Anleihemarkt Europas Krisenstaaten stürzen immer tiefer

Die Spaltung am europäischen Bondmarkt wird immer deutlicher. Während Frankreich, Italien und Spanien Rekordzinsen zahlen müssen, stürzen sich Anleger auf deutsche Bonds. Das sorgt zunehmend für Unfrieden.
Update: 17.11.2011 - 11:45 Uhr 21 Kommentare
Die Euro-Zone ist in Aufruhr. Quelle: dapd

Die Euro-Zone ist in Aufruhr.

(Foto: dapd)

DüsseldorfAm Anleihemarkt regiert weiter die Nervosität. Die fehlende Klarheit über die Rettungsstrategie der Euro-Zone für überschuldete Staaten drückt weiter auf die Kurse der südeuropäischen Länder. Auch massive Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank können den Trend nicht stoppen.

Nachdem in den vergangenen Wochen vor allem Italien im Fokus der Anleger stand, gerät nun Spanien wieder stärker unter Druck. Binnen weniger Tage sind die Renditen zehnjähriger spanischer Staatsanleihen von 5,5 auf fast 6,8 Prozent gestiegen und liegen damit nur noch knapp unter der von Experten als kritisch erachteten Marke von sieben Prozent.

Am Donnerstag sorgte eine negative Wachstumsprognose der spanischen Finanzministerin für einen neuen Abwärtsschub. Statt 1,3 Prozent erwartet Elena Salgado in diesem Jahr nur noch 0,8 Prozent Wachstum. Zudem belastete das Ergebnis einer Anleiheauktion. Spanien brachte zehnjährige Anleihen im Volumen von 3,56 Milliarden Euro am Markt unter. Dafür musste das Land eine Emissionsrendite von 6,975 Prozent zahlen. Zudem verkaufte es weniger als geplant. Ursprünglich hatte Spanien vier Milliarden Euro aufnehmen wollen.

Das geringe Vertrauen der Anleger in die spanische Wirtschaftskraft und die Fähigkeit zum Schuldenabbau hatte sich bereits am Montag gezeigt, als das Land bei einer Anleiheauktion mehr als fünf Prozent für Papiere mit zwölf und 18 Monaten Laufzeit zahlen musste.

Neben Spanien testete auch Frankreich am Morgen, wie die jüngsten Turbulenzen seine Refinanzierung beeinträchtigen. Insgesamt wollte sich das Land über Anleihen verschiedener Laufzeiten 8,2 Milliarden Euro von Investoren beschaffen. Für fünfjährige Papiere lag die Rendite bei 1,85 Prozent, vor einem Monat hatte Frankreich lediglich 1,31 Prozent zahlen müssen.

Französische Staatsanleihen stehen seit vergangener Woche unter starkem Druck, nachdem die Ratingagentur Standard & Poor's versehentlich eine Mitteilung rausgeschickt hatte, die eine Herabstufung Frankreichs andeutete. Mit 3,77 Prozent werfen zehnjährige französische Staatsanleihen am Donnerstag erstmals seit Einführung des Euros zwei Prozent mehr Rendite ab als gleich laufende deutsche Bundesanleihen.

Der erhöhte Risikoaufschlag wird als Zeichen des Misstrauens von Investoren auch wegen der französischen Staatsverschuldung gewertet. Frankreich bangt seit Monaten um seine Bestnote AAA für die Kreditwürdigkeit von Staaten. Die konservative Regierung von Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat bereits mehrere Sparpläne aufgelegt, um die Staatsverschuldung zu drücken.

Nach Meinung von Mohit Kumar, Leiter der europäischen Anleihestrategie bei der Deutschen Bank, könnten die heutigen Emissionen Signalcharakter haben: "Die Märkte achten sehr genau darauf, ob sich die Seuche wirklich in die Kernmärkte ausgeweitet hat", sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Euro-Zone stecke in einer generellen Vertrauenskrise und je näher das Jahresende rücke, desto geringer sei die Risikobereitschaft der Anleger.

„Deutschlands Schulden sind besorgniserregend“
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21 Kommentare zu "Anleihemarkt: Europas Krisenstaaten stürzen immer tiefer"

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  • Nette Kommentare hier! Vieles zutreffend, manches aber auch VWL-theoretischer "Nebel". Dabei ist doch alles ganz einfach: Was schon allein in D bereits ein ziemlich großes Problem darstellt (nämlich regionale Lebensqualitäts- und Mentalitätsunterschiede; ungeliebter Länderfinanzausgleich!!!), hier aber durch die Bundespolitik zumindest bislang mehr oder minder erfolgreich ausgeglichen werden konnte, ist im Euro-Raum gigantisch, weil der ganze politische Konstrukt von Beginn an ein absoluter Irrwitz war. Das haben seither ganze Legionen von Finanz- und Wirtschaftswissenschaftlern und sachkundigen Politikern (auch sowas gibt es bisweilen noch) mit hervorragenden Begründungen (!) in allen Details aufgezeigt und erläutert. Es könnte (?!) demnach dann und nur dann funktionieren, wenn sich der Euro-Raum konsequent in eine "Politische Union" verwandelt. Davor stehen aber - abgesehen von einem bei Politikern undenkbaren freiwilligen Machtverzicht - unumgängliche Grundgesetzänderungen (nicht nur in Deutschland) und auch Volksabstimmungen. Herauskommen müßte eine mit allen erforderlichen Durchgriffsmöglichkeiten versehene "Europäische Verfassung". Wie das mit der zur Euro-Rettung gebotenen Schnelligkeit bewerkstelligt werden soll, ist angesichts der europäischen Kakophonie absolut "unvorstellbar". Also ist das Euro-Desaster und damit der Zerfall der Euro-Raumes nur noch eine Zeitfrage.

