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Bitcoin & Co. Wie die Krypto-Branche sich selbst ins Abseits manövrierte

2018 war ein verlorenes Jahr für die Krypto-Welt. Lange hatte sich die Branche gegen Regulierung gewehrt. Das hat ihr mehr geschadet als genutzt.
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Hohe Kursverluste. Quelle: imago/photothek
Kryptowährung Bitcoin

Hohe Kursverluste.

(Foto: imago/photothek)

Frankfurt Alexander Schön ist Überzeugungstäter. „Die Krypto-Idee ist einfach gut“, sagt er. Schön führt in dritter Generation das Hotel Alpenhof in Augsburg. Seit 2017 können Gäste hier auch per Bitcoin bezahlen.

„So sparen wir hohe Gebühren und werden unabhängiger von Visa und Mastercard“, erläutert Schön. In der Hotelbranche wurde er zum Pionier. „Für‘s Marketing war das super“, erzählt er. Geschäftlich gelohnt hat sich der Schritt aber nicht. „Im letzten Jahr haben vielleicht drei Gäste mit Bitcoin bezahlt.“

Vom Enthusiasmus zur Ernüchterung: 2018 sind am Kryptomarkt viele Träume geplatzt. Zu Jahresbeginn schien noch alles möglich. Die virtuellen Münzen waren rund 830 Milliarden Dollar wert. Banken und Vermögensverwalter galten als „Dinosaurier“, virtuelle Coins und Tokens als Geld der Zukunft.

Heute ist die Marktkapitalisierung der rund 2.000 Währungen auf 130 Milliarden Dollar abgesackt. Und der Markt für Start-up-Finanzierungen, sogenannte ICOs, ist eingebrochen. Investierten Anleger laut Branchendienst Coinschedule im ersten Halbjahr 2018 noch rund 17 Milliarden Dollar in junge Kryptofirmen, vergaben sie im zweiten Halbjahr nur noch knapp vier Milliarden Dollar.

„Die größte Blase in der Geschichte der Menschheit ist geplatzt“, kommentierte US-Starökonom Nouriel Roubini die Entwicklung. Klar ist schon jetzt: Die große Kryptorevolution ist abgeblasen. Und 2019 könnte ausgerechnet die alte Finanzindustrie verloren gegangenes Terrain zurückgewinnen beim Zukunftsthema Blockchain, der Technologie, die hinter den Kryptowährungen steckt.

Wie konnte es so weit kommen? Experten sehen zwei Hauptgründe: das Handeln der Regulierungsbehörden und der große Selbstbetrug der Kryptoszene. Aber der Reihe nach.

Robert Küfner ist eine Art Guru der Berliner Kryptoszene. Er führt die Advanced Blockchain AG, die unter anderem für den Bielefelder Maschinenbauer DMG-Mori neue Datenbanken entwickelt. Küfner glaubt, dass nur in der Freiheit des Internets Alternativen zu Wall Street und Co. entstehen können, genau wie der mysteriöse Bitcoin-Schöpfer Satoshi Nakamoto. „Ich nenne ihn Jesus 2.0, weil er die Menschheit von der Geißel der Zentralisierung befreit hat“, sagt Küfner.

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Lange galt in der Szene die Devise: Keine Regulierung ist gute Regulierung. Noch im Februar 2018 erklärte Austin Alexander von der US-Kryptobörse Kraken, die alte Finanzindustrie könne den Kampf um die Zukunft nur gewinnen, wenn die Staaten sie beschützten.

Dieser anarcho-libertäre Ansatz speist sich aus dem Gründungsmythos der Kryptoszene: Der Bitcoin soll die Macht der etablierten Banken brechen, virtuelle Münzen sollen den Dollar ersetzen, und dezentrale Netzwerke und per Onlineabstimmung geführte Unternehmen (sogenannte DAOs) Großkonzerne überflüssig machen.

Staatliche Einmischung schadet laut dieser Vision nur. Und ausgerechnet Deutschland hat das erkannt, glaubt Küfner. „Sonst sind wir immer die Ersten, die regulieren. Weil sich der Staat bei Bitcoin und Co. aber herausgehalten hat, ist Berlin heute die Kryptohauptstadt.“

Tatsächlich agiert die deutsche Finanzaufsicht Bafin seit vielen Jahren äußerst zurückhaltend. Im Herbst 2018 erklärte Behörden-Präsident Felix Hufeld im Handelsblatt, man wolle „Innovationen nicht abwürgen“: „Wir sollten als Aufsichtsbehörde nicht schneller regulieren, als sich der Markt entwickelt.“

Mit diesem Ansatz steht er nicht allein: Während Japan und China handelten, beobachteten die meisten Aufseher im Westen den Markt aus sicherer Distanz. Noch Ende November erklärte der Chef der mächtigen US-Aufsicht SEC, der Ansatz habe sich bewährt. „Ich werde nicht die Regeln ändern, nur damit sie zu einer Technologie passen“, sagte Jay Clayton in New York.

