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Zwischenbilanz So sehr polarisiert der Deutsche-Börse-Chef Weimer

Theodor Weimer hat die Deutsche Börse nach dem schwierigen Jahr 2017 wieder auf Kurs gebracht. Seine bisweilen ruppige Art kommt aber nicht überall an.
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Er hat ein verunsichertes Unternehmen übernommen. Quelle: dpa
Theodor Weimer (Mitte)

Er hat ein verunsichertes Unternehmen übernommen.

(Foto: dpa)

FrankfurtWenn Theodor Weimer sich warmgeredet hat, kann es lustig oder unangenehm werden. Das liegt ganz im Auge des Betrachters. „Wenn du nicht schon so’n wohlhabender Banker wärst, hätte ich dir jetzt eine Flasche Rotwein zugesichert dafür, dass du diese nette Frage stellst“, sagt der Deutsche-Börse-Chef zu Emmerich Müller vom Bankhaus Metzler, als dieser ihn beim Zukunftsform „Finanzplatz Frankfurt“ der hessischen CDU auf Chancen im Derivategeschäft anspricht.

Außerdem zieht Weimer bei der Veranstaltung im historischen Börsengebäude in der Frankfurter Innenstadt über das Aktiengeschäft her. „Alles, was Sie hier sehen, ist reine Show, ist völlig irrelevant“, spottet Weimer. Nur rund acht Prozent trage der Geschäftsbereich zum Umsatz der Deutschen Börse bei.

Wolfram Wrabetz, der beim Vortrag in der ersten Reihe sitzt, ist schockiert. Der stellvertretende Präsident der IHK Frankfurt, der das Börsengebäude gehört, hat den Pachtvertrag mit dem Dax-Konzern gerade erst um 30 Jahre verlängert. „Sie wollen hier eine Börse zum Anfassen machen, nicht nur Show, wie Sie es vorhin gesagt haben“, erwidert Wrabetz. „Das brauchen wir, auch um die Börsen- und Aktienkultur in Deutschland zu verbessern.“

Weimer steht seit Anfang 2018 an der Spitze der Deutschen Börse. Und sein Auftritt bei der CDU zeigt beispielhaft, dass der Vorstandschef dabei bisweilen auf einem schmalen Grat wandelt. Seine spontane Art und seine flapsigen Sprüche kommen bei vielen gut an.

Und da der 59-Jährige zahlreiche Manager und Politiker seit Jahren kennt, genießt er ein gewisses Maß an Narrenfreiheit. Auf der anderen Seite sorgt er mit unbedachten Äußerungen immer wieder für Verstimmung – in der Öffentlichkeit genauso wie innerhalb der Deutschen Börse.

Mit seiner direkten und mitunter ruppigen Art ist er ein Kulturschock für das rund 5 000 Mitarbeiter starke Unternehmen, in dem bisher ein kollegialer bis familiärer Umgangston vorherrschte.

Auf der Bilanzpressekonferenz im Februar ruft er seiner Kommunikationschefin von der Bühne aus in aller Öffentlichkeit zu, dass sie die Zahl der Managing Directors in ihrer Abteilung von drei auf eins reduzieren soll – und stößt den Betroffenen damit vor den Kopf.

Als er im Mai die überarbeitete Strategie der Börse und den Abbau von 350 Stellen verkündet, flankiert Weimer dies mit drastischen Worten. „Wir müssen Manager loswerden, die nicht genug Wert für unser Unternehmen schaffen.“ Das Wort loswerden, „get rid of“, wiederholt er bei der Präsentation auf Englisch mehrmals.