  • @Neptun

    Ich denke, deine Kritik ist mehr als nur berechtigt. Und ich glaube, dass wir dennoch im Grunde gleicher Meinung sind!

    Es ist vollkommen richtig, dass unsere Politik in letzter Zeit defacto nur noch Feuerwehr spielen kann und vorübergehend auch muss. Und, dass Politik bloße Interessenvertretung ist, und somit nicht die Gesamtwohlfahrt optimiert (um im VWL Jargon zu bleiben ;) ). Und es ist auch vollkommen richtig, dass sich das alles nicht so ohne weiteres Ändern wird! Und, dass sich alle Versprechungen von heute morgen auch wieder ändern lassen...

    Dennoch, oder besser: Gerade deswegen ist es umso wichtiger, grundsätzliche Mechanismen nicht zu vergessen. Sonst kommen wir aus dem Feuerwehr-Spielchen nicht raus und unser Schuldenproblem wird zu einem echten Realwirtschaftsproblem, mit anschließenden sozialen Problemen usw..

    Die Realität ist doch so: Viele Staaten haben so viele Schulden gemacht, dass kaum einer noch glaubt, dass sie diese zurückzahlen werden. Daher will niemand diesen Staaten Geld geben. Völlig vernünftig. Nix mit Spekulation oder sonst was, sondern reine Vernunft. Ich würd denen auch nicht mein Geld anvertrauen... nun bestehen zwei Möglichkeiten:

    1.) Wir geben Gläubigern ihr Geld nicht zurück (z.B. durch Umschuldung oder Inflation)

    2.) Wir geben den Gläubigern ihr Geld zurück (müssen das glaubwürdig (!!) kommunizieren und auch umsetzen, irgendwie)

    Im ersten Fall verlieren die Investoren (also alle Bürger, die was zu verlieren haben) zu Recht ihr Vertrauen in den Staat und viel Geldwert.

    Im zweiten Fall müssen wir alle den Gürtel enger schnallen. Defacto ist das damit eine Frage der Verteilung: Wer soll das Geld, was unser Staat nicht hatte, aber ausgegeben hat, nun zahlen?!

    Diese Wahrheit bleibt trotz aller politischer Prozesse genau so wie sie ist. Und das ist gerade dann umso wichtiger, wenn die politischen Turbulenzen am größten sind. An dieser Wahrheit ändern sie nichts.

  • Freilich ändert sich das komplette Finanzsystem, vermutl. sogar die ganze Gesell., und auch das Bodenrecht, das hängt damit zusammen. Es gäbe dann ein bedingungsloses Einkommen. Ich weiss, klingt komisch. Ich kann dass auch hier nicht so schön erklären, Andreas Popp von "wissensmanufaktur dot net" kann das besser und leitet das auch ab. Das Ganze ist ja auch nur ein Modell, aber so wie es heute ist, kann es ja nicht bleiben. Von den ganzen Kriegen und Verwerfungen daraus will ich mal gar nicht reden.

  • Es müsste eigentlich jedem klar sein: Die Konstruktion des Euro ist derart fragil, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Fundament der Währungsunion zerbricht. Viel zu gross sind die aufgestauten Ungleichgewichte und Schuldenstände in der Eurozone. Alarmierend ist, dass es zwischen den Euroländern gravierende Meinungsunterschiede über den Rettungskurs gibt. Das kann nicht gutgehen, zumal es bislang an einem überzeugenden Konzept mangelt.Es drohen zudem alte Differenzen, z.B. zwischen Grossbritannien und Deutschland aber auch mit Frankreich aufzubrechen. Die Lage ist mehr als kritisch.

  • @johannesR86 Ich glaube du gehörst zu den VWL-Studenten, die so von Theorien benommen sind, dass sie die Realität nur verzerrt sehen können. Allein diese aneinanderreihen der Worthölsen wie(nicht-rücknehmbaren Schuldentilgungs-Plan) in deinen "Thesen" zeigen, dass du in einem andren Planeten unterwegs bist. Hoffentlich weißt du, dass ohne Schulden auch kein Geld existieren kann. Schau dir einen Dollarschein an, da steht sogar drauf: Das ist ein Schuldschein. Wenn eine Schuld beglichen ist, muss der Schein zerrissen werden. Es kann und wird niemals eine transparente Überwachung geben können, schon gar nicht wenn so viele unterschiedliche Länder unterschiedliche Interessen verfolgen. Z.B.: Der Deutschen Wirtschaft geht im Moment hervorragend, logischerweise müsste D ein Interessen daran haben, dass die Zinsen angehoben werden, damit nicht zu schnell eine Wirschafts/Finanzblase entsteht. Griechenland hat dagegen eine andere Interesse, nämlich tiefe Zinsen, damit die Investitionen angelockt werden können... Nimm meine Kritik nicht persönlich, ich weiß um das Geld und das Zinssystem liegt ein dunkler Nebel.