Der große Abschwung

Die große Hoffnung der Kryptovisionäre: Der freie Wettbewerb im Netz würde automatisch die Überlegenheit der Blockchain-Technologie und so der virtuellen Währungen beweisen. Das Jahr 2018 hat diese Hoffnung als Selbstbetrug entlarvt. Die Zurückhaltung der Regulierer hat den Markt nicht beflügelt, im Gegenteil – er implodierte.

Der Grund ist simpel: Statt das Potenzial der neuen Datenbanktechnik auszuloten und mit Geschäftsmodellen und Praxisanwendungen Furore zu machen, zeigte sich die Branche von ihrer schlechtesten Seite.

Ambitionierte Projekte steckten im Testmodus fest. Dafür warben laut Digitalverband Bitkom immer mehr „Glücksritter und Betrüger, die vor wenigen Monaten noch Eiweißpräparate zum Muskelaufbau verkauft haben, plötzlich für ICOs mit sehr fragwürdigen Geschäftsmodellen“. Virtuelle Börsengänge wie der von Envion, der die Bitcoin-Produktion per Ökostrom möglich machen sollte, scheiterten spektakulär: 30 000 Anleger warten hier auf die Rückzahlung von 100 Millionen Dollar.

Sogar im ältesten Teil des Kryptomarkts, dem Bitcoin-Handel, geht es laut Insidern nicht mehr mit rechten Dingen zu. Krypto-Guru Robert Küfner sagt: „Die Kurse von Bitcoin und Co. sind mir inzwischen völlig egal. Die Kryptomärkte sind sowieso manipuliert.“ An den Onlinebörsen beeinflussten milliardenschwere Erstinvestoren, die sogenannten Whales, nach Belieben die Kurse. Viele Kauforders seien nicht gedeckt, teilweise handelten Bots, automatisierte Programme, so seine Kritik.

Selbst die Einführung der Bitcoin-Futures durch die Börsen CME und CBOE in Chicago Ende 2017 konnte den Vertrauensverlust nicht stoppen. Eigentlich sollten die Futures den unregulierten Handel in verlässlichere Bahnen lenken, real stürzten sie analog zum Bitcoin ab.

„Die Entwicklung zeigt, was passiert, wenn ein kaum regulierter Markt dem freien Spiel der Kräfte überlassen wird“, erklärt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Frankfurter Goethe-Universität. „Die Einführung von Bitcoin-Futures ohne einen regulierten Kassamarkt war ein schwerer Fehler. Die Derivate haben es klassischen Finanzinvestoren erst ermöglicht, gegen den Bitcoin zu wetten, also auf fallende Kurse zu spekulieren.“

Sind die neuen Papiere damit sogar verantwortlich für den Abwärtstrend? Brühl hält das für „sehr plausibel“. Wall-Street-Investoren hätten ihre Kryptoskepsis durch massive Verkäufe von Futures zu Geld gemacht, wofür auch das steigende Transaktionsvolumen in Chicago spreche.

„Die Futures verstärkten den Abwärtsdruck, der durch Betrugsskandale, Hackerangriffe und fehlende Regulierung entstanden ist.“ Nach den Profis wandten sich dann auch die Privatanleger ab. „2017 war das Jahr des Hypes. 2018 hätte der Durchbruch für die Kryptowelt kommen sollen. Stattdessen herrscht Saure-Gurken-Zeit“, bilanziert Brühl.

Zu Beginn des neuen Jahres ist klar, dass sich etwas ändern muss. Der Ansatz der Aufseher, Kryptoprojekte nur durch die Brille bestehender Regeln zu betrachten und ansonsten abzuwarten, ist gescheitert. Sogar innerhalb der Branche dämmert vielen diese Erkenntnis: Der Blockchain-Bundesverband in Berlin bietet seit Längerem seine Mitarbeit bei einer umsichtigen Regulierung an.

In den USA zeichnet sich bereits ein Umdenken ab. So musste kurz vor Weihnachten die Mutterfirma der New York Stock Exchange, ICE, den Start eigener Bitcoin-Futures verschieben: Die zuständige US-Aufsicht hatte die Genehmigung verweigert.

Geht es für Bitcoin & Co. 2019 endlich wieder aufwärts?

