Bankenkrise und Finanzchaos „Die Banken schaffen Geld aus dem Nichts“

Kapriolen am Aktienmarkt, Angst vor China: Schlittern wir wieder ins Finanzchaos? Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger erklärt, wie sich das Risiko um einiges verringern ließe.
Ein Wertpapierhändler an der Frankfurter Börse. Quelle: dpa
Frankfurter Börse

Ein Wertpapierhändler an der Frankfurter Börse.

(Foto: dpa)

Herr Binswanger, steuern wir gerade wieder auf eine neue Bankenkrise zu?

Eine aktuelle Gefahr besteht nicht. Es gibt keinen Grund, warum unmittelbar eine Bankenkrise bevorstehen sollte.

Skeptiker sehen genügend Anhaltspunkte: Die Konjunktursorgen in China, die niedrigen Rohstoffpreise und die anhaltend niedrigen Zinsen. Alles kein Problem?

Das Wachstum in China und die Rohstoffpreise sind eher kurzfristige und konjunkturabhängige Faktoren, die sich auch schnell wieder ändern können. An den Börsen wird das stark übertrieben. Wenn China nur noch mit 6,5 Prozent statt sieben Prozent wächst, dann hält sich der Einfluss auf die Weltwirtschaft letztlich in Grenzen.

Ein mieses Jahr für Bankaktien

DEUTSCHE BANK AG NAMENS-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE0005140008
Börse
FSE

+0,03 +0,27%
+10,48€
Chart von DEUTSCHE BANK AG NAMENS-AKTIEN O.N.
Deutsche Bank
1 von 12

5,2 Milliarden Euro Ausgaben für juristische Auseinandersetzungen, 6,8 Milliarden Euro Verlust in der Bilanz – 2015 war wahrlich kein gutes Jahr für die Deutsche Bank. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate hat die Aktie an der Frankfurter Börse ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Fragt sich, ob ein Ende des Falles in Sicht ist: 2016 soll der Höhepunkt des Umbaus sein, sagte Cryan. Zudem drohen weiter Rechtsrisiken, etwa im Russland-Skandal.

Die Deutsche Bank ist allerdings nicht die einzige Bank, deren Aktie herbe Verluste einstecken muss. Der Stoxx Europe 600 Banks, der die Aktien europäischer Banken abbildet, ist ebenfalls stark gefallen: in den vergangen 52 Wochen um ein Fünftel.

Kursverlust seit dem 28. Januar 2015: 35,69 Prozent

Alle Daten Stand 28.01.2016.

COMMERZBANK AG INHABER-AKTIEN O.N.

WKN
ISIN
DE000CBK1001
Börse
FSE

+0,08 +0,86%
+9,56€
Chart von COMMERZBANK AG INHABER-AKTIEN O.N.
Commerzbank
2 von 12

Für den größten deutschen Konkurrenten der Deutschen Bank, die Commerzbank, läuft es ähnlich schlecht. Zuletzt rieten Analysten zum Verkauf der Aktie, weil sie kein klares Aufwärtspotenzial gebe. Dieses könnte vielleicht gehoben werden, wenn es der Bank gelingt, einen Nachfolger zu präsentieren – sowohl für den noch bis Oktober 2016 amtierenden CEO Martin Blessing als auch für den Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus-Peter Müller, der spätestens 2018 ausscheiden wird.

Kursverlust seit dem 28. Januar 2015: 31,5 Prozent

Alle Daten Stand 28.01.2016.

GOLDMAN SACHS GROUP INC., THE REGISTERED SHARES DL -,01

WKN
ISIN
US38141G1040
Börse
FSE

-1,46 -0,72%
0,00€
Chart von GOLDMAN SACHS GROUP INC., THE REGISTERED SHARES DL -,01
Goldman Sachs
3 von 12

Ende 2015 wurde die Investmentbank Goldman Sachs dann doch noch von den Rechtsstreitigkeiten eingeholt. Ein Vergleich wegen vermeintlichen Hypotheken-Betrugs kostete die Bank fünf Milliarden Dollar. Außerdem lief es im Anleihehandel zuletzt so schlecht wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Die Konsequenz: Der Nettogewinn im vierten Quartal 2015 brach um 72 Prozent ein.

Kursverlust seit dem 28. Januar 2015: 9,24 Prozent

Alle Daten Stand 28.01.2016.

MORGAN STANLEY REGISTERED SHARES DL -,01

WKN
ISIN
US6174464486
Börse
FSE

+0,29 +0,69%
+41,91€
Chart von MORGAN STANLEY REGISTERED SHARES DL -,01
Morgan Stanley
4 von 12

Die US-amerikanische Investmentbank Morgan Stanley wies für das Jahr 2015 prächtig gestiegen Gewinne aus. Ihr Vorteil im Vergleich etwa zu anderen Großbanken: Sie mussten keine Rechnungen aus teuren Rechtsstreitigkeiten begleichen. Das half der Aktie der Bank trotzdem nicht auf die Sprünge. In den vergangenen zwölf Monaten steht ein dickes Minus zu Buche.

Kursverlust seit dem 28. Januar 2015: 25,5 Prozent

Alle Daten Stand 28.01.2016.

