Bitcoin-Konkurrent „Petro“ Wie Präsident Maduro Venezuela per Kryptowährung retten will

Venezuela taumelt in den Bankrott. Nun will die Regierung per Kryptowährung die Inflation bekämpfen. Das Problem: Der „Petro“ ist (fast) unauffindbar. Eine Spurensuche.
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„Ich will, dass sich das Land wieder erholt und ich habe das Rezept dafür.“ Quelle: Reuters
Venezuelas Präsident Maduro

„Ich will, dass sich das Land wieder erholt und ich habe das Rezept dafür.“

(Foto: Reuters)

Berlin„Im Kampf gegen Superman entstand das perfekte Kryptonit: der Petro. Uns kann Superman nicht besiegen. Wir haben unsere Kryptowährung!“

Diese Worte stammen nicht von einem Comic-Bösewicht, sondern von Venezuelas sozialistischem Präsidenten, Nicolás Maduro. In seinen Augen sind die USA der (böse) Superman. Und der Petro, die staatliche Kryptowährung aus Caracas, ist das Wundermittel, das ihn bezwingen soll. Der Petro, der angeblich seit Ende Oktober gehandelt wird, soll die US-Sanktionen umgehen und Venezuelas taumelnder Wirtschaft auf die Beine helfen.

Das wäre bitter nötig: Der von Maduros Vorgänger Hugo Chavez ausgerufene „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ ist gescheitert, die Produktion liegt brach, die Landeswährung Bolívar leidet unter einer Hyperinflation. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert bis Ende des Jahres eine Teuerungsrate von einer Million Prozent, 2019 soll sie sogar zehn Millionen Prozent erreichen.

Früher zog der ölreichste Staat der Welt Einwanderer aus ganz Lateinamerika an – heute fliehen Hunderttausende Venezolaner. Die Bevölkerung hungert, es fehlt an Grundnahrungsmitteln wie Maismehl und Reis. Anstelle von Lebensmitteln importiert Maduro Banknoten, um im Kampf gegen die Inflation neue Geldscheine zu drucken. Die Opposition steht bereits in den Startlöchern, um den Präsidenten aus dem Amt zu jagen. Doch noch hält die Armee zu ihm – und der nie um einen flotten Spruch verlegene frühere Busfahrer setzt auf ein neues Wundermittel im Kampf um die öffentliche Meinung: den Petro.

Mit seiner Hilfe will die Regierung ein alternatives, digitales Finanzsystem aufbauen, das unabhängig vom von den USA kontrollierten globalen Zahlungssystem Swift ist. So sollen die von US-Präsident Trump auferlegten Sanktionen umgangen werden, die den Handel mit venezolanischen Staatsanleihen verbieten. Trump hat bereits reagiert und US-Bürgern jegliche Transaktion mit dem Petro verboten, auch der Krypto-Handel verstoße gegen die US-Sanktionen.

Venezuelas Präsident Maduro lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken: „Ich will, dass sich das Land wieder erholt und ich habe das Rezept dafür. Vertraut mir“, beschwört er seine Bürger.

Maduro prophezeit nicht zum ersten Mal, einen Ausweg aus der chronischen Wirtschaftskrise gefunden zu haben. Erst im August führte seine Regierung eine Währungsreform durch: Fünf Nullen wurden aus der Landeswährung gestrichen, eine Million Bolívar ergaben zehn „souveräne Bolívar“, wie die neue Währung heißt.

Maduro schwärmte von einer neuen „magischen Formel“, die er gefunden habe, um die Inflation zu bekämpfen. Die neue Währung soll an den Petro gekoppelt sein. Und dieser basiere wiederum auf dem Wert des venezolanischen Rohöls, was auch den Namen der Kryptowährung erklärt: Erdöl bedeutet auf Spanisch petróleo. Diese doppelte Kopplung sollte die neue Landeswährung stabilisieren, so die Hoffnung der Regierung.

Real ist davon freilich nichts zu spüren. Bereits nach drei Tagen war die Währungsreform gescheitert: Der neue Bolívar verlor auf dem Schwarzmarkt 40 Prozent gegenüber dem Dollar, im Alltag schlägt ihm großes Misstrauen entgegen.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Venezuelaner haben mehr als genug Gründe, Maduros vollmundigen Ankündigungen zu misstrauen. Zu viel ist unklar beim Prestigeprojekt Petro.

Prestigeprojekt mit unklarem Hintergrund

So weiß zum Beispiel bis heute niemand, ob Krypto-Investoren ihre Petros tatsächlich gegen Öl einlösen können. Laut der Regierung sollen als Sicherheit die Reserven des angeblich 5,3 Milliarden Barrel großen Ölfeldes Ayacucho I in der zentral-venezolanischen Savanne dienen. In dieser Gegend stehen aber nur einige kleinere und alternde Bohrtürme. Der frühere venezolanische Ölminister Rafael Ramirez hatte die Kosten für die Erschließung des Ölfelds auf 20 Milliarden Dollar taxiert. Dieses Geld habe der kriselnde staatliche Ölkonzern PDVSA jedoch nicht.

