US-Analyst James Montier „US-Aktien sind extrem teuer“

James Montier ist einer der ungewöhnlichsten Analysten. Im Interview spricht er über ausgereizte Märkte, getriebene Anleger und den Hype um Kryptowährungen.
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„Die mustern mich wie jemanden von einem anderen Planeten.“ Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
James Montier

„Die mustern mich wie jemanden von einem anderen Planeten.“

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

FrankfurtEs ist wie eine Begegnung am Strand. Aber der Mann, der mit buntem Hemd und Barfußschuhen zum Interview kommt, ist ein bekannter Marktstratege: James Montier. Er hat sich mit der Investmentfirma GMO, für die er arbeitet, als Value-Investor profiliert, sucht also gezielt nach niedrig bewerteten Wertpapieren. Am Rande einer Konferenz in Frankfurt verbreitet er kühne Thesen und unangenehme Wahrheiten. Die wichtigste Botschaft: Nur Anlagen in Schwellenländern lohnen sich zurzeit. Alles andere ist im Grunde zu teuer.

Herr Montier, Ihre Firma hat in drei Jahren ein Drittel der Kunden verloren, das Kapital ist um 50 Milliarden Dollar geschrumpft. Schlechter kann es nicht laufen.
Ein Value-Investor muss Geduld mitbringen. So ist das eben, wenn man nur preisgünstige Anlagen kaufen will – wobei wir insbesondere US-Aktien für extrem überteuert halten.

Aber wenn der Trend so weiter-läuft, dann hat GMO bald gar kein Kundengeld mehr.
Auf null? Das hoffe ich doch nicht. Viele unserer Kunden sind von unserem Ansatz überzeugt, haben gute und schlechte Zeiten mitgemacht. Auch vor den Abstürzen 2008 und 2000 hat man uns als Ewiggestrige abgestempelt, nur weil wir die zu hohen Bewertungen erkannt hatten.

Hat sich der Value-Ansatz nicht als tödliche Falle erwiesen?
Nein, es ist nach wie vor die einzig sinnvolle Methode, langfristig zu investieren. Bewertungen als Auswahlkriterium bleiben das Maß der Dinge. Man darf sich nur nicht von kurzfristigen Schwankungen, den täglichen Nachrichten und Schlagzeilen irritieren lassen. Die Zentralbanken haben mit ihrer Geldschwemme die Kurse nach oben getrieben, Anleger ermutigt, ins Risiko zu gehen.

Aber die Aktienkurse an der Wall Street sind in neun Jahren auf das Vierfache gestiegen. Da haben Sie mit Ihrem vorsichtigen Ansatz eine Menge Chancen verpasst.
Wir haben schon einige hochwertige Unternehmen besessen, Aktien von Firmen mit stabilen Geschäftsmodellen. Dazu auch internationale Titel inklusive der Schwellenländer.

Sie vertrauen auf klassische Bewertungsmaßstäbe wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Sind diese Ansätze in einer von Technologien getriebenen Wirtschaft nicht überholt?
Auf der Mikroebene durchaus. Manchmal kommt man durch Aktienrückkäufe der Unternehmen beispielsweise auf negative Buchwerte, dann lässt sich daraus keine Bewertung ableiten. Aber aus der Vogelperspektive sieht es anders aus. Da zeigen uns Kurs-Gewinn-Verhältnisse für die Wall Street, dass der Markt in der Geschichte nur einziges Mal noch teurer war als heute: zur Jahrtausendwende.

Und Ihr langfristiger Ausblick?
Alle Anlagen sind teuer. Das ist eine Herausforderung. Ich meine wirklich alles: Aktien, Anleihen, Private Equity, Private Debt, also Unternehmensanteile und -kredite.

Irgendwas muss doch bleiben.
Aus unserer Sicht gibt es nur einen relativen Gewinner: günstige Anlagen in Schwellenländern. Für die kommenden sieben Jahre erwarten wir dort einen Ertrag von jährlich rund sechs Prozent, unter Einrechnung der Inflation. Wir nennen es: das am wenigsten tödliche Gift.

Und was erwarten Sie von den anderen Anlageformen?
Europäische Value-Werte dürften nach unserer Prognose höchstens ein Prozent jährlich schaffen, während die Wall Street zwischen zwei und vier Prozent an jährlichen Verlusten abliefern sollte.

