld nicht, um zu investieren, sondern lediglich, um ihre Aktionäre bei Laune zu halten. Die Aktionäre selbst sind durch die steigenden Aktienkurse zudem nur auf dem Papier reicher – anders als bei Dividenden, die sie ausgezahlt bekommen.

Doch viele Investoren wollen Rückkäufe als Kursspritze. „Es ist sinnlos, in einem Umfeld mit weniger Wachstum mehr zu investieren“, meint Roger Jones, Leiter beim Vermögensverwalter London & Capital. Rückkäufe seien ein nützlicher Mechanismus, um Geld an die Aktionäre zurückfließen zu lassen.

Das Argument, dass Unternehmen, die Aktien zurückkaufen, wohl nichts besseres mit ihrem Geld anzufangen wissen und deshalb einen Mangel an Wachstumschancen signalisieren, kennen auch die Analysten von Sanford C. Bernstein. „Doch alles was wir sagen können, ist, das dies bisher nicht der Fall ist“, sagt Bernstein-Stratege Mark Taucher.

Auch Immenkötter meint, dass der Boom der Aktienrückkäufe aller Kritik zum Trotz weiter gehen wird. Bremsen könne ihn wohl nur ein „abruptes Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs“.
Mit Material von Bloomberg

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