Nestlé gibt Notierungen in London und Paris auf Schokoladenseite

Für den Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé hat das Jahr nicht gut begonnen – sofern die Zahl der Schlagzeilen, die ein Unternehmen produziert, ein Maßstab ist.

HB ZÜRICH. Erst wurde Nestlé-Chef Peter Brabeck Zielscheibe der Kritik. Gestern dann kündigte das Unternehmen an, sich von den Börsen in London und Paris zurückzuziehen. Der Aktienkurs liegt nach einem Einbruch derzeit in etwa auf Vorjahresniveau. Konkurrent Danone schnitt besser ab. Was ist los mit dem Schweizer Vorzeigeunternehmen?

Als Auslöser einer hitzigen Diskussion über Nestlé trat ausgerechnet Brabeck selbst auf, der sich in Absprache mit dem ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten Rainer E. Gut in den Kopf gesetzt hatte, auch noch dessen Posten zu übernehmen. Die Ämterballung stieß bei Anhängern der Corporate-Governance-Vorschriften auf Widerstand. Auf der Generalversammlung erhielt Brabeck für sein Vorgehen die Quittung: Der Antrag, ihm eine Doppelfunktion zu gewähren, erhielt nur eine knappe Mehrheit.

Die Empörung saß tief und entlud sich in Kritik an der Unternehmensstrategie, die auch die Aktie in Mitleidenschaft zog: „Brabeck kocht auch nur mit Perrier“ war in der Schweizer Presse zu lesen und Nestlé wurde vor allem im Vergleich zum französischen Konkurrenten Danone, der sich konsequenter auf gesunde Ernährung konzentriere, abgewatscht.

Gestern führte dann die Nachricht, dass sich die Schweizer von der Euronext in Paris und der London Stock Exchange zurückziehen, neuerlich zu einem leichten Abschlag für die Aktie. Nestlé begründete die Entscheidung damit, dass an diesen Börsenplätzen seit einigen Jahren geringe Handelsvolumen zu Buche stehen. Weniger als ein Prozent der in Zürich gehandelten Aktien würden umgesetzt. Der Antrag auf eine Streichung an der Euronext Paris ist bereits bewilligt. Der Handel mit Nestlé-Aktien werde am 27. Juli 2005 eingestellt. An der Börse in London sollen die Aktien am 29. Juni 2005 vom Parkett genommen werden. Bereits in den vergangenen Jahren hatte Nestlé die Notierung an den Börsen in Tokio, Amsterdam, Brüssel, Wien und Frankfurt eingestellt.

Die Ankündigung, sich zurückzuziehen, kann jetzt allerdings auch eine Wende einleiten. Als Beispiel für gute Unternehmensführung wertet James Amoroso vom Handelshaus Helvea die Entscheidung. Verwaltungskosten würden gespart, die Handelsliquidität an der Schweizer Börse erhöht. Andere Banken wie die UBS richten ihr Augenmerk auf die Nestlé-Beteiligungen, die die Performance des Mutterhauses deutlich übertreffen. Der Kosmetikkonzern L’Oréal ist so ein Fall, der US-Pharmahersteller Alcon ebenfalls. Die Großbank hat deswegen ihr Kursziel für die Nestlé-Aktie von 315 auf 320 Schweizer Franken erhöht.

Aber auch im eigenen Haus machen die Schweizer Fortschritte. Analysten wie Rene Weber von der Zürcher Privatbank Vontobel rechnen in diesem Jahr damit, dass Nestlé die für Lebensmittelhersteller chronische Schwäche bei den Margen überwindet und die Ebit-Marge von zehn auf 12,7 Prozent erhöht. Zwei Kostensenkungsprogramme sollen dazu beitragen. Helfen wird auch die Tatsache, dass Nestlé auf der einen Seite den deutschen Tiefkühlkost-Vertreiber Eismann verkauft hat, dessen Margen mit den Konzernvorgaben nicht Schritt halten konnten, und auf der anderen Seite beim Eiscreme-Hersteller Dreyers die Wende geschafft hat.

Dazu kommt ein Aktienrückkaufprogramm, das zwar einfallslos ist, aber nach seinem Start im zweiten Halbjahr 2005 dazu beitragen dürfte, dass sich der Wert des Konzerns wieder öfter von seiner Schokoladenseite wird.

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