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Börsenbetreiber können mit Tauschgebühren am Krypto-Boom mitverdienen.

(Foto: AP)

Bitcoin-Handel Börsenbetreiber entdecken die Kryptowelt – eine riskante Strategie

Firmen hinter Online-Handelsplattformen verdienen gut an Kryptowährungen. Nun wollen erste etablierte Börsen einsteigen. Das birgt neue Gefahren.
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Düsseldorf, New York„Handle Kryptowährungen schnell und mühelos“, verspricht die neue Seite der Börse Stuttgart. „Bison zeigt dir die schönen Seiten der Kryptowelt, ganz ohne komplizierte Prozesse.“ „Bison“, so heißt die Kryptohandelsplattform, die die Stuttgarter in diesem Herbst starten wollen.

Börsenchef Alexander Höptner preist bereits auf Messen die Vorteile der kommenden Plattform: Anleger müssen nicht auf einem „Marktplatz“ nach Tauschpartnern für Bitcoin, Ethereum und andere virtuelle Coins suchen, sondern kaufen bei „Bison“ direkt und schnell. Die App soll eine „Wallet“ mitbringen, ein elektronisches Portemonnaie, auch eine Verwahrstelle wird aufgebaut.

Und im Anschluss wollen die Stuttgarter sogar in ein noch spekulativeres – und umstrittenes – Segment einsteigen: das ICO-Business, das Geschäft mit virtuellen Börsengängen.

„Die großen Investoren steigen jetzt in Bitcoin ein“

Der nach Frankfurt zweitgrößte deutsche Börsenplatz drängt in die Kryptowelt und heizt damit einen Wettkampf zwischen neuen und etablierten Handelsplattformen an. Erst vergangene Woche hat der zweitgrößte Börsenbetreiber der Welt, ICE, weitreichende Pläne für eine Kryptoplattform angekündigt.

Der Mutterkonzern der New York Stock Exchange will im Herbst mit einem Angebot für virtuelle Währungen starten und hofft, damit der Technologiebörse Nasdaq zuvorzukommen, die sich den Bereich ebenfalls anschaut. Die etablierten Anbieter wollen den stark wachsenden Kryptobörsen wie Coinbase, Kraken und Bitflyer nicht länger das Feld überlassen. Doch es ist eine riskante Strategie, denn längst sind nicht alle regulatorischen Probleme gelöst.

Börsenbetreiber verdienen gut an Kryptowährungen

Auf den ersten Blick locken satte Renditen. Zwar herrscht bei vielen Anlegern Ernüchterung; die Zeit, als Bitcoin-Käufer quasi über Nacht zu Millionären wurden, ist vorbei. Doch eine Branche verdient weiter gut an Bitcoin und Co: die Börsenbetreiber. Bei einem Kryptohandelsvolumen zwischen zehn und 70 Milliarden Dollar pro Tag lässt sich mit Tauschgebühren im einstelligen Prozentbereich eine Menge Geld machen.

Die wenigen Start-ups, die bisher den Markt beherrschen – darunter Bitflyer aus Japan, Bitfinex aus Hongkong oder Coinbase aus den USA –, haben nicht den besten Ruf: Ihr Geschäft wird regelmäßige von Abstürzen, Hacker-Einbrüchen und Mauscheleivorwürfen begleitet. Das war die Schattenseite des Kryptohypes im vergangenen Jahr.

Experten hoffen daher auf den Einstieg neuer, professioneller Akteure, die den Markt aus seiner Pubertät führen. Ausgerechnet das digital häufig eher rückständige Deutschland will hier die Entwicklungen vorantreiben. Doch die Mission könnte auch nach hinten losgehen, warnen Kritiker.

Denn die oft undurchsichtige und nicht kontrollierbare Kryptowelt steckt voller Risiken – und die könnten dem Ruf der etablierten Spieler aus der Finanzszene schweren Schaden zufügen und dabei auch gleich noch das Vertrauen der Anleger zerstören.

