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Neuemissionen Tech-Firmen aus dem Valley drängen an die Börse

2019 soll das Jahr der großen Tech-IPOs werden. Start-ups wie Lyft, Uber und Pinterest streben aufs Parkett. Experten warnen vor überzogenen Bewertungen.
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Der Zimmervermittler ist seit zwei Jahren profitabel. Quelle: Reuters
Airbnb

Der Zimmervermittler ist seit zwei Jahren profitabel.

(Foto: Reuters)

New York, San Francisco Lange Zeit haben sie die Börse gemieden. Die großen Tech-Start-ups aus dem Silicon Valley wollten lieber abseits öffentlicher Märkte und ohne Druck von Aktionären wachsen und investieren. Dank üppig ausgestatteter Risikokapitalgeber ging die Strategie problemlos auf.

Nun jedoch strebt gleich eine ganze Kohorte an neuen Tech-Firmen an die Börse: Dazu zählen Lyft, Uber, Pinterest, Airbnb. Alle haben für dieses Jahr den Börsengang angekündigt. Plötzlich kann es nicht schnell genug gehen.

Es ist eine Wette auf den nächsten Börsenboom für Tech-Aktien. Lange Zeit waren die Aktien von Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google (abgekürzt: FAANG) die Stars an der Börse, bis ihnen im vergangenen Jahr die Luft ausging. Nun wird sich zeigen, ob Anleger bereit sind für die nächste Generation.

Für Santosh Rao ist der Fall klar: „Es ist gerade die beste Zeit für einen Börsengang“, urteilt der Analyst von Manhattan Venture Partners. Die Weltwirtschaft sei nach wie vor „sehr gesund“, trotz der Sorgen über den US-Handelskrieg oder den Brexit. Der Shutdown der US-Regierung habe Börsengänge dieses Jahr kurz verzögert. Doch nach dem Ende des Regierungsstillstands drängten Start-ups wieder aufs Parkett.

Die Wall Street rüstet sich bereits für den Ansturm der Technologie-Firmen aus Silicon Valley. Der Fahrdienst Lyft und das Bildernetzwerk Pinterest könnten den Anfang machen, gefolgt von Kommunikationsanbieter Slack, Lieferdienst Postmates, Lyft-Rivale Uber und Beyond Meat, einem Anbieter für Synthetikfleisch.

Sie hoffen, von guten Vorzeichen zu profitieren. Die Kurse der an der Tech-Börse Nasdaq gelisteten Firmen, die 2018 an der Wall Street debütierten, stehen laut Analysefirma Dealogic 33 Prozent im Plus – deutlich mehr als der Zuwachs des Gesamtmarkts von elf Prozent.

Doch einige Analysten warnen bei den vielen geplanten Tech-Börsengängen vor zu viel Euphorie. „Warum entscheiden sich so viele Unternehmen, die von so vielen smarten Managern geführt werden, plötzlich alle dafür, an die Börse zu gehen?“, fragt Matt Maley, Aktienstratege des Vermögensverwalters Miller Tabak. „Das ist selten ein gutes Zeichen.“ Er geht davon aus, dass die Unternehmen sich Sorgen machen, dass die gute Stimmung an den Märkten nicht mehr lange anhalten werde.

Die Börsengänge werden auch ein Test für die Risikokapitalgeber, die jahrelang die Unternehmen mit privatem Kapital gestützt und ihnen zu satten Bewertungen verholfen haben. Der hochdefizitäre Fahrdienst Uber könnte Berichten zufolge an der Börse mit rund 90 Milliarden Dollar bewertet werden – so viel wie die größten Autobauer des Landes, Ford und General Motors, zusammen.

Es muss sich zeigen, ob sich diese Bewertungen halten lassen. Lyft könnte an der Börse 20 bis 25 Milliarden Dollar wert sein. „Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die diese Ziele infrage stellen“, gibt Maley zu bedenken.

Alejandro Ortiz vom Analysehaus Sharespost glaubt dennoch an den Erfolg der Einhörner – wie Start-ups genannt werden, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind. „Es ist schwer, andere Firmen zu finden, die in diesem späten Stadium noch solche Wachstumsraten haben.“

Diese Unternehmen streben offenbar an die Börse
Pinterest
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In dem Bildernetzwerk suchten zuletzt 240 Millionen Nutzer nach Inspirationen für Einkäufe, Wohnungseinrichtungen oder Rezepte.

(Foto: picture alliance / newscom)
Lyft
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Der Fahrdienst hat im Dezember 2018 die IPO-Dokumente übermittelt und könnte schon Anfang der Woche seinen Börsengang bekanntgeben.

(Foto: CHRISTIE HEMM KLOK/The New York /Redux/laif)
Beyond Meat
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Der Anbieter für Synthetikfleisch ist auf Wachstumskurs und braucht das Kapital von einem Börsengang für die weitere Expansion.

