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Börsenkonzern Ein Vorstandschef auf Einkaufstour – Deutsche Börse im Bilanzcheck

Beim Wachstum aus eigener Kraft stößt Deutschlands größter Börsenbetreiber an seine Grenzen. Konzernchef Theodor Weimer setzt daher auf Zukäufe.
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Deutsche Börse im Bilanzcheck: Ein Vorstandschef auf Einkaufstour Quelle: Reuters
Theodor Weimer

„Wir brauchen größere Deals, die uns weiter nach vorne bringen.“

(Foto: Reuters)

FrankfurtTheodor Weimer hat sieben Jahre für Goldman Sachs gearbeitet. Seine Erfahrung als Investmentbanker kann der Vorstandschef der Deutschen Börse aktuell gut gebrauchen. Denn nach dem Übergangsjahr 2018, in dem der 59-Jährige den hessischen Dax-Konzern stabilisiert und umgebaut hat, steht das laufende Jahr ganz im Zeichen von Übernahmen.

„Wir brauchen größere Deals, die uns weiter nach vorne bringen“, sagte Weimer bereits Ende 2018 im Handelsblatt-Interview. Er hat seinen Worten inzwischen Taten folgen lassen. Im April kaufte der Konzern für 850 Millionen Dollar den US-Konzern Axioma, um das eigene Indexgeschäft zu stärken. Zudem verhandelt die Deutsche Börse mit dem Finanzkonzern Refinitiv über einen Kauf der Devisenhandelsplattform FXall, die mehrere Milliarden Euro kosten könnte.

Weimer will durch Übernahmen verhindern, dass der Abstand zwischen der Deutschen Börse und den wertvollsten Börsenbetreibern aus den USA zu groß wird. Die Chicago Mercantile Exchange (CME) ist aktuell 56,9 Milliarden Euro wert, die Intercontinental Exchange (ICE) aus Atlanta 40,8 Milliarden Euro. Die Deutsche Börse hinkt mit 23,1 Milliarden Euro deutlich hinterher.

Das Streben nach Größe ist auf die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells zurückzuführen. Der Anteil der Fixkosten für den Betrieb der Handelssysteme ist relativ hoch. Und je mehr Geschäfte über diese Systeme abgewickelt werden, desto mehr Gewinn bleibt hängen. „Wir haben eine IT, die locker das Fünffache, wenn es darauf ankommt auch das Zehnfache unserer täglichen Transaktionen machen kann“, betont Weimer.

Seine Vorgänger haben versucht, durch Zusammenschlüsse mit anderen Börsenbetreibern mehr Geschäfte auf eine Plattform zu bekommen – und scheiterten damit allesamt. Fusionsversuche mit der Londoner Börse scheiterten sogar mehrfach. Ein Grund dafür war der Widerstand von Regulatoren und Politikern. Diese sehen Börsen häufig als nationale Prestigeobjekte an. Und sie können Fusionen torpedieren, wenn sie dadurch einen Bedeutungsverlust des heimischen Finanzplatzes fürchten.

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Weimer hat deshalb bereits kurz nach seinem Amtsantritt Anfang 2018 deutlich gemacht, dass er keine Deals in Angriff nehmen will, bei denen der Hauptsitz der Deutschen Börse in Eschborn bei Frankfurt gefährdet würde. Der Vorstandschef sieht sich stattdessen nach Zukaufsmöglichkeiten in fünf Bereichen um, in denen es weniger politische Befindlichkeiten gibt: im Anleihehandel, im Datengeschäft, im Handel mit Währungen und Rohstoffen sowie im Fondsservicegeschäft.

Alle diese Segmente spielen für das Ergebnis von Deutschlands größtem Börsenbetreiber bisher eine untergeordnete Rolle. Falls es dem Konzern gelingt, diese Geschäftsbereiche deutlich auszubauen, würde er eines seiner zentralen Probleme abmildern: die große Abhängigkeit von den Schwankungen an den Aktien- und Derivatemärkten.

Von diesen wird unter anderem das Ergebnis der Derivatebörse Eurex maßgeblich beeinflusst. Die wichtigste Sparte der Börse fuhr im vergangenen Jahr einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 631 Millionen Euro ein und steuerte damit knapp 40 Prozent zum Konzernergebnis bei.

Insgesamt stieg der bereinigte Gewinn der Börse im vergangenen Jahr um 17 Prozent auf gut ein Milliarde Euro. Die Nettoerlöse kletterten um 13 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro. Neben strukturellen Wachstumsinitiativen profitierte der Konzern dabei von den starken Schwankungen an den Finanzmärkten.

Da die Volatilität nicht zwangläufig hoch bleiben wird und das Unternehmen von einer höheren Ausgangsbasis ins Jahr gestartet ist, hat Weimer die Erwartungen für 2019 jedoch gedämpft. Der bereinigte Gewinn werde nur noch um rund zehn Prozent steigen. Weimers Strategie „Roadmap 2020“ setzt auf drei Pfeiler: organisches Wachstum, Investitionen in neue Technologien und Zukäufe.

Chancen und Risiken gleichermaßen bei Zukäufen

Doch beim Wachstum aus eigener Kraft, etwa durch neue Produkte und Initiativen, stößt das Unternehmen an seine Grenzen. Übernahmen sind deshalb aus Sicht von Experten der einzige Ausweg, um auf mittlere Sicht für starkes Wachstum zu sorgen. Aber sie bergen auch Risiken.