HSBC HOLDINGS PLC REGISTERED SHARES DL -,50

WKN
ISIN
GB0005405286
Börse
FSE

+0,09 +1,20%
+7,63€
Chart von HSBC HOLDINGS PLC REGISTERED SHARES DL -,50
HSBC
5 von 12

Auf ein maues Jahr blickt auch die britische Großbank HSBC zurück. Für etliche Mitarbeiter dürfte die Zukunftsperspektive nicht besser sein: Wegen diverser Altlasten und Strafzahlungen verkündete CEO Stuart Gulliver 2015 ein drastisches Sparprogramm. Bis zu 50.000 Stellen sollen bis 2017 wegfallen. Das entspricht etwa einem Fünftel der Mitarbeiter.

Kursverlust seit dem 28. Januar 2015: 26,9 Prozent

Alle Daten Stand 28.01.2016.

BANCO SANTANDER S.A. ACCIONES NOM. EO 0,50

WKN
ISIN
ES0113900J37
Börse
FSE

+0,06 +1,21%
+4,55€
Chart von BANCO SANTANDER S.A. ACCIONES NOM. EO 0,50
Banco Santander
6 von 12

Strenge Auflagen für europäische Banken zur Eigenkapitalquote und hunderte Millionen Entschädigungen für britische Kunden hemmen die spanische Universalbank Santander. Im letzten Quartal des Jahres 2015 hat es den Gewinn der Bank fast aufgezehrt. Es blieben nur 25 Millionen Euro Gewinn übrig – ein Jahr zuvor waren es noch 1,46 Milliarden.

Kursverlust seit dem 28. Januar 2015: 33,87 Prozent

Alle Daten Stand 28.01.2016.

BARCLAYS PLC REGISTERED SHARES LS 0,25

WKN
ISIN
GB0031348658
Börse
FSE

+0,01 +0,75%
+1,99€
Chart von BARCLAYS PLC REGISTERED SHARES LS 0,25
Barclays
7 von 12

Der Börsenwert von Barclays ist in den vergangenen zwölf Monaten um ein Viertel eingebrochen. So hat sich die britische Großbank das sicher nicht vorgestellt. Doch auch sie steht wie die anderen Finanzinstituten vor den Herausforderungen strengerer Auflagen durch die Bankenaufsicht. Barclays hat sich selbst ein strenges Sparprogramm auferlegt, bei dem bis 2017 30.000 Stellen gestrichen werden sollen.

Kursverlust seit dem 28. Januar 2015: 24,68 Prozent

Alle Daten Stand 28.01.2016.

Und die niedrigen Zinsen?

Hier sieht es anders aus. Die schon lange andauernde Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wirkt einfach nicht so wie angekündigt. Die EZB schafft es nicht, die Banken zu mehr Krediten an Unternehmen zu bewegen, um so die Realwirtschaft zu stützen. Stattdessen werden mehr Immobilienkredite vergeben. Trotz der Unmengen an Zentralbankengeld, das den Banken durch Wertpapierkäufe zur Verfügung gestellt wird, gelingt es der EZB kaum, die Kreditvergabe und damit die Wirtschaft in Europa anzukurbeln.

Und wohin fließt das viele Geld?

Das Geld, welches die Banken für den Verkauf von Wertpapieren an die EZB erhalten, bleibt hauptsächlich auf Guthaben der Banken bei der EZB liegen. Hierbei handelt es sich ja noch nicht um Geld, das tatsächlich in der Wirtschaft für Zahlungszwecke in Umlauf gekommen ist, sondern es entsteht nur zusätzliches Zentralbankengeld in Form von Reserven, also Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank.

Geschäftsbanken haben heute doch ohnehin die Möglichkeit, selbst Geld zu schaffen.

Wir haben nach wie vor die Vorstellung, dass Banken das Geld von Sparern einsammeln und dann gegen Zinsen ausleihen an Kreditnehmer. Diese Vorstellung aber ist in unserem heutigen Bankensystem grundlegend falsch. Geld wird geschaffen über Kreditvergabe. Wenn eine Bank entscheidet, dass ein Kunde kreditwürdig ist und ihm das Geld auf seinem Konto gutschreibt, dann steigt in diesem Moment auch die Geldmenge an.

Das heißt, die Bank schafft neues Geld. Reserven von der Zentralbank brauchen die Banken erst dann, wenn die Kunden Bargeld beziehen. Und sie müssen zusätzlich die Mindestreserveanforderungen erfüllen.

Was passierte mit dem Geld, das neu geschaffen wurde?

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder es wird in der Realwirtschaft verwendet, wenn Unternehmen damit beispielsweise ihre Investitionen finanzieren. Das führt dann zu Wirtschaftswachstum. Oder es wird verwendet, um bereits bestehende Güter oder Dienstleistungen zu kaufen – dann ist das Resultat Inflation. Die dritte Variante aber gewinnt immer mehr an Bedeutung: Das Geld wird auf dem Finanzmarkt oder dem Immobilienmarkt ausgegeben und bildet so den Nährboden für neue Spekulationsblasen

Läuft diese Entwicklung nicht schon längst?

Die Zentralbanken wollen mit den niedrigen Zinsen eigentlich erreichen, dass mehr Geld in der Realwirtschaft ausgegeben wird. Typischerweise vergeben die Banken aber genau solche Kredite nur ungern, weil sie aufwändige Abklärungen bedingen und riskant sind. Man muss gerade bei kleinen Unternehmen genau prüfen, wie kreditwürdig sie sind.

Am Ende heißt das: viel Aufwand für wenig Ertrag. Immobilienkredite hingegen werden standardisiert vergeben, der Aufwand ist dementsprechend gering. Dieses Dilemma haben die Zentralbanken bis heute nicht gelöst.

Haben wir eine Immobilienblase?
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