Niedrigzinsen und Überschuss Deutschland braucht immer weniger Geld

Der Bund besorgt sich bis Jahresende sieben Milliarden Euro weniger an den Kapitalmärkten als noch vor wenigen Monaten geplant. Die Gründe: Ein solider Haushaltsüberschuss im ersten Halbjahr und die Minuszinsen.
Update: 20.09.2016 - 13:01 Uhr 4 Kommentare
Der Bundeshaushalt lässt eine Reduktion der Schuldenaufnahme zu. Quelle: dpa
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Der Bundeshaushalt lässt eine Reduktion der Schuldenaufnahme zu.

(Foto: dpa)

FrankfurtBundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist kein Freund der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Höhere Zinsen seien ihm lieber als niedrige, versichert der Bundesfinanzminister gern. Dabei ist sich Schäuble wohl bewusst, dass niedrigen Zinsen den Haushalt stark entlasten. Wie stark, zeigt sich in diesem Jahr besonders. Nicht nur wegen der hohen Steuereinnahmen, sondern auch wegen der niedrigen Zinskosten muss sich der Bund im vierten Quartal bei Investoren sieben Milliarden Euro weniger von leihen als ursprünglich geplant. Besorgen wird sich Deutschland zwischen Oktober und Dezember also 27 Milliarden Euro. Bereits im dritten Quartal hatte Deutschland drei Milliarden Euro weniger Geld von Investoren gebraucht als angekündigt.

Zuständig für den Auftritt des Bundes am Geld- und Kapitalmarkt ist die deutsche Finanzagentur. Sie legt jeweils am Ende eines Jahres fest, wieviel Geld sich der Bund im Folgejahr besorgen muss. Ursprünglich hatte die Agentur für 2016 Emissionen im Umfang von 210,5 bis 214,5 Milliarden Euro angekündigt – übrig bleiben davon 200,5 bis 204,5 Milliarden Euro.

Die Spanne liegt daran, dass sich der Bund zwar bei der Emission der „Bubills“ genannten Geldmarktpapieren mit Laufzeit von sechs und zwölf Monaten ebenso wie bei der Ausgabe von festverzinsten Anleihen mit Laufzeit von zwei, fünf, zehn und 30 Jahren genau festlegt; bei der Ausgabe von inflationsindexierten Anleihen aber flexibel bleibt. Über „Bubills“ und festverzinsliche Bonds sammelt der Bund in diesem Jahr 194,5 Milliarden Euro ein, dazu kommen dann die Papiere, deren Zins- und Tilgungszahlungen regelmäßig an die Inflationsrate angepasst werden.

Analysten hatten zwar damit gerechnet, dass der Bund weniger Geld braucht, die Höhe überrascht aber. Nachvollziehbar ist sie dennoch: Laut Statistischen Bundesamt nahm der Bund im ersten Halbjahr 9,7 Milliarden Euro mehr ein als er ausgab. Zu dem Überschuss trugen vor allem die steigenden Steuereinnahmen wegen der guten Konjunktur in Deutschland und sinkende Zinskosten bei. Die Zinskosten sind so stark gesunken, dass der Bund inzwischen nicht nur für zwei- und fünfjährige Anleihen, sondern auch für neue zehnjährige Papier gar keine Zinsen mehr zahlt ¬ die Kupons liegen hier bei null Prozent.

So macht der Bund Schulden
Schritt 1: Politische Entscheidung
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Die Haushaltsreferate der einzelnen Bundesministerien planen ihre Haushalte für die folgenden Jahre, der Finanzminister trägt die Vorhaben zusammen. Die Bundesregierung beschließt im Kabinett den Haushalt für den Bund – in der Regel im Sommer für das jeweilige folgende Jahr.

Brüssel gibt seinen Segen
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Mittlerweile müssen die nationalen Haushalte auch bei der EU-Kommission vorgelegt werden. Die Behörde in Brüssel prüft im Herbst, ob etwa die Höhe vorgesehener Schulden den Regeln der Europäischen Union entspricht.

Bundestag
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Das Parlament hat die Hoheit: Der Bundestag beschließt endgültig über den Haushalt des Bundes. Seit dem Jahr 2016 gilt dabei die sogenannte Schuldenbremse. Sie begrenzt die Nettokreditaufnahme auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Schritt 2: Finanzministerium
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Seitdem Finanzminister Wolfgang Schäuble 2014 die „Schwarze Null“ durchgebracht hat, spart sich der Bund die Netto-Neuverschuldung. Neue Kreditpapiere bringt der Bund trotzdem auf den Markt– um alte Kredite abzulösen.

