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Jens Schmidt-Bürgel

„Prinzipiell sind Ratings Meinungen.“

(Foto: Bert Bostelmann/laif)

Jens Schmidt-Bürgel im Interview Moody’s-Deutschland-Chef: „Es wäre einfacher, wenn es global eine einheitliche Regulierung gäbe“

Der Deutschland-Chef von Moody’s spricht im Interview über den Brexit, die Regulierung von Ratingagenturen und die Diskussion über die Gebühren der Branche.
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FrankfurtDer Brexit trifft auch die Ratingagenturen. Sie müssen nach Vorgaben der EU-Aufsichtsbehörde Esma eine ausreichende Präsenz in der EU aufbauen, wenn sie auch nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union Bonitätsnoten für Schuldner in der EU vergeben wollen.

Jens Schmidt-Bürgel hat deshalb 42 neue Mitarbeiter. Das Frankfurter Büro, das Schmidt-Bürgel als Deutschlandchef leitet, hat Moody’s im vergangenen Jahr auf 159 Stellen aufgestockt. In Paris, Madrid, Mailand und Stockholm hat Moody’s die Zahl der Mitarbeiter um insgesamt über 60 erhöht.

Herr Schmidt-Bürgel, wäre Moody’s als Ratingagentur auch darauf vorbereitet, dass Großbritannien die EU ohne eine Übergangsvereinbarung verlässt?
Ja, eben weil wir unsere Standorte in der EU außerhalb Großbritanniens so deutlich aufgestockt haben, dass wir alle Schuldner weiter bewerten können. Die Kontinuität unserer Ratings ist damit gesichert – und als sozusagen positiver Nebeneffekt sind wir auch räumlich noch näher dran an unseren Kunden in der EU. Wir gehen aber davon aus, dass selbst bei einem harten Brexit die gegenseitige Anerkennung der Ratings funktionieren würde. Die Esma und die britische Finanzaufsicht FCA haben für den Fall eines harten Brexits ja auch schon einen Informationsaustausch vereinbart.

Es gibt aber noch andere Regulierungsvorhaben. Die Esma will, dass Ratingagenturen ihre Gebühren besser erklären. Wie viel muss etwa ein Dax-Konzern für ein Rating bei Moody’s Investors Service zahlen?
Wir besprechen keine Gebühren von einzelnen Emittenten. Aber es ist richtig, die Esma hat diesbezüglich schon vor einiger Zeit Überlegungen eingeleitet. Das Ergebnis ist noch offen. Wir warten ab und geben zu gegebener Zeit unseren Input.

Unternehmen beklagen, dass Ratingagenturen nicht nur für die Bewertung von Schuldnern Geld verlangen, sondern auch Gebühren für die Bewertung der einzelnen Anleihen erheben. So kommen leicht niedrige bis mittlere sechsstellige Euro-Beträge zusammen. Verstehen Sie den Ärger?
Noch mal: Wir wollen nicht ins Detail bei individuellen Gebühren gehen. Doch der Nutzen eines Ratings kristallisiert sich ja erst heraus, wenn auch die einzelnen Anleihen ein Rating haben.

Wäre das Geschäftsmodell von Moody’s bedroht, wenn Sie mit Blick auf die Gebühren ganz transparent sein müssten?
Grundlage für uns ist, dass Investoren Vertrauen in unsere Ratingeinschätzungen haben. Unsere Reputation haben wir uns über rund 100 Jahre aufgebaut. Ein Thema für unser Geschäftsmodell wäre, wenn die Investoren keinen Nutzen mehr in unseren Ratings sähen. Aber das kann ich zurzeit am Markt nicht erkennen.

Ihr Ruf hat indes vor über zehn Jahren gelitten, weil Ratingagenturen viele mit US-Ramschhypotheken unterlegte und strukturierte Anleihen zu gut bewertet hatten.
Seither hat sich sehr viel getan. Die Investoren erkennen unseren sehr guten Track-Record mit Blick auf die Einschätzung von Ausfallwahrscheinlichkeiten. Und wir entwickeln uns stetig weiter – zum Teil durch die Regulierung getrieben, mit der wir ja nun seit rund zehn Jahren leben. Wir haben unsere internen Strukturen geändert. Heute zum Beispiel analysieren wir makroökonomische Risikoszenarien sehr viel stärker. Das Ganze ist ein kontinuierlicher Prozess, wir überlegen ständig auch im Gespräch mit Emittenten und Investoren, wie wir unsere Ratings in dem Sinne verbessern können, dass sie Investoren noch mehr nutzen.