Einige Analysten sehen die Gefahr, dass die Deutsche Börse für die Devisenhandelsplattform FXall am Ende einen zu hohen Preis bezahlt. Andere fürchten, dass der Konzern mögliche Synergien zwischen dem Devisenhandel und der Abwicklung von Geschäften (Clearing) überschätzt.

Bisher ist der Devisenhandel, in den die Deutsche Börse erst 2015 durch den Kauf des Frankfurter Start-ups 360T eingestiegen ist, für die Ergebnisse des Unternehmens von sehr geringer Bedeutung. Im vergangenen Jahr kam die Devisenhandelssparte auf ein Ebitda von 33 Millionen Euro, was zwei Prozent des Konzerngewinns entspricht.

Das Thema Zukäufe dürfte bei der Hauptversammlung 2019 also eine größere Rolle spielen als im vergangenen Jahr, als es vor allem um die Aufarbeitung des Chaosjahres 2017 ging. Damals war eine Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) geplatzt. Zudem beschädigte ein Ermittlungsverfahren gegen Ex-Chef Carsten Kengeter und das Unternehmen selbst wegen des Verdachts auf Insiderhandel die Reputation der Deutschen Börse.

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Kengeter hatte vor vier Jahren ein spezielles Vergütungsprogramm des Aufsichtsrats angenommen und in dessen Rahmen im Dezember 2015 Aktien der Deutschen Börse gekauft. Zwei Monate später wurde bekannt, dass das Unternehmen über einen Zusammenschluss mit der LSE verhandelt. Die Aktien beider Börsenbetreiber zogen daraufhin kräftig an.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt geht davon aus, dass Kengeter schon 2015 über den LSE-Deal verhandelte, und warf ihm deshalb Insiderhandel vor. Das Unternehmen und Kengeter haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Dennoch stimmten beide Ende 2018 zu, die Verfahren gegen die Entrichtung einer Geldbuße beizulegen. Kengeter musste insgesamt 4,75 Millionen Euro bezahlen, die Deutsche Börse 10,5 Millionen Euro.

Einige Aktionäre sind sauer, dass der Konzern und damit am Ende sie selbst für die Insideraffäre zur Kasse gebeten werden. Kritisch sehen viele dabei vor allem die Rolle von Aufsichtsratschef Joachim Faber, der das Vergütungsprogramm einst mit Kengeter vereinbart hatte.

Da das Verfahren inzwischen beigelegt und das Jahr 2018 insgesamt gut gelaufen ist, empfehlen die einflussreichen Stimmrechtsberater ISS, Glass Lewis und Ivox dennoch, Faber auf der Hauptversammlung zu entlasten. Der 68-Jährige kann somit auf ein gutes Abstimmungsergebnis hoffen, denn viele angelsächsische Investoren folgen dem Rat von ISS und Co.

Zudem hat Faber Ende April Klarheit über seine Zukunft geschaffen. Er will den Aufsichtsratsvorsitz beim Aktionärstreffen 2020 vorzeitig niederlegen und aus dem Gremium ausscheiden. Wer seine Nachfolge antritt, ist allerdings weiter offen. Die meisten gehen davon aus, dass Martin Jetter am Ende das Rennen machen wird.

Der 59-Jährige stammt aus Baden-Württemberg und sitzt seit 2018 im Aufsichtsrat der Börse. Jetter arbeitet seit über 30 Jahren für den IT-Giganten IBM und ist dort im Vorstand aktuell für Cloud-Plattformen und Technologiedienstleistungen zuständig. Chancen eingeräumt werden darüber hinaus dem Kapitalmarktexperten Charles Stonehill sowie KfW-Vorstand Joachim Nagel.

Dass ein aktiver Vorstand den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt, gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich. Das Jahr 2017 hat gezeigt, dass der Chefkontrolleur in kritischen Situationen sehr viel Zeit für seine Aufgabe zur Verfügung haben muss. Zudem wird auch im Entwurf des überarbeiteten deutschen Corporate Governance Kodex empfohlen, dass aktive Vorstände keinen Aufsichtsratsvorsitz bei anderen Konzernen übernehmen sollen.

Jetter oder Nagel müssten ihre Vorstandsposten also vermutlich aufgeben, wenn sie Chefkontrolleur der Börse werden wollen. Im kommenden Jahr steht zudem eine weitere wichtige personelle Weichenstellung an, denn der Vertrag von Vorstandschef Weimer läuft Ende 2020 aus. Der Manager wird dann 61 Jahre alt sein. Und die Geschäftsordnung der Börse empfiehlt, dass Vorstandsverträge ab dem Alter von 60 nur noch um jeweils ein Jahr verlängert werden – bis maximal 65.

Diese Altersgrenze ist jedoch „ausdrücklich weich formuliert, um dem Aufsichtsrat volle Flexibilität bei seinen Bestellungsentscheidungen zu belassen“, heißt es im Geschäftsbericht. Wenn Weimer nach der Stabilisierung der Deutschen Börse nun auch bei Zukäufen ein gutes Händchen beweist, kann der Vorstandschef also durchaus auf einen neuen Drei- oder Fünfjahresvertrag hoffen.

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1 Kommentar zu "Börsenkonzern: Ein Vorstandschef auf Einkaufstour – Deutsche Börse im Bilanzcheck"

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  • .... mal sehn, ob er ein besseres Händchen hat als Bayers Baumann ....