Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Schwellenländer Was die Massenproteste in Südamerika für Anleger bedeuten

Proteste in Südamerika schüren Unsicherheit und versetzen die Investoren in Schrecken. Der Kontinent wird für Anleger immer unattraktiver.
Kommentieren
Die politischen Krisen in Lateinamerika schüren Unsicherheit bei den Anlegern. Quelle: AFP
Proteste in Santiago de Chile

Die politischen Krisen in Lateinamerika schüren Unsicherheit bei den Anlegern.

(Foto: AFP)

Frankfurt, Salvador Wenn es um das Geld seiner Anleger geht, überlässt Matt Murphy nichts dem Zufall. Der Fondsmanager beim Vermögensverwalter Eaton Vance aus den USA schickt sein Analystenteam in jene Länder, in denen er investiert.

„Wir sprechen mit Politikern, Oppositionellen, Journalisten und Akademikern, um zu verstehen, was in dem Land los ist.“ Doch mit der Eskalation in Chile hat auch Murphy nicht gerechnet. „Die Proteste haben uns überrascht“, gibt er zu.

Seit Wochen gehen die Menschen in Chile auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren – und nicht nur dort. Proteste gibt es beispielsweise auch in Ecuador, Kolumbien und Bolivien. Die Demos werden immer gewalttätiger.

Fast täglich gibt es Tote und Verletzte. Boliviens Präsident Evo Morales musste bereits ins Exil fliehen. Die Unzufriedenheit der Mittelschicht hat in Argentinien den Machtwechsel eingeleitet und in Peru stehen nach einer Staatskrise im kommenden Jahr Neuwahlen an. Südamerika ist in einem Aufruhr, wie ihn die Region zuletzt vor einem halben Jahrhundert gesehen hat.

Die politischen Krisen haben zuletzt auch die Märkte erfasst. Der chilenische Peso war Mitte November auf ein Allzeittief gegenüber dem Dollar gefallen, die Börse in Santiago verlor innerhalb eines Monats knapp 15 Prozent und fiel auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Seither haben sich die Kurse jedoch leicht erholt.

Grafik

Der Rutsch des Peso erfasste auch andere Währungen in Lateinamerika, etwa den brasilianischen Real oder den mexikanischen Peso. Win Thin, Währungsstratege bei der Vermögensverwaltungssparte der US-Bank Brown Brothers Harriman sagt angesichts der zahlreichen Krisenherde: „Weil so viel zusammen kommt, sind die Märkte beunruhigt.“

Risiko für Investoren

Was die Proteste für die Märkte so schwer einzuschätzen macht: Oft reicht ein kleiner Anstoß, um gewalttätige Proteste auszulösen. In Chile war es zunächst eine Preiserhöhung für U-Bahntickets, in Ecuador trieb die Aussicht auf teureres Benzin die Menschen auf die Straße.

Bei den Investoren wächst die Unsicherheit.  Bei einer Veranstaltung von XP Investimentos, der größten Plattform für Privatinvestoren in Brasilien, wurden kürzlich 125 Fondsmanager gefragt, was sie als das entscheidende Risiko für Finanzinvestitionen in Brasilien einschätzen würden. Ein Drittel hielt den „lateinamerikanischen Frühling“ - also die Massenproteste in der Region - für das Hauptrisiko.

Grund zur Panik gibt es für Anleger nicht, sagt Schwellenländer-Experte Murphy: „Bislang sind die Auswirkungen der Krise in Chile für andere Länder gering.“  Das könnte sich ändern, sollten Brasilien oder Mexiko kippen. Murphy hält etwa Anleihen aus Lateinamerika daher für wenig attraktiv: „Generell haben wir nicht viel in Lateinamerika investiert.“

Grafik

Dabei waren viele Investoren zu Jahresbeginn noch optimistisch: In Brasilien, Argentinien, Chile und Kolumbien, den vier größten Ökonomien des Kontinents, waren marktwirtschaftlich orientierte Regierungen an die Macht gekommen.

