Börsenkrach in China Was die Krise für die Anleihenmärkte bedeutet

In den Schwellenländern schmelzen die Devisenvorräte. Immer mehr Zentralbanken stoßen Dollar-Bestände ab, um ihre Währungen zu stützen. Bond-Investoren fragen sich: Wer soll da noch Staatsanleihen kaufen?
Deutsche-Bank-Analyst George Saravelos ist der Meinung: „Der Gipfel der Nachfrage nach Staatsanleihen liegt wohl hinter uns.“ Quelle: Reuters
Nachfrage ebbt ab

Deutsche-Bank-Analyst George Saravelos ist der Meinung: „Der Gipfel der Nachfrage nach Staatsanleihen liegt wohl hinter uns.“

(Foto: Reuters)

LondonDer Sommer-Crash an den Börsen in China hat Folgen für die Finanzminister in Washington, Berlin und in anderen großen Industrieländern. Deren Finanzierungskosten haben sich in gut einem Jahrzehnt im Schnitt halbiert – auch wegen der steigenden Nachfrage nach ihren Staatsanleihen, ausgelöst durch den Boom in China und anderen Schwellenländern. Doch damit könnte es nun zu Ende sein. „Der Gipfel der Nachfrage nach Staatsanleihen liegt wohl hinter uns“, sagt Deutsche-Bank-Analyst George Saravelos.

Die ausländischen Währungsreserven der Schwellenländer sind in den zurückliegenden zehn Jahren um sieben Billionen Dollar gestiegen. Mitte 2014 summierten sie sich auf 8,05 Billionen Dollar, wie aus Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) hervorgeht. Für die Hälfte des Anstiegs sorgte China, dessen Aufstieg zum Exportweltmeister und zur zweitgrößten Volkswirtschaft viel Geld in die Kassen spülte. Auf der Suche nach sicheren Anlagen hat das Land einen Großteil der Exportüberschüsse in US-Staatsanleihen gesteckt. Geld floss auch in Bonds anderer Industriestaaten, darunter in deutsche Bundesanleihen. Die enorme Nachfrage ließ die Kurse der Bonds steigen und half kräftig mit, die Zinsen zur Freude der Finanzminister merklich zu drücken.

Doch der Boom in der Volksrepublik hat einen erheblichen Dämpfer bekommen: In diesem Jahr dürfte Chinas Bruttoinlandsprodukt so langsam wachsen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Kapital wird aus dem Land abgezogen. Die Landeswährung Yuan hat kräftig abgewertet. Um sie zu schützen, hat die Zentralbank im Sommer Hunderte Milliarden Dollar abgestoßen. Die niederländische Rabobank schätzt, dass die Zentralbank dazu allein in den letzten August-Tagen etwa 200 Milliarden Dollar ihrer Reserven verkauft hat.

Auch in anderen Schwellenländern schmelzen die Devisenvorräte. Von Mitte 2014 bis Ende März 2015 nahmen sie um etwa 500 Milliarden Dollar ab, sagt der IWF. Bis Ende 2016 dürften es 1,5 Billionen Dollar weniger sein, schätzt die Deutsche Bank. Grund: Der auch wegen der schwächeren Nachfrage aus China eingesetzte Verfall vieler Rohstoffe bringt Länder wie Brasilien in die Bredouille. Dadurch fehlen Einnahmen in Milliardenhöhe, die Wirtschaft schwächelt, wodurch wiederum die Währungen unter enormem Abwertungsdruck stehen. Um sie zu stützen und eine Kapitalflucht zu verhindern, stoßen die Zentralbanken Dollar-Bestände ab.

Von null auf hundert und zurück
09. Januar 2012
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Negativ verzinste deutsche Staatspapiere: Erstmals gelingt es Deutschland, kurzfristige Geldmarktpapiere  mit Gewinn zu verkaufen. Wer an diesem Tag Anleihen mit einer Laufzeit von sechs Monaten kauft, bekommt am Ende der Laufzeit weniger vom Fiskus überwiesen, als er am Anfang investiert hat.

Die Gründe sind vielfältig: Weil die Anleihen der Krisenstaaten vom Ausfall bedroht sind, flüchten alle in deutsche Titel. Gleichzeitig pumpt die EZB über großzügige Sonder-Kredite an die Banken frisches Geld in die Märkte, das die Unternehmen gar nicht ausleihen wollen. Die Nachfrage nach Krediten ist klein, das Angebot an Geld groß. Das drückt auf die Renditen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt zu diesem Zeitpunkt bei 1,85 Prozent.

26. Juli 2012
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„Whatever it takes.” Investoren sind wenige Monate nach dem griechischen Schuldenschnitt in Panik. Die Kurse der Anleihen aller Euro-Randländer fallen, ihre Renditen steigen. Da spricht EZB-Chef Mario Draghi bei einer Konferenz in London ein Machtwort. „Die EZB wird innerhalb ihres Mandats alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir, es wird ausreichen.“ Damit leitet Draghi eine Erholung der Anleihen der Euro-Randländer ein. Doch auch Bundesanleihen bleiben gefragt. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt bei 1,32 Prozent – und sinkt immer weiter.

11. Juni 2014
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Zentralbankzins für Einlagen unter null: Die Euro-Zone kommt wirtschaftlich noch immer nicht vom Fleck. Obwohl die EZB die Leitzinsen immer weiter gesenkt hat, bleibt die Kreditvergabe schwach. Die Notenbank geht also noch einen Schritt weiter: Sie senkt den Leitzins auf 0,05 Prozent, der Einlagezins fällt auf minus 0,1 Prozent. Geschäftsbanken, die ihr Geld bei der EZB parken und nicht verleihen wollen, zahlen jetzt Strafe. Im September 2014 erhöht die EZB diesen „Strafzins“ auf 0,2 Prozent.

17. September 2014
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Der Bund verdient Geld mit Anleihen. Die Negativzinsen fressen sich bei Bundeswertpapieren weiter durch. Deutschland stockt erstmals eine Anleihe mit zwei Jahren Laufzeit zu einer Minusrendite auf. Diese liegt bei minus 0,07 Prozent. Aufgestockt wird die Anleihe um 3,3 Milliarden Euro. Begeben worden war sie am 20. August 2014 mit einem historisch niedrigen Zinsschein von null Prozent und einer Rendite von ebenfalls null Prozent.

16. Januar 2015
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Die Schweiz schreibt Geschichte am Anleihemarkt: Erstmals sinkt in einem Land  die Rendite einer Anleihe mit der Laufzeit von zehn Jahren unter null Prozent. Grund dafür war die überraschende Entscheidung der Schweizer Notenbank vom Vortag, den Euro-Mindestkurs zum Franken aufzuheben. Die Folge: Der Franken wertet drastisch auf, die Aktienkurse brechen ein – und Anleger fliehen in Anleihen. 

Am 9. April profitieren die Schweizer Steuerzahler von den Minuszinsen. Die Schweiz stockt die die zehnjährige Anleihe, die einen Zinsschein von 1,5 Prozent hat, zu einem Kurs von 116 Prozent auf. Daraus errechnet sich bei der Auktion eine negative Rendite von minus 0,055 Prozent. Anleger versuchen damit, den Strafzins von 0,75 Prozent zu umgehen, den die Schweizer Notenbank für kurzfristige Einlagen von Banken  festgelegt hat.

22. Januar 2015
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Die EZB macht Ernst. Die Notenbank kündigt ein massives Kaufprogramm für Wertpapiere – vor allem Staatsanleihen an. Bis mindestens September 2016 will sie öffentliche Anleihen – sprich Staatsanleihen, Anleihen von nationalen Förderbanken sowie supranationalen Institutionen kaufen. Dazu kommen die schon länger laufenden Programme für gedeckte Bankenanleihen (Covered Bonds) und Verbriefungen (ABS). Insgesamt wollen die EZB und vor allem die nationalen Notenbanken monatlich Wertpapiere über 60 Milliarden Euro erwerben – also insgesamt 1,14 Billionen Euro. Die zehnjährige Bundesanleihe wirft für Neueinsteiger nur noch 0,45 Prozent Rendite ab.

25. Februar 2015
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Der Bund verdient jetzt Geld mit einer Fünfjahres-Anleihe. Deutschland stockt erstmals eine Anleihe mit fünf Jahren auf, für die das Land von Anlegern Gebühren bekommt, statt Zinsen zu zahlen. Eingenommen werden zu einer Rendite von minus 0,08 Prozent 3,3 Milliarden Euro. Seit der Emission am 21. Januar hat auch diese fünfjährige Anleihe einen Kupon von null Prozent.

Bond-Investoren macht das nervös. „Der Prozess des Reserveabbaus hat gerade erst begonnen“, ist sich Fondsmanager Chris Iggo von Axa Investment sicher. „Die Folge: Die Zinsen für US-Staatsanleihen dürften merklich steigen.“ Denn bislang sorgten China und Co. mit dem großangelegten Kauf von US-Treasuries für eine hohe Nachfrage, die das Zinsniveau drückte. Für Druck auf die Schwellenländer sorgt auch näher rückende Zinserhöhung der US-Notenbank Fed – die erste nach rund einem Jahrzehnt. Die dann wieder attraktiveren Zinsen dürften Kapital anlocken. Währungen der Schwellenländer werden in diesem Fall noch weiter unter Druck geraten, wenn Geld abgezogen und in den USA angelegt wird. Die Zentralbanken dürften das nicht tatenlos hinnehmen, den eine schwache Währung bedeutet eine steigende Inflation, weil Importe teurer werden.

Der Kauf von US-Staatsanleihen im bisherigen Umfang wäre in einer solchen Situation für viele Schwellenländer kontraproduktiv. Dadurch würde der Kapitalfluss in die USA noch verstärkt, der Dollar so weiter gestützt und die eigenen Währungen tendenziell geschwächt. Es sieht deshalb ganz so aus, als müsste der Finanzminister in Washington neue Käuferkreise für seine Staatsanleihen erschließen.

„Es ist toll: Firmen, die ich haben wollte, sind jetzt richtig billig“

  • rtr
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