(Foto: Beyond Meat)
Slack
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Die Bürochat-App will offenbar mit einer Direktplatzierung an die Börse, so wie es im vergangenen Jahr auch Spotify getan hat.

(Foto: Reuters)
Uber
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Der Mobilitätsdienst ist das wertvollste Unternehmen, das in diesem Jahr an die Börse strebt. Das Unternehmen aus San Francisco könnte im besten Fall mit 90 Milliarden Dollar bewertet werden.

(Foto: Reuters)

Lyft, Pinterest, Slack oder Uber gründeten sich vor neun bis zehn Jahren und absolvierten bis zu neun Finanzierungsrunden. „Die Firmen sind nun reif genug, ihre Geschäftsmodelle funktionieren, sie sind Teil des öffentlichen Lebens und erreichen gute Umsätze“, attestiert Rao von Manhattan Venture, einem auf Investments in private Tech-Firmen spezialisierten Fondshaus. „Sie dürfen die Primetime für den Börsengang nicht verpassen.“

Pinterest reichte laut Medienberichten vergangene Woche Börsendokumente bei der Securities and Exchange Commission (SEC) ein. Das Bildernetzwerk und seine Hauptzeichner, angeführt von Goldman Sachs und JP Morgan Chase, streben demnach eine Bewertung von mindestens zwölf Milliarden Dollar an.

Das 2010 gegründete Portal erreichte zuletzt 240 Millionen Nutzer, die das Netzwerk nach Inspirationen für Einkäufe, Wohnungseinrichtungen oder Rezepten durchstreifen. Pinterests Umsätze stammen von Werbeanzeigen im Netzwerk, die 2018 eine Summe von 700 Millionen überstiegen, was einem Plus von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Der Fahrdienst Lyft, der der Börsenaufsicht bereits im Dezember seine IPO-Dokumente übermittelte, könnte ein Börsendebüt schon Anfang der Woche öffentlich machen und Ende März den Handel an der Nasdaq starten, wie das „Wall Street Journal“ berichtete. Der Uber-Rivale erreicht nach der letzten Finanzierungsrunde in Höhe von 600 Millionen Dollar auf den privaten Märkten eine Bewertung von 15,1 Milliarden Dollar. Die Firma liefert sich ein Wettrennen mit Erzkonkurrent Uber – auch darüber, wer es zuerst an die Börse schafft.

Wettrennen der Fahrdienste

Beide Mobilitätsdienste benötigten dringend finanzielle Mittel für die Expansion in weitere Märkte und Geschäftssparten. Uber stellt sein Geschäftsmodell nach harten Auseinandersetzungen mit Gesetzgebern und Städten breiter auf und ist nach eigenen Angaben in 60 Ländern vertreten. Das Unternehmen investiert in E-Fahrräder, Scooter und einen Flugtaxi-Dienst. Lyft bietet seinen Service bislang nur in den USA und Kanada an, will aber nach Europa expandieren.

Gewinnt Lyft den Wettlauf an die Börse, könnte es sich einen erheblichen Vorteil verschaffen. „Es gibt kein Vorbild im Markt dafür, nach welchen Kriterien die Wall Street einen Mobilitätsdienst bewertet“, erläutert Daniel Ives von Wedbush Securities. „Lyft könnte die Standards setzen.“ Einen weiteren Vorteil nennt Ortiz von Sharespost: „Lyft ist eine sehr viel fokussiertere Firma in einem sehr viel kleineren Markt. Uber ist sehr viel größer und eine riskantere Wette.“

Nach Angaben von Sharespost wuchs Lyft zuletzt stärker. Im vergangenen Jahr lag die Wachstumsrate bei den Buchungen bei einem Plus von 100 Prozent, Uber kam nur auf 35 Prozent. Jedoch gelingt es Uber zunehmend besser, die Verluste in den Griff zu bekommen. Im vierten Quartal sank das Minus um 15 Prozent im Vergleich zu 2017. Doch es lag immerhin noch bei 1,8 Milliarden Dollar, was die Investoren im Hinblick auf ein Wall-Street-Debüt verunsichern könnte.

Auch die Entscheidungsstrukturen, die viele Tech-Unternehmen in der Vergangenheit gewählt haben, sind für einige Investoren Grund zur Sorge. Das Council of Institutional Investors (CII), eine Interessengruppe, die sich vor allem für gute Unternehmensführung stark macht, kritisiert die Vorliebe der Silicon-Valley-Firmen für zwei verschiedene Aktienklassen.

