Nach JP-Morgan-Empfehlung Run auf obskure Ukraine-Papiere

Die Nachfrage nach Rendite angesichts rekordniedriger Zinsen treibt seltsame Blüten: Kaum empfiehlt die US-Bank JP Morgan eine komplexe, sehr risikoreiche Anleihe, schon steigt der Kurs um mehr als 20 Prozent.
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Eine 100-Dollarnote inmitten von 500 Hryvnia-Scheinen aus der Ukraine:  Die US-Bank hat spezielle Anleihen aus dem Land zum Kauf empfohlen. Quelle: Reuters
Ukrainische Geldscheine

Eine 100-Dollarnote inmitten von 500 Hryvnia-Scheinen aus der Ukraine: Die US-Bank hat spezielle Anleihen aus dem Land zum Kauf empfohlen.

(Foto: Reuters)

LondonDie US-Bank JP Morgan Chase hat eine vernachlässigte Ecke des Marktes für Hochzins-Anleihen aus Schwellenländern ins Rampenlicht gerückt. Ukrainische Anleihen, die von der Ex-Sowjet-Republik genutzt wurden, um eine Schuldenrestrukturierung im Jahr 2015 unter Dach und Fach zu bringen, legten vergangene Woche um mehr als 20 Prozent zu. Es war der stärkste Kursanstieg seit der Emission.

Zuvor hatte JP Morgan eine Studie veröffentlicht, der zufolge die Scheine nur bei einem Drittel ihres wahren Wertes gehandelt werden. Der 25 Seiten starke Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Auszahlungen auf die Papiere wahrscheinlich deutlich über ihren derzeitigen Preisen liegen werden - auch wenn sie schwer zu errechnen sind.

Die Papiere waren nicht auf dem Radar der Investoren, weil sie in keinem großen Schwellenmarkt-Bond-Index enthalten sind und bis zum Jahr 2021 auch keine Zinsen bieten. Danach werden nur Zinsen gezahlt, wenn das ukrainische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um rund 35 Prozent auf 125,4 Milliarden Dollar klettert.

Die Studie von JP Morgan rückt die Wertpapiere wieder ins Blickfeld zu einer Zeit, da viele Händler hungrig sind auf höher rentierende Anleihen - angesichts von rekordniedrigen Zinsen in einem Großteil der Industriestaaten.

Die größten Anleihe-Deals aller Zeiten
Platz 13: France Télécom - heute Orange
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Die Anleiheplatzierung über 16,4 Milliarden Euro von France Télécom liegt mehr als anderthalb Jahrzehnte zurück – der Bondverkauf vom 6. März 2001 ist aber bis dato der größte Deal am Anleihemarkt eines Unternehmens aus dem Euro-Raum. Seinerzeit war es sogar die weltweit größte Unternehmensanleihe. Grund für den Kapitalhunger der Franzosen war die Refinanzierung der teuren UMTS-Lizenzen und die Übernahme des Mobilfunkkonzerns Orange. Im Sommer 2013 hat sich France Télécom in Orange umbenannt. Wie alle Mega-Anleihen gab es dabei verschiedene Tranchen mit verschiedenen Laufzeiten. Dazu sammelten die Franzosen das Geld in verschiedenen Währungen – Dollar, Euro und Britischem Pfund – ein.

Quelle: Dealogic

Platz 12: Roche
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Das Schweizer Pharmaunternehmen Roche begab acht Jahre nach France Télécom einen Mega-Bond und sammelte am 18. Februar 2009 16,5 Milliarden Dollar mit einer Anleihe ein. Damit refinanzierte Roche einen Teil der Komplettübernahme der US-Tochter Genentech.

Quelle: Dealogic

Platz 11: Amazon
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16 Milliarden Dollar hat sich der Online-Händler am 15. August 2017 geliehen. Das Geld braucht der Konzern, um den Brückenkredit für die Übernahme von Whole Foods Markets zu refinanzieren. Amazon teilte den Bond in sieben verschiedene Laufzeiten von drei bis 40 Jahren auf. Die Zinskupons variierten zwischen 1,9 für die drei- und 4,25 für die 40jährige Tranche.

Quelle: Bloomberg

Platz 10: AbbVie
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Am 5. Mai 2015 lieht sich der US-Pharmakonzern AbbVie auf einen Schlag 16,7 Milliarden Dollar bei Anleiheinvestoren. Zuvor hatte der Pharmakonzern 21 Milliarden Dollar gezahlt, um den Spezialanbieter Pharmacyclics zu übernehmen.

