Ratingagenturen Moody's und S&P strafen Türkei ab – Erdogan sieht Wirtschaftskrieg

Wichtige Ratingagenturen stufen die Türkei weiter herab. Die Bonitätswächter halten eine Zinserhöhung für nötig – sonst droht der große Knall.
Update: 18.08.2018 - 14:33 Uhr Kommentieren
Eine Türkische 500-Lira-Note liegt auf einer Amerikanischen Ein-Dollar-Note. Nach mehreren Tagen der Erholung hat die türkische Landeswährung Lira am Freitag wieder stark an Wert verloren. Quelle: dpa
Türkische Lira und Amerikanische Dollar

Eine Türkische 500-Lira-Note liegt auf einer Amerikanischen Ein-Dollar-Note. Nach mehreren Tagen der Erholung hat die türkische Landeswährung Lira am Freitag wieder stark an Wert verloren.

(Foto: dpa)

New York/London Der Druck auf die finanziell und wirtschaftlich angeschlagene Türkei wächst. Mit Standard & Poor's (S&P) sowie Moody's haben zwei große Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Landes noch tiefer herabgestuft. S&P setzte das Rating am Freitag von BB- auf B+ zurück. Damit gelten Staatsanleihen der Türkei, die ohnehin schon als Ramsch eingestuft sind, nun als sehr spekulativ. Später nahm auch Moody's sein Türkei-Rating um eine Stufe zurück.

Aus Sicht der Bonitätswächter droht der Türkei eine anhaltende Wirtschaftskrise. Verwiesen wird auch auf die extremen Schwankungen der türkischen Landeswährung Lira. Das Rating ist maßgeblich dafür, zu welchen Bedingungen sich ein Staat Geld leihen kann. Ein schlechteres Kreditrating durch die Bonitätswächter bedeutet in der Regel auch steigende Kosten für die Verschuldung eines Landes.

S&P erklärte, man gehe von einer Rezession in der Türkei im nächsten Jahr aus, mit einer um 0,5 Prozent sinkenden Wirtschaftsleistung. In den Folgejahren werde es zur graduellen Erholung kommen. Die Inflation, derzeit bei 16 Prozent, steige bis auf 22 Prozent. Die türkische Lira hat seit Anfang des Jahres 38 Prozent an Wert verloren.

Die Agenturen brachten ihre Bedenken über die Unabhängigkeit der türkischen Notenbank zum Ausdruck und kritisierten halbherziges Vorgehen der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Moody's spricht in einer Mitteilung von einer „Reduktion in der politischen Verlässlichkeit“ in der Türkei. Ähnlich äußerte sich auch die Agentur Fitch.

Erdogan reagierte gewohnt scharf. „Einige Leute versuchen uns mit Hilfe der Wirtschaft zu bedrohen, durch Zinsen, Devisenkurse, Inflation und Anlagen", sagte er am Samstag. „Wir durchschauen das Spiel und wir werden uns dagegen wehren.“ Die Türkei werde sich nicht denjenigen ergeben, die sich als strategischer Partner gerierten, die Türkei aber in Wirklichkeit zu einem strategischen Ziel machen wollten, sagte Erdogan mit Blick auf die USA.

Die Regierung Erdogans liegt mit der Regierung der USA von Präsident Donald Trump seit längerem im Clinch. Die USA werfen Ankara unter anderem vor, bei der Umgehung von Iran-Sanktionen zu helfen. Der Streit entbrannte öffentlich an dem unter Hausarrest stehenden US-Geistlichen Andrew Brunson. Die Türkei wirft ihm vor, an dem Putschversuch gegen Erdogan im Jahr 2016 beteiligt gewesen zu sein. Die USA halten ihn für unschuldig und drohten weitere Sanktionen an, sollte er nicht bald freigelassen werden.

Türkische Staatsanleihen lagen zuvor schon im Ramsch- oder Junkbereich, mit dem Ratingagenturen riskante Anlagen kennzeichnen. Inzwischen haben sich alle drei große Ratingagenturen der Welt kritisch über die Stabilität türkischer Anleihen geäußert. Moody's senkte seine Bewertung für die langfristigen Schulden des Landes von Ba2 auf Ba3 und den Ausblick auf „negativ“. S&P hat seine Bewertung zwar gesenkt, den Ausblick aber auf „stabil“ belassen.

Die US-Ratingagentur Fitch traf zwar keine Rating-Entscheidung, teilte aber mit, man betrachte die Maßnahmen der Türkei zur Krisen-Bekämpfung als nicht ausreichend. Fitch bewertet die bisherigen Schritte der Türkei zur Bekämpfung der Lira-Krise als unbefriedigend: „Die unvollständige Antwort der Türkei auf die Abwertung der Lira dürfte für sich genommen wahrscheinlich die Währung und die Wirtschaft nicht nachhaltig stabilisieren.“ Es sei notwendig, die Glaubwürdigkeit und die Unabhängigkeit der Notenbank zu erhöhen und wirtschaftliche sowie finanzielle Ungleichgewichte zu reduzieren.

Zwar habe die Notenbank indirekt ihren effektiven Leitzins um 1,5 Prozentpunkte angehoben, indem sie Banken keine Finanzierung zum Hauptleitzins, sondern stattdessen nur noch zum höheren Übernacht-Zins angeboten habe. An den Märkten geht man laut den Bonitätswächtern aber davon aus, dass nur eine reguläre Leitzinserhöhung wieder Kapital ins Land locken kann.

Die 15 Milliarden Dollar schwere Investitionshilfe aus Katar habe zwar zur Stabilisierung der Lira beigetragen, hieß es bei Fitch weiter. Derartige Finanzspritzen reichten aber nicht aus, um den Bedarf der Türkei an ausländischen Geldern zu decken. Dieser liege für 2018 schätzungsweise bei 229 Milliarden Dollar - und übersteige damit die türkischen Devisenreserven bei weitem.

  • dpa
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