Einige Investmentbanken erwarteten ein höheres Wachstum in Lateinamerika als im Rest der Welt – und rechneten mit einem Börsenboom zwischen Mexiko bis Patagonien. „Das Wachstum im Vergleich zu den entwickelten Märkten dürfte die lateinamerikanischen Aktien überdurchschnittlich abschneiden lassen“, prognostizierte noch im Februar Pablo Riveroll, Experte für Lateinamerika-Aktien beim britischen Vermögensverwalter Schroders.

Doch es kam anders: Für die Investoren begann die Schreckensserie im August in Argentinien bei den landesweiten Vorwahlen. Die Wähler erteilten der Regierung des liberal-konservativen Präsidenten Mauricio Macri eine klare Absage – und damit auch seinem Reformkurs. Der argentinische Peso brach gegenüber dem Dollar massiv ein, die Kurse der Dollar-Anleihen des Landes halbierten sich.

Grafik

Die Aussicht, dass mit Alberto Fernández ab Dezember ein Peronist das Land regiert, der auf Zollgrenzen zum Schutz der heimischen Wirtschaft und kontrollierten Devisenhandel setzten wird, ließ ausländische Investoren in Scharen fliehen. Nun steht das Land nach 2001 erneut kurz vor der Staatspleite und dürfte bald umschulden müssen.

Frustrierte Anleger

Wie groß der Frust bei Investoren mit Argentinien ist, macht Eaton-Vance-Manager Murphy klar: „Die Politiker in Argentinien haben die Märkte mehrfach getäuscht.“ Seither hat er argentinische Staatspapiere aus den Portfolios geworfen – und damit den Ausverkauf im August gemieden. „Ein erneuter Zahlungsausfall Argentiniens wäre sicherlich ein Präzedenzfall für ausländische Investoren“, so Murphy. Das Land wäre dann auf absehbare Zeit am Kapitalmarkt verbrannt.

Noch überraschender als das politische Beben in Argentinien war für viele Investoren der Ausbruch der landesweiten Proteste in Chile. Staatspräsident Sebastián Piñera hatte noch kurz vor dem Beginn der Demonstrationen erklärt, sein Land sei eine „Oase der Stabilität“ in Lateinamerika.

Er versuchte, mit Erhöhungen bei Rente, Mindestlohn und Gesundheitsvorsorge, die Wut der Menschen zu einzudämmen – bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Nun soll per Volksabstimmung entschieden werden, ob die Verfassung neu ausgearbeitet werden soll. Sie stammt noch aus der Zeit der Militärdiktatur Pinochets. Ob die Chilenen Geduld haben, so lange zu warten, bis sich etwas ändert, wird sich zeigen.

Der Unterschied in der Stimmung zum Jahresbeginn könnte größer kaum sein. Zwar sind Schwellenländer besonders bei Anleiheinvestoren gefragt, weil dort im Gegensatz zu Europa, Japan oder den USA noch ordentliche Renditen winken. Daher flossen im Jahr 2019 bereits 60 Milliarden Dollar neues Anlegergeld in Schwellenlandanleihen – drei Mal so viel wie im Vorjahr.  

Inzwischen ziehen Anleger jedoch ihr Geld aus Lateinamerika ab. „Ausländische Investoren haben sich in Südamerika schon öfters die Finger verbrannt“, sagt Luiz Eduardo Portella vom Finanzhaus Novus Capital in Rio de Janeiro. „Jetzt kommen sie erst wieder, wenn die Region wirklich zu wachsen beginnt.“