Quelle: Dealogic

Platz 9, Teil 1: Microsoft
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Der US-Konzern hat am 30. Januar die größte Anleihe des Jahres 2017 begeben. Der Softwaregigant begab Bonds in sieben verschiedenen Dollar-Tranchen über zusammen 17 Milliarden US-Dollar. In der Liste der Top-Ten der größten Bond-Emissionen taucht Microsoft damit gleich zweimal auf. Anleihen über 17 Milliarden Dollar haben aber auch noch zwei weitere US-Unternehmen begeben.

Quelle: Dealogic

Platz 9, Teil 2: Medtronic
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Der amerikanische Medizintechnikkonzern Medtronic hatte 2014 die irische Covidien für 43 Milliarden Dollar übernommen. Einen Teil davon refinanzierte Medtronic am 1. Dezember 2014 mit einer Mega-Anleiheplatzierung über insgesamt 17 Milliarden Dollar.

Quelle: Dealogic

Platz 9, Teil 3: Apple
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Auch Apple holte sich auf einen Schlag 17 Milliarden Dollar am Anleihemarkt, und zwar am 30. April 2014. Das war damals die größte Bond-Emission. Der iPhone und iPad Konzern brauchte das Geld aber nicht für eine Übernahme, sondern um die Dividende zu erhöhen und Aktien zurückzukaufen. Dabei diente die Bond-Emission als Steuersparmodell. Der Grund: Apple hatte Barreserven von 145 Milliarden Dollar, von denen 102 Milliarden Dollar außerhalb der USA kurzfristig geparkt waren. Bei einer Überweisung dieser Gelder in die USA wären Steuern fällig geworden.

Quelle: Dealogic

„Die Scheine bewegten sich nach unten und dann wurde plötzlich dieser Bericht veröffentlicht und die Leute entdeckten sie wieder“, berichtet Viktor Szabo, ein Anleihefonds-Manager bei Aberdeen Asset Management, der die Papiere selbst besitzt und bei den staatlichen Dollar-Bonds des Landes übergewichtet positioniert ist. „Unsere Bewertung würde nicht so weit gehen wie die von JP Morgan“, sagt er. Doch selbst wenn man die Bewertungen der US-Bank halbiere, haben seiner Ansicht nach die Papiere im Vergleich zum aktuellen Kurs noch Potential.

Die Papiere waren Bestandteil der 15 Milliarden Dollar schweren Umschuldungsvereinbarung der Ukraine. Sie sollten einen Anreiz für Gläubiger wie Franklin Templeton bieten, um Abschreibungen von 20 Prozent auf den Nominalwert der Anleihen und Verzögerungen bei den Rückzahlungen zu akzeptieren.

Investoren, die die Scheine besitzen, können bis 2040 zweimal jährlich eine Auszahlung erhalten, wobei der Auszahlungsbetrag vom BIP-Wachstum des Landes bestimmt wird. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert, dass die ukrainische Wirtschaftskraft genug anziehen wird, um im Jahr 2021 die Auszahlungsgrenze zu durchbrechen.

Die Analysten von JP Morgan sehen den fairen Wert der Papiere bei 79,5 Cent je Dollar Nominalwert. Die Anleihen waren innerhalb einer Woche von 29,55 Cent (23. März) auf 37,22 Cent je Dollar (30. März)gestiegen. JP Morgan hatte die Studie am 24. März veröffentlicht. Die Bank gesteht aber ein, dass die bewaffneten Auseinandersetzungen mit pro-russischen Rebellen im Osten ein großes Risiko darstellen, falls sich die Kämpfe verschlimmern und das Land Gebiete oder Produktionsanlagen verliert. Zum Vergleich: Ukrainische Staatsanleihen mit einer Laufzeit bis Ende 2022 bieten derzeit eine Rendite von rund 13 Prozent.

Die Zentralbank senkte vergangenen Monat ihre Wachstumsprognose für 2017 von 2,8 Prozent auf 1,9 Prozent, nachdem das Land eine Handelsblockade gegen seine östlichen Separatisten-Regionen verhängt hatte. Die Blockade verzögerte einen Kredit des IWF über eine Milliarde Dollar, der dann am Montag genehmigt wurde.

„Wir glauben, dass der derzeitige Abschlag beim Preis gegenüber unseren Schätzungen für den fairen Wert ausreichend ist, um für diese Risiken zu entschädigen. Mit der Zeit wird eine Korrektur einsetzen, wenn sich Marktteilnehmer die Zahlungsmodalitäten genauer ansehen“, schrieben die JP-Morgan-Analysten um Nicolaie Alexandru Chidesciuc. „Die Preise werden letztlich nach oben korrigieren.“

  • Bloomberg
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