Anleihen: DZ-Bank warnt vor neuer Euro-Staatsschuldenkrise
Die Last der Staatsschulden droht Italien zu überfordern.
Foto: dpaFrankfurt. Die DZ-Bank befürchtet angesichts der stark steigenden Staatsverschuldung in Italien die dritte Schuldenkrise im Euro-Raum seit 2008. „Die Coronakrise entpuppt sich immer mehr als eine schwere Belastungsprobe für die Schuldentragfähigkeit der Staaten der Europäischen Währungsunion“, schreibt DZ-Bank-Analyst Daniel Lenz in einer Studie, die dem Handelsblatt vorab vorliegt.
Das Zentralinstitut der Genossenschaftsbanken geht davon aus, dass die Verschuldung in Italien bis Ende des Jahres auf 160 Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigt. Das Land gehört zu den am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Staaten in Europa und versucht, mit Milliarden die wirtschaftlichen Folgen aufzufangen.
Der DZ-Bank-Studie zufolge müsste das Land nach der Krise dauerhaft einen Haushaltsüberschuss vor Zinszahlungen von drei Prozent des Bruttoninlandsprodukts (BIP) erzielen, um die Staatsverschuldung auf diesem hohen Niveau zu stabilisieren.
Italien gelingt es zwar bereits seit 2012, einen positiven Primärsaldo zu erzielen. Das bedeutet, dass das Land vor Zinszahlungen mehr einnimmt, als es ausgibt. Aber ein Primärsaldo von drei Prozent des BIP, wie es zur Stabilisierung der Schulden nötig wäre, bedeutet ein Kraftakt für das Land, sagt Lenz. „Es ist unwahrscheinlich, dass das auf Dauer politisch durchzuhalten ist.“
Voraussetzung dafür, dass die Staatsverschuldung in Italien konstant bleibt, wäre zudem, dass das Wirtschaftswachstum des Landes 2021 auf das Vorkrisenniveau zurückkehrt und auch die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen nicht stark steigen.
Hoffen auf Aufbaufonds
Ein Lichtblick ist immerhin der 750 Milliarden Euro fassende Wiederaufbaufonds, um den seit Wochen in Brüssel gerungen wird. Dadurch sollen von der EU finanzierte Transferzahlungen und Hilfskredite in stark von Corona betroffene Regionen gelenkt werden. Eine Entscheidung könnte kommende Woche beim EU-Gipfel erzielt werden. „Es besteht zwar grundsätzlich die Chance, dass der Wiederaufbaufonds strukturell hohes Wachstum in Italien erzeugt“, sagt Lenz.
In diesem Fall wäre auch die Schuldentragfähigkeit des Landes nicht so stark in Gefahr. Doch der DZ-Bank-Experte schränkt ein: „Mit Blick auf die Vergangenheit ist schon Skepsis angebracht, dass diese in Höhe und Dauer begrenzten Leistungen der EU die Wende einleiten.“
Noch kann sich Italien darauf verlassen, dass die Europäische Zentralbank gezielt Staatsanleihen des Landes kauft und die Finanzierungskosten so in Grenzen hält. Über das PEPP genannte Pandemie-Ankaufprogramm kann die Notenbank Zinspapiere der Euro-Staaten aufkaufen, ohne sich an die selbst gesteckten Regeln wie den Kapitalschlüssel halten zu müssen.
Die Ratingagentur Fitch bestätigte jüngst zudem die solide Bonität Italiens, ein Dreifach-B-Rating. Auch die Nachfrage der Investoren nach italienischen Staatsanleihen ist hoch: Sie bieten nach wie vor einen deutlichen Renditeaufschlag etwa gegenüber Papieren aus Spanien, Portugal oder Griechenland. Italien sei „das Hochzinsinvestment in der Region“, bestätigt etwa Mark Dowding, Chefanlagestratege von BlueBay Asset Management.
Doch das PEPP ist zeitlich zunächst bis Juni 2021 begrenzt, das Volumen auf maximal 1,35 Billionen Euro festgesetzt. Zudem erwartet Christoph Rieger, Chefstratege für Anleihen bei der Commerzbank, dass die EZB in den Sommermonaten zurückhaltender am Anleihemarkt interveniert.
Gefahr steigender Zinsen
„Das EZB-Treffen und der EU-Gipfel nächste Woche könnten ein Weckruf für die eingelullten Bondmärkte werden“, warnt er. „Das Vertrauen in die Geld- und Fiskalpolitik, Hand in Hand zur Krisenbekämpfung Einkommensausfälle auszugleichen und dabei gleichzeitig die Renditen und Spreads unter Kontrolle zu halten, könnte auf die Probe gestellt werden.“
Was passiert, wenn am Markt Zweifel aufkommen, dass die EZB Italien stützt, war beim Amtsantritt von EZB-Chefin Christine Lagarde im März zu sehen. Damals sagte sie, es sei nicht die Aufgabe der EZB, Zinsunterschiede zwischen einzelnen Ländern zu mindern. Die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen stiegen kurzzeitig sprunghaft an.
Die Gefahr eines plötzlichen Anstiegs der Risikoaufschläge ist keineswegs gebannt, sagt auch DZ-Bankanalyst Lenz. „Wenn PEPP ausläuft und die Schuldenquoten weiter steigen, drohen auch Rating-Herabstufungen.“ Nach Berechnungen der DZ-Bank würde das die Sorgen um die Tragfähigkeit der italienischen Schulden weiter verschärfen. Sollten Primärsaldo und Wachstum hoch genug sein, könnte schon ein Risikoaufschlag von zwei Prozentpunkten gegenüber siebenjährigen Bundesanleihen den Schuldenstand über 180 Prozent des BIP treiben.
Daher sieht auch Lenz Handlungsbedarf mit Blick auf den EU-Gipfel kommende Woche: „Je länger sich die EU damit schwertut, das Problem, das wir in Italien haben, anzuerkennen, desto größer werden die Risiken einer neuen Staatsschuldenkrise.“ Investoren sollten sich von der Ruhe an den Bondmärkten nicht täuschen lassen, warnt er: „Für die Anleger steigen die Risiken, dass sich die Situation in Italien wieder zuspitzt.“