Schwaches Wachstum

Doch das kann dauern. Die politische Instabilität verschreckt nicht nur Investoren, sie drückt auch die Wachstumsprognosen der Region. Bereits zweimal hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognosen dieses Jahr für Lateinamerika heruntergeschraubt. Nur noch 0,2 Prozent Wachstum gesteht der Fonds aus Washington der Region in diesem Jahr zu - und die Prognose entstand vor den Protesten in Chile, Bolivien und Ecuador. Damit wird Südamerika weit hinter der Weltwirtschaft zurückbleiben, die im Durchschnitt drei Prozent wachsen dürfte. Unter den Regionen weltweit bildet der Sub-Kontinent das Schlusslicht. Und der IWF rechnet damit, dass Lateinamerika auch die nächsten fünf Jahre unter dem Durchschnitt der Schwellenländer weltweit wachsen wird.

„Die Lage in Lateinamerika wird noch monatelang angespannt bleiben “

„Die politische Instabilität schreckt mittel- bis langfristig denkende Investoren ab“, sagt Alberto Ramos, Chefökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs für Lateinamerika. Was die Lage weiter verschärft: Länder wie Chile, Brasilien oder Kolumbien sind große Rohstoffexporteure. In der aktuellen Lage wird den Ländern das zum Nachtteil, wie eine aktuelle Studie des „Institut for International Finance“ (IIF) zeigt. 

Geben wie zuletzt Peso und Real gegenüber dem Dollar nach, sinkt üblicherweise das Volumen der Importe, weil diese im Vergleich zu lokalen Waren teurer werden. Die Exporte steigen jedoch, weil die Preise für diese Waren auf dem Weltmarkt gefallen sind. Der Wechselkurs wirkt damit wie ein Puffer, der die Wirkung von Währungskrisen abfedern kann. Doch diese mildernde Wirkung fällt bei Ländern mit hohen Dollar-Exporteinnahmen geringer aus, schreiben die Forscher des IIF.

Die Folge: Ölexporteure wie Brasilien oder Mexiko oder der Kupfer-Gigant Chile können nicht darauf hoffen, dass die schwache Währung die lokale Wirtschaft nennenswert ankurbelt. Doch gerade auf die größten Volkswirtschaften des Kontinents kommt es an, wenn Lateinamerika für Investoren wieder attraktiv werden soll, bestätigt auch Goldman-Sachs-Ökonom Ramos: Für Anleger seien Brasilien und Mexiko besonders wichtig „wegen der Größe und Tiefe des lokalen Marktes“. Die sechsjährige Rezession und Stagnation in Brasilien belastet die ganze Region. 

Fondsmanager Murphy hat dem Kontinent fast vollständig den Rücken gekehrt. Er hält nur noch kleinere Positionen in Brasilien und in der Dominikanischen Republik. Seine Anlagestrategie beschreibt er so: „Wir investieren besonders in Länder, die sich von furchtbar zu etwas weniger furchtbar entwickeln.“ Das sieht er in Lateinamerika derzeit nicht.

Stattdessen erkennt Murphy etwa großes Potenzial in der Ukraine: Dort habe es der neue Präsident Wolodimir Selenski geschafft, den Konflikt in der Ostukraine zu beruhigen, ohne Russland zu verprellen. Bei den Investoren schaffte das Vertrauen: Die Rendite der dreijährigen ukrainischen Anleihe ist von 17,5 Prozent im Sommer auf 13,5 Prozent gesunken. Murphy, der früh investiert war, sagt: „Wir haben schon deutliche Kursgewinne erzielt aber es gibt noch viel Geld zu verdienen.“ Dass Fondsmanager in naher Zukunft ähnlich über ihre Investments in Lateinamerika sprechen werden, ist bislang nicht abzusehen.

Mehr: Argentinien kämpft mit ausufernden Dollar-Schulden – doch Investoren setzen darauf, dass die Staatspleite abgewendet wird.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Schwellenländer - Was die Massenproteste in Südamerika für Anleger bedeuten

0 Kommentare zu "Schwellenländer: Was die Massenproteste in Südamerika für Anleger bedeuten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.