Nutzen würde es zumindest den Schuldnern, wenn sie wüssten, ob sie mehr für Ratings zahlen als die Konkurrenz. Aber das würde voraussichtlich Ihre Margen schmälern, oder?
Da wir noch nicht wissen, was die Vorgabe der Esma sein wird, ist das alles Spekulation. Wir müssen abwarten, ob und – wenn ja – was sich an der Regulierung mit Blick auf die Gebühren ändert. Erst dann können wir absehen, welche Auswirkungen das auf uns als Ratingagentur hat.

Eine Auswirkung dürfte sein, dass sich der Verdienst der Branche verringert. Die operative Marge bei Moody’s liegt bei über 40 Prozent. Was macht das Ratinggeschäft so profitabel?
Wir sind nicht die einzige Industrie, die profitabel ist. Ich weiß immer nicht, warum wir als Ratingagenturen da oft so herausgestellt werden. Apple zum Beispiel ist ja auch sehr profitabel, da hinterfragt aber auch kaum jemand, ob der Preis für ein iPhone nun der angemessene Preis ist. Die Leute kaufen ein iPhone, weil sie ein gutes Produkt haben wollen. Uns beauftragen die Emittenten mit Ratings, weil sie daran glauben, dass ein Rating ein Produkt ist, das es ihnen ermöglicht, ihre Anleihen gut zu platzieren.

Bei Forderungen, dass Ratingagenturen für Fehleinschätzungen haftbar gemacht werden, sprechen Sie nicht von „Produkten“. Dann wird betont, dass Ratings nur „Meinungen“ seien – ähnlich wie Kommentare in Zeitungen. Von einer 40-prozentigen Marge können Zeitungen aber nur träumen.
Unterschiedliche Industrien haben unterschiedliche Margen, das sehen wir immer wieder. Prinzipiell sind Ratings Meinungen. Wir weisen immer wieder nach, dass wir mit unseren Meinungen relativ gut liegen und dass unsere Ratings verlässlich sind.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würde sich dann an der Regulierung der Ratingagenturen ändern?
Für uns wäre es einfacher, wenn es global eine einheitliche Regulierung gäbe. Es gibt ja nicht nur Regulierungen in der EU und in den USA, sondern unterschiedliche Regulierungen auch in allen anderen Ländern. Das ist sehr komplex. Aber nichtsdestotrotz arbeiten wir mit allen Regulatoren konstruktiv zusammen.

Es gibt ja in der Tat viele Auflagen. In Europa gehören dazu Anforderungen an die interne Struktur oder die Pflicht, Analysten rotieren zu lassen. Das ist eine Hürde für neue Wettbewerber. Müssten Sie dafür der Regulierung nicht sogar dankbar sein?
Die Regulierung hat meines Wissens nach den Drang zu Neugründungen von Ratingagenturen nicht erschöpft.

Die Konkurrenten haben es aber schwer, sich gegen S&P Global Ratings, Moody’s und Ihren alten Arbeitgeber Fitch Ratings durchzusetzen. Allein in der EU hat die Esma inzwischen 30 Ratingagenturen zugelassen, mehr als 93 Prozent des Geschäfts entfallen aber auf „die großen drei“.
Für uns ist es wichtig, dass einheitliche Standards gelten, also die gleiche Regulierung für alle Agenturen – und dass niemand bevorzugt wird. Jeder muss dann sehen, wie er mit diesem „level playing field“ umgehen kann. Das gilt ja auch für uns, wenn wir uns in anderen Märkten neu etablieren wollen, zum Beispiel in Afrika oder dem Nahen Osten. Außerdem hört es sich oft so an, als ob uns das Geschäft zum Beispiel in den USA oder in Europa nur so zufliegt, als ob wir gar nichts dazutun würden. Aber das stimmt nicht: Wir kümmern uns ständig um den Kontakt mit unseren Bestandskunden und um die Akquise von Neukunden. Da sind wir wie jeder andere Marktteilnehmer.

Herr Schmidt-Bürgel, vielen Dank für das Interview.

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