Hongkongs Papier-Milliardäre Wenn der Kurs um 9.800 Prozent nach oben schnellt

In Hongkong häufen sich Fälle, in denen Manager im Handumdrehen zu Milliardären werden, weil der Kurs ihres Unternehmens rasant steigt. Behörden warnen vor Manipulationen – doch nachweisen lassen sich diese nicht.
Kommentieren
In der Metropole ansässige Unternehmen sollen verschiedene Methoden eingesetzt haben, um ihre Aktienkurse künstlich nach oben zu treiben. Quelle: dpa
Hongkong

In der Metropole ansässige Unternehmen sollen verschiedene Methoden eingesetzt haben, um ihre Aktienkurse künstlich nach oben zu treiben.

(Foto: dpa)

HongkongIn Hongkong keine Seltenheit mehr: Leute, die im Handumdrehen zu Aktienmarkt-Milliardären werden. Doch was genau hinter all dem Reichtum steckt, bleibt oftmals ein Rätsel. Bestes Beispiel hierfür ist Wong Wing-wah. Er war einst Fischhändler bevor er eine Ingenieurbau-Firma gründete. Im vergangenen Jahr brachte er sein Unternehmen an die Börse – und der Kurs schnellte um 9.800 Prozent nach oben.

Wong und ein Partner, die zusammen fast die gesamten Aktien besitzen, verfügen nun jeweils auf dem Papier über ein Vermögen von einer Milliarde Dollar. Dabei hatte ihr Unternehmen, Luen Wong Group Holdings Ltd., vergangenes Jahr nur einen Gewinn von einer Million Dollar verzeichnet. Die Antwort auf die Frage, wie das möglich ist, findet sich in einer der dunkelsten Ecken des Marktes: Small-Cap-Aktien. Die Hong Kong Stock Exchange und ihr Schwestermarkt Growth Enterprise Market sind zu einer wahren Brutstätte für Papier-Milliardäre geworden.

Die größten Anlegerfehler
Privatanleger machen vermeidbare Fehler
1 von 13

Eine Studie der Wirtschaftsprofessoren Andreas Hackethal und Steffen Meyer für das Magazin „Finanztest“ hat knapp 40.000 Wertpapierdepots von Direktbankkunden im Zeitraum von 2005 bis 2015 ausgewertet.

Das Ergebnis zeigt, dass die Anleger weit hinter den Wertzuwächsen des Gesamtmarktes liegen. Während eine Rendite von jährlich 8,7 Prozent realistisch gewesen wäre, kommen die Anleger nur auf einen Wertzuwachs von 3,1 Prozent. Mangelnde Finanzkenntnisse müssen nicht die Ursache sein. Zu Einbußen führen meist kurzfristiges Denken, Gier und Aktionismus. Die vier gängigsten Fehler sind leicht zu beheben. Wir stellen sie vor – und entsprechende Gegenstrategien.

Das Bild zeigt die Börse von Abu Dhabi. Hier handeln Privatanleger mit größeren Beträgen als in Deutschland.

Fehler 1: Mangelnde Streuung
2 von 13

Befund Sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Geldanlage – dennoch vernachlässigen sie viele Anleger: die Risikostreuung. Wie die Studie zeigt, streuen Anleger ihre Wertpapiere zu wenig; die Aktienkonzentration ist höher als noch vor zehn Jahren. Eines der untersuchten Depots beinhaltet heute im Schnitt zwölf Aktien.

In Santiago de Chile bedient ein Mitarbeiter der chilenischen Zentralbank eine Sicherheitstür.

Fehler 1: Mangelnde Streuung
3 von 13

Folgen Zwischen der Streuung und dem Chance-Risiko-Verhältnis besteht laut den Autoren ein klarer Zusammenhang. Selbst die relativ breit aufgefächerten Depots reichen nicht entfernt an das Verhältnis des Weltaktienindexes MSCI World heran.

In manchen Depots befindet sich nur eine einzige Aktie. Wenn diese auch noch ein spekulativer Titel ist, unterliegt das Depot enormen Kursschwankungen.

Am 24. Oktober 1929, dem „Schwarzen Donnerstag“ kommen Menschen vor der New York Stock Exchange zusammen.

Fehler 1: Mangelnde Streuung
4 von 13

Gegenmittel Es ist leicht, ein breit gestreutes Depot aufzubauen: durch börsengehandelte Indexfonds (ETF). Sie beteiligen Anleger, je nach Art, an 1600 bis 2500 internationalen Aktien. Für Staatsanleihen gibt es ebenfalls ETFs.

Bestehende Depots umzubauen, ist nicht nicht ganz einfach. Anleger sollten sich von Verlustpositionen trennen. Ein Papier erst zu verkaufen, wenn es seinen einstigen Kaufpreis erreicht hat, ist irrational. Es sollten triftige Gründe für eine zu erwartende Wertsteigerung vorliegen.

Ein chinesischer Investor analysiert im August 2015 eine Kurstafel.

Fehler 2: Aktien-Picken
5 von 13

Befund Der Fehler erinnert an das Muster von Sportwetten: Unerfreuliche Ergebnisse werden ausgeblendet, Erfolgserlebnisse übermäßig hochgehalten. Anleger sollten aber ausschließlich die langfristige Entwicklung des Gesamtdepots im Blick haben.