Bei der Stuttgarter Börse ist man sich des Spagats bewusst. Entwickler und Betreiber des neuen Handelsplatzes „Bison“ ist nicht die Börse selbst, sondern das im Dezember gekaufte Ulmer Start-up Sowa-Labs. „Bison ist eine Krypto-Trading-App, keine Kryptobörse“, erklärt Sowa-Labs-Chef Ulli Spankowski denn auch dem Handelsblatt. Das heißt, „Bison ist selbst an Kryptowährungsbörsen angeschlossen und greift auf deren Referenzpreise zurück“.

Möglich wird das durch Kooperationen; mit wem genau, ist noch geheim. Aus Branchenkreisen ist zu vernehmen, dass mehrere große US-Anbieter an Bord sind. Im August startet ein Testlauf für ausgewählte Kunden, im Angebot sind zunächst Bitcoin, Ethereum, Litecoin und Ripple.

Und damit nicht genug. Am vergangenen Donnerstag verkündete die Stuttgarter Börse, bald in einen noch spekulativeren Bereich der Kryptowelt einzusteigen: ins Geschäft mit sogenannten ICOs, virtuellen Börsengängen. Bei einem ICO verkaufen Start-ups keine Aktien, sondern sogenannte Tokens, eine Art virtuelle Gutscheine. Viele dieser Tokens ähneln Spendenquittungen, andere ermöglichen einen Zugang zum geplanten Service der Firma, manche versprechen sogar Dividendenzahlungen.

Euphorie in Schwaben

Bei der Börse Stuttgart ist die Euphorie groß: „Anleger und Marktteilnehmer wissen, dass die Gruppe Börse Stuttgart für Qualität, Transparenz und Verlässlichkeit steht“, sagt Börsenchef Höptner. „Diesen Anspruch wollen wir als Anbieter mit Sitz in Deutschland auch in die digitale Welt überführen und so einen Beitrag zur Akzeptanz digitaler Assets leisten.“

Schon bald sollen Firmen auf einer neuen ICO-Plattform Tokens ausgeben können, die dann gleich auf dem hauseigenen Kryptomarktplatz gehandelt werden. Damit „gehen wir auf den Bedarf privater wie institutioneller Anleger nach einem regulierten und vertrauenswürdigen Umfeld für den Handel ein“, verspricht Höptner.

Die Stuttgarter Börse hat Erfahrung mit der Erforschung von unbekanntem Terrain. Die Schwaben haben sich früh als Privatanlegerbörse etabliert und setzen der übermächtigen Frankfurter Konkurrenz innovative Produkte entgegen. Allerdings geht das nicht immer gut: Das 2010 gestartete Mittelstandsanleihen-Segment „Bond M“ ist heute nach zahlreichen Ausfällen praktisch tot.

Neues Wachstum verspricht nun das Kryptobusiness. Bereits heute ist Stuttgart wichtigster Handelsplatz für das Bitcoin-Zertifikat der Schweizer Bank Vontobel, eines der wenigen für Privatanleger zugelassenen Finanzprodukte auf Kryptobasis. Im ersten Halbjahr 2018 lag das Handelsvolumen bei über 50 Millionen Euro, im zweiten Halbjahr 2017 sogar bei gut 134 Millionen Euro.

Der große Konkurrent, die Deutsche Börse, geht beim Thema Bitcoin dagegen vorsichtiger vor. „Bevor sich mein Geschäftsbereich in Felder mit so großen Ausschlägen begibt, müssen wir sicher sein, dass wir alle Dinge verstehen, die solche Produkte bewegen“, sagte der zuständige Vorstand Jeffrey Tessler im März im Handelsblatt-Interview. „Wir haben ein Projektteam, das sich dieses Thema ansieht. Und wir beobachten genau, was unsere Kunden wollen. Aber oberste Priorität hat es, sichere und vertrauenswürdige Marktplätze zu betreiben.“

Das Zögern kommt nicht von ungefähr. Der Kryptomarkt ist jung und spekulationsgetrieben. Noch problematischer sieht die Situation im ICO-Bereich aus. Laut Studien scheitern hier acht von zehn Projekten, viele der Projekte haben einen betrügerischen Hintergrund.