Zur Fälligkeit muss der Staat den Nennwert begebener Anleihen und Geldmarktpapiere inklusive Kuponverzinsung an die Investoren zurückzahlen. Das Geld dafür beschafft er sich, indem er kurz vorher neue Anleihen begibt. An welchem Tag welche Bundeswertpapiere in welchem Umfang begeben werden legt die Finanzagentur – der oberste Schuldenmanager des Bundes – jeweils im Dezember für das Folgejahr fest.

Schritt 3: Finanzagentur
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„Ja, der Bund zahlt das Geld für Zinsen und Tilgung an die Käufer von Anleihen immer fristgerecht zurück“, heißt es bei der Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur, die Detuschlands Schulden managt. Die Regierung könne kurzfristig eingreifen, ist seit Jahren liquide und werde von allen drei Rating-Agenturen regelmäßig mit einem „Triple A“ (AAA)-Status ausgezeichnet.

Rating für Deutschland
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Neben Standard & Poor's geben regelmäßig Moody's und Fitch Urteile über Deutschlands Kreditwürdigkeit ab. Wegen des Top-Ratings ist der deutsche Staat so beliebt im Geschäft mit Bundesanleihen. Nachdem das Finanzministerium entschieden hat, welche Anleihen-Art er genau begeben will, wird die Deutsche Finanzagentur tätig. Sie berät das Finanzministerium, wie es die Anleihen möglichst günstig und gleichzeitig kurzfristig auf dem Markt anbieten kann.

Bundesbank.
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Jens Weidmann ist der Präsident der Bundesbank, die in Schritt 3 des Schuldenmachens ein ausführendes Organ ist. Die Bundesbank organisiert gemeinsam mit der Finanzagentur die Bieterauktionen für die begebenen Schuldtitel.

Die Auktionen finden in der Regel zwei Mal die Woche statt, und zwar montags und dienstags oder montags und mittwochs. Montags werden kurzlaufende Geldmarktpapiere mit Laufzeiten von sechs Monaten versteigert. Zweijährige Bundesschatzanweisungen gibt es einmal im Monat an einem Dienstag, fünf- zehn- und 30jährige Anleihen jeweils mittwochs. Dazu gibt es noch an bis zu zehn Dienstagen inflationsindexierte Wertpapiere des Bundes.

Dazu kommt: Die Anleihekurse sind im Handel so gestiegen, dass der Bund seine Anleihen in der Regel über dem Rückzahlungskurs von 100 Prozent platzieren kann. Die Folge: „Der Bund hat damit Prämien in Höhe von sieben Milliarden Euro eingenommen“, meint David Schnautz, Anleiheanalyst bei der Commerzbank.

Dass Investoren für Bundeswertpapiere mit einer Restlaufzeit von bis zu neun Jahren keine Zinsen mehr bekommen, sondern eine Art Gebühr zahlen, hat viele Gründe: Europa hangelt sich seit Jahren von Krise zu Krise - von der Finanz- zur Staatsschulden- und Griechenland- bis hin zur Flüchtlingskrise und nun auch noch dem Brexit-Votum. Anleger suchen deshalb nach sicheren Anlagen, wozu Bundeswertpapiere gehören. Sie sind deshalb bereit, auf Rendite zu verzichten.

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4 Kommentare zu "Niedrigzinsen und Überschuss: Deutschland braucht immer weniger Geld"

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  • Ralph S.25.08.2016, 12:45 Uhr
    Stimmt nicht. Die einzige Spielregel die es gibt, sind keine Kinder. Ansonsten ist meine Herzdame (inzw. sogar Verlobte) absolut gleichberechtigt. Und wird nach der Uni als meine persönliche Fitnesstrainerin und Ernährungscoach arbeiten. Wenn ich mit spätestens Mitte 40 mit dem Börsenzeugs aufhöre, und als GT3 -Fahrer im selbst finanzierten Team in der VLN mit einem R8 LMSultra teilnehme.

  • Ich wundere mich über die immer erwähnten sprudelnden Steuermehreinnahmen, obwohl das Wachstum nicht nur in Deutschland sondern bei allen Industriestaaten weltweit eher rückgängig ist.

  • Und die Hilfe für die Ukraine kostet nix mehr, und die für Griechenland auch nicht, und für die Türkei langt es auch noch.....Achso, es sind nächstes Jahr BT-Wahlen! Ja dann is ja alles supergut, nä?

  • Ist ja super! Dann endlich mal auf allen Ebenen auf die Schuldenbremse getreten und es können Schulden abgebaut werden!
    Ach so: "sieben Milliarden Euro" sind NICHTS!
    Flüchtlinge kosten Deutschland 21,1 Milliarden Euro und mehr (alleine 2015). Quelle? ifo Institut

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