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„Die Schärfe im Ton und Umgang ist neu“, sagt ein Börsen-Mitarbeiter. „Das passt eigentlich nicht zu diesem Unternehmen.“ Andere berichten, Weimer reagiere manchmal barsch, wenn er mit etwas unzufrieden sei oder Mitarbeiter in Gesprächen nicht auf den Punkt kämen. Immer wieder scheine Weimers Sozialisation als Berater und Investmentbanker durch, erzählt ein langjähriger Mitarbeiter. „Aber die Menschen bei der Deutschen Börse mögen es nicht, wie Banker behandelt zu werden.“

Ist die Belegschaft zu empfindlich, oder ist Weimer zu hart? „Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte“, sagt der Börsenchef dem Handelsblatt. „Ich bin nicht bekannt dafür, der größte Diplomat zu sein. Ich versuche, Klartext zu reden. Die Leute sollen wissen, woran sie sind.“

Gleichzeitig könnten sie sich in harten Zeiten auf ihn verlassen. „Ich wollte die Mannschaft am Anfang bewusst aufrütteln – und dazu muss man klare Ansagen machen und Ziele setzen“, sagt Weimer. „Aber mein Eindruck ist, dass mir die Belegschaft folgt.“

„Ein sympathischer Zeitgenosse“

Vor einem Jahr musste Weimer ein schwer verunsichertes Unternehmen übernehmen. Ein Ermittlungsverfahren gegen Ex-Chef Carsten Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel hatte den Konzern fast das gesamte Jahr 2017 gelähmt. Zudem scheiterte die Fusion mit der London Stock Exchange. Viele deutsche Politiker, Regulatoren, Finanzmanager und Mitarbeiter hatten den Zusammenschluss abgelehnt, weil der Hauptsitz der Mega-Börse in London angesiedelt worden wäre.

Zu Weimers wichtigsten Aufgaben zählt es deshalb, den Fokus wieder auf das Geschäft zu legen und das zerrüttete Verhältnis zu Politik und Aufsichtsbehörden zu kitten. Und das ist ihm aus Sicht von Investoren und Politikern gelungen. Bereits beim Neujahresempfang des Konzerns im Januar 2018 versprach Weimer, die Finger von Fusionen zu lassen, bei denen der Hauptsitz der Deutschen Börse gefährdet würde – eine Botschaft, die allenthalben gut ankam. „Dieser Aufschlag war notwendig nach den Ereignissen in der Zeit davor“, sagt Michael Boddenberg, CDU-Fraktionschef im hessischen Landtag. „Neben ‚global business‘ braucht man immer auch eine starke Verwurzelung in der Heimat. Das ist nicht altbacken, sondern eine Notwendigkeit in einem Geschäft, das zwar von Algorithmen gesteuert wird, in dem es aber auch auf Vertrauen ankommt.“ Die hessische Landesregierung ist nicht nur für die Aufsicht über die Deutsche Börse zuständig, sondern sie setzt sich auch für die Förderung des Finanzplatzes Frankfurt ein.

In der Politik begrüßt man, dass sich Weimer mit deutlichen Worten dafür einsetzt, die Abwicklung von Derivategeschäften in Euro nach dem Brexit von London nach Frankfurt zu holen. Und da der Vorstandschef privat seit Jahren in Wiesbaden lebt, halten viele sein Bekenntnis zum Finanzplatz Frankfurt für glaubwürdiger als bei Kengeter, der Jahrzehnte im Ausland gearbeitet hatte und mit seiner Familie in London residiert.

CDU-Politiker Boddenberg kennt Weimer seit Jahren und hat ihn erst kürzlich in der Firmenzentrale in Eschborn bei Frankfurt besucht. „Er ist ein sympathischer Zeitgenosse und sehr zugewandt“, sagt der Landtagsabgeordnete. „Da hat man nicht das Gefühl, dass man ein durchlaufender Posten ist, sondern dass man ernsthafte Gespräche führen kann.“ Auch Weimers öffentliche Aufritte findet Boddenberg gut. Der Börsenchef sei authentisch und formuliere pointiert. „Das ist mir lieber, als wenn jemand eine vorbereitete und bis ins Letzte durchgeschliffene Rede abliest.“

Auch Investoren sind zufrieden. Die Deutsche-Börse-Aktie hat seit Januar 2018 gegen den Markttrend mehr als zehn Prozent zugelegt. Weimer hat den Vorstand umgebaut und verjüngt. Den erweiterten Vorstand schaffte er ab. Und seine Strategie, die sich nicht sehr von der seines Vorgängers unterscheidet, wurde wohlwollend aufgenommen. Sie setzt auf organisches Wachstum, Zukäufe und einen stärkeren Fokus auf neue Technologien.