Oft suchen sie ihr Heil in einer Kombination aus Einzelaktien: Im Falle eines Missgriffs ist es eine beliebte Methode, die Position aufzustocken, um den durchschnittlichen Einstandspreis zu senken und von der erwarteten Erholung zu profitieren. Das kann jedoch auch weiteres Unheil anrichten: Das sogenannte Klumpenrisiko, eine Übergewichtung einzelner Anlagen im Depot, steigt. Private Anleger haben gegenüber Profis hier offenbar schlechtere Karten.

Das Foto vom 20. Oktober 1987 zeigt Händler in der Frankfurter Börse. Am 19. Oktober 1987 erlebte die Wall Street einen ihrer schwärzesten Tage.

Fehler 2: Aktien-Picken
6 von 13

Folgen Vom Aktien-Picken betroffene Depots bringen nur 3,1 Prozent Rendite. Mit einer Indexmischung, die die durchschnittliche Vermögensaufteilung der Anleger widerspiegelt, hätten sie dagegen 8,7 Prozent erzielt.

Jeder fünfte Deutsche legt sein Geld in Fonds an. Diese werden von Fondsmanagern verwaltet, die das eingesammelte Geld in Aktien, Obligationen, Immobilien und andere Wertpapiere anlegen.

Fehler 2: Aktien-Picken
7 von 13

Gegenmittel Aktien- und Renten-ETFs sind auch hier ein probates Mittel. Passionierte Zocker von einer solchen Strategie zu überzeugen, fällt manchmal schwer. Wer unbedingt eigenhändig zusammenstellen will, sollte zwingend auf eine möglichst gleichmäßige Verteilung auf die wichtigsten Branchen achten.

Die USA gelten als Nation der Aktienbesitzer.

Allein in den vergangenen drei Jahren haben rund ein Dutzend Manager, viele vom chinesischen Festland, ein Vermögen von einer Milliarde Dollar oder mehr angehäuft als die Kurse ihrer Unternehmen hochschnellten – oftmals ohne ersichtlichen Grund.

Den Managern und ihren Firmen ist keinerlei Fehlverhalten vorgeworfen worden. Doch das Phänomen lässt bei den Hongkonger Aufsichtsbehörden die Alarmglocken läuten. Sie warnen davor, dass die Aktien anfällig für Manipulation sein könnten. Das gelte besonders dann, wenn sich nur wenige Aktien im freien Umlauf befinden würden. In einigen Fällen beträgt der Streubesitz dieser Firmen effektiv weniger als ein Prozent. Das führt zu wilden Kursausschlägen und zu starken Unterschieden zwischen den Preisen, zu denen Investoren zu Käufen oder Verkäufen bereit sind. Im Fall von Luen Wong lag die Geld-Brief-Spanne bei 68 Prozent.

„Viele dieser Leute sind auf dem Papier sehr reich. Doch sollten sie ihre Aktien verkaufen, ist es ausgeschlossen, dass sie in der Lage sein werden, die Börsenkurse zu realisieren“, sagt Philippe Espinasse, der frühere Chef für Aktien-Kapitalmärkte Asien bei Nomura Holdings Inc.

Seit 2009 hat die Aufsichtsbehörde Securities and Futures Commission 124 Mal auf Fälle hoher Aktionärs-Konzentration hingewiesen. Der Marktwert dieser Firmen lag zum Zeitpunkt der jeweiligen Mitteilungen bei insgesamt 79,6 Milliarden Dollar. Luen Wong reagierte nicht auf Nachfragen von Bloomberg mit der Bitte um eine Stellungnahme. Vertreter der SFC und der beiden Börsenbetreiber wollten keinen Kommentar abgeben.

Hongkonger Unternehmen, die oft von Familien geführt werden, haben die verschiedensten Mittel genutzt, um ihre Aktienkurse künstlich nach oben zu treiben, erklärt Jie Gan, Finanz-Professorin der Cheung Kong Graduate School of Business, ohne sich auf bestimmte Unternehmen zu beziehen. „Und jetzt kommen auch die Leute vom Festland hierher und nutzen ähnliche Tricks und Kniffe, um ihr Vermögen zu maximieren.“

Ein hoher Marktwert, auch wenn er ein unbeabsichtigter Nebeneffekt einer hohen Konzentration in der Aktionärsstruktur ist, hilft den Chefs der Unternehmen, neue Geschäfte einzuwerben und sich Finanzierungen zu sichern, zu denen sie sonst vielleicht keinen Zugang hätten.

Die Aktien der Firmen all dieser Papier-Milliardäre sind zwischen dem fünf- und 335-fachen ihrer jeweiligen Buchwerte gehandelt worden. Zum Vergleich: Der Wert für Unternehmen aus Hongkong lag im vergangenen Jahr beim 1- bis 1,3-fachen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
  • Bloomberg
Startseite

Mehr zu: Hongkongs Papier-Milliardäre - Wenn der Kurs um 9.800 Prozent nach oben schnellt

0 Kommentare zu "Hongkongs Papier-Milliardäre: Wenn der Kurs um 9.800 Prozent nach oben schnellt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%