„Der Petro ist eine gute Lösung“

Ökonomen zweifeln schon länger an dem ganzen Vorhaben, eine venezolanische Konkurrenz zu Bitcoin und Co. aufzubauen. Einige sehen in der Einführung des Petro nicht mehr als den Versuch korrupter Regierungsmitglieder, Gelder aus dem krisengebeutelten Staat zu schleusen.

Die Nachrichtenagentur Reuters hat trotz viermonatiger Recherche zudem keine Unternehmen oder Institutionen ausfindig machen können, die den Petro als Zahlungsmittel akzeptieren. „Es ist tatsächlich schwierig jemanden zu finden, der Petros besitzt“, sagt auch Daniele Bianchi, Experte für Kryptowährungen an der Warwick Business School.

Das Handelsblatt hat sich in einer Facebook-Gruppe zum Thema Petro auf Spurensuche begeben – und tatsächlich einen Investor gefunden: Der Brasilianer Leandro Nascimento Bertoldi gibt an, zur raren Zahl der Petro-Käufer zu gehören. Bertoldi präsentiert Dutzende Links zu Texten und Videos, die angeblich das enorme Potenzial des Petros unterstreichen. Schließlich erklärt er sich zu einem Skype-Interview bereit, unter der Bedingung, „ohne Vorurteile an die Befragung heranzugehen“.

Der Arzt aus der Kleinstadt Jequié im Nordosten Brasiliens beschäftigt sich seit einem Jahr mit Kryptowährungen und hat bereits in mehrere investiert. Er sei selbst schon in Venezuela gewesen und habe dort viele Bekannte. „Ich weiß persönlich von der Not der Venezolaner.

Daher denke ich, dass die US-Sanktionen nicht nur die Regierung, sondern vor allem die Bevölkerung treffen. Diese könnte von der Nutzung einer Kryptowährung profitieren“, glaubt Bertoldi. Die Sanktionen erschwerten ausländischen Investoren den Handel mit Venezuela, mit Hilfe des Petros werde das deutlich einfacher – was schlussendlich auch der Bevölkerung helfe.

Bertoldi will seine Petros im Vorverkauf erworben haben. Laut eigener Angabe kennt er diverse Investoren aus Venezuela und dem Ausland, auch aus Europa. Für den Arzt sind sie nicht nur Spekulanten – sondern Revolutionäre. „Die internationalen Finanzmärkte sind sehr ungerecht. Darum müssen die Länder der dritten Welt Alternativen zu diesem System finden, vor allem was die Sanktionen der USA und Europa betrifft“, sagt er.

Staatliche Kryptowährungen seien die Zukunft. „Ich glaube, dass der Petro auf dem Vormarsch ist und schneller Erfolg haben kann, wie manch andere Kryptowährung, zum Beispiel der Bitcoin“, endet das flammende Plädoyer des Brasilianers.

Krypto-Experte Bianchi von der Warwick Business School ist weniger optimistisch. Er rät interessierten Anlegern vielmehr zur Zurückhaltung: „Keiner weiß wirklich, was da im Hintergrund vor sich geht. Wir müssen uns vor Augen halten, dass wir im Fall von Venezuela von einer kollabierenden Wirtschaft sprechen“, sagt der Ökonom. „Daher wäre ich zumindest vorsichtig, von einem guten Investment zu sprechen, das Privatpersonen oder Staaten ernsthaft in Betracht ziehen sollten.“

Fest steht: Die venezolanische Regierung hat Bedarf an einer neuen, stabilen Währung. Die Landeswährung Bolívar ist praktisch wertlos, der Staat steht vor der Pleite. Der Petro könnte helfen.

Soll das Projekt jedoch mehr sein als ein Marketing-Gag oder ein Mittel für dunkle Geschäfte, dann müssen sich genügend ausländische Investoren finden, die vom Plan der Regierung überzeugt sind. Die vielen Ungereimtheiten dürfen sie jedenfalls nicht abschrecken.

Einen gewichtigen Fan hat der Petro immerhin: Nicolás Maduro. Der Präsident gibt sich siegesgewiss. So überzeugt ist er vom Petro, dass Angestellte im öffentlichen Dienst ihre Gehälter zukünftig in der Krypto-Währung ausbezahlt bekommen sollen. Auf große Gegenliebe dürfte das nicht stoßen. Die Gefahr ist hoch, dass die Löhne damit vollends wertlos werden.

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