„Es gibt weiter Unruhe im Unternehmen, aber aus anderen Gründen als 2017“, sagt Portfoliomanager Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment, die in Deutsche-Börse-Aktien investiert hat. Weimer treffe auch unbequeme Entscheidungen. „Er verkörpert ein Macher-Image“, betont Speich. Das komme am Kapitalmarkt gut an. „Denn dort wurde die Deutsche Börse – abgesehen von den gescheiterten Fusionsversuchen – in den vergangenen Jahren als relativ statisches Unternehmen angesehen, bei dem nicht viel passiert.“

„Ein strategisches Dilemma“

Die Zahlen entwickelten sich 2018 gut. Die Nettoerlöse sind in den ersten neun Monaten um elf Prozent auf zwei Milliarden Euro geklettert, der Überschuss um 16 Prozent auf 772 Millionen Euro. Dabei hat die Börse von der gestiegenen Volatilität an den Märkten profitiert, die das Unternehmen selbst nicht beeinflussen kann.

Analysten wie Chris Turner von Berenberg bemängeln, der Konzern hänge im Vergleich zu anderen Börsen zu stark von der Entwicklung an den Märkten und einer Handvoll Derivate-Kontrakte ab. Auch Speich fordert: „In den kommenden Jahren muss Weimer beweisen, dass der Konzern auch wachsen kann, wenn es mal weniger Ausschläge an den Märkten gibt.“

Eine entscheidende Rolle sollen dabei Übernahmen spielen. Bisher hat Weimer nur zwei kleinere Zukäufe für jeweils knapp 100 Millionen Euro getätigt. Doch das wird nicht reichen, um den Abstand zu den weltgrößten Börsen CME und ICE aus den USA zu verkürzen. „Wir brauchen größere Deals, die uns weiter nach vorne bringen“, verkündet Weimer im November im Interview mit dem Handelsblatt.

Der Börsenchef steckt dabei „in einem strategischen Dilemma“, wie Fondsmanager Speich es nennt. Der Konzern müsse anorganisch wachsen, um international mitzuhalten. Auf der anderen Seite seien Übernahmekandidaten extrem teuer. Die Devisenhandelsplattform FXAll und die Anleiheplattform Tradeweb kosten jeweils mindestens drei Milliarden Dollar.

„Für solche Übernahmen müsste Weimer eine Kapitalerhöhung stemmen – und dafür braucht er einen hohen Aktienkurs und ein freundliches Kapitalmarktumfeld“, sagt Speich. Im Index- und Datengeschäft sind größere Übernahmeziele aktuell unerschwinglich. Da sich der hessische Konzern nicht so stark verschulden könne wie andere Börsenbetreiber und eine vergleichsweise starre Kostenbasis habe, „ist der Handlungsspielraum des Managements begrenzt“, betont Berenberg-Analyst Turner.

Doch das hat Weimer nicht davon abgehalten, den Investoren große Deals in Aussicht zu stellen. „Er hat sich mit seiner Kommunikation weit aus dem Fenster gelehnt – und das ist nicht ohne Risiken“, sagt Speich. „Wenn ihm in den nächsten 18 bis 24 Monaten keine größere Übernahme gelingen sollte, wird er hinterfragt werden.“ Weimer hat die Deutsche Börse also 2018 nicht nur stabilisiert, sondern er hat sich für die kommenden Jahre auch selbst unter Druck gesetzt. Nun muss er liefern – sein Vertrag läuft bis Ende 2020.

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