Interview „Wertpapiere müssen einfacher werden“

Der Wall-Street-Historiker Charles Geisst spricht im Handelsblatt-Interview über die Einzigartigkeit der Finanzkrise, seine Skepsis über die Natur von Menschen und Märkten und die Frage, warum die Finanzbranche die öffentliche Meinung noch lange gegen sich haben wird.
Charles Geisst: "Wir müssen die Märkte stärker beaufsichtigen". Quelle: Charles Geisst

Charles Geisst: "Wir müssen die Märkte stärker beaufsichtigen".

Was macht die aktuelle Krise - abgesehen von den Kursverlusten - historisch so einzigartig?

Sie wurde von der Finanzbranche selbst fabriziert! Ähnliches geschah nur in der Wirtschaftskrise 1929/30. Dieses Mal hat man zweitklassige Hypotheken - die bekannten Subprimekredite - in alle Welt verkauft. Damals waren es Anleihen von angeschlagenen Firmen und Staaten, die rund um den Globus verhökert wurden.

Welche Lehren hat man damals gezogen und was sollte man heute tun?

Damals wurden die Banken gesetzlich gezwungen, ordentliche Dokumentationen zu erstellen und es wurden Aufsichtsbehörden wie die SEC gegründet. Weil die strukturierten Wertpapiere des 21. Jahrhunderts so komplex geworden sind, reichte das dieses Mal nicht aus, um die Krise zu verhindern. Es gibt im Grunde nur eines: Die Wertpapiere müssen einfacher werden, damit Investor auch eine Chance haben, sie zu verstehen.

Was ist der größte Unterschied zwischen den beiden Börsencrashs?

Die Panik der Anleger war in der Weltwirtschaftskrise größer. Weil es oft Tage dauerte, bis an der Börse alle Verkaufsorder abgewickelt waren, wusste man lange nicht, wo die Preise am Aktienmarkt wirklich waren. Dies führte bei vielen Anlegern zu weiteren Panikverkäufen. 2008 haben die Börsensysteme stand gehalten und jeder wusste immer genau, wie die Kurse waren.

Es fehlten auch die dramatischen Bilder von Arbeitssuchenden auf der Straße oder Bankern, die ihre Luxuskarossen auf offener Straße zu verkauf anboten, oder?

Genau. Das hat wie bei den Börsensystemen mit der digitalen Technik zu tun. Notverkäufe von Schmuck, Autos oder Häusern fanden dieses Mal etwa bei Ebay statt. Da fiel es weniger auf.

Heißt das, dass das Vertrauen der Privatanleger in Aktienanlage 2008/2009 weniger erschüttert wurde?

Sicher nicht. Damals waren weniger Menschen an den Aktienmärkten engagiert, trotzdem erreichten die Märkte bis 1954 nicht die alten Stände. Heute sind hängt bei viel mehr Amerikanern die Altervorsorge am Aktienmarkt und da tun die Verluste richtig weh. Viele werden zunächst einmal die Finger von Aktien lassen und das wird auch die Börsenerholung bremsen.

Das heißt, das Vertrauen in die Banken ist dauerhaft erschüttert?

In die Banker ja, in die Banken weniger. Nach der Weltwirtschaftskrise hat es bis in die 50er Jahre gedauert, bis Aktienhändler wieder ein Beruf mit gutem Image war. Vermutlich geht es dieses Mal den Investmentbankern ähnlich.

Was heißt das für die Branche?

Sie wird die öffentliche Meinung lange gegen sich haben. Die US-Regierung kann daher auf die Zustimmung der breiten Masse zu stärkerer Regulierung zählen. Das war in den 30er Jahren ähnlich. Eigentlich eine gute Sache, denn so kann Washington mit den schlimmsten Auswüchsen auswirken, wenn man den Mut dazu hat.

Warum ist dann das Vertrauen der Menschen in die Banken so viel besser als in die Banker?

Weil die Regierung und die Einlagensicherung hinter dem klassischen Bankgeschäft steht und Spareinlagen garantiert. Die Menschen werden sich einfacheren, sicheren Anlageformen zuwenden. Zumindest so lange, bis sie der Verlockung schneller Gewinne an der Börse widerstehen können.

Ein Grund der aktuellen Krise war auch die hohe Verschuldung des Durchschnittsamerikaners. Wird es deshalb eine Renaissance des Sparens in den USA geben?

Ich hoffe es, allein mir fehlt der Glaube daran. Derzeit steigt die Sparquote. Aber die Konsumkultur in den USA ist so anders als in Europa. Ich fürchte, sobald die größten Probleme überwunden sind, wird der Konsum auf Pump wieder beginnen.

Was ist also für Sie die wichtigste Lehre aus der Analyse der beiden Krise?

Es ist ein Märchen, dass Märkte und Menschen sich selbst korrigieren und das richtige Maß finden. Wir müssen die Märkte stärker beaufsichtigen. Sie müssen kleiner und weniger komplex werden, damit sie keine Gefahr mehr für eine ganze Weltwirtschaft darstellen können. Man wird Krisen so nicht verhindern können, die sind Teil der Natur freier Märkte. Aber durch Regulierung kann man zumindest die negativen Auswirkungen begrenzen.

Charles Geisst ist Professor für Finanzwirtschaft und Finanzgeschichte am Manhattan College sowie Autor diverser Bücher über die Geschichte der Wall Street. Zuletzt erschienen: "Collateral Damaged: The Marketing of Consumer Debt to America".

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