  • @goldhamster

    Ich kenne diese moslemische Sicht der Dinge. Aber man leiht sich Geld und benutzt es doch. Genau so wie man sich ein Auto oder eine Wohnung leiht, wenn man sie mietet und benutzt. Der Hersteller von Butter kann sich auch ein Auto leihen, eine Maschine oder Werkshalle. Fuer alles muesste er bezahlen, bloss fuer geliehenes Geld nicht? Auch dies nutzt sich durch die Inflation ab und wird weniger bei der Rueckgabe wert. Ja, kann sogar soweit kommen, dass es nicht mehr zurueckerhalten wird, was bei gemieteten Wohungen etc. eher selten der Fall ist. Somit ergibt die Zinslosigkeit fuer mich keinen Sinn. Das Prinzip des freien Geldes wuerde unsere gesamte Finanzwirtschaft auf den Kopf stellen, so wie es ja gerade von der EZB vorgefuehrt wird.

  • These 1: Sämtliche Staaten müssen einen nicht-rücknehmbaren Schuldentilgungs-Plan erlassen: Nur so kann bei Investoren Vertrauen dafür geschaffen werden, dass sie ihr Geld irgendwann auch mal zurück bekommen (und im Gegenzug bereit sind, ihr Geld rauszurücken); alles Andere ist ein Schneeball-System!

    These 2: Die Aufnahme neuer Staatsschulden muss nicht-rücknehmbar verboten werden: Nur so kann Finanzstabilität und Generationengerechtigkeit entstehen!

    These 3: Es ist egal, wie die Währung heißt, von mir aus können alle Länder der Welt den Euro oder auch den Dollar oder was auch immer als Währung nutzen. Die Hoheit über eine Währung ermöglicht einzig und allein die Möglichkeit eines Staates, seine Kredit-Verpflichtungen zu missachten

    These 4: Das Problem liegt in dem Verschulden an sich (sowohl bei Staatsverschuldung, Bankenverschuldung, Unternehmensverschuldung): Verschuldung führt zu systemischer Instabilität!

    These 5: In einem Konstrukt wie Europa kann und sollte die Umsetzung und Einhaltung obiger Forderungen von den jeweils anderen Ländern transparent überwacht werden: Dies schafft zusätzliches Vertrauen und vereinfacht den notwendigen Weg, den alle Schuldensünder gehen müssen!

  • Durch ZinsesZinsen steigen Vermögen und Schulden exponentiell, da der Zuwachs pro Zinsperiode immer größer wird, d.h. zu Anfang ist der Anstieg klein, fortlaufend immer größer, z.B.: der Josefspfennig.
    Darüber hinaus sind alle Produkte, die wir kaufen, mit Zinsen belastet, Brot, Butter, etc., da die Investitionen dieser Hersteller verm. mit Krediten finanziert sind und somit in den Preis einfliessen (ca. 30%).
    Im Iran bspw. ist Zins verboten, weil unethisch, da auf der Gegenseite jemand (eine Person) diesen Zins erarbeitet haben muss.
    Dieses System verhält sich als Organismus wie ein Tumor und muss Sterben. Es gibt andere Modelle: Fliessendes Geld.

  • Ich kann es nicht nachvollziehen warum diese ganzen Länder, die zwischen 2,x und etwa 7% Zinsen zahlen müssen, so am heulen sind. Das sind durchaus akzeptable Kreditkosten, die sie tragen. Es ist falsch sich mit Deutschland zu vergleichen. Für die miserable Wirtschaft, die sie haben, sollen sie Gott danken, dass sie nicht 10% und mehr bezahlen müssen. Französische Wirtschaft ist bei weitem nicht so stark wie die Deutsche. Verstehe nicht warum die Franzosen 2,3% Zinsen als ungerechtfertigt betrachten. Herr Junker halten Sie Ihr dämliches Maul!!! Mit Absicht zu versuchen Deutschland in Verruf zu bringen, ist unter aller Niveau. Junker soll froh sein, dass Deutschland die Steuersünder in Luxemburg nicht ernsthaft verfolgt. Das kleine Land hat nix anzubieten außer illegale Geldwaschanlage, und besetzt die Frechheit die Märkte bezüglich Deutschland negativ zu provozieren. Die politische Waschlappen in Deutschland sind natürlich wie gewohnt Stumm.

  • Jetzt wird also Frankreich zusammen mit Italien, Spanien genannt.

    Dies heißt ja wohl "Helm ab zum Gebet", denn viel mehr wird man ja kaum noch tun können.

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