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Anleihen Wie China zur neuen Macht am Bondmarkt aufsteigen will

Mit der Aufnahme in den wichtigsten Anleiheindex öffnet sich China weiter ausländischen Investoren. Es winken Kapitalzuflüsse in Milliardenhöhe.
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Das „Jahr des Schweins“ bringt viele Veränderungen an Chinas Finanzmarkt. Quelle: Bloomberg
Chinesischer Glücksbringer

Das „Jahr des Schweins“ bringt viele Veränderungen an Chinas Finanzmarkt.

(Foto: Bloomberg)

FrankfurtFür Hayden Briscoe, Asienexperte bei UBS Asset Management, ist der 1. April 2019 ein historisches Datum. Der Tag markiere „die größte Veränderung der weltweiten Kapitalmärkte seit langer Zeit“.

Briscoe spricht von der am Montag begonnenen schrittweisen Aufnahme chinesischer Renminbi-Anleihen in den „Bloomberg Barclays Global Aggregate“, einen der weltweiten wichtigsten Anleiheindizes. Was klingt wie eine Formalie, hat das Potenzial, Dollar-Ströme in dreistelliger Milliardenhöhe zu lenken und die Kräfteverhältnisse an den globalen Anleihemärkten zu verschieben.

Ohne Beteiligung ausländischer Investoren ist auf dem chinesischen Festland ein Anleihemarkt mit einem Volumen von rund zwölf Billionen Dollar entstanden. Der habe bislang an den Anleihemärkten jedoch kaum eine Rolle gespielt, sagt Pierpaolo Rinaldo, Portfoliomanager eines auf chinesische Anleihen spezialisierten Fonds bei Eurizon Asset Management. „Der Hauptgrund ist, dass die Regierung bis vor Kurzem keine ausländischen Investitionen erlaubt hat.“

Im Vergleich zu den USA ist der chinesische Bondmarkt noch klein: Dort standen im Jahr 2018 dem Branchenverband Sifma zufolge Anleihen im Volumen von 43 Billionen Dollar aus. Doch das will die chinesische Regierung ändern. Seit 2015 öffnet sich das Land ausländischen Investoren. Sie hatten seither bereits die Möglichkeit, über Hongkong Anleihen vom chinesischen Festland zu handeln.

Die Aufnahme in den Global-Aggregate-Index ist der nächste große Schritt: Billionen Dollar an Anlegergeldern stecken in Indexfonds, die dieses Marktbarometer nachbilden. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie künftig auch die chinesischen Anleihen entsprechend ihrem Anteil im Index in Landeswährung halten müssen.

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Knapp sechs Prozent aller im Global Aggregate notierten Anleihen – ausgegeben von National- und Regionalstaaten, aber auch Unternehmen – lauten künftig auf Renminbi. Damit wird die chinesische Währung die viertgrößte Währung im Index, nach Dollar, Yen und Euro.

Gleichzeitig könnte China sogar auf Platz drei in der Rangliste der im Index vertretenen Länder vorrücken. Bislang kommen gut 39 Prozent der Zinspapiere aus den USA, 17 Prozent aus Japan und knapp sechs Prozent aus Frankreich. Im Schwellenland-Index von Bloomberg wird China zudem ein Gewicht von rund zehn Prozent haben.

Zentralbanken setzen auf Renminbi

UBS-Manager Briscoe schätzt, dass allein durch die Indexanpassung zwischen 250 Milliarden und 500 Milliarden Dollar in chinesische Festlandanleihen fließen. „Und das ist nur das passiv verwaltete Vermögen“, sagt er. Auch viele aktive Portfoliomanager orientieren sich am Global Aggregate Index.

Sie müssten sich künftig ebenfalls entscheiden, ob sie chinesische Anleihen halten wollen. Zudem wird die Konkurrenz dem Indexanbieter Bloomberg wohl folgen und chinesische Anleihen in ihre Marktbarometer aufnehmen. Anleiheexperten erwarten, dass JP Morgan und FTSE Russel schon bald Entsprechendes ankündigen.

Hinzu kommt: Der Renminbi wird als Teil der Währungsreserve vieler Zentralbanken immer wichtiger, sagt Rob Drijkoningen, Portfoliomanager beim US-Vermögensverwalter Neuberger Berman. Bereits heute seien 1,8 Prozent der globalen Reserven in Renminbi angelegt. „Doch das Volumen der Zuflüsse wird massiv steigen“, sagt Eurizon-Manager Rinaldo.

In den kommenden drei bis fünf Jahren könnten ausländische Investoren zwischen 800 und 900 Milliarden Dollar in chinesische Festlandanleihen stecken. „Es könnten auch bis zu zwei Billionen Dollar werden“, prognostiziert er. Die starke Nachfrage ausländischer Investoren dürfte die Kurse für chinesische Anleihen in den kommenden Jahren stützen. Für Anleger könnte es sich daher auszahlen, frühzeitig in chinesische Bonds zu investieren, sagt Briscoe: „Wir erwarten, dass der chinesische Anleihemarkt auch 2019 seine Rally fortsetzt.“

Den chinesischen Staat bewerten die großen Ratingagenturen mit der Note „A+“. Das Land gilt damit als ebenso solider Schuldner wie Japan oder Irland. Mit rund 3,5 Prozent Rendite für Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit winken in China jedoch deutlich höhere Erträge. Doch wie immer, wenn sich Anleger auf bislang unbekanntes Terrain wagen, müssen sie sich mit den Risiken beschäftigen. Und die bestehen – dem guten Rating des Staates zum Trotz – auch in China.

So hat das Land kürzlich die schwächsten Wachstumszahlen seit 1990 bekanntgegeben. Der jahrelange Boom werde sich verlangsamen, sagt auch Rinaldo. „Aber daran ist nichts unheimlich.“ Mit 6,6 Prozent wachse das Land immer noch sehr stark. Und Briscoe ergänzt, dass die Regierung mit einer lockeren Geldpolitik die Wirtschaft stützen werde, was sich besonders im zweiten Halbjahr 2019 bemerkbar machen werde.

Dennoch: Bis heute herrschen im Westen Zweifel an den auffällig stabilen Wachstumsraten aus China. Investoren könnten sich zwar an Daten orientieren, die schwerer zu manipulieren seien, etwa der Stromproduktion oder Rohstoffeinfuhren, sagt Neuberger-Berman-Manager Drijkoningen. Doch auch er sagt: „Es ist kompliziert, als Investor in China unterwegs zu sein.“ Es gebe ein halbes Dutzend Regulierungsbehörden, deren Entscheidungen Zinsen, Währungskurse oder die Liquidität beeinflussen könnten.

Intransparente Bilanzen

Auch die Struktur des chinesischen Anleihemarktes stellt Investoren vor eine Herausforderung: Gut die Hälfte aller ausstehenden Bonds wurde von chinesischen Unternehmen oder Provinzregierungen ausgegeben. Im Gegensatz zu Staatsanleihen ist das Ausfallrisiko dieser Papiere schwerer einzuschätzen. Insbesondere der Markt für Unternehmensanleihen habe noch Schwellenland-Charakter, sagt Drijkoningen. „Die Bilanzierung der Unternehmen entspricht noch nicht westlichen Standards“, sagt er.

Die Kreditrisiken lassen sich aus seiner Sicht aus Hongkong oder London analysieren. „Als Investor muss man mit eigenen Leuten vor Ort sein.“ Das gelte umso mehr, da auf lokale Ratingagenturen kein Verlass sei. Sie würden ausschließlich vom Emittenten der Papiere bezahlt und teils damit werben, besonders gute Ratings zu verteilen, berichtet er.

Aus diesen Gründen sind nicht alle Vermögensverwalter euphorisch, was chinesische Anleihen angeht. Paul McNamara, Portfolio- und Schwellenland-Experte beim Schweizer Vermögensverwalter GAM, bezeichnet die Aufnahme chinesischer Anleihen in die Bloomberg-Indizes als „echtes Ärgernis“.

Er sieht China nach wie vor als Schwellenland: „Die Renditen aber sind für ein solches Risiko nicht hoch genug.“ McNamara ist daher überzeugt: „Der Appetit der Investoren auf chinesische Anleihen ist nicht groß.“ Eine Sorge, die offenbar auch den Indexbetreiber Bloomberg umtreibt. Er bietet für den Global Aggregate und den Schwellenlandindex eine „Ex-China“-Version an.

Aus Sicht von Eurizon-Manager Rinaldo aber können es sich Investoren nicht länger leisten, den chinesischen Anleihemarkt zu ignorieren. Das Volumen von Renminbi-Anleihen könnte sich in den kommenden Jahren vervierfachen – damit würde China zum weltgrößten Bondmarkt USA aufschließen.

„Der voraussichtliche Aufstieg Chinas wird wahrscheinlich eines der folgenreichsten Ereignisse in unserem Leben“, glaubt er. Selbst wer nicht in chinesische Wertpapiere investiert, könne sich dem wachsenden Einfluss des Landes unmöglich entziehen. „Wenn in China etwas passiert, könnte künftig jede Anlageklasse davon betroffen sein.“

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