Die Amerikaner wählen einen anderen Ansatz als die deutschen Marktbetreiber. Die ICE will über die neu geschaffene Tochter Bakkt einen Bitcoin-Futures-Kontrakt einführen, mit physischer Lieferung. Die Käufer der Futures bekommen somit tatsächlich Bitcoin ausgeliefert.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu den Futures, die die Börsenbetreiber CME und CBOE anbieten. Sie waren im Dezember mit Kontrakten gestartet, die am Ende Dollar statt Bitcoin auszahlen. Außerdem will Bakkt eine Plattform aufbauen, die Unternehmen und Verbrauchern dabei helfen soll, mit Bitcoin zu bezahlen. Als Partner dafür sind Microsoft, Starbucks und die Unternehmensberatung BCG an Bord.

Kritische Aufseher

Doch auch hier fehlt, wie in Stuttgart, noch das grüne Licht der Aufsichtsbehörden. Professor Volker Brühl vom Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität sieht den Einstieg etablierter Börsenbetreiber kritisch: „Wenn eine regulierte Wertpapierbörse wie die Stuttgarter den Handel mit Kryptowährungen anbietet, suggeriert sie damit, dass der klassische Anlegerschutz gewährleistet ist. Das ist jedoch nicht der Fall.“

In ihrer neuen App wolle die Börse Anleger offenbar zu US-Anbietern durchleiten, das Angebot jedoch mit dem eigenen guten Ruf vermarkten. Dieser Ansatz könnte nach hinten losgehen. Investoren müssten jederzeit mit einem Totalausfall rechnen.

„Aufsichtsrechtlich ist der Plan kritisch zu sehen“, mahnt Brühl. „Wer Käufe und Verkäufe vermittelt, betreibt ein Wertpapiervermittlungsgeschäft.“ Das sei genehmigungspflichtig und erfordere eine Brokerlizenz. Ein weiteres Problem: „Die Börse hat nicht angekündigt, dass sie ein neues Marktsegment eröffnet. Das würde Berichtspflichten nach sich ziehen“, sagt Brühl.

Auch wenn die neue App in der Verantwortung der Ulmer Tochter entsteht, müsste das Geschäft von der deutschen Finanzaufsicht Bafin genehmigt werden. „Eigentlich müsste die Bafin hier proaktiv agieren und sich jetzt schon öffentlich zu den Plänen äußern. Das passiert jedoch nicht, die Aufsicht agiert zu passiv“, kritisiert der Ökonom.

Bei der Stuttgarter Börse ist man sich der schwierigen Aufsichtslage bewusst. „Wir gehen während der Ausgestaltung unserer App aktiv auf die Aufsichtsbehörden zu und setzen auf Transparenz“, betont der Chef der Ulmer Tochter, Ulli Spankowski. „Der Handel bei Bison hat nichts mit reguliertem öffentlich-rechtlichem Börsenhandel zu tun.“

Diese scheinbar scharfe Trennung wird jedoch zumindest in der Kommunikation nicht durchgehalten. „Bison ist die erste Krypto-Trading-App, hinter der eine traditionelle Wertpapierbörse steht“, heißt es auf der Homepage.

Wie sich die Regulierer auf beiden Seiten des Atlantiks positionieren werden, ist noch unklar. Die US-Wertpapieraufsicht SEC hat Ende Juli die Bewerbung eines börsengehandelten Bitcoin-Fonds zum zweiten Mal abgelehnt. Begründung: Im Markt gebe es zu viel Manipulation, Investoren könnten daher nicht ausreichend geschützt werden.

Die Derivateaufsicht CFTC hatte sich dagegen offener gezeigt. Die Anfragen an die Aufseher nehmen stetig zu. Goldman Sachs arbeitet an diversen Kryptoangeboten, ebenso wie der Vermögensverwalter Fidelity und die Depotbank State Street. In Deutschland drängt Bitflyer aus Japan auf den Markt.

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