Und auch in Europa gibt es Bewegung. „Brauchen wir ein separates Regelwerk für Kryptoassets, bei denen es sich nicht um Finanzinstrumente handelt?“, fragt etwa der Chef der EU-Aufsicht Esma, Steven Maijoor. „Ich bin optimistisch, dass wir in der Lage sein werden, zu einer gemeinsamen Sichtweise zu kommen. Wir haben es schon in so vielen Bereichen des Finanzmarkts geschafft, eine Übereinkunft zu erzielen.“

Wie Maijoor betont, stellen vor allem die vielen Arten virtueller Assets auf dem Kryptomarkt eine Herausforderung für die Aufsicht da. Welche Rechte in den ausgegeben Währungen (Coins) und Unternehmensbeteiligungen (Tokens) stecken, ist häufig unklar.

Im Auftrag der EU-Kommission soll das neu formierte „EU Blockchain Oberservatory & Forum“ eine entsprechende Klassifikation erarbeiten. Die Mitglieder, darunter Juristen und Branchenvertreter, trafen sich Mitte Dezember in Paris. Mit ersten Empfehlungen ist laut Teilnehmern in den kommenden Monaten zu rechnen.

Und Deutschland? Könnte sich 2019 auf alte Stärken besinnen. Schließlich war die Bundesrepublik schon einmal Pionier bei der Einhegung der Kryptowelt. 2013 offenbarte eine Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler, dass die Bafin – in Ermangelung gesetzlicher Regelungen – den Bitcoin bereits kurz nach dem Start als Finanzinstrument klassifiziert hatte.

Der Schritt sorgte weltweit für Aufsehen. „Wir waren einmal Vorreiter“, urteilt Schäffler. „Darauf hätte man aufbauen können. Stattdessen hat die Politik das Thema über Jahre komplett verschlafen.“

Pioniere in Not

Nun herrscht Handlungsdruck: In einem Einzelfallurteil verwarf das Berliner Kammergericht im Oktober das Handeln der Bafin als eigenmächtig. Im März wird sich der Finanzausschuss des Bundestags mit dem Thema befassen. Prominenter Beobachter ist der neue CDU/CSU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus: Er hat sich Anfang 2018 als Blockchain-Fan geoutet.

Frank Schäffler von der FDP sagt: „Wir brauchen jetzt endlich klare Regeln. Meine große Befürchtung ist, dass ansonsten nicht Berlin und die heimischen Start-ups das Rennen machen, sondern ausländische Finanzplätze und etablierte Großkonzerne.“

Aus der Luft gegriffen ist diese Befürchtung nicht. Kleine Staaten wie Liechtenstein, das den Begriff des digitalen „Wertrechts“ entwickelt hat, positionieren sich bereits. Und Technologieriesen wie IBM und Bankenkonsortien wie „R3“ erforschen die Blockchain mit langem Atem.

Vinay Mendonca, Entwicklungschef im Bereich Handelsfinanzierung der britischen Großbank HSBC, findet, der Bitcoin-Hype sei am Ende. Dafür sei klar: „Die Blockchain ist die perfekte Technik für den Welthandel. Viele der Mittelsmänner und Papiere, die bisher nötig sind, um einen Container um den Globus zu schiffen, können entfallen. Das spart Kosten und Aufwand.“

HSBC und die niederländische Großbank ING haben gemeinsam mit „R3“ einen energiesparenden Plattform-Prototypen entwickelt, den unter anderem der Lebensmittelhersteller Cargill nutzt. Jetzt wirbt die Bank um weitere Nutzer. „Wir haben gezeigt, dass die Blockchain funktioniert“, sagt Mendonca.

Unterdessen geht den Pionieren der Branche das Geld aus. So entließ Consensys, die Firma von Joseph Lubin, Anfang Dezember 13 Prozent der 1000 Mitarbeiter. Lubin ist einer der Köpfe hinter dem dezentralen Netzwerk Ethereum und der Kryptowährung Ether.

Kurz vor Weihnachten schreckte dann auch noch die Nachricht auf, dass Facebook an einer eigenen Kryptowährung arbeitet. Entwickelt ausgerechnet der Datenkraken aus dem Silicon Valley eine neue Münze, die dem anonymen Bitcoin den Garaus macht?

Klar ist Anfang 2019: Enden dürfte die Krypto-Baisse erst, wenn die Aufseher umsichtig eingreifen. Doch lassen sie sich damit zu viel Zeit, könnten viele Pionierfirmen der Branche bereits im digitalen Nirwana verschwunden sein – und mit ihnen die Idee eines Wirtschaftssystems „von unten“.

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