Was halten Sie vom größten Boom, dem Trend zu Kryptowährungen?
Nur ein Satz: Bitcoin ist Bullshit. Diese Kryptowährungen sind faszinierend, aber kein Geld. Sie erfüllen keine der klassischen Funktionen, sind kein echtes Zahlungsmittel, taugen nicht zur Wertaufbewahrung, sind keine Recheneinheit. Sie sind eher vergleichbar mit Briefmarken oder Wein – aber Wein kann man wenigstens trinken.

Wir reden über viele geopolitische Risiken, etwa über Handelskriege oder die Stabilität der Euro-Zone. Was ist das größte Problem?
Wir haben keine besonderen Inneneinsichten etwa beim Thema Handelskonflikte. Wir schauen uns die Kurse und den wahren Wert der Unternehmen an – die Psychologie der Investoren sorgt für einen Unterschied. Sind die vielleicht zu sehr von ihrer Meinung überzeugt? Im Frühjahr 2009 und damit am Ende der Finanzkrise sahen die Märkte schrecklich aus. Entsprechend schauten die Anleger in die Zukunft. Aber da waren Aktien preiswert. Wir haben gekauft. Es begann ein Aufschwung, der bis heute anhält.

Wie denken die Investoren?
Ich nenne es das Paradox des voll investierten Pessimisten. Viele Anleger halten die Märkte für überteuert. Aber sie haben trotzdem hohe Bestände. Sie glauben, noch rechtzeitig aussteigen zu können. Und Großinvestoren wie Pensionsfonds müssen drinbleiben. Sonst laufen die Entscheidungsträger Gefahr, ihren Job zu verlieren, wenn sie aussteigen, die Kurse aber weiter klettern – wie in den letzten neun Jahren.

Sie gelten als ungewöhnlicher Analyst. Warum sind Sie überhaupt in die Finanzbranche gegangen?
Mein Vater arbeitete in der Finanzbranche. Meine Mutter schaute mittags immer die Nachrichten, in denen diese Themen vorkamen. Das hat abgefärbt.

Nun müssen Sie verraten: Warum tragen Sie immer Hawaiihemden?
Ich mag Farben. Ich sehe das wie der bekannte Ökonom Larry Summers, der sagte, das Tragen von Krawatten sei keine gute Idee.

Hawaiihemden waren vor Jahrzehnten einmal modern …
Bei Amazon bekomme ich die leicht. Das ist kein Problem. Aber meine Mutter ist mit meiner Anzugsordnung sehr unzufrieden.

Das gilt wohl auch für Ihre Branchenkollegen. Wie reagieren die?
Bei der ersten Begegnung irritiert. Die mustern mich wie jemanden von einem anderen Planeten. Oder sie fragen: Wo ist Ihr Kollege, mit dem ich mich treffen wollte? Gerade hatte ich ein Meeting in Hongkong. Der erste Satz nach der Ankunft vom Flughafen war: „Oh, Sie haben Ihr Gepäck verloren.“

Herr Montier, vielen Dank für das Interview.

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1 Kommentar zu "US-Analyst James Montier: „US-Aktien sind extrem teuer“"

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  • Dieser Satz wirkt auf mich als vorgegeben. Der Aufbau ist der einer Negativdefinition. Dieser Stil wirkt auf mich stark beabsichtigt. Herr Montier möchte etwas bewirken. Bitcoin und überhaupt alle Kryptowährungen seien kein Geld.

    Als Mensch mit Weitsicht hat er zunächst den Wertwachstum und die enorme Nachfrage von Bitcoin unterschätzt und als Investor verpasst. Die Leistungen anderer werden ja gerne diskreditiert.

    Ich vermute aber auch eine dahinter verborgene Politik. Der Negativtenor zu den außerstaatlichen Währungen ist mir auch schon beim Handelsblatt aufgefallen. Eine Vertrauensbildung in den Bitcoin ist offensichtlich von den Mächtigen, ich kürze das mal ab und bitte um Entschuldigung, von den mächtigen Entscheidern der Industrienationen, nicht gewünscht.

    Herr Montier würde entsprechend meiner Vermutung also Vertrauen zu diesen Mächtigen verlieren und damit über wichtige Informationen für sein investierendes Handeln.

    Ist das der Deep-State von dem andere warnen? Infos bitte an york.thrasher@yahoo.com

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