Es ist gerade die beste Zeit für einen Börsengang Santosh Rao, Analyst von Manhattan Venture Partners

Alphabet, Facebook und Snap sind in den vergangenen Jahren mit einer Struktur an die Börse gegangen, die den Gründern deutlich mehr Kontrolle über ihr Unternehmen gibt als regulären Aktionären. Auch Lyft verfolgt laut „Wall Street Journal“ eine ähnliche Strategie. Die Gründer John Zimmer und Logan Green halten zusammen zwar weniger als zehn Prozent am Unternehmen. Sie würden jedoch an einer Aktienklasse arbeiten, die ihnen fast die Mehrheit der Stimmrechte gibt.

Die Angreifer aus Kalifornien, die es gewohnt sind, abseits öffentlicher Kontrollen zu operieren, sehen das als guten Kompromiss. So können sie einen Großteil der Macht behalten, obwohl ihr Unternehmen an der Börse gehandelt wird. Das gibt ihnen größeres Mitspracherecht, etwa bei der Wahl der Verwaltungsräte, von denen sie kontrolliert und im Ernstfall entlassen werden, aber auch bei großen strategischen Entscheidungen wie Investitionen und Verkäufen.

Zu wenig Kontrolle

Die Aktionäre sind dabei jedoch im Nachteil. Das Prinzip, dass eine Aktie auch mit einer Stimme vertreten wird, ist dadurch aufgebrochen. „Die Anteilseigner haben damit nicht das Mitspracherecht, das ihnen eigentlich zusteht“, kritisiert Amy Borrus vom CII. Die jüngsten Skandale bei Facebook hätten gezeigt, dass auch den jungen, charismatischen Vorstandschefs früher oder später Fehler unterlaufen, die die Aktionäre teuer bezahlen müssen.

Der Verband hat die Börsenbetreiber Nyse und Nasdaq aufgefordert, eine zeitliche Begrenzung für Unternehmen mit mehr als einer Aktienklasse zu setzen. So könnte diese etwa sieben Jahre nach dem Börsengang abgeschafft werden – ein Zeitraum, der wissenschaftlichen Studien zufolge als solide Übergangszeit gesehen werde.

Doch die Chancen dafür stehen denkbar schlecht. Die Börsenbetreiber stehen im Wettbewerb um die milliardenschweren Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley. Wer ihnen Steine in den Weg legt, würde sich selbst das Geschäft vermiesen.

Die Nasdaq ist zwar auf Technologiewerte spezialisiert. Jedoch umwarb auch die Nyse in den vergangenen Jahren zunehmend Start-ups. Unter anderem sind Twitter und Snap dort gelistet. Die Nyse macht sich zudem Hoffnung, besonders jene Technologieunternehmen für sich zu gewinnen, die eine sogenannte Direktplatzierung (Direct Listing) anstreben.

Schließlich war Spotify im vergangenen April auch als Direct Listing an der Nyse an die Börse gegangen. „Es war unser erstes Direct Listing, und der Handelsstart verlief sehr geschmeidig“, sagte Alex Ibrahim, der das internationale Kapitalmarktgeschäft der Börse leitet.

Pinterest und Slack streben Medienberichten zufolge ebenfalls Direktplatzierungen an. Dabei wird auf eine Erstemission verzichtet. Die Aktien werden direkt an Interessenten verkauft – ohne die Unterstützung einer Emissionsbank, die für eine gewisse Preisstabilität sorgt. Für die Investmentbanken bedeutet das weniger Einnahmen. Sie werden nur noch für die Beratung benötigt und um den Preis zum Handelsstart festzulegen. Auch eine Roadshow gibt es nicht.

Mitarbeiter und frühe Investoren können so ihre Aktien direkt veräußern, ohne wie sonst üblich eine Sperrfrist einhalten zu müssen. Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage, ohne dass eine Investmentbank die Erwartungen managt und den Kurs stützt. 

Der gelungene Börsengang von Spotify ist ein wichtiges Vorbild für andere Tech-Firmen geworden. Sollten auch Pinterest, Slack und andere Erfolg haben, könnte das das Kräfteverhältnis zwischen Wall Street und Silicon Valley neu ordnen.

Bislang herrscht zwischen den beiden Lagern eine gegenseitige Abhängigkeit. Die Gründer brauchen den Rat der Banker, wenn sie ihr Start-up an die Börse bringen wollen. Und für die Banker waren die Unternehmen aus der Tech-Industrie in den vergangenen Jahren lukrative Kunden.

Banker gingen sogar so weit, sich vor Meetings mit Start-up-Gründern in separate Outfits zu werfen: Rucksack statt Aktentasche, Jeans statt Anzughose und auf keinen Fall Krawatte. Doch kulturell bestehen zwischen den beiden Welten nach wie vor riesige Unterschiede.

Und im Valley wird stets in großen Dimensionen gedacht. Viele Unternehmen haben die Ambition, den Banken Teile ihres Geschäfts mit Robo-Advisors, Bezahldiensten und Kryptowährungen abzujagen. Und jetzt gönnen sie den Geldhäusern noch nicht einmal mehr die Einnahmen aus Börsengängen.

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