Anleihekäufe EZB geht auf Shopping-Tour

Die Europäische Zentralbank startet mit dem Kauf von Unternehmensanleihen. Bei welchen Papieren sie als erstes zugeschlagen hat – und was noch auf Draghis Einkaufsliste steht.
14 Kommentare
Die Europäische Zentralbank ist ein Käufer mit tiefen Taschen: Investoren rechnen mit monatlichen Anleihekäufen von drei bis fünf oder sogar von fünf bis zehn Milliarden Euro. Quelle: IMAGO
EZB

Die Europäische Zentralbank ist ein Käufer mit tiefen Taschen: Investoren rechnen mit monatlichen Anleihekäufen von drei bis fünf oder sogar von fünf bis zehn Milliarden Euro.

(Foto: IMAGO)

FrankfurtJetzt geht’s los: Am Markt für Euro-Unternehmensanleihen betritt ein neuer Käufer mit tiefen Taschen die Bühne: Die Europäische Zentralbank (EZB). Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet unter Berufung auf Händler, dass die EZB Bonds der spanischen Telefónica, von Versorgern und des italienischen Versicherers Generali gekauft hat. Und das ist erst der Anfang. Im März hatten die Währungshüter um EZB-Chef Mario Draghi angekündigt, dass sie künftig regelmäßig auch Anleihen von Unternehmen kaufen werden.

Beim Umfang hält sich die EZB alle Türen offen. Viele Investoren rechnen mit monatlichen Käufen von drei bis fünf oder sogar von fünf bis zehn Milliarden Euro. Gerade zu Beginn könnten es jedoch auch deutlich weniger sein. Kaufen kann die EZB bis zu 70 Prozent der ausstehenden Anleihen von Unternehmen, denen mindestens eine Ratingagentur das Gütesiegel Investment-Grade für solide Bonität gibt. Unter den zehn europäischen Unternehmen mit den meisten ausstehenden Anleihen gehören dabei aus Deutschland VW, BMW, Daimler und die Deutsche Telekom. Auch Anleihen von Versicherern kommen für die EZB infrage.

Die Notenbanker können zudem Bonds von Unternehmen auf ihre Bilanz nehmen, die einige Ratingagenturen als wenig kreditwürdige Ramschanleihen einstufen. Zu den Unternehmen mit solchen „Split-Ratings“ gehören Fresenius und Fresenius Medical Care, Energias de Portual, Telecom Italia oder Remy Cointreau. Dazu kann die EZB auch bei Bonds von Unternehmen zuschlagen, die ihre Töchter im Euro-Raum haben und deren Kredite die EZB ohnehin schon als Sicherheit akzeptiert. Damit finden finden sich auch Anleihen von Unternehmen aus Großbritannien wie Vodafone oder Rolls Royce auf der Liste. Mögliche US-Unternehmen, deren Bonds die EZB kaufen könnte, sind der Baumaschinenhersteller Caterpillar oder Coca Cola.

Ihr im März 2015 gestartetes Anleihekaufprogramm, das vor allem auf Staatsanleihen abzielt, um 20 Milliarden auf 80 Milliarden Euro pro Monat erhöht. Mit dem Anleihekaufprogramm will sie die Kreditvergabe ankurbeln und Unternehmen so zu mehr Investitionen verleiten. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die Inflationsrate erhöhen, die zuletzt um 0,1 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken ist. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an.

Die Aktivitäten der EZB haben die Renditen von Staatsbonds zuletzt erneut deutlich gedrückt. Dazu verunsichert die anstehende Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU die Investoren. Zudem ist mit den jüngsten Äußerungen von US-Notenbankchefin Janet Yellen eine Zinserhöhung im Juni in weitere Ferne gerückt. Das hat die Renditen von US-Staatsanleihen sinken lassen – und die von Bundesanleihen mit nach unten gezogen.

„Die Sparer haben es selbst in der Hand“
„Die Sparer haben es mit ihren Anlage-Entscheidungen auch selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfallen, auch in Zeiten niedriger Zinsen. Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten.“
1 von 20

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, lässt Kritik an sich abperlen. In einem Interview mit der „Bild”-Zeitung sagt er am 28. April 2016, der Wirkungsnachweis seiner Politik benötige Zeit und Geduld. Sparer legt der EZB-Präsident nahe, mehr Risiken am Kapitalmarkt einzugehen.

„Mittlerweile geht die expansive Geldpolitik in ein expansives Versagen über. Aus 'Quantitativer Lockerung' wird 'Quantitatives Scheitern'.“
2 von 20

Nigel Wilson, Chef des britischen Versicherers Legal & General, im Handelsblatt-Interview am 28 April 2016.

„3 Prozent Zins bei 3 Prozent Inflation ist nicht dasselbe wie 0 Prozent Zins bei 0 Prozent Inflation.“
3 von 20

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am 8. April 2016 auf einer Veranstaltung in Kronberg über die unterschiedliche Wahrnehmung einer realen Verzinsung in Höhe von null Prozent. Er sagte zudem laut „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dass die Zeit der extrem lockeren Geldpolitik enden müsse.

„[Negative Zinsen] bestrafen die Sparer auf der Welt ganz erheblich.“
4 von 20

Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, am 10. April 2016 in seinem Brief an die Aktionäre.

„Wir wären besser dran, wenn wir das Geld unter eine Matratze stecken würden.“
5 von 20

Das Problem: Er bräuchte nur eine vertrauenswürdige Person, die dann darauf schlafen würde. Der US-Investor Warren Buffett klagt im Programm des US-Wirtschaftssenders CNBC am 29. Februar 2016 über die notorische niedrigen Zinsen in Europa. Die Zinspolitik „verzerrt alles“.

„Das wird eine Reihe ungewollter Konsequenzen nach sich ziehen, die wir nicht verstehen.“
6 von 20

Der CEO der Investmentbank JP Morgan, Jamie Dimon, kann sich negative Zinsen in den USA nicht vorstellen. Über den Minuszins in Europa sagt er dem US-Wirtschaftssender CNBC am 3. März: „In fünfzig Jahren werden darüber Bücher geschrieben, was wir hätten tun sollen, was wir getan haben, hätten tun können – und was wir daraus lernen können.“

„Die aktuellen Bedingungen könnten das Potenzial für künftige Systemrisiken schaffen.“
7 von 20

Der Vorstandsvorsitzende der schweizerischen UBS, Sergio Ermotti, mahnt am 2. März 2016 in einem Interview mit Bloomberg vor den niedrigen Zinsen. „Manche Banken übernehmen sich bei der Kreditvergabe“, gibt er zu Bedenken.

Wer bei deutschen Bundesanleihen noch positive Renditen haben will, wird erst bei einer Laufzeit von zehn Jahren fündig. Doch auch der im Markt viel beachteten zehnjährigen Bundesanleihe ist mit 0,04 Prozent auf einem neuen historischen Tief gefallen. Und selbst die Umlaufrendite – die durchschnittliche Rendite aller umlaufenden Bundesanleihen mit Laufzeit von drei bis gut 30 Jahren – ist mit minus 0,01 Prozent leicht in den negativen Bereich gerutscht.

Auch die Kurse von Unternehmensanleihen sind deutlich gestiegen und ihre Renditen im Gegenzug abgerutscht. Nach Berechnungen der Ratingagentur Fitch rentieren europäische Firmenbonds im Umfang von mehr als 20 Milliarden Euro im Minus. Bevor die EZB die Käufe von Unternehmensanleihen vor rund drei Monaten ankündigte waren es weniger als eine Milliarde Euro. Die durchschnittliche Rendite für Anleihen von Unternehmen mit guter Bonität („Investment-Grade“) ist seither von 1,3 auf unter ein Prozent gefallen.

In der nächsten Woche wollen die Notenbanker das Volumen der Firmenbonds angeben, bei denen sie zugeschlagen haben. Offizielle Angaben dazu welche Unternehmensanleihen gekauft wurden macht die EZB erst am 18. Juli.

Startseite

Mehr zu: Anleihekäufe - EZB geht auf Shopping-Tour

14 Kommentare zu "Anleihekäufe: EZB geht auf Shopping-Tour"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Briten werden die EU bald verlassen, uns in Deutschland ist dies Glück leider verwehrt; wir müssen zusehen wie Draghi Amok läuft, unsere Altervorsorge pulverisiert wird und die fürstlich entlohnten Beamten in Brüssel (wenn sie denn einmal am Arbeitsplatz sind) nur Gesetze verabschieden, die den Winkel von Salatgurken regeln; wenn Adenauer dies mitbekommen würde.

    Statt CDU zu wählen, überlegen sich in 2017 noch mehr Bürger, lieber gleich das Original zu wählen, die AfD.

  • Es sollte heißen: @ Moritz J. Mueller

  • @ Moritz J. Hoffmann
    Das ist kein Kapitalismus - in einer wirklich freien Marktwirtschaft kann u.a. JEDE Bank pleite gehen - es gäbe keine Bankenrettungen durch die Politik, da die Macht des Staates auf ein absolutes Minimum beschränkt wäre.
    Tatsächlich ist das GELDSOZIALISMUS, und heute haben wir genau das Zentralbank(un)wesen, das im Kommunistischen Manifest von Marx / Engels angestrebt wurde(!!!):
    >>" Centralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol."<<
    https://de.wikisource.org/wiki/Manifest_der_Kommunistischen_Partei_%281848%29

  • Ein Kapitalismus, der ein auf Gier beruhendes Kreditexpansionssystem einrichtet, verbunden mit zunehmender Wertevernichtung und damit zwangsläufig zum Niedergang führt, ist hoch dekadent und von einem Sozialistischen System, wo nicht Können und Leistung zählt, nicht weit entfernt.

  • Selbige sind doch von Anfang an gebrochen worden. Wer nach dem Motto agiert: "es kann nicht sein was nicht sein darf, nur weil es unbequem und nicht opportun ist", verliert jede Glaubwürdigkeit.

  • Sie müssen nicht glauben, dass man dadurch, dass man Minister (EU-Kommissar)
    wird,
    sofort wesentlich klüger wird.
    Otto von Bismarck, 28.01.1884 (leicht abgewandelt, damals gab es noch keine EU)

  • Da die EZB von der Politik abhängig ist und somit im Namen der Politik Unternehmensaufkäufe vornimmt befinden wir uns bereits im neuen Sozialismus. Das DDR SYSTEM wurde durch die Hintertür (EU und EZB) somit wieder eingeführt.
    Nicht mehr die Nationalstaaten und damit das Volk haben das Sagen sondern nur noch bürgerfeindliche NGOs aus aller Welt haben nun Zugriff auf das Privatvermögen der Europäer und Deutschen. Sei es bei den Zinsen, Steuern, Selbstbestimmungsrechten oder wie hier bei privaten Unternehmungen....der Sozialismus hat sich mit dem Kapitalismus in der Gestalt der EU-EZB gegen die Völker Europas verbunden. Und unsere Grün-Sozialistische Merkel ist hier zusammen mit Junker, Schulz, Draghi und Schäuble die Führungsfigur die an den Strippen von Finanzeliten und EU-Vergemeinschaftung hängen

  •  Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

  • Nicht zu vergessen, den Peter-Spiegel Fond.

  •  Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette  

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%