Bundesanleihen und Börsencrash Investoren verfallen deutschen Staatspapieren

Deutsche Bundesanleihen werden auch wegen des Ausverkaufs an den Aktienmärkten immer begehrter. Die Zinsen für zehnjährige Papiere sind auf dem Weg Richtung Null. Beobachter halten das Tempo für „verrückt“.
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Der Bundesadler als Ziel der Begierde: Anlegern kaufen deutsche Staatspapiere. Quelle: dpa
Euro-Münze

Der Bundesadler als Ziel der Begierde: Anlegern kaufen deutsche Staatspapiere.

(Foto: dpa)

Frankfurt/DüsseldorfDie für viele Profi-Anleger maßgeblichen zehnjährigen Bundesanleihen sind am Donnerstag extrem begehrt. Die Kurse ziehen an, die Renditen fallen bei den Zinspapieren im Umkehrschluss auf zwischenzeitlich nur noch 0,14 Prozent – am Vortag waren es noch 0,24 Prozent. Wer jetzt ein solches Staatspapier kauft und es bis zur Fälligkeit im Jahr 2026 hält, erhält für 100.000 investierte Euro nur 160 Euro Zinsen pro Jahr.

Solche Zinsstürze sind extrem für Anleihen. Der Markt bewege sich „als gebe es kein morgen“, so Frederic Ducrozet, Volkswirt beim Vermögensverwalter Pictet in Genf.

Auf einem solchen Niveau haben die deutschen Staatspapiere zuletzt im April 2015 notiert, kurz nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) negative Einlagezinsen für Geschäftsbanken eingeführt hatte. Als Gründe für die aktuelle Renditeschwäche gelten: pessimistische Aussagen der US-Notenbankchefin Janet Yellen zum Konjunkturausblick, der Ausverkauf an den Aktienmärkten und eine Leitzinssenkung der schwedischen Notenbank auf jetzt minus 0,5 Prozent.

So macht der Bund Schulden
Schritt 1: Politische Entscheidung
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Die Haushaltsreferate der einzelnen Bundesministerien planen ihre Haushalte für die folgenden Jahre, der Finanzminister trägt die Vorhaben zusammen. Die Bundesregierung beschließt im Kabinett den Haushalt für den Bund – in der Regel im Sommer für das jeweilige folgende Jahr.

Brüssel gibt seinen Segen
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Mittlerweile müssen die nationalen Haushalte auch bei der EU-Kommission vorgelegt werden. Die Behörde in Brüssel prüft im Herbst, ob etwa die Höhe vorgesehener Schulden den Regeln der Europäischen Union entspricht.

Bundestag
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Das Parlament hat die Hoheit: Der Bundestag beschließt endgültig über den Haushalt des Bundes. Seit dem Jahr 2016 gilt dabei die sogenannte Schuldenbremse. Sie begrenzt die Nettokreditaufnahme auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Schritt 2: Finanzministerium
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Seitdem Finanzminister Wolfgang Schäuble 2014 die „Schwarze Null“ durchgebracht hat, spart sich der Bund die Netto-Neuverschuldung. Neue Kreditpapiere bringt der Bund trotzdem auf den Markt– um alte Kredite abzulösen.

Zur Fälligkeit muss der Staat den Nennwert begebener Anleihen und Geldmarktpapiere inklusive Kuponverzinsung an die Investoren zurückzahlen. Das Geld dafür beschafft er sich, indem er kurz vorher neue Anleihen begibt. An welchem Tag welche Bundeswertpapiere in welchem Umfang begeben werden legt die Finanzagentur – der oberste Schuldenmanager des Bundes – jeweils im Dezember für das Folgejahr fest.

Schritt 3: Finanzagentur
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„Ja, der Bund zahlt das Geld für Zinsen und Tilgung an die Käufer von Anleihen immer fristgerecht zurück“, heißt es bei der Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur, die Detuschlands Schulden managt. Die Regierung könne kurzfristig eingreifen, ist seit Jahren liquide und werde von allen drei Rating-Agenturen regelmäßig mit einem „Triple A“ (AAA)-Status ausgezeichnet.

Rating für Deutschland
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Neben Standard & Poor's geben regelmäßig Moody's und Fitch Urteile über Deutschlands Kreditwürdigkeit ab. Wegen des Top-Ratings ist der deutsche Staat so beliebt im Geschäft mit Bundesanleihen. Nachdem das Finanzministerium entschieden hat, welche Anleihen-Art er genau begeben will, wird die Deutsche Finanzagentur tätig. Sie berät das Finanzministerium, wie es die Anleihen möglichst günstig und gleichzeitig kurzfristig auf dem Markt anbieten kann.

Bundesbank.
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Jens Weidmann ist der Präsident der Bundesbank, die in Schritt 3 des Schuldenmachens ein ausführendes Organ ist. Die Bundesbank organisiert gemeinsam mit der Finanzagentur die Bieterauktionen für die begebenen Schuldtitel.

Die Auktionen finden in der Regel zwei Mal die Woche statt, und zwar montags und dienstags oder montags und mittwochs. Montags werden kurzlaufende Geldmarktpapiere mit Laufzeiten von sechs Monaten versteigert. Zweijährige Bundesschatzanweisungen gibt es einmal im Monat an einem Dienstag, fünf- zehn- und 30jährige Anleihen jeweils mittwochs. Dazu gibt es noch an bis zu zehn Dienstagen inflationsindexierte Wertpapiere des Bundes.

Yellen habe in ihrer Anhörung vor dem US-Repräsentantenhaus am Mittwochabend die Lage zwar als ausgewogen darstellen wollen, doch seien ihre Aussagen eher als Zeichen für eine lockere Geldpolitik zu interpretieren, so Soeren Moerch, Anleihehändler bei Danske Markets. Vor allem ihre Aussage, dass Negativzinsen durchaus auch bei der Federal Reserve geprüft würden, sorgte für Aufsehen.

Die Kurseinbrüche an den asiatischen und europäischen Börsen am Donnerstag tun ihr übriges. Anlagestratege Stefan Kreuzkamp von Deutsche Asset Management, der Fondstochter der Deutschen Bank, schilderte das Dilemma im Gespräch mit dem Handelsblatt so: Konservativ ausgerichtete Mischfonds „geraten bereits unter Stress, weil ihre Risikobudgets teilweise schon ausgeschöpft sind. Mitunter mussten sie in den ersten Handelswochen schon Papiere mit Kursrisiken wie Aktien verkaufen.“ Eine Alternative, die Sicherheit und sogar mögliche Kursgewinne verspricht, sind dann Bundesanleihen.

Außerdem sehen Marktbeobachter die Europäische Zentralbank unter Druck, ihre Geldpolitik deutlich lockern zu müssen. Zuletzt hatte die japanische Notenbank die Einlagezinsen ins Negative geschickt und die schwedische Notenbank hat am Donnerstag den Leitzins von minus 0,35 auf jetzt minus 0,5 Prozent gesenkt. Wie auch die EZB will die Riksbank der Gefahr einer Deflation begegnen – eines Preisverfalls auf breiter Front, bei dem Gewinne und Investitionen von Unternehmen sinken, was zu einer langen Wirtschaftskrise führen kann.

Geschwindigkeit des Renditeverfalls erschreckt Experten
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26 Kommentare zu "Bundesanleihen und Börsencrash: Investoren verfallen deutschen Staatspapieren"

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  • @ G. Nampf

    Mit dem Bargeld fängt es an, es wird wohl langfristig zur Durchsetzung negativer Zinsen abgeschafft.

    Mit dem Gold, das hatten wir ja schon mal.

    ob das dann alles verfassungskonform ist?

  • Investoren verfallen deutschen Staatspapieren"
    Zuerst verfallen die Investoren und dann die deutschen Staatspapieren, einfach perfekt.

  • @Jan Kind

    "Und spätestens wenn das ganze für den Privatsektor gedruckte Geld ins Gold geht, .."

    Nein, vorher wird Gold verboten und eingesammelt.

  • Vermutlich haben sie meinen Beitrag wegen der Aussage gelöscht, dass es zwischenzeitlich in Deutschland -ich lasse nun mal die Prozentzahl bewußt weg-
    XX-Prozent Low Performer gibt.Tendenz steigend.
    Dabei ist diese Aussage noch falsch. Laut einer Studie von McKenzie ist das Verhältnis in den führenden Wirtschaftsnationen (OECD) noch toller.

    Also so gesehen, kann man in Deutschland offenichtlich bei dem Kampf um Talente ganz gelassen sein!?
    Die digitale Transformation der Volkswirtschaft wird sein tiefe Spuren hinterlassen.
    Das sagen mir täglich meine Augen wenn ich im öffentl. Raum unterwegs bin.

    Die dynamischen u. immer effizienteren Prozesse in der Industrie 4.0 werden nicht nur Arbeitsplätze abbauen -es entstehen auch neue- sondern wird die Low-Perfomer noch mehr abhängen u. weiter das bisherige Bild nicht verbessern. Das kostet und einer bezahlt.

    Ich meine natürlich der Staat. Der gibt nix, holt es sich aber und verteilt auch viel an die steigende Zahl der Low-Performer.

    Die Frage wird zukünftig sein, wie lange kann das durchgehalten werden.

    Auch die Strategie von Draghi.

    Bestraft und gemolken wurden in der Vergangenheit -ich nenne sie mal Normalbürger- andere, die täglich ihre Pflicht tun und ihre Steuern entrichten.

    Allerdings werden diese zukünftig mit ein dünnes Rinnsal an Rente auskommen müssen. Das ist nun mal Fakt.

    Rentenaussicht inflationsbereinigt vielleicht 800 bis 1000 Euro monatlich.

    Keine Angst. Ich gehöre nicht dazu. Aber es betrifft die überwiegende Mehrheit der Menschen. Ihnen werden unrentable Sparveträge bis hin zu Staatsanleihen angeboten, dass das Wort nicht verdient. Die Ägide dieser Gesellschaft interesssiert es aber nicht wirklich. Deren Kuchen ist groß genug.

    Allerdings wird seit Jahren das eine politsche Fass leider immer größer. Die Poltik und der Rest der Ägide der übrigen Gesellschaft schaut einfach zu.

    Die Intellektuellen in der Gesellschaft und die Gutmenschen wollen den 60 bis 70 Millionen ohne Konzepte helfen....

  • Wieso es Investoren gibt die fuer nahe Null Zinsen ihr Geld langfristig (10 Jahre) einem Staat geben der mit Vollgas auf den Abgrund zu rast ist mir unverstaendlich.
    - Demographie Problem (... die neuen Facharbeiter werdens schon richten)
    - Migranten Problem (schwere sozial Verwerfungen innerhalb D. und Auftrieb rechter Kraefte in der gesamten EU)
    - Energiewende
    - Euro/EU Problem (Brexit + Euro-Krise samt auseinanderbrechen der Eurozone)
    - Buergschaften fuer Pleitestaaten
    - Korrupter Finanzsektor der vermutlich sehr kostspielig gerettet werden muss

    Also man muss schon ein unverbesserlicher Optimist sein so einem Staat Geld zu leihen.

  • Börse Athen auf tiefstem Stand seit 25 Jahren und das Land am Ende.

    Griechen, bedankt euch bei den EUR-Fetischisten, den Dummen und den Dreisten, die den EUR immer noch loben. In Brüssel und in der EZB sitzen Lobbyisten, denen Europa und seine Menschen in Wirklichkeit völlig egal sind. Was ist aus diesem schönen Kontinent dank dreister Abzocker, dummer Politiker und willfähriger Medien nur geworden. OMG und LOL!

  • „Investoren verfallen deutschen Staatspapieren“ - vielleicht sehr voreilig.

    Die Flüchtlingskrise führt dazu, dass wir eine zunehmende Unwirtschaftlichkeit in Deutschland und Europa bekommen. Die neue Situation müssen die US-Ratingagenturen bewerten. Deutschland wird seine Top-Bonität „AAA“ verlieren. Die Lage ist sehr ernst.

    Welche Auswirkungen hat diese Herabstufung?

    Zudem kommt die Unfähigkeit unserer Politiker.
    Egal welche Bereiche wir uns ansehen, ob es die EURO-Krise (ungelöst), die Bankenkrise (ungelöst), die Griechenlandkrise (ungelöst) oder die Flüchtlingskrise (ungelöst) betrifft, bei allen Krisen versagt Brüssel fürchterlich. Es gibt kein sinnvolles Wirtschaftskonzept was über 20-30 Jahre reicht. Viele Volksvertreter handeln und regieren wie an der Börse. Das kann nicht gut gehen. Selbst die Banken fordern sinnvolle Rahmenbedingungen, die aber aus der Politik nicht kommen.

    Stattdessen lassen sich sämtliche Politiker vor den Karren der Wirtschaft spannen. Dort werden die Rahmenbedingungen für die soziale Marktwirtschaft permanent aufgeweicht, verschoben und unterwandert. TTIP wird der Genickbruch für Europa werden. Die Amerikaner stehen mit dem Rücken zur Wand und müssen sich was einfallen lassen, wie sie in Europa abzocken können. Die Staranwälte stehen schon in ihren Startlöchern.

    Und die Lage in Deutschland/Europa wird immer schlimmer. Ein Land definiert sich durch einen funktionierenden Grenzschutz, auch den gibt es nicht.

    Griechenland muss umgehend die Drachme wieder einführen und gegebenenfalls den Schengen Raum verlassen. Die vielen Flüchtlinge können Griechenland und die anderen armen Länder nur noch durchwinken und Deutschland verliert seine Top-Bonität „AAA“. So schlimm sieht die Wahrheit aus.


  • Ja, aber nur, wenn sie fallierenden Banken gehören, die sich mit ihrer Aufgabe, allokativ effizient Kredit zu vergeben, mal wieder schwer verhoben haben.

    Oder bei so einer dotcom-Blase, mit der der Bevölkerung das Geld, das ihre eigene flächendeckende Überwachung kostet, aus der Tasche gezogen wird.

  • Das ist doch Vom Feinsten. Gold ist gefährlich, deutsche Staatspapiere etwas für ganz Schlaue. Was sind die denn noch Wert, wenn der Leitzins einmal auf z.B 2% steigt? 25% oder weniger. Dann kauft sie die EZB auf.

  • Nun ja.

    Es gibt auch höhere Verzinsungen...
    Z.B. Waldinvest...14%... wenn es gut läuft.

    Oder German Pellets, 7,25%. Falls die Konkursmasse (wohl Säcke mit Pellets?) ausreicht, die Gläubiger zu 100% auszuzahlen. Da geht es um bummelige 